Zweiter Brief

[269] An ebendenselben


Wahrhaftig, ich bewundre Sie! Ein Beiwort, an dessen Nachdruck ich nicht einmal gedacht hatte, legen Sie mir in allem Ernste zur Last? Ich fürchte, ich fürchte, wir werden über den armen Simon Lemnius in einen kleinen Zank geraten. Und da sehen Sie es, daß ich das Herz habe, ihn noch einmal so zu nennen, ob Sie ihn gleich den verleumderischen, den boshaften, den meineidigen, den unzüchtigen heißen. Aber sagen Sie mir doch, geben Sie ihm diese Benennungen, weil Sie seine Aufführung untersucht haben, oder weil sie ihm von andern gegeben werden? Ich befürchte das letztere, und muß also den armen Lemnius doppelt beklagen. War es nicht genug, daß ihn Luther verfolgte, und muß sein Andenken auch noch von der Nachwelt befeindet werden? Aber Sie erstaunen; Luther und verfolgen, scheinen Ihnen zwei Begriffe zu sein, die sich widersprechen. Geduld! Wann Sie wollen, so will ich Ihnen alles erzählen; und alsdann urteilen Sie. Vorher aber muß ich Sie um alles was heilig ist bitten, mich nicht für einen elenden Feind eines der größten Männer, die jemals die Welt gesehen hat, zu halten. Luther stehet bei mir in einer solchen Verehrung, daß es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kostbar, als die blendendste seiner Vollkommenheiten. Sie sind so gar für mich lehrreicher, als alle diese zusammen genommen; und ich werde mir ein Verdienst daraus machen, sie Ihnen zu zeigen.1 – – Zur Sache also! Lemnius,[269] oder wie er auf Deutsch heißt, Lemichen, lag den Wissenschaften in Wittenberg ob, eben als das Werk der Reformation am feurigsten getrieben ward. Sein Genie trieb ihn zur römischen Dichtkunst, und mit einer ziemlich beträchtlichen Stärke darinne verband er eine gute Kenntnis der griechischen Sprache, welches damals noch etwas seltnes war. Sein muntrer Kopf und seine Wissenschaften erwarben ihm die Freundschaft des Melanchthons, welcher ihn mit Wohltaten überhäufte. Sabinus, der Schwiegersohn des Melanchthons, befand sich damals auch in Wittenberg. Zwei gleiche Köpfe auf einer hohen Schule werden sich leicht finden, und Freunde werden. Sabinus und Lemnius wurden es auf die ausnehmendste Weise, und ich finde, daß auch die darauf folgenden Händel ihre Freundschaft nicht geendet haben. Im Jahre 1538 kam es dem Lemnius ein, zwei Bücher lateinischer Sinnschriften drucken zu lassen. Er ließ sie also unter sei nem Namen drucken; er ließ sie in Wittenberg drucken, und brachte sie vorher, wie ich es höchst wahrscheinlich zeigen kann, dem Melanchthon zur Beurteilung. Diese drei Umstände, mein Herr, erwägen Sie wohl; sie beweisen schon so viel, daß Lemnius ein gut Gewissen muß gehabt haben. Melanchthon fand nichts anstößiges darinne, wie es Sabinus dem Drucker versicherte. Nunmehr wurden sie bekannt gemacht; aber kaum waren sie einige Tage in den Händen der Leser gewesen, als Luther auf einmal ein entsetzliches Ungewitter wider sie, und ihren Verfasser erregte. Und warum? Fand er etwa jene lascivam verborum licentiam darinne? Diese wäre vielleicht zu entschuldigen gewesen, weil sie der[270] Meister in dieser Art des Witzes, Martial, Epigrammaton linguam nennt. Oder fand er, daß sie giftige Verleumdungen enthielten, die Ehre eines unschuldigen Nächsten zu brandmalen? oder fand er gar seine eigene Person darinne beleidigt? Nein; alles das, weswegen Sinnschriften mißfallen können, mißfiel Luthern nicht, weil es nicht darinne anzutreffen war; sondern das mißfiel ihm, was wahrhaftig an den Sinnschriften das anstößige sonst nicht ist: einige Lobeserhebungen. Unter den damaligen Beförderern der Gelehrsamkeit war der Kurfürst von Mainz Albrecht einer der vornehmsten. Lemnius hatte Wohltaten von ihm empfangen, und mit was kann sich ein Dichter sonst erkenntlich erzeigen, als mit seinen Versen? Er machte also deren eine ziemliche Menge zu seinem Ruhme; er lobte ihn als einen gelehrten Prinzen, und als einen guten Regenten. Er nahm sich aber wohl in Acht, es nicht auf Luthers Unkosten zu tun, welcher an dem Albrecht einen Gegner hatte. Er gedachte seines Eifers für die Religion nicht mit einem Worte, und begnügte sich, seine Dankbarkeit mit ganz allgemeinen, ob gleich hin und wieder übertriebenen Schmeicheleien an den Tag zu legen. Gleichwohl verdroß es Luthern; und einen katholischen Prinzen, in Wittenberg, vor seinem Angesichte zu loben, schien ihm ein unvergebliches Verbrechen.2 Ich dichte diesem großen Manne hierdurch nichts an, und berufe mich deswegen auf sein eigen Programma, welches er gegen den Dichter anschlagen ließ, und das Sie, mein Herr, in dem 6ten Tome seiner Schriften, Altenburgischer Ausgabe, nachlesen können. Hier werden Sie seine Gesinnungen in den trockensten Worten finden; Gesinnungen, welche man noch bis auf den heutigen Tag auf dieser hohen Schule beizubehalten scheinet. Luther donnerte also mündlich und schriftlich wider den unbehutsamen Epigrammatisten, und brachte es in der ersten Hitze so gleich[271] dahin, daß ihm Stubenarrest angekündigt ward. Ich habe immer gehört, daß ein Poet eine furchtsame Kreatur ist; und hier sehe ich es auch. Lemnius erschrak desto heftiger, je unvermuteter dieser Streich auf ihn fiel; er hörte, daß man allerhand falsche Beschuldigungen wider ihn schmiedete, und daß Luther die ganze Akademie mit seinem Eifer ansteckte; seine Freunde machten ihm Angst, und prophezeiten ihm lauter Unglück, anstatt ihm Mut einzusprechen; seine Gönner waren erkaltet; seine Richter waren eingenommen. Sich einer nahen Beschimpfung, einer unverdienten Beschimpfung zu entziehen, was sollte er tun? Man riet ihm zur Flucht; und die Furcht ließ ihm nicht Zeit zu überlegen, daß die Flucht seiner guten Sache nachteilig sein werde. Er floh; er ward zitiert; er erschien nicht;3 er ward verdammet; er ward erbittert; er fing an seine Verdammung zu verdienen, und tat, was er noch nicht getan hatte; er verteidigte sich, so bald er sich in Sicherheit sahe; er schimpfte; er schmähte; er lästerte. – – Soll ich in meinen künftigen Briefen fortfahren, Ihnen mehr davon zu sagen? Ich bin etc.[272]

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 3, München 1970 ff., S. 269-273.
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