An Gott

[27] Gott! du bist Schöpfer! groß sind deine Werke!

Du hast des Berges Grund gelegt,

Der hoch herauf mit Riesen Stärke

Sein Haupt erhub, und Wolken trägt.


Du schufst die Erde, voll von deinen Gütern,

Dein Arm umuferte das Meer.

Da scherzt bey nahen Ungewittern

Der Wallfisch auf der Fluth daher.


Hoch über meinem Haupte leuchten prächtig

Die Sonnen, hingestellt durch dich;

Und dein Geschöpf, der Löwe – mächtig

Tritt er, und fodert Raub für sich.
[28]

Er herrschet über alle Thier-Geschlechte,

Und wenn er brüllet, zittern sie;

Er macht Gebrauch von seinem Rechte,

Würgt um sich her, und kennt dich nie.


Der Elephant trägt einen Thurm in Schlachten,

Ist Weiser in der Thiere Reich,

Hört Unterricht, kann tief betrachten

Und traurig seyn, dem Menschen gleich.


Der Bieber baut, von hingetragnem Holze,

Sein künstlich Haus im Wasser sich;

Doch nicht das starke, nicht das stolze

Und klügste Thier erkennet dich!


Auf steilen Felsen, wie im niedern Thale

Weiß, Herr! von dir der Adler nichts;

Er fliegt zur Sonne, trozt dem Strahle,

Und sieht dich nicht, du Quell des Lichts!
[29]

Der Leviathan, welchen du geschaffen

Daß er, wie Krieger fürchterlich

Gepanzert, trozt auf seine Waffen,

Bewegt das Meer, und tränket sich


Mit einer Fluth in seinen Schlund gezogen.

Er herrscht im Wasser, ein Tyrann!

Du zogst ihn, gegen Pfeil und Bogen,

Mit mehr als erznen Schuppen an.


Er kennt dich nicht; auch sehen jene Sonnen

Nicht ihrer Strahlen Ursprung ein.

Ich Mensch, den du hast liebgewonnen,

Ich fühl und kenne dich allein!


Den Engeln nach, weit über Thier und Sterne

Erhoben hast du mich gemacht,

Und, daß ich dich erkennen lerne,

Geist und Vernunft in mich gebracht!
[30]

Mit Schwingen, die du meinem Geist gegeben,

Kann mein Gedanke, ausser mir

Sich über alle Welten heben,

Allmächtiger! hinauf zu dir.


Dir, Schöpfer! dank ich meiner Seele Kräfte:

Gott! dich erkenn ich auf der Flur

Im tausendfältigen Geschäfte

Der nimmermüßigen Natur!


Du sagst dem Frühling, wann er wieder kommen,

Der Erndte, wann sie garbenvoll,

Dem Ungerechten wie dem Frommen,

Die leere Tenne füllen soll.


Nach deinem Willen blühen Baum und Rebe,

Dem Weinstock sezest du die Zeit;

Daß er uns süsse Trauben gebe,

Zum Most, der unser Herz erfreut!
[31]

In ihre Angeln hiengest du die Erde!

Sie dreht sich wenn wir auf ihr gehn.

Du treibst die Wolken, gleich der Heerde,

Die ihren Hirten muß verstehn.


Dein Ruf gebeut, so kommen Frost und Hitze,

Und aus der Wolke flockigt Eiß!

Sturm, Hagel, Regen, rothe Blitze;

Und Donner hören dein Geheiß.


Dich fühl ich, wenn im Frühling laue Weste

Sanft athmen, deiner Güte gleich;

Und wann im Herbst des Baumes Aeste

Sich niederbeugen, seegensreich.


Dich denk ich, wenn mich vor des Winters Grimme

Das Feuer freundschaftlich beschüzt,

Und wenn, mit wörterloser Stimme

Der Vogel dir lobsingend sizt.

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, Berlin 1764, S. 27-32.
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