383. Ehrensache und Satisfaction zu Günzburg.

[382] Altes Volkslied. – v. Arnim u. Brentano des Knaben Wunderhorn II., 360.


Zu Günzburg in der werthen Stadt,

Als ihre Zunft den Jahrtag hat,

Die Schneider alle kamen,

Die Meister sämmtlich jung und alt,

Die Gesellen auch in schiefer Gestalt,

Da in der Kirch zusammen.


Der Teufel aber hat keine Ruh'

Baut seine Kapelle auch dazu,

Als sie zum Opfer gehen

Da hat man mitten in der Schaar

Ein'n großen Geisbock offenbar

In ihrer Mitt' gesehen.


Der ging ganz sittsam neben her

Dem Opfer zu in aller Ehr,

Und thät sich doch nit bücken,

Ein alter Meister hochgeschorn

Der faßt da einen grimmen Zorn,

Und wollt darüber zücken.


Wo führt der Teufel den Bock daher,

Potz Elle, Fingerhut und Scheer,

Er kömmt mir recht und eben,

Ging er nur besser her zu mir,

Ich wüßte schon ein Kunst dafür,

Wollt ihm ein Maultasch geben.


Der Geisbock hätt sehr feine Ohrn,

Bemerkte bald des Schneiders Zorn,

Hätt doch nichts zu bedeuten.

Er machet sich zugleich unnütz,

Und biet dem Schneider einen Trutz,

Ging frisch ihm an die Seiten.


Der Schneider aber hielt sein Wort,

Es war grad an der Stiege dort,

Er griff den Bock beim Boschen,

Er stieß denselben hin und her,

Als wenns des Bocks sein Mutter wär,

Gab ihm eins an die Goschen.


Der Geisbock fiel die Stiegen ein,

Da mußt er also lassen sein

Und dürft sich nicht wohl rächen.

Ging bald davon in aller Still,

Gedacht der Schneider sind zu viel,

Sie dürften mich verstechen.


Frau Burgermeisterin alldort

Stand in dem Stuhl an ihrem Ort,

Die hat der Bock ersehen.

Er ging ganz traurig zu ihr hin,

Und klagte ihr in seinem Sinn,

Wie hart ihm wär geschehen.


Er sprach: »Ich habs nit bös gemeint,

Dieweil die Schneider meine Freund,

Hab ich für Recht ermessen,

Daß ich mit Meister und Gesell,

Mich bei dem Jahrstag auch einstell',

Bin grob doch eingesessen.


Die Maultasch hab ich nit erwart',

Hätt sonst mein Fell so rauh und hart,

Gar wohl verschonen können.

Jetzt habe ich die Stöß davon,

Die hängen mir mein Lebtag an,

Das fühl ich an dem Brennen.
[383]

Wenn ich aufs Jahr noch hier verbleib,

Bleib ich daheim und schick mein Weib,

Kanns leichter übertragen.

Die ist zumal eine reine Geis,

Wie sie und Jedermann wohl weiß,

Die dürften sie nit schlagen.«


Die Frau sagt ihm auf sein Begehren:

»Geh nur mein Schatz, klags meinem Herrn,

Dem Schneider bringts nicht Rosen.«

Der Geisbock neiget sich vor ihr,

Bedankt sich auch auf sein' Manier

Mit Stutzen, Meckern, Stoßen.


Der Schneider schaut von ferne zu,

Des Bocks Anklag gab ihm Unruh,

Wollt schier darum verzagen,

Daß er den Bock, es war ihm leid,

Aus Zorn und Unbescheidenheit,

Im Gotteshaus geschlagen.


Wie's endlich ablief noch zur Lust,

Das ist den Schneidern wohl bewußt,

Habs weiter nit beschrieben.

So viel ich hab gehört davon,

Hat er dem Bock Abbitt gethan,

Dabei ist es geblieben.


Ein guter Herr, der sprach mich an,

Dem hab ich es zu lieb gethan,

Sein Bitt nit abgeschlagen.

Und diese schöne Action

Ins guten Kerles Weis' und Ton,

Also zusamm getragen.

Quelle:
Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 382-384.
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