866. Der Lilienstengel.

[404] Von AugustSchnezler.


An dem alten braunen Tische

Einst Albertus Magnus saß,

Langte sich aus einer Nische

Manches Buch und schrieb und las;

Dachte hin und dachte her

Ueber Gottheit, Welt und Leben,

Doch der Kopf ward ihm nur mehr

Voll gelehrter Spinneweben.


Eifrig thät er sich befleißen

Der geheimen Wissenschaft,

Spähte nach dem Stein der Weisen

Und nach der Gestirne Kraft;

Dachte hin und dachte her

Ueber Menschen, Thiere, Pflanzen,

Doch der Kopf ward ihm nur schwer,

Und er kam zu keinem Ganzen.
[404]

Wie nun in die Folianten

Er so tief versunken saß,

Forschend nach dem Unbekannten,

Das Bekannte schier vergaß:

Oeffnet stille sich die Thür,

Und ein Mädchen wie ein Engel

Tritt an seinen Tisch herfür,

Haltend einen Lilienstengel.


Glanzumstrahlend ihre Locken

Wie aus himmlischem Gefild,

Und Albertus sieht erschrocken

Plötzlich dieses Wunderbild;

Doch die Jungfrau spricht ihn an,

Lächelnd mild ihr Antlitz blicket:

»Sag Albertus! Welch ein Wahn

Hielt so lange dich umstricket?


In der Wesen Quell zu dringen,

Mühst du dich vergeblich ab;

Kann der schwache Mensch erzwingen,

Was ihm die Natur nicht gab?

Willst du denn im Bücherstaub

Suchen deine ganze Nahrung?

Geh! des Waldes Frühlingslaub

Giebt dir bessre Offenbarung!


Auf! beginn' ein neues Leben!

Noch fünf Jahre sind jetzt dein;

Wer die Schleier nicht kann heben,

Lern' im Glauben selig sein!

Drum von heut an sollst du nie

Ueber Gott und Welt mehr grübeln,

Solcherlei Philosophie

Ist das schlimmste von den Uebeln.«


Mit dem Lilienstengel leise

Rührt das Mädchen Alberts Stirn –

Hell auf wundersame Weise

Fühlt der Greis nun sein Gehirn,

All' seine Philosophie

Drin vergessen und verschwunden,

Doch dafür hat er noch nie

Sich so leicht und wohl empfunden.


Und die Jungfrau war geschieden

Hin woher sie kam, zurück;

Und der Greis fand endlich Frieden

Endlich das ersehnte Glück;

Alle Bücher schlug er zu,

Draußen auf den grünen Triften

Las er Glauben, Weisheit, Ruh,

In den Stern- und Blumenschriften.


Einstmals einen Lilienstengel

Hielt er sinnend in der Hand,

Wohl gedenkend an den Engel

Der einst mahnend vor ihm stand –

Denn fünf Jahre waren um.

Sanfter Schlaf umfing den Greisen;

Im verhüllten Heiligthum

Fand er wohl den Stein der Weisen.

Quelle:
Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 404-405.
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