Anlegen

[333] Anlêgen, verb. reg. welches in zwiefacher Gestalt üblich ist.

I. Als ein Activum, eine Sache nahe an die andere legen, in mancherley so wohl eigentlichen, als figürlichen Bedeutungen des einfachen Verbi.

1. In eigentlicher und weiterer Bedeutung. Eine Leiter anlegen, an die Wand. Den Backen an ein Gewehr anlegen. Das Gewehr anlegen, an den Backen, es anschlagen. Ein Kind anlegen, an die Brust, es zu säugen. Einen Reif anlegen, dem Fasse. Einem Ketten, Fesseln anlegen. Einen Hund, einen rasenden Menschen anlegen, an eine Kette. Holz anlegen, an das Feuer. Feuer anlegen, an ein Haus, es in Brand zu stecken. Es ist diese Nacht wieder Feuer angeleget worden. Einen Rocken anlegen, den zum Abspinnen nöthigen Flachs um den Rocken legen, welches in Franken auch anferben genannt wird. Eben daselbst bedeutet auch die Anlegte, so viel Flachs, als auf einmahl an den Rocken angeleget wird. Die Garben anlegen, in der Landwirthschaft, die Garben zu beyden Seiten der Scheuntenne so legen, daß man sie bequem dreschen könne, in manchen Gegenden anstauchen. Einem Pferde den Zaum, die Halfter, den Zügel anlegen.


Die richtende Natur legt durch gemäße Qualen

Dem Willen Zügel an, und bändigt Cannibalen,

Dusch.


Einem Inquisiten die Daum- oder Beinschrauben anlegen, bedeutet in der Preußischen Criminal-Ordnung, sie bloß anlegen, ohne zuzuschrauben, in Sachsen aber, anlegen und zuschrauben, doch gleich wieder nachlassen, im Gegensatze des völligen Zuschraubens, welches in Sachsen mit den Daum- oder Beinschrauben vorstellen, oder angreifen genannt wird.

Auf ähnliche Art wird anlegen auch, als ein anständiger Ausdruck, für anziehen gebraucht, so wohl von der ganzen Kleidung, als auch von verschiedenen einzelnen Kleidungsstücken, von welchen selbst anziehen nicht gesagt werden kann. Ein Kleid anlegen. Schuhe, Strümpfe, den Degen, das Strumpfband anlegen. Man legte ihm den Mantel an. Sie hat wohl nicht ohne Ursache ihren ganzen Staat angelegt, Gell. Sich anlegen, sich ankleiden. Sich anders anlegen, sich umkleiden. Der Hof hat die Trauer angelegt. In dieser Bedeutung ist unser Verbum bereits sehr alt; denn Ottfried und Notker gebrauchen analegan nicht allein für anziehen, sondern analegi bedeutet bey ihnen auch ein Kleid. In dem Theuerdank Kap. 54. kommt anlegen in einer sonderbaren Verbindung vor. Tewrdank legt sich in sein Zeug an, legte sein Turnierzeug an. Die figürliche Bedeutung: Wer einem Narren Ehre anlegt, das ist u.s.f. Sprichw. 26, 8; und lasse sich auf die Backen schlagen und ihm viel Schmach anlegen, Klagel. 3, 30; in welcher auch Hofmanswaldau singt:


Der Himmel legt sich selbst mit neuen Kräften an,


ist im Hochdeutschen veraltet.[333]

Bey den Mahlern bedeutet anlegen so viel als illuminiren, mit Farbe belegen. Die Berge braun, einen Wald grün anlegen.

Hierher gehöret auch das Reciprocum sich anlegen, welches von verschiedenen leblosen Körpern gebraucht wird, wenn sie auf der Oberfläche eines andern Körpers zum Vorscheine kommen, oder sich an selbige anhängen. So leget sich die Speise an den Topf an. Die Krystallen legen sich an, wenn sie an dem Rande des Gefäßes entstehen, welches in der Sprache der Kunst noch häufiger anschießen genannt wird. Auch der Rost legt sich an das Eisen an, und figürlich auch der Neid an das Glück und an die Verdienste. Du weißt, daß sich der Neid jederzeit an das Glück anzulegen pflegt.

Die Redensart Hand anlegen, oder Hand an etwas legen, ist alt, und wird so wohl von dem gewaltsamen Angriffe einer Person und Sache, als auch von dem Anfange der thätigen Beschäftigung mit etwas gebraucht. In der ersten Bedeutung sagt schon Tatian Kap. 184. inti legitun iro hant in then heilant ana inti habetun inan; aber heut zu Tage gebraucht man in derselben lieber das einfache Verbum, Hand an einen legen. In der letzten Bedeutung sagt man auch noch jetzt häufig, Hand anlegen, mit Hand anlegen, mit arbeiten helfen, die letzte Hand anlegen, einer Sache die letzte Gestalt geben, sie zur Vollkommenheit bringen, ausbessern.

