[494] Der deutsche Verwandte des Grünspechtes ist der auf Seite 487 bildlich dargestellte Grauspecht, graugrüne, grüngraue, grauköpfige Specht, grauköpfige, norwegische und Berggrünspecht, Graukopf u.s.w. (Picus canus, norvegicus, viridi-canus, chloris und caniceps, Gecinus und Chloropicus canus). Er steht an Größe wenig hinter dem Grünspechte zurück: seine Länge beträgt dreißig, seine Breite höchstens funfzig, die Fittiglänge funfzehn, die Schwanzlänge elf Centimeter. Vorderkopf und Scheitelmitte sind scharlachroth, Stirnrand und ein schmaler Strich über dem schwarzen Zügelstreifen dunkelgrau, die Kopfseiten etwas heller, Hinterkopf und Nacken grünlich verwaschen, die übrigen Obertheile olivengrasgrün, Bürzel und obere Schwanzdecken glänzend oliven gelb, Kinn- und Kehle schmutzig graulich, durch einen schmalen schwarzen, an der Wurzel des Unterschnabels beginnenden und bis zum Ohre reichenden Streifen von dem Grau der Backen getrennt, die übrigen [494] Untertheile schmutzig graugrünlich, die Handschwingen außen mit sechs bis sieben weißlichen schmalen, alle Schwingen innen mit großen, weiten Querflecken, die Schwanzfedern schwarzbraun, die beiden mittelsten längs der Schaftmitte bräunlich grau verwaschen. Die Iris ist röthlichbraun oder bei alten Vögeln rosenroth, der Schnabel graulich hornschwarz, der Fuß schieferschwarz. Das Weibchen gleicht dem Männchen, besitzt aber nicht die rothe Scheitelplatte.
Das Verbreitungsgebiet des Grauspechtes ist erheblich ausgedehnter als das seines bekannteren Verwandten; denn es erstreckt sich, mit Ausnahme Großbritanniens, über den größten Theil Europas und über ganz Sibirien bis Japan, nach Süden hin bis Persien. In Deutschland tritt er im allgemeinen seltener auf als der Grünspecht, bewohnt aber annähernd dieselben Oertlichkeiten wie dieser. Hier und da fehlt er gänzlich, in anderen Gegenden findet man ihn einzeln, wenigstens an allen für ihn geeigneten Stellen. Doch theilt er mit Schwarz- und Grünspecht dasselbe Schicksal: er nimmt von Jahr zu Jahr mehr ab und vermindert sich in demselben Verhältnisse, in welchem die ausgiebigste Bewirtschaftung des Grundes und Bodens vorschreitet. Noch in meiner Knabenzeit war er in Ostthüringen ebenso häufig als in dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, welches meinem Vater Gelegenheit zu seinen trefflichen Beobachtungen über ihn bot; gegenwärtig sieht man wohl noch den Grünspecht, aber nur selten, ohne daß man eigentlich sagen könnte, weshalb er so ersichtlich abgenommen hat. Wie mein Vater hervorhebt, liebt er die Vor- und Feldhölzer oder mit Laubbäumen besetzte Thäler und erwählt ausgedehntere Schwarzhölzer nur dann, wenn sie an das Feld stoßen, findet daher in unseren thüringischen Flußthälern alle Erfordernisse zu behaglichem Leben und gedeihlicher Vermehrung und wird dennoch immer seltener. Dies mag in anderen Gegenden Deutschlands nicht so sein; im allgemeinen aber wird sich die eben ausgesprochene Behauptung überall bewahrheiten. Borggreve bezeichnet ihn als einen echten Standvogel des Buchengürtels zwischen drei- bis achthundert Meter über dem Meere, und Gloger behauptet, daß im Sommer einzelne bis in die letzten Alpenwälder hinaufgehen; ich meinestheils muß bemerken, daß ich ihn im Hochgebirge nie und in den von Borggreve angegebenen Höhen nur äußerst selten gesehen, vielmehr vorwaltend als Bewohner der Niederung und des Hügellandes bis zu ungefähr anderthalbhundert Meter unbedingter Höhe kennen gelernt habe. Doch traf ihn auch Baldamus als Bewohner hochgelegener Alpenthäler an. Nach meinen Beobachtungen möchte ich sagen, daß er ein Charaktervogel ausgedehnter Obstpflanzungen sei. Hier wenigstens findet er sich, wenn alte, hohle Bäume vorhanden sind, häufiger als irgendwo anders, und solche besucht er während seiner Wanderungen regelmäßig.
In milden Wintern verweilt ein fest angesiedeltes Paar Jahr aus Jahr ein in demselben Brutgebiete, obwohl es auch dann, gelegentlich kleiner Streifzüge, die Grenzen desselben überschreiten kann. Strenge Winter hingegen zwingen den Grauspecht, aus denselben Gründen wie sein größerer Verwandter weite Reisen anzutreten. Diese führen ihn nicht allein bis Süddeutschland, sondern sogar bis jenseit der Alpen und Pyrenäen wie des Balkan, werden jedoch so viel als möglich beschränkt. Erst im Oktober beginnt er zu wandern, und mit den ersten Tagen des März hat er sich sicher in seinem Brutgebiete eingestellt, so schwer es ihm dann auch noch werden mag, sein Leben zu fristen. Gloger behauptet, daß er mit dem Grünspechte in offener Fehde lebe und von ihm in dessen eigentlichem Gebiete nicht geduldet werde; diese Angabe ist jedoch nur insoweit richtig, als der stärkere Grünspecht ihn aus einem Brutgebiete vertreibt, in welchem Wohnungsnoth herrscht. Im übrigen vertragen sich beide ebenso gut mit einander wie verschiedenartige Spechte überhaupt, und ich selbst kenne nicht besonders ausgedehnte Brutgebiete, in denen beide allsommerlich sich fortpflanzen. Während ihrer Reisen gesellen sie sich, wie der trefflich beobachtende Snell mittheilt, nicht allzuselten, nähren sich wie gute Kameraden auf einer und derselben Stelle und fliegen, aufgescheucht, gemeinschaftlich eine Strecke weit fort.
In seinem Wesen und Betragen ähnelt der Grauspecht seinem nächsten Verwandten so sehr, daß schon bedeutende Uebung dazu gehört, beide zu unterscheiden. »Er besitzt«, wie mein Vater [495] sagt, »des Grünspechtes Lebhaftigkeit und Munterkeit, seine Geschicklichkeit im Klettern, seine Art die Nahrung durch weniges Löcherhacken zu suchen, seinen hüpfenden Gang auf der Erde und seinen Flug; doch sind bei diesem die Absätze kleiner, und das Rauschen ist geringer. Gern klettert er unten an den Bäumen herum, fliegt, so bald er aufgejagt wird, auf die Spitze eines hohen Baumes oder auf einen hohen Ast und hängt sich fast immer so an, daß er durch den Stamm oder einen Ast gegen den Schuß gesichert ist. Flieht er vor seinem Verfolger und klammert er sich an einem Baume an, so geschieht es gewiß allemal auf der dem Feinde entgegengesetzten Seite, und nur zuweilen steckt er den Kopf vor, um zu sehen, wie groß die Gefahr noch sei. Auf solche Weise kann man ihn lange herumjagen, ohne ihn zu erlegen. Eine Eigenheit habe ich an ihm bemerkt, welche er mit dem Grünspechte gemein hat. Im Herbste und Vorwinter nämlich hat er ein ordentliches Revier, welches er alle Tage regelmäßig besucht.« Er erscheint alsdann, wie mein Vater weiter ausführt und auch ich schon in der Jugendzeit beobachtet habe, fast alle Morgen zur bestimmten Stunde in einem Garten, hängt sich zunächst an einen gewissen Baum, fliegt von dort aus nach einem anderen usw., alltäglich in durchaus übereinstimmender Weise, von derselben Stelle kommend und nach derselben wieder verschwindend. Auf dem Boden trifft man ihn ebenso oft wie den Grünspecht, und im Herbste ist er auf den gemähten Wiesen geradezu eine regelmäßige Erscheinung. Seine Stimme erinnert an die des Grünspechtes, liegt aber etwas höher und ist merklich heller; der Lockton läßt sich durch die Silben »Geck geck gick gick« ungefähr übertragen. Dann und wann vernimmt man auch ein helles »Pick«, welches von beiden Geschlechtern ausgestoßen wird, und zur Paarungs- und Brutzeit von beiden Geschlechtern einen sehr schönen, vollen, starken, pfeifenden Ton, welcher wie »Kli klii klii klü klü« klingt und von der Höhe zur Tiefe herabsinkt. Nach Naumann setzt sich der in dieser Weise schreiende Grauspecht allemal auf die Spitze eines hohen Baumes, und deshalb schallen die herrlichen Töne weit in den Wald hinein. Sie haben zwar Aehnlichkeit mit denen des Grünspechtes, sind aber gerundeter, nicht so schneidend und durch das allmähliche Sinken so ausgezeichnet, daß sie ein aufmerksames Ohr sogleich erkennt. Unzweifelhaft dienen sie dazu, sich gegenseitig anzulocken, und wenn dann ein Paar sich gefunden hat, beginnt ein gegenseitiges Necken und Jagen ohne Ende. Das paarungslustige Männchen fliegt dem Weibchen oft Viertelstunden weit nach, schreit in der angegebenen Weise wiederholt, jagt sich scherzend mit ihm fliegend und kletternd, läuft oft längere Zeit neckend in Schraubenwindungen mit ihm an einem Baume in die Höhe und ruft ihm dazwischen zärtlich sein »Geck geck gick gick« zu, wird auch oft von innerem Drange so begeistert, daß er sich an einen dürren Baum oder Ast hängt, und nun nach Art des Schwarzspechtes und des Buntspechtes trommelt, wogegen der Grünspecht letzteres, wie bemerkt, niemals zu thun scheint.
