[191] 68. Der rollende Totenschädel

Ein Jägertrupp lagerte im Wald. Die Bratroste waren schwer mit Fleisch beladen. Kapuzineraffen steckten mit ausgebreiteten Armen am Spieß neben zusammengerollten Brüllaffenschwänzen und abgeschnittenen Gliedmaßen von allerlei Tieren. Rund um den Platz herum lagen Köpfe, Felle, Knochen und Eingeweide zerstreut. Die Jäger waren alle ausgezogen und hatten im Lager nur einen Knaben zurückgelassen, um das bratende[191] Fleisch zu wenden. Da erschien auf dem Lagerplatz ein Mann. Er ging umher, betrachtete finster die Jagdbeute, zählte dann die Hängematten und ging wieder fort. Als die Jäger abends ins Lager zurückkamen, erzählte der Knabe von dem Besuch, aber niemand glaubte es ihm. Als sich dann aber die Männer in ihre Hängematten schlafen gelegt hatten, erzählte der Knabe von neuem die Geschichte seinem Vater, und dieser wurde schließlich mißtrauisch. Er und der Knabe banden ihre Hängematten los und zogen sich in der Dunkelheit ein Stück von dem Lagerplatz in das Dickicht zurück. Sie hatten den Platz noch nicht lange verlassen, als sie Stimmen wie von Eulen, Tigern und anderem Nachtgetier hörten und dazwischen das Stöhnen von Menschen und das Krachen brechender Knochen. »Das ist Kurupira mit seinem Anhang, der die Jäger tötet!« sagte der Mann zu seinem Knaben.

Als der Morgen anbrach, gingen sie nach dem Lagerplatz: Da waren nur noch die leeren, blutbefleckten Hängematten, und zerbissene Menschenknochen lagen verstreut da, mitten darunter der Kopf des einen Jägers. Als sich der Mann mit seinem Sohn zum Gehen wandte, rief ihn der Kopf plötzlich an: »Nimm mich doch mit, Gevatter!« Der Mann sah sich erstaunt um. »Bring mich doch nach Hause, Gevatter!« wiederholte der Kopf seine Bitte. Da sandte der Mann seinen Knaben voraus ins Dorf, während er selbst einen Sipo abriß, den Schädel anband und ihn hinter sich her am Boden schleifte. Bald aber wurde es ihm unheimlich, und er ließ ihn auf dem Weg zurück. Als er aber weiterging, rollte der Kopf wie ein Kürbis hinter ihm her und schrie fortwährend: »Gevatter! Gevatter! Warte doch ein wenig! Nimm mich doch mit!« – So mußte der Mann langsamer gehen, damit der Schädel dicht hinter ihm drein rollen konnte. Der Mann dachte aber nach, wie er den unheimlichen Begleiter wohl loswerden könnte. Er hieß also den Kopf auf dem Weg ein wenig warten, er müsse im Walde seine Notdurft verrichten. Nachdem er dies getan hatte, ging er jedoch nicht zu dem Kopf zurück, sondern[192] suchte den Weg ein gutes Stück weiter vorwärts. Dort grub er rasch eine Fallgrube, bedeckte sie mit dünnen Zweigen und Blättern und versteckte sich. Unterdessen wartete der Kopf auf dem Wege, daß der Mann aus dem Walde zurückkommen sollte, und rief schließlich: »Gevatter, bist du denn noch nicht fertig?« »Noch nicht, Gevatter!« antwortete der Kot des Mannes. Der Schädel aber sprach: »Was! Zu meiner Zeit, als ich noch Mensch war, konnte doch der Kot nicht reden?« – Dann rollte er auf dem Wege dahin, und eine Strecke weiter stürzte er in die Fallgrube. Der Mann kam nun hervor, füllte die Grube mit Erde zu und stampfte sie fest. Dann ging er in sein Dorf.

Als es Nacht wurde, hörte man in dem Dorf vom Walde her Schreie, die immer näher kamen. – »Das ist der Totenschädel, der sich aus der Grube befreit hat,« sprach der Mann zu den Dorfbewohnern.

Der Kopf hatte unterdessen Flügel und Krallen bekommen wie ein riesiger Falke. Er schwebte heran und warf sich auf den ersten, der ihm in den Weg kam, und fraß ihn auf. Am folgenden Abend jedoch versteckte sich ein Medizinmann an der Stelle, wo der Weg aus dem Walde kam, und wartete mit Bogen und Pfeil auf das Ungeheuer. Mit der Dunkelheit kam es schreiend näher gezogen und setzte sich auf einem Baum am Waldrand nieder. Es sah jetzt ganz wie ein riesiger Falke aus. Da schoß der Medizinmann einen Pfeil gegen ihn ab, der ihm durch beide Augen ging, worauf er sofort tot von seinem Sitz herabstürzte.

Quelle:
Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 191-193.
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