Zwei Weisen. Von Frau B*

1.

[146] Blumen, ihr seid stille Zeichen,

Die aus grünem Boden sprießen,

Düfte in die Lüfte gießen,

So das Herz zur Lieb' erweichen.

Dennoch mögt ihr nicht erreichen

So das Herz, den Schmerz versöhnen,

Enden alles Leid und Stöhnen,

Daß ihr könntet als Gedanken

In den grünen Blättern schwanken:

Liebe denkt in süßen Tönen.


Wollt' ich meine Liebe sprechen,

Ach! als Botin meiner Klagen

Sollte meine Hand nicht wagen

Bunte Blumen abzubrechen.

Still laß' ich die Dornen stechen,

Wag' die süßen Schmerzen gern,

Denn mir scheint kein günst'ger Stern,

Drum will ich nicht Worte hauchen,

Mag auch nicht Gedanken brauchen,

Denn Gedanken stehn zu fern.
[146]

Blumen, Worte und Gedanken,

Manche Sehnsucht mögt ihr stillen,

Manchen holden Wunsch erfüllen,

Manches Herz mag wohl euch danken.

Träume, süß, wie mich umwanken,

Denen bleibt ihr ewig fern;

Sie regiert ein andrer Stern.

Selbst der Purpurglanz der Rosen

Ist zu matt der Liebe: kosen

Nur in Tönen mag sie gern.


Hätt' ich zarte Melodien,

Sie als Boten wegzusenden,

Würde bald mein Leid sich enden,

Und mir alle Freude blühn.

Holde Liebe zu mir ziehn

Würd' ich dann mit süßen Tönen,

Meinen Bund auf ewig krönen:

Denn mit himmlischen Gesängen

Kann Musik in goldnen Klängen

Alles, was sie will, verschönen.


4.

Hör' ich durch die dunkeln Bäume

Nicht, wie sie sich rauschend neigen,

Wünsch' aus treuem Busen steigen,

Die sich leise nah'n, wie Träume?

Schwebt nicht durch die grünen Räume

Was das Leben mag verschönen

Und mit aller Wonne krönen?[147]

Fühl' ich nicht, wie die Gedanken

Holder Liebe mich umwanken?

Liebe denkt in süßen Tönen.


Flieht, o Töne, flieht zurücke,

Wie ihr euch in Wipfeln schaukelt,

Schmeichlerisch mein Herz umgaukelt,

So ertrag' ich nicht mein Glücke.

Trüget ihr doch meine Blicke

Wieder hin zu eurem Herrn,

Brauchtet euren Zauber gern,

Strömtet aus in süßen Klängen

Liebender Gefühle Drängen,

Denn Gedanken stehn zu fern.


Wie die Tön' in Lüften schweben,

Blumen zitternd, wankend Gras,

Ach, sie alle fühlen das,

Was mich zwingt vor Lust zu beben.

Worte, euer regstes Streben

Ist mir ohne Mark und Kern;

Bleibt, o bleibt mir jetzo fern!

Was uns kann in Wonne tauchen

Weiß die Lieb', und es verhauchen

Nur in Tönen mag sie gern.


Rührt die Zweige dann, ihr Winde!

Singet, bunte Vögelein!

Rauschet, klare Bäche, drein!

Daß ich also Boten finde.

Denn verklungen, ach! geschwinde[148]

Sind die Lieder, von den Tönen

Muß sich nun mein Ohr entwöhnen.

Darum spielt mit zartem Triebe,

Dient der Lieb'! es kann die Liebe

Alles, was sie will, verschönen.


B.

Quelle:
August Wilhelm von Schlegel: Sämtliche Werke Band 1, Leipzig 1846, S. 146-149.
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