Auch der Grauspecht nährt sich vorzugsweise von Ameisen und stellt insbesondere der kleinen Gilbameise (Formica rubra) und der Braunameise (Formica fusca) nach. Wo die Gilbameise nicht häufig ist, nimmt gewiß kein Grauspecht seinen Sommeraufenthalt. Auch im Winter strebt er dieser Art vorzüglich nach. Kein Wunder daher, daß er auswandern muß, wenn hoher Schnee den Boden so verdeckt, daß er nur schwer oder nicht zu seiner Lieblingsnahrung gelangen kann. Beim Arbeiten an den Bäumen zieht er selbstverständlich alle Kerbthiere und Kerbthierlarven hervor, deren er habhaft werden kann, und wenn er im Sommer auf glatte Raupen stößt, verfallen auch diese seinem Magen. Im Spätherbste und Winter nährt er sich neben thierischen Stoffen auch von pflanzlichen. Mein Vater fand Hollunder-, Snell Vogelbeeren in seinem Magen.
Zur Fortpflanzung schreitet der Grauspecht etwas später als der Grünspecht, nistet jedoch ganz auf ähnliche Art. Er hackt sich sein Loch selbst aus und bekundet dabei ungewöhnliche Ausdauer. Ein Buntspecht, welchen mein Vater beobachtete, begann an einer Buche zu arbeiten, an welcher ein verdorrter Ast ausgebrochen war, stand aber, weil ihm die Arbeit zu schwierig wurde, von dieser ab. Im nächsten Frühjahre sah mein Vater Späne unter ihr liegen und hörte in ihr einen Spechtpochen. Auf das Anschlagen flog ein Grauspecht heraus, welcher auch später in der [496] Höhlung brütete, jedoch Eier und Leben durch ein Raubthier verlor. Das Eingangsloch zu der Höhle, welche der Grauspecht sich zimmert, ist so eng, daß ein Grünspecht kaum aus- und einfliegen kann, inwendig aber oft dreißig, mindestens fünfundzwanzig Centimeter tief und funfzehn bis zwanzig Centimeter weit und sehr glatt ausgearbeitet. Mein Vater hat sein Nest in Fichten, Linden, Buchen und Espen, Naumann außerdem auch in Kiefern und Eichen, und ich selbst habe es einmal in einem Apfelbaume gefunden. Die fünf bis sechs, seltener sieben oder acht rein weißen, glänzenden, an dem einen Ende ziemlich spitz, an dem anderen kurz abgerundeten, feinschaligen, zarten und dünnen Eier ähneln denen des Grünspechtes bis auf die geringere Größe vollkommen, werden ebenso wie bei jenem und den meisten Spechten überhaupt auf feinen Holzspänen am Boden der Höhlung abgelegt und wechselseitig von beiden Gatten ausgebrütet, die Jungen fast nur mit den Puppen der beiden genannten Ameisenarten ernährt. Letztere verweilen ungestört bis zum völligen Flüggewerden im Neste, klettern ebenfalls innerhalb der Bruthöhle viel früher herum, als sie fliegen können, schauen oft zu ihrem Nestloche heraus und begrüßen die Ankunft der Eltern mit wunderlich zirpendem Geschrei, lassen sich auch, nachdem sie ausgeflogen sind, noch lange von den Eltern füttern. Diese bethätigen ihrer Brut gegenüber die größte Zärtlichkeit und Hingebung, sitzen beim Brüten so fest, daß man sie nicht selten über den Eiern ergreifen kann, und verlassen die Brut nicht. Wird eines von ihnen getödtet, so übernimmt der andere alle Fürsorge für letztere, insbesondere die Mühwaltung, welche die Aufzucht der sehr anspruchsvollen Jungen verursacht.
Abgesehen von dem Menschen stellen dem Grauspechte nur unsere größeren Falkenarten, insbesondere Habicht und Sperber nach. Letzterer stößt auf den Grauspecht; doch glaube ich nicht, daß er ihn zu erwürgen vermag; der Hühnerhabicht dagegen mordet ihn, ohne daß der sonst bewehrte Vogel Widerstand zu leisten vermöchte. »Noch vor kurzem«, schreibt Snell, »habe ich, durch das ängstliche Geschrei eines Grauspechtes aufmerksam gemacht, einen Fall derart mitangesehen. Ein Taubenhabicht hatte den Specht von einem Baume abgetrieben und verfolgte ihn auf das heftigste. Kreuz und quer ging nun die Hetzjagd durch die Zwetschgengärten längs des Baches. Das Geschrei des Grauspechtes wurde mit dessen Ermattung immer schwächer und verstummte endlich ganz. Da währte es nicht mehr lange, daß der Räuber seine Beute ergriff.« Aerger vielleicht als der Habicht gefährdet ihn ein strenger Winter: obgleich er in der Regel dem dadurch entgeht, daß er auswandert, geschieht es doch, und nicht allzu selten, daß plötzlicher und lang anhaltender Schneefall ihm die Möglichkeit raubt, rechtzeitig zu entrinnen. Unter solchen Umständen findet man ebenso oft verhungerte Grau-wie Grünspechte meist in der Nähe der Dörfer, in deren Obstgärten sie die letzte Zuflucht gesucht hatten.
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