Psal. 86. Inclina domine

[668] Ein Gebet Psalm, Daß Gott in seiner forcht erhalten, vnd vorn feinden behüten wölle.


1.

HERR, neyg dein ohren gnediglich,

erhöre mich,

elend bin ich,

erbarm dich mein vil armen!

Auff dich mein seel verleßt sich schlecht,

drumb schaff mir recht,

hilff deinem knecht

vnd wöllst dich mein erbarmen!

Ich rüff vnd schrei täglich zu dir,

biß gnedig mir

vnd hilff auch schir,

mit freud wöllst mich geweren,

zu dir steht mein begeren.


2.

Die dich im glauben rüffen an

wiltu beistan,

sie nicht verlan,

dein güt bei jn wirt bleiben.[668]

HERR, merck auff meines flehens stimm,

mein gbet vernimm,

zu hilff mir kumm,

die angst vnd not mich treiben.

An gwalt, gnad, ehren bistu reich

vnd hast keynn gleich,

daß dir auch weich

all was sich Gott leßt nennen,

dein werck lert sies erkennen.


3.

Auch alle völcker, nahe vnd ferr,

solln kommen her,

betten vor dir

vnd deinen namen ehren.

Du bist groß, Almechtiger Gott,

dein wunderthat

keyn ende hat,

alleyn bistu der HERRE.

Weiß mir den weg der grechtigkeyt

vnd der warheyt,

daß ich mit freud

mein hertz nach deim wort lencke,

deins namens stedts gedencke.


4.

Ich danck dir, Gott, von hertzen sehr,

deins namens ehr

preiß ich je mehr

in allen vngefellen.

Dann dein güt vber mich ist groß

ohn alle moß:

mein seel machst loß

ja auß der tieffen hellen.

HERR, sihe, die stoltzen setzen sich

gar trutziglich

jetz wider mich,

der hauffe der Tyrannen,

welch meine seel anzannen.


5.

Du aber, HERR, bist barmhertzig

vnd sehr gnedig,

sanfft, gedultig,

von grosser trew vnd güte:

Mit deiner macht wend dich zu mir

vnd sterck mich schir,

ich rüff zu dir,

den Son deinr magt behüte.

Laß an mir, HERR, ein wunder gschehn,

auff das sies sehn

all die mich schmehn,

müssen für scham verschwinden,

wann du mich trost leßt finden.


Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Band 3, Leipzig 1874, S. 668-669.
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