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[810] Sah ich der Alten stolze Wunderpracht

Durch Wütrichshand der Zeit gestürzt verwittern,

Der Erde hohe Türme gleichgemacht,

Unsterblich Erz vor Menschenwut erzittern:

Sah ich die gierige See am Königreich

Der Meeresküsten überflutend zehren,

Die Feste dann, an Wasserschätzen reich,

Fülle mit Raub, und Raub mit Fülle mehren:

Wenn ich dies Wandelleben übersah,

Ja Leben selbst zum Untergang getrieben,

Kam unter Trümmern mir dies Grübeln nah:

Einst kommt auch Zeit und fordert deinen Lieben. –

Solch ein Gedank' ist wie ein Tod; er treibt

Zum Weinen, daß du hast, was dir nicht bleibt.[810]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 810-811.
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