Graf Gero von Montfort

[343] Von Montfort war's der greife Graf,

Gesättiget vom Leben,

Der sah den blauen See im Schlaf,

Und stille Kähne schweben,

Auf Wasser, Erd' und Himmel Ruh;

Da flog sein Herz dem Frieden zu.


Und als vom Traum er aufgewacht,

Da ruft er seine Knechte,

Hat sie belobt und gut bedacht,[343]

Nimmt Abschied vom Geschlechte,

Verläßt die Herrschaft und das Schloß

Und zieht zum fernen Strand zu Roß.


Wie nun er an das Ufer trabt,

Hört guten Wind er sausen,

Und trifft am Strand den frommen Abt

Vom heil'gen Petershausen,

Dazu ein Schiff, die Segel voll;

O wie sein Herz von Sehnsucht schwoll!


Sankt Peters Haus, die stille Statt,

Von Wellen leis bespület,

Sein Geist sich ausersehen hat,

Vom Ird'schen abgekühlet;

Dort will er dienen Gott dem Herrn,

Von Lust und Pracht der Erde fern.


Den Abt erquickt der heil'ge Sinn,

Er hebt in's Schiff den Grafen;

Wohl bringt dem Kloster das Gewinn,

Sie stoßen ab vom Hafen,

Schon schwimmt das Schiff auf blauer Flut,

Wie wird dem Greise da zu Mut!


Er spricht gerührt: »O fühltet Ihr,

Herr Abt, was ich empfinde!

Es blickt das Wasser auf zu mir,

Wie Mutter nach dem Kinde!

Denn wißt, bei jenes Hornes1 Riff

Geboren ward ich einst im Schiff.


Und wenn ich in dem Nachen bin,

So sanft geschaukelt liege,

Wird mir wie einem Kind zu Sinn,

Ich ruh' in meiner Wiege,

Die Mutter lispelt in mein Ohr

Und singt ein Schlummerlied mir vor.«
[344]

Derweil sie segeln frisch nach vorn;

Da übermannt's den Grafen,

Sie sind nicht ferne mehr vom Horn,

So hebt er an zu schlafen,

Und bei der Ruder gleichem Schlag

Er schlummernd auf dem Schiffe lag.


Und wie das Schiff vorüber zieht,

Dort, wo er ward geboren,

Da tönt das süße Wiegenlied

So hell in seinen Ohren;

Er schlug die Augen auf und rief:

»O Mutter, wie so tief ich schlief!«


Er schloß die Augen wieder zu,

Noch tiefer fort zu schlafen.

Steh Nachen still, nicht eile du!

Dein Gast ist schon im Hafen;

Der Abt zu seinen Füßen kniet,

Ihn mit dem letzten Trost versieht.


Bringt ihn zum heil'gen Haus hinab,

Legt in den Chor den Frommen:

Dort rauscht die Flut, die einst ihn gab,

Und die ihn jetzt entnommen;

Im süßen Frieden, frei von Harm,

Ruht er der Welle dort im Arm.

Fußnoten

1 Horn heißt am Bodensee so viel als Landzunge.


Quelle:
Gustav Schwab: Gedichte. Leipzig [um 1880], S. 343-345.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon