19.

[63] Es war einmal einer, der hieß Froschlalo1, der hatte einen Bruder; er hatte keine Söhne, während sein Bruder welche hatte. Da bat er seinen Bruder: »Bete für mich, daß ich Söhne kriege!« Jener erwiderte: »Wenn ich für dich bete und du Söhne kriegst, was willst du mir dafür geben, Bruder?« »Ich will dir ein Lamm geben,« sagte er. Da betete er für ihn, und jener bekam einen Sohn. Da sagte er: »Du hast ja nun einen Sohn bekommen, Bruder; so gib mir nun das Lamm, das du mir versprochen hast.« »Ich besitze nichts,« erwiderte jener. Da zankten sie mit einander; hierauf riet ihnen jemand, vor Gericht zu gehen. Als sie am folgenden Tage aufgestanden waren, machten sie sich auf den Weg zum Gericht; den ganzen Tag wanderten sie, gelangten jedoch nicht nach Damaskus; daher übernachteten sie in Qobun2. Den Mann, der einen Sohn bekommen hatte, lud man ein; seinen Bruder aber lud niemand ein. Während jener speiste, bis er fertig war, forderte diesen niemand auf: »Komm und iß!« Seine Frau aber hatte ihm als Reisezehrung zwei Brote bereitet und etwas Malven dazu mitgegeben; da legte er nun die beiden Brote sich vor und begann, von den Malven zu essen. Da trat die Frau des Mannes, der seinen Bruder zum Essen eingeladen hatte, zu ihm und fragte ihn: »Was issest du, Mann?« Er antwortete: »Was werde ich essen! Was willst du von mir?« Sie sagte: »Du sollst mir ein Mundvoll von den Malven geben, die du issest.« Er aber erwiderte: »Selbst wenn du im Begriff wärest zu sterben, würde ich dir kein Mundvoll davon geben.« Sie aber bat: »Bitte, gib mir ein Mundvoll.« »Ich gebe dir nichts,« erwiderte jener. Da machte sich ihr Mann auf, um ebenfalls gegen ihn Klage zu führen. So ging jener nach Damaskus und marschierte vor ihnen her; sie aber gingen hinterdrein. Unterwegs begegnete ihm ein Jude und fragte ihn: »Wie stehts um dich, Mann? Gehen jene über dich Klage führen?« Jener aber rief: »Geh uns aus dem Wege, du da!« »Nein,« erwiderte er, »sage mir's doch!« »Laß uns in Ruhe,« rief jener; dabei traf er mit der Hand dem Juden ins Auge, so daß er es ihm ausschlug. Da packte ihn der Jude und sagte: »Zahle mir das Sühngeld für mein Auge!« Jener aber antwortete: »Diese da gehen über mich Klage führen; geh mit ihnen Klage führen!« Da gingen sie Klage führen; wie er nun so mit ihnen zog, kam ihm einer entgegen und[63] fragte ihn: »Da Unglücklicher! da gehen nun die drei, gegen dich Klage zu führen; hättest du nicht Reißaus nehmen können?« »O nein!« erwiderte jener. So zogen sie ihres Weges weiter. Es hatte aber einer seinem Gaule Brennholz aufgeladen, und der Gaul war gestürzt; da rief er: »O Gott hilf, richte mir den Gaul wieder auf!« Da sprang jener, gegen den sie gingen Klage zu führen, rasch herzu und wollte den Gaul am Schwanz aufheben; dabei riß der Schwanz des Gaules ab. Nun packte ihn der Eigentümer desselben und rief: »Du hast mir meinen Gaul verdorben; du sollst mir den Preis dafür bezahlen!« »Wie soll ich den Preis für deinen Gaul bezahlen?« sagte jener. »Ich habe kein Geld.« »So will ich gegen dich Klage führen,« sagte er. Jener erwiderte: »Schon sind es ihrer drei, die gehen, gegen mich Klage zu führen; geh du auch noch mit, dann sind es vier.« So zogen sie weiter. Als sie nun in die Nähe des Rathauses kamen, überlegte jener: »Da gehen nun die vier gegen mich Klage führen; was werden sie mir antun? Ich will mich auf dieses Minarett flüchten.« Da lief er in das Minarett; jene aber, die gegen ihn Klage führen wollten, verfolgten ihn; da sprang er von der Spitze des Minaretts hinab zu Boden. Es hatte sich jedoch einer, der krank war, unterhalb des Minaretts hingelegt; wie jener sich nun vom Minarett hinabstürzte, fiel er auf den Kranken, so daß er ihn erdrückte. Da packten ihn dessen Angehörige; so wurden es nun fünf.

