Vierzehnte Erzählung.

[155] Es waren einst unter den großen Brahmanen vier Männer, die sich zusammen auf einem Fahrzeuge einschifften um eine Seereise zu unternehmen. Der eine Brahmane war ein Hora (Astrolog) und konnte zukünftige Ereignisse vorhersagen. Der zweite Brahmane war erfahren in der Kunst des Bogenschießens und stets sicher zu treffen. Der Dritte war ein Taucher, der unter dem Wasser verbleiben konnte. Der Vierte verstand lebendig zu machen.1 Als eines Tages die vier Brahmanen in dem Vordertheil des Schiffes beisammensaßen, fragten im Laufe des Gesprächs feine drei Gefährten den vierten Brahmanen, der in der Wahrsagerkunst erfahren war, ob er etwas Merkwürdiges voraussehe, was sich in der nächsten zeit ereignen würde. Der Astrolog stellte seine Berechnungen an und sagte dann: »Am heutigen Tage wird der Vogel Insi2 seine Erscheinung machen und über dem Schiff vorbeifliegen, mit einer Jungfrau in seinem Schnabel. Er wird uns heute mit Einbruch des Abends begegnen, aber die Jungfrau wird schön gestorben sein.« Da sagte der Brahmane, der im Bogenschießen geschickt war: »Wenn der Insivogel mit der Jungfrau in seinem Schnabel hier vorüberkommt, so werde ich mit meinem Bogen nach ihm schießen und ihn durch einen Pfeil herunterbringen.« Der im Tauchen geübte Brahmane sagte: »Sobald die Jungfrau in das Wasser gefallen ist, werde ich nach ihr tauchen und sie auf die Oberfläche bringen,« und der Brahmane, welcher verstand, das Leben zu infiltriren, fügte hinzu, daß er ihre leblose Form wieder lebendig machen werde. Während die Brahmanen noch da standen und sich unterhielten, flog der Raubvogel vorüber mit einer Jungfrau in seinem Schnabel. Und dann geschah es, wie sie ausgemacht hatten. Der Bogenschütze schoß den Vogel an, der im Schmerze die Jungfrau fallen ließ. Der Taucher sprang in das Wasser, ergriff sie mit seinen Armen und brachte sie an Bord des Schiffes. Sie War todt, aber der in den magischen Künsten erfahrene Brahmane durchgoß ihre starre Form mit neuem Leben und sie erhob sich in voller Jugendblüthe. Da die Jungfrau ausnehmend schön und reizend war, so stritten sich die Brahmanen um ihren Besitz, weil ein Jeder sie für sich als Gattin verlangte. Der Prinz[155] richtete dann seine Frage an den Spucknapf und sagte: »Nun, Frau Spucknapf, was ist Ihre Ansicht von der Sache? Welcher der Brahmanen hat das beste Recht auf dieses Mädchen und wem sollte sie als Gattin angehören? Lassen Sie mich hören, wie Sie diesen Punkt entscheiden würden.« Der Spucknapf, ohne langes Bedenken, rief aus: »Die Dame war gestorben und ohne Leben. Derjenige, der ihr das Leben zurück gab, ist ihr rechtmäßiger Besitzer und ihm sollte sie, als Gattin, übergeben werden.« Lächelnd erwiederte der Prinz: »Sie, Frau Spucknapf, haben die Ehre, die unzertrennliche Gefährtin Ihrer königlichen Hoheit der Prinzessin zu sein, und sich stets nahe am Munde meiner liebenswürdigen Cousine zu befinden, und jetzt kommen Sie hierher und machen solchen Plunder im Räthselrathen? Was soll ich davon denken?« Die Prinzessin aber, als sie diese Worte hörte, sagte in großem Zorne: »Was für ein dummer Spucknapf das ist! Mit deiner Weisheit ist es in der That beklagenswerth bestellt. Du solltest lieber schweigen, als solches Zeug zu faseln und dich so mit deinen Erklärungen lächerlich zu machen.« Und die Prinzessin ergriff den Spucknapf, und zerrte ihn hervor und warf ihn von sich und stieß mit ihrem Fuß noch dahinter her, während sie sagte: »Das Richtige ist, daß die Jungfrau dem Manne zur Frau gegeben werde, der niedertauchte und sie aus dem Wasser holte, denn er hat sie in seinen Armen gehalten und ihren Körper mit seinen Händen berührt.« Als die Wächter, welche in dem Thurme aufgestellt waren, die Prinzessin reden hörten, ließen sie die Musikanten ihre Instrumente spielen und rührten die Trommeln und bliesen die Trompeten. Und der König, als er es hörte, war ausnehmend froh.

Als die vierte Nachtwache gekommen war, sprach der Prinz zu seinem Milchbruder und sagte: »Dem Spucknapf ist es nicht gelungen, mein Räthsel zu lösen, und er ist dafür bestraft worden, wie er es verdiente. Wenn ich nun noch eine Geschichte erzählen sollte, wer würde sich anbieten die Deutung zu unternehmen?« Der Milchbruder beschwor darauf seine Seele und ließ sie in das mit Goldstickereien verzierte Kopfkissen fahren. Und das Kopfkissen rief aus zur Erwiederung und sagte: »Hier bin ich, ich, das Kopfkissen Ihrer Hoheit der Prinzessin. Ich werde jedes Räthsel lösen. Wollen Euer Gnaden gefälligst nur beginnen!« Der Prinz sprach dann folgendermaßen:

Fußnoten

1 Eine der magischen Operationen, die in der Sinlaprasat zu Taxila gelehrt wurde, und sich vielfach in den Palibüchern erwähnt findet, ist die im Siamesischen »xub« genannte. Sie besteht darin, sei es durch Besprengung mit Wasser, sei es (nach Medea's Art) durch Feuer und Kochen in einem Kessel, bald Gestorbene aufs Neue zu beleben, bald die Formen von Thieren in Menschen, oder die von Menschen in Thiere zu verwandeln.


2 Der fabelhafte Vogel des Orients, der Menschen zum Fraße raubt und oft ganze Städte und Länder verwüstet.


Quelle:
Bastian, Adolf: Ein siamesisches Märchen. In: Globus # (Sept. 1866), S. 156.
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