Einladung

[405] Folget meines Liedes Stimme

Nach dem allerstillsten Thal,

Sicher vor des Sturmes Grimme,

Nicht verbrannt vom Sonnenstral,

Ruh' und Kühlung zwischen Hügeln,

Matten grün und Himmel hell;

Kommt, laßt uns den Schritt beflügeln,

Bis wir sind im Appenzell.


Kühe weiden, Bienen saugen,

Gras und Blume stehn so dicht,

Sättigt die vergnügten Augen,

Suchet Baum und Rebe nicht!

Wenn ihr von den Bergen kommet

Fehlt euch Speise nicht und Trank,

Milch und Honig – was euch frommet,

Harret auf der Ruhebank.


Satt und fröhlich sollt ihr werden,

Setzt euch vor das kleine Haus;

Hütten breiten sich, wie Heerden

Auf dem grünen Anger aus.

Niedrig und geborgen stehen

Sie auf friedevollen Au'n,

Wer es siehet, muß gestehen:

Hier ist lieblich Hütten bau'n.


Hier wohnt Hochmut nicht, noch Schande,

Froh ist Alles, Alles gleich;

Wer ist König hier im Lande,

Macht es in der Armut reich?[405]

Wenn ihr nach dem König fraget,

Ruft das Volk euch lachend zu:

»Hinten sitzt er, wo's mittaget,

Herrscht schon lang in guter Ruh'!


Dort auf dem granitnen Throne

Tausendjährig sitzt der Greis,

Trägt von Felsen eine Krone,

Schnee färbt seine Scheitel weiß.

Der beschirmet unsre Samen,

Deckt mit seinem Leib das Land,

Ist mit edlem Fürstennamen:

Hoher Säntis rings genannt.«


Seltsam Volk, deß Hütten Wälle,

Dessen Reichtum Schaf und Rind,

Schatz und Vorratskammer Ställe,

Dessen Fürsten Berge sind!

Wer hat dir dein Loos geschaffen,

Ohne Wunsch und ohne Harm?

Sieh, da heißt es: unsre Waffen!

Sieh, da ruft es: unser Arm!


Und in's Wort der braunen Hirten

Stimmt der Mund der Weiber ein;

Die den Wandrer mild bewirten,

Wollen nicht vergessen sein:

Denn es siegten mit die Frauen,

Und wenn's auch ihr Arm nicht that,

That's ihr Antlitz, streute Grauen

Auf des Feindes flücht'gen Pfad.


Nun, bereitet ist die Kunde:

Grünes Thal, so sei uns hold!

Laß aus deinem dunkeln Grunde

Strömen sie, wie flüssig Gold.

Lieblich, wie der Wiesen Blume,

Sonder Schmuck, wie deine Flur,

Glänze sie vom lautern Ruhme

Deiner frommen Helden nur!

Quelle:
Gustav Schwab: Gedichte. Leipzig [um 1880], S. 405-406.
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