Veni, creator spiritus!

[147] O sprich, was soll es werden

Mit dir, du deutscher Geist!

Du bist ja auf der Erden

Entfremdet und verwaist!

Laß sehn, ob du noch reißen

Dich magst aus deinem Bann

Und ob der Stein der Weisen

Noch Funken geben kann!


Wirf ab die Wolkenhülle,

Wirf ab dein himmlisch Kleid,

Und stürz dich in die Fülle

Der ganzen Sterblichkeit,

Steig ins gemeine Leben

Von deinem kalten Thron,

Ins Leben und ins Streben

Von einer Nation.


Du hattest dich so scheue

In Pergament verbaut;

Da schliefst du wie ein Leue

In einer Eselshaut –

Wir können solche Pfiffe

Bei Löwen nicht verstehn;

O Löwe, laß die Griffe

Statt der Begriffe sehn.
[147]

Zerreiß, o Geist, die Netze,

Drein dumpfer Wahn uns flicht;

Du gabst genug Gesetze,

Oh, halte dein Gericht!

Fall in die schnöden Horden,

Ein zündender Wetterstrahl,

Die mit dem Golde morden,

Und heile mit dem Stahl!


O Freiheit, Glutgedanke,

Erschaffe deine Welt,

Und brich die letzte Schranke,

Die dich gefangenhält;

Nicht mehr mit mildem Glanze

Umleuchte unsre Stirn,

Im Kriegsschmuck, mit der Lanze

Spring aus des Denkers Hirn!


Hervor aus deiner Stille,

Darin du brütend liegst!

Hinaus, ein Riesenwille,

Damit du endlich siegst!

Als freie Tat, o Wonne,

In die Welt mit kühnem Schwung,

Wie eine rote Sonne

Aus bleicher Dämmerung!


Wir müssen uns verwandeln,

Die Puppenzeit ist aus,

Wir müssen nun im Handeln,

In einem letzten Strauß

Der Schwingen Kraft ermessen;

Der Herbst der Rede naht:

Frisch auf, ihr deutschen Pressen,

Und keltert eine Tat!
[148]

Quelle:
Herweghs Werke. Berlin und Weimar 1967, S. 147-149.
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