2. In verschiedenen figürlichen Bedeutungen, welche sich vornehmlich auf den vielfachen Gebrauch des einfachen Verbi legen gründen, bedeutet dasselbe:

1) So viel als anweisen, anstellen, zu einer gewissen körperlichen Arbeit bestimmen, im Gegensatze des Ablegens. In diesem Verstande wird es so wohl in dem Bergbaue, als auch in dem Jagd- und Forstwesen, und verschiedenen andern Lebensarten gebraucht, wo Arbeiter zu etwas anlegen, so viel bedeutet, als ihnen eine gewisse Arbeit aufgeben.

2) Zu einem gewissen Gebrauche anwenden. Geld an oder zu etwas anlegen. Sein Geld wohl anlegen. Sein Geld an Eitelkeiten, sein Vermögen an Landgüter anlegen. Seine Wohlthaten gut, schlecht anlegen. Man weiß ja nicht, wie man seine Gaben anlegt, Gell. Ich lege bloß die Interessen zu dergleichen Ausgaben an. Ich wußte in der Eil nicht, wozu ich das Geld anlegen sollte, Gell. So auch, seine Zeit wohl, übel anlegen, anwenden. Wohl angelegte Zeit.

Mit andern Substantiven möchte es in diesem Verstande, wenigstens im Hochdeutschen, wohl eben nicht sehr gewöhnlich seyn; denn die R.A. Fleiß an etwas anlegen, ist mehr Oberdeutsch.

3) Die erste Einrichtung, den Anfang zu etwas machen. Die Randhölzer, welche die Rundung des Schiffes anlegen, den Grund dazu legen. Ein Gebäude, eine Stadt, ein Dorf, einen Garten anlegen. Einen Weinberg anlegen, welches in Franken wenden, und in den Rheinländern anrotten genannt wird, vielleicht für anreuten oder anroden. Einen Jahrmarkt anlegen. Die meisten Bibliotheken sind entstanden, nur wenige sind angeleget worden, Less. Die Charaktere sind in diesem Lustspiele sehr geschickt angelegt. Ingleichen in weiterer Bedeutung, für anfangen. Die das durch ihre Unart zerstören, was durch das Gehör des Wortes bey ihnen angeleget war, Mosheim. Ehedem wurde dieses Verbum in noch weiterer Bedeutung für eine jede Verfertigung, Veranstaltung gebraucht. So heißt es z.B. in Boners 74sten Fabel:


Ich kan das angelegen wol,

Wie uns der kuoche werden sol.


4) Dienliche Mittel zu Erreichung einer Absicht vorbereiten und anwenden; doch nur im nachtheiligen Verstande. Er hat es darauf angelegt. Es ist darauf angelegt. Er legt es darauf[334] an, daß ich so scheinen soll, Less. Er pflegt alles von weiten anzulegen. Ingleichen verabreden, doch gleichfalls nur im nachtheiligen Verstande. Sie haben es mit einander angelegt. Das Bubenstück wird nicht so vollendet werden, als es angeleget ist. Es ist ein angelegter, heimlich verabredeter, Handel, wofür man in Oberdeutschland sagt, es ist ein angelegter Karren. * Sich mit bösen Buben anlegen, einlassen, abgeben, wie man gleichfalls in Oberdeutschland sagt, ist den Hochdeutschen unbekannt.

5) Auflegen, besonders von Abgaben. Einen Zoll anlegen. Neue Steuern und Gaben anlegen. Man könnte diesen Gebrauch füglich zu dem dritten rechnen, wo der Begriff der ersten Einrichtung der herrschende ist. Allein da man auch sagt, einen mit Steuern und Gaben anlegen, er ist in der Steuer sehr hoch angeleget, einen nach seinem Vermögen anlegen, und in Oberdeutschland, einen mit einer Geldbuße anlegen, d.i. belegen, so kann man es hier entweder als eine buchstäbliche Übersetzung des Latein. imponere ansehen, oder es zu derjenigen Bedeutung des einfachen legen rechnen, nach welcher es auch bestimmen, verordnen bedeutet. Daher legt man in den Rechten auch eine Sequestration an, wenn man sie verordnet und einrichtet.

II. Als ein Neutrum, welches das Hülfswort haben erfordert. 1) In der Schifffahrt, wo anlegen, mit dem Schiffe anlegen, so viel