[240] Mit Ehrfurcht stand ich einst vor dir,
In einer ernsten Stunde,
Den Segen, fromm, erbat ich mir
Von deinem heil'gen Munde.
Du sahst nicht mehr, du hörtest kaum,
Kalt waren deine Hände,
Und, sprachst du, war's, als ob im Traum
Ein Todter Worte fände.
Du strichst die Locken mir zurück,
Dann frugst du manche Sachen
Und batest mich, dein letztes Glück
Im Alter noch zu machen.
»Sie sagten mir, du wärest todt!«
Dumpf riefst du's aus und weintest;
Da ward mir klar in deiner Noth,
Daß du den Vater meintest.
Von seinem Leben sprachst du nun,
Als wär's mein eig'nes Leben;
Ich sah ihn in der Wiege ruh'n,
Mit Wonne dich darneben;
Ich gab durch manches schöne Jahr
Gerührt ihm das Geleite;
Ich sah ihn endlich am Altar,
An meiner Mutter Seite.
Manch schlichtes Glück erfreute ihn,
Ich wurde ihm geboren;
Mein Bruder dann; jetzt aber schien
Der Faden dir verloren.
Du stocktest plötzlich, brachest ab
Und frugst, was nun gekommen,[240]
Ich dachte an sein frühes Grab,
Doch schwieg ich, tief beklommen.
Du schluchztest, aufgethaut und weich,
Als hätt'st du Nichts vergessen,
Und doch begannest du zugleich,
Von einer Frucht zu essen.
Den Stuhl zum Ofen schobst du dann,
Dich wieder einsam wähnend,
Und fingest laut zu beten an,
Dein Haupt vorüber lehnend.
Ich aber sah von fern die Zeit
Auch mein schon dunkel harren,
Wo mir die Welt Nichts weiter beut,
Als Gräber aufzuscharren,
Und, weil dem schlotternden Gebein
Sich noch versagt das Bette,
Ich, selbst verglüht, in Gottes Sein
Mich still hinüber rette.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand)
|
Buchempfehlung
Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.
62 Seiten, 3.80 Euro