Der Schakal entrinnt

[133] Der Schakal wohnte allein. Da geschah es, daß zwei Löwen in das Haus des Schakals gingen, ihm aufzupassen (anzufallen), wenn er abends von der Jagd zu seinem Hause zurückkehre. Allein der Schakal verweilte sehr lange, bis er mit seinem Fleische heim kam. Bei seiner Annäherung überfiel den Schakal eine Ahnung, ein Schauer, und er dachte: da ist irgend etwas nicht ganz sauber in meinem Hause. Als er noch ziemlich fern war, aber langsam auf die Vorderseite seines Hauses zuschritt, rief er: »Mein Haus, mein Haus!« Aber niemand antwortete. So rief er abermals: »Mein Haus, mein Haus!« Doch niemand antwortete. Da sagte der Schakal: »O, was ist denn meinem Hause überkommen, daß es nicht antwortet? Oï, Oë – hë! – Da ist sicher etwas in meinem Hause!« Und er rief wiederum: »Mein Haus, mein Haus!« Da antwortete einer der Löwen: »Oë – hë!« und der Schakal sprach: »Xā! (hör doch). Antwortet das Haus von jeher?« und er entfloh. – Die zwei Löwen folgten ihm und kamen in seine Nähe, als er eben Holz auflas, um sein Fleisch am Feuer zu braten.[133] Nicht weit von ihm entfernt, setzten sie sich nieder, um, wenn er zum Feuer käme, auf ihn zu springen und ihn zu packen. Wie sie nun so stille da saßen, machte einer der Löwen sich bemerklich. Der Schakal hörte es und frug (sagte): »Xā, Xā! Ich bin allein! Wer hat das gethan?« Da frug auch noch der eine von den beiden Löwen: »Hast du so gemacht?« Und er sprach: »Ja!« – Obgleich die zwei ganz leise mit eineinander sprachen, hörte der Schakal doch alles, weil sie ihm so nahe waren. Schnell warf er sein Holz weg und floh mit diesen Worten: »Ha – ha – ha, ihr Schelmenkerls!« So ist der Schakal den zwei Löwen mit dem Leben entronnen.

Erläuterung: Hier ist ein Nama zweimal in Gefahr, von Räubern überfallen zu werden. Unwillkürliches Schaudern rufen bei der braunen Rasse Ahnungen hervor, die Übles prophezeien. Das Lamento des Schakals bezweckt irgend einen Gegenlaut zu entlocken. Erst erwartet er selbstverständlich eine Stimme aus seinem Hause heraus – aber vergeblich; und als er sie endlich vernommen, wird er stutzig, wohl wissend, daß ein unbewohntes Haus keinen Laut von sich giebt. Er ergreift die Flucht, das beste, was er thun konnte. Das zweite Mal verraten die Räuber sich selbst. Die Seh-, Hör- und Geruchsnerven sind in Momenten der Gefahr bei den Eingeborenen in bestem Zustande. Xā, ist ein Laut des Abscheues – ha – ha – ha ein Triumphruf nach geglücktem Entkommen.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Geschichten und Lieder der Afrikaner. Berlin: Verein der Bücherfreunde, Schall & Grund, 1896, S. 133-134.
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