Napoleons Adler

[322] Während des Gefallnen Flamme

Im Ozeanos verzischt,

Auf des höchsten Berges Kamme

Sich sein Aar das Aug erfrischt;

Von dem ew'gen Schnee umschauert,

Den die Gemse nie betrat,

Der zerzauste Adler kauert

Einsam auf beeistem Grat:


»Daß mir Kiel und Federn stoben,

Teufel, dort bei Waterloo!

Wie hab ich mich schwer erhoben,

Als ich jenen Stümper floh!

Glaubte fast nicht zu erreichen

Hier des alten Berges Bann –

Wieviel Sonnen werden bleichen,

Bis ich wieder steigen kann?«


Und er duckt ins Eis sich nieder,

Wärmt das Haupt im matten Strahl,

Reckt und dehnt das Schwunggefieder

Einmal und das andre Mal,

Schläft dann, bis ein schrilles Pfeifen,

Wohlbekannt, ihn jach erweckt –

Und die großen Hügel greifen

Schon die Luft, lang hingestreckt.
[322]

Bald das alte Nest gefunden

Hat er in der Stadt Paris;

Jahre wieder sind verschwunden,

Seit er dort sich niederließ;

Und ein Weib kraut ihm 's Gefieder,

Und es geht dem Vogel gut;

Glatt und glänzend wird er wieder

Von dem Zuckerbrot in Blut.


Wie der Abt im Nonnenkloster

Spielt und treibt er mancherlei;

In der Klau ein Paternoster,

Kost er wie ein Papagei.

So auf goldner Stange sitzet

Unter Zofen fromm der Aar;

Doch sein funkelnd Auge blitzet

Quer durch aller Schranzen Schar.


Hört! Da donnert's tief im Äther,

Wie ein Lockruf dumpf ertönt,

Und aus Schutt und Weh und Zeter

Schwingt er sich, des Flugs gewöhnt;

Rückwärts lassend Staub und Trümmer,

Schwindet er im Abendgold:

Zeus, der Vater, hat für immer

Seinen Adler heimgeholt!


Quelle:
Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 322-323.
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