Das Elfer-Bruchstück

Kisāgotamī

[557] 213

Die fromme Freundschaft hat der Herr

Gelobt im Leben oft und oft:

Wer frommen Freunden treu vertraut

Mag, unklug selbst, ein Kluger sein.


214

In edlem Umgang sei gesellt,

So wächst die Weisheit bald empor:

Wer edlen Umgang eifrig übt

Mag enden alles Leiden lind.


215

Man muß das Leiden merken recht,

Was Leiden rüstet, Leiden rafft,

Aus Leiden kühn erretten kann:

Was heilig wahr ist hören wohl!


216 · 217

»Erbärmlich ist der Weiber Los«:

Der Völker Führer hat's gesagt!

Erbärmlich quält uns Eifersucht,

Und junge Mütter kann man sehn

Das Messer in die Brust sich stoßen selbst;

Ja, Gift genießen zarte Mädchen gern,

Geraubt von Räubern, mutig doch;

Und Frau und Jungfrau, ach, verdirbt und stirbt.


[558] 218

In Wehen eilt' ich einst nach Haus,

Erblickte plötzlich tot am Weg den Mann:

Da kam ich elend nieder, traun,

Getragen heim.


219

Und Sohn und Tochter fand ich tot,

Ich ärmste Witwe, gattenlos:

Und Mutter, Vater, Bruder gar

Auf gleichen Scheiten glühen schon!


220

O du verwaistes armes Weib,

Erlitten hast du grenzenloses Leid:

In Strömen floß der Tränen Flut

Durch viele tausend Leben dir!


221

Den Gatten sah ich lodern licht,

Und süße Kindesglieder flackern glutverzehrt;

Allein verlassen, fluchbedeckt geflohn,

In Todesgram erfand ich was kein Tod ergreift.


222

Gewandelt bin aus Tod ich hin

Auf heilig achtgebahnter Spur:

Erwirkt ist Wahnerlöschung hier,

Der Wahrheit Spiegel ward erspäht.


223

Kein Stachel kann mich stechen mehr,

Bin lasterlöst,

Gewirkt ist was zu wirken war:

Ich, Kisāgotamī,

Bin köstlich froh befreit,

Und künd' es euch.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 557-559.
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