10. Laß die Verstorbenen ruhen

[59] 1.

Stirb Filidor/

Warum wilstu nicht willig sterben?

der Musen Chor

verspricht dir deines Nahmens Erben/

ob Florilis schon meinet/

daß niemand um dich weinet.


2.

Zwar Florilis

wird wegen deines Todes lachen/

Sie wird gewiß

sich lustig bey dem Sarge machen/

und auff dem Grabe singen

mit jauchzen und mit springen.


3.

Wird iemand denn

nach deinem Hinfall dein erwehnen/

wie/ wo und wenn:

so wird sie in der Grufft dich höhnen/

die abgefaulten Knochen

wird sie auch selbst bepochen.


4.

Doch denke nicht/

daß ich es dir wil/ Stolze/ schenken:[59]

ein bleich Gesicht/

das meinem gleichet/ soll dich kränken:

mein Geist soll um dich stehen/

und mit zu Bette gehen.


5.

Ein schweerer Traum

soll dich offt auß dem Schlaff' erwekken/

du glaubest kaum

wie ich alsdenn dich werd' erschrekken.

mit werffen und mit poltern

wil ich dein Leben foltern.


6.

Wird man auff dir

des Morgens blaue Flekken sehen/

sprich: daß von mir

zur Rache dieses sey geschehen.

wirstu einmal denn kranken

plag' ich dich mit Gedanken.


7.

Drum besser dich

dieweil es Zeit ist sich zu bessern.

Veriagstu mich

zu Acherontis Nebelwässern:

so hilfft alsdenn kein klagen/

wenn dich mein Geist wird plagen.


Des Zweiten Zehens Ende.


Quelle:
Kaspar Stieler: Die geharnschte Venus, Stuttgart 1970, S. 59-60.
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