[175] Wandergänse eilen/
Schnatterhaft Gewimmel
Huscht in Schattenkeilen
Über Mondscheinhimmel.
Weicher Seelenlaut
Bebt aus hartem Schnarren.
Süßer Trost, zu lauschen
Und emporzustarren!
Treue Sonnensehnsucht,
Die um Mitternacht
Bei des Mondes Dämmern
Rastlos suchend wacht!
Was ich stumm verschlossen
Hielt in meiner Klause,
Raunen Gramgenossen
In das Herbstgebrause.
Weil ihr Heimatland
Nebeltrübe worden,
Flüchten sie mit greller
Klage aus dem Norden.
Doch in lichten Träumen
Glaubt ihr fromm Gemüt
An ein Südenland,
Wo die Sonne blüht.
[176]
Von der Sehnsucht Schrei
Wie bezaubert, schwanken
Raschelnd vor dem Fenster
Wilden Weines Ranken.
Auch das arme Laub
Träumt von einem andern,
Milden Land und möchte
Mit den Vögeln wandern.
Durch die Adern schauert
Zehrende Fieberglut;
Und in Schwärmerwahn
Lodert es wie Blut.
Fliegen will's und/ taumelt
Todesmatt hinab ...
Ach, sein Südenland
Ist ein Modergrab.
Warum bangst du, Herz?
Hast du nun erkannt,
Daß mit Laub und Vogel
Schmachtend du verwandt?
Kommen wird ein Herbsttag,
Wo du glühst wie Laub
Und mit deiner Sehnsucht
Taumelst in den Staub.
[177]
Doch vor lauter Treue
Stirbt die Sehnsucht nicht;
Aus gesunknem Laube
Flattert sie zum Licht,
Flattert jauchzend/ wie ein
Vogel, der zum Land
Seiner Sonnenträume
Nun die Richtung fand.
Buchempfehlung
Als »Komischer Anhang« 1801 seinem Roman »Titan« beigegeben, beschreibt Jean Paul die vierzehn Fahrten seines Luftschiffers Giannozzos, die er mit folgenden Worten einleitet: »Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ›Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‹ heraus.«
72 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.
468 Seiten, 19.80 Euro