Die fünf Leute nahmen ihn und traten vor den Richter. Dieser fragte ihn: »Was hast du, Mann, mit diesen fünf Leuten?« Er erwiderte: »O Herr! mein Bruder bekam keine Söhne, da bat er mich, ich solle für ihn beten, damit er Söhne bekäme. Ich sagte ihm: ›Was willst du mir geben, Bruder?‹ Er versprach: ›Ich will dir ein Lamm geben.‹ Darauf bekam er einen Sohn, gab mir aber das Lamm nicht. Da zankte ich mich mit ihm, er aber ist nun gekommen, Klage gegen mich zu führen.« Da fragte der Richter den Bruder: »Weshalb hast du ihm das Lamm nicht gegeben? Nimm dich in acht!« Dieser entgegnete: »Da mir nun Gott einen Sohn geschenkt hat, wozu soll ich ihm ein Lamm geben?« Jener aber entschied: »Anstatt des Lammes sollst du ihm 500 Piaster geben.« – Hierauf fragte er: »Was hast du mit diesem andern Manne?« Er erwiderte: »Was den betrifft, so haben (seine Leute), als wir unterwegs waren, meinen Bruder eingeladen und ihm ein Abendessen bereitet, während ich draußen saß, ohne daß jemand zu mir sagte: ›Nimm einen Löffel Essen zu dir!‹ Ich bin eben ein armer Mann; meine Frau aber hatte mir zwei Brote mit Malven mitgegeben.« Da kam seine Frau zu mir und sagte, ich solle ihr davon geben. Ich erwiderte ihr jedoch: ›Selbst wenn du im Begriff wärest zu sterben, würde ich dir nichts davon geben.‹ Da sprach der Richter: »Du da, Mann, weshalb hat deine Frau ihm nicht einen Teller voll warmer Speise gebracht und hat ihm dagegen noch eine Handvoll (von seiner Nahrung) wegnehmen[64] wollen? Du sollst ihm 700 Piaster geben.« So hatte ihm nun sein Bruder 500 und der andere Mann 700 Piaster geben müssen. – Hierauf sagte der Richter: »Tritt vor, Jude, wir wollen untersuchen, wie es sich mit deinen Ansprüchen verhält.« Da berichtete er: »Mir hat er ein Auge ausgeschlagen.« Der Richter fragte: »Weshalb, Mann, hast du dem Juden ein Auge ausgeschlagen?« »O Herr!« erwiderte jener, »da war mein Bruder und der, dessen Frau ich keine Malven hatte geben wollen, die gingen gegen mich Klage führen; da traf mich dieser unterwegs und packte mich, ich müsse ihm unter allen Umständen sagen, weshalb sie gegen mich Klage führen wollten. Ich aber sagte: ›Geh uns aus dem Wege!‹, und bewegte meine Hand so3; da fuhr ihm meine Hand ins Auge und schlug es ihm aus.« Hierauf sprach der Richter: »Tritt näher an ihn heran, Jude, damit er dir auch das andere Auge ausschlage; dann darfst auch du ihm ein Auge ausschlagen; denn je zwei Augen eines Juden sind so viel wert als ein Auge eines Muslimen.« Der Jude aber entgegnete: »Gnade, o Herr! mit diesem Auge möchte ich noch sehen, so gut es geht; das sollte er mir ausschlagen und mich des Augenlichtes ganz berauben? Ich fordere nichts mehr; weder soll er mir das andere ausschlagen, noch will ich ihm ein Auge ausschlagen.« Der Richter aber sprach: »Nein, das geht nicht.« »Gnade, o Herr!« bat jener. »So gib ihm,« sprach er, »400 Piaster.« Der Jude aber sagte: »Ist es nicht genug, daß er mir mein Auge ausgeschlagen hat, soll ich ihm noch dazu 400 Piaster bezahlen?« Jener erwiderte: »Sperre dich wie du willst, du mußt es ihm bezahlen.« Da gab ihm der Jude die 400 Piaster. – Hierauf sprach der Richter zum Eigentümer des Gauls: »Komm, wir wollen prüfen, was du mit ihm hast.« Dieser sagte: »O Herr! der da hat meinem Gaul den Schwanz ausgerissen.« Da fragte ihn der Richter: »Du da, weshalb hast du seinem Gaul den Schwanz ausgerissen?