Die Irren 5: Die Somnambulen

[256] Schon braust die Mitternacht. Mit langem Haar

In weiße Tücher feierlich gehüllt

Zieht schwankend auf der Somnambulen Schar,

Wie Rauch so weiß, der weit den Himmel füllt.


Aus allen Dächern steigen sie herauf,

Irrlichtern gleich auf einem schwarzen Sumpf.

Sie tanzen auf der Wetterfahnen Knauf,

Mit irren Lächelns fröhlichem Triumph.


Sie schlagen Zimbeln in der leichten Hand

Und irren singend in der grünen Luft.

Vor ihren Brüsten zittert ihr Gewand,

Die wild den Mond berauschen, süß, voll Duft.


Sie kitzeln ihn mit ihren zarten Händen

Und zwicken leicht ihn in das gelbe Ohr.

Sie wiegen sich in ihren magern Lenden

Im Tanzschritt hin, ein weißer Trauerchor.


Sie fliegen durch die Nacht wie Wolken leise

Hoch über spitzer Berge blauem Grat

Hinauf zu ihm auf ihrer leichten Reise

Zu einem Wiegenlied an Abgrunds Pfad.
[257]

Der Mond umfängt sie sanft mit Spinnenarm.

Ihr Haupt wird von dem Kusse weiß gemalt.

Sie ruhn an ihres Bräutigams Herzen warm,

Der tief durch ihre dünne Rippe strahlt.
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Quelle:
Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Band 1, Hamburg, München 1960 ff., S. 256-259.
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