401. Die Freundesprobe.

[420] Von August Schnezler.


»Wie, großer Meister! kann ich Euch beweisen,

Daß ich bin würdig Euer Freund zu heißen?

Wie dank' ich Euch, was Ihr für mich gethan?«

Albertus Magnus lächelte: »Geduldig!

Ich weiß, mein Freund, du bleibst mir nie was schuldig;

Vielleicht kommt noch die Zeit heran!«


»Bald wirst du reich und mächtig sein auf Erden,

Ich aber kann ja leicht zum Bettler werden,

Dann erst verlang' ich Dank und Lohn von dir;

Ich bin gewiß, du stoßest dann im Glücke

Den armen Freund nicht stolz von dir zurücke;

Ich glaube fest, dann hilfst du mir!«
[420]

Nun sinnt Albertus, wie er den Gesellen

Auf eine feine Probe könne stellen,

Ob seine Freundschaft sei kein leerer Wahn;

Und schnell entschlossen ruft er seine Geister,

Und einem jeden aus der Menge weist er

Beim Zauberspiel die Rolle an.


»Verwandelt euch in Ritter und Vasallen!

Führt meinen Freund in reichgeschmückte Hallen

Von einem wunderherrlichen Palast;

Bekleidet ihn mit königlicher Hülle,

Gebt Golds und aller Güter ihm die Fülle,

Was er nur wünscht, bringt ihm mit Hast!«


Gesagt, gethan. Bald sitzt er auf dem Throne,

Vom Haupt des neuen Königs blitzt die Krone,

Mit Jubel grüßet ihn des Volkes Schaar;

Er schwelgt in aller Wonnen Ueberflusse,

In aller Fürstenherrlichkeit Genusse

In tiefem Frieden so drei Jahr.


Allein es wächst sein Geiz mit jedem Tage,

Und einstmals tritt beim festlichen Gelage

Im Lumpenkleid ein Bettler vor ihn hin:

»Heil dir, o Fürst! in deines Glückes Schimmer,

Gedenkst du deines Freunds Albertus nimmer?

Willst du der Noth ihn jetzt entzieh'n?«


Allein der König ruft ergrimmt: »Man führe

Schnell diesen frechen Bettler vor die Thüre!

Wer war so keck und ließ ihn zu mir ein?

Wenn ich mich jedes Lumps erinnern sollte,

Der mich gekannt will haben, ei! da wollte

Ich lieber nimmer König sein!«


Da ruft der Bettler: »Sorge nicht, Geselle!

Verschwinde Spuck!« – Und an derselben Stelle

Steht wieder unser Freund, wo er einst sprach:

»Wie, großer Meister! kann ich Euch beweisen,

Daß ich bin würdig, Euer Freund zu heißen?«

Und sinnt bestürzt der Wandlung nach.
[421]

»Verschwunden sind die zauberischen Hallen,

Verschwunden alle Ritter und Vasallen,

Und jede Spur von Königsherrlichkeit;

Albertus steht vor ihm und ruft mit Hohne:

Ein Traum war all dein Glanz und deine Krone,

Ein Nu blos die drei Jahre Zeit!«


»Herr Erfürst! schämet Euch, und sucht gelassen

Euch wieder in der Armuth Stand zu fassen;

Mög' diese Prüfung Euch zur Lehre sein:

Nie wird die wahre Freundschaft übermüthig!

Nun aber packt Euch fort und seid so gütig,

Und sprecht ja nimmer bei mir ein!«

Quelle:
Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 420-422.
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