« Jener erzählte: »Während wir unterwegs waren, rief einer: ›O Gott hilf, komm und richte mir den Gaul, den ich bei mir habe, wieder auf.‹ Nun heiße ich Gotthilf; daher lief ich rasch herzu und wollte den Gaul am Schwänze aufheben; der aber riß ab.« »Gut,« sprach der Richter, »gib ihm deinen Gaul, damit er ihn zur Arbeit benutze, bis deinem Gaul ein neuer Schwanz wächst; dann kannst du ihn wieder bei ihm holen.« Jener erwiderte: »Vielleicht wächst aber meinem Gaul kein neuer Schwanz.« Der Richter sprach: »Entweder gib ihm den Gaul oder gib ihm 300 Piaster.« Jener entgegnete: »Gnade, o Herr! Ist es daran nicht genug, daß meinem Gaul der Schwanz abgerissen ist, muß ich auch noch 300 Piaster bezahlen?« Er aber sprach: »Mach's wie du willst; wie du dich auch sperrst, du sollst ihm 300 Piaster bezahlen.« Da gab sie ihm der Eigentümer des Gauls. – Nun[65] trat der andere Mann vor, und der Richter fragte: »Was hast du mit ihm gehabt, Mann?« Er berichtete: »Mein Bruder war krank; da legte ich ihn unterhalb des Minaretts hin; wir hatten diesen Mann nie gesehen, bis er auf ihn fiel und ihn erdrückte4.« Der Richter fragte: »Weshalb hast du dich auf den Bruder dieses Mannes hinabgestürzt und ihn erdrückt?« Jener erwiderte: »O Herr! ich blickte hinter mich und fand, daß es vier Männer waren, die gegen mich Klage erheben gingen; da wollte ich mich vor ihnen in jenes Minarett flüchten; aber sie verfolgten mich, daher stürzte ich mich vom Minarett hinunter und fiel auf jenen Mann, und so wurde er erdrückt.« Der Richter aber sprach: »Geh, lege dich unter das Minarett; dann soll der Bruder dessen, der erdrückt worden ist, hinaufsteigen und sich auf dich hinabstürzen.« Der Bruder dessen, der erdrückt worden war, sagte jedoch: »Gnade, Herr! Soll ich auf das Minarett steigen und mich auf ihn hinabstürzen? Vielleicht breche ich mir dabei ein Bein oder einen Arm; ist es nicht genug, daß er meinen Bruder erdrückt und getötet hat, soll ich mir denn dabei auch noch einen Arm oder ein Bein brechen?« Der Richter aber sprach: »So gib ihm also 100 Piaster.« Da gab er ihm 100 Piaster; hierauf sprach der Richter: »Geh nur deines Weges, Mann! Du bist ein armer Mann; nimm das Geld, geh und gib es für deine Kinder aus!« Der Mann, aber sagte zum Richter: »Nimm doch davon 500 Piaster als Lohn für deine Bemühung!« Jener aber erwiderte: »Gott gesegne es dir! Du bist ein armer Mann; ich begehre keinen Lohn von dir.« Da nahm der Mann das Geld und begab sich zu den Läden, in welchen Kleiderstoffe feil sind; da kaufte er Kleiderstoffe. Dann begab er sich zu seiner Familie und sagte zu seiner Frau: »Da sind Kleiderstoffe, nähe den Jungen Kleider.« Sie aber fragte: »Woher hast du Geld, Mann?« Er erwiderte: »Gott hat das Herz des Richters zu unsern Gunsten gerührt; fünf Leute gingen gegen mich Klage führen, der Richter aber hat ihnen Geld abgenommen und es mir geschenkt.« Da erzählte der Mann seiner Frau die Geschichte, und sie lebten in Frieden weiter. [Und die Geschichte ist aus.]

1

Der Name bedeutet »Hilfe von Gott«, »Gotthilf«.

2

Qobun ist ein Ort bei Damaskus. O. Gl. [= el-Ḳābūn, eine Stunde nördlich von Damaskus].

3

Wörtl. »mit der Hand so«; die Erzählerin machte hierbei mit der Hand eine Bewegung nach vorwärts.

4

[unversehens fiel dieser Mann ...].

Quelle:
Bergsträsser, G[otthelf] (Hg.): Neuaramäische Märchen und andere Texte aus Malula. Leipzig: F.A. Brockhaus, 1915, S. 63-66.
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