Thirsis macht sich bereit den Damon zu besuchen

Wohin, wohin, ihr süssen Rasereyen,

Des feurigen Vergnügens starcke Lust?

Wohin, wohin, entreißt ihr meinen Geist?

O selige Thäler!


Wer rufet mich, wer kömmt mir schon entgegen?

Wer ists, als du, mein Damon, meine Lust!

Ich seh dich schon, und Hilas an der Brust;

O himmlische Doris!


Welch grauser Blick! Ach fliehet diese Thäler,

Kommt, flieht mit mir! O rauchend blutges Feld!

Mars triumphiret mit besprütztem Schwerdt

In demantnen Waffen.


Gebt mir die Hand! Komm Damon, komm o Doris,

Kommt, ewiglich geliebte Zwey, ach kommt!

Errettet euch, mein Hilas sey die Last

Der willigen Arme.
[42]

Schau, Doris, schau, die grausen Wüsteneyen

Bedeckt dein Blick mit aller Blumen Pracht.

Du singst, o Freund, es kommen zum Pallast

Die Felsen gerollet.


O! was sind dieß vor unbekannte Wiesen?

In derer Einsamkeit kein falscher Freund uns stöhrt?

Wo hört man mich, euch, einem Schäffer gleich,

Gantz frölich besingen?


Wie ist mir, ach! erwach ich aus dem Schlafe?

Welch lieblicher, jedoch auch schwerer Traum

Umnebelte mein wachendes Gehirn,

Und drückte mein Hertz?


Ach Damon, Freund, ach Doris, sollt ihr beyde,

Verjagt und arm, mit mir in Wüsten ziehn?

Soll deinen zarten Fuß, o Doris, und dein Kind

Die Wüste verbrennen?


Ach sollt ich nicht in eurem heilgen Haine,

Mit euch allein, in düstrer Einsamkeit,

Dich, Doris, freundlich lächeln, lieblich schertzen sehn,

Dich, Damon, singen hören?


Ach solltest du, o Hoffnung, mich betrügen?

Mein theures Paar, ich werd, ich werd euch sehn;

Ihr werdet mich mit eurem ofnen Arm

Bald keuchend umfangen.


Der Wanderstab steht wartend an der Pfoste,

Und mein Geräth liegt auf den Weg bereit.

Erbittet mir zu meiner Reise nur

Den frölichen Morgen.


Sobald als nur die glühend grössre Sonne,

Mit strahlendem und halben Angesicht,[43]

Nach zwoen Nächten noch, dort über jener Höh

Auf unser Thal wird blicken;


Sobald werd ich, vor Lust unausgeschlafen,

Mich aus dem Grund auf jenen Berg erheben,

Und da ihr noch in euren Armen ruht,

Euch wandernd oft singen.


Eh als der süsse Dunst des ehlchen Schlummers

Von euern Augen noch zertheilt verschwinden wird;

So werd ich schon von fern dein Dorf und euch

Mit Jauchzen begrüssen.


Doch quäle mich mit traurigen Gedancken

Von dir, o Freund und Doris, fort nicht mehr.

Bey eurer Lust leb ich allein vergnüget,

Mit euch auch sterb ich traurig.

Quelle:
Freundschaftliche Lieder von I. J. Pyra und S. G. Lange, Heilbronn 1885, S. 40-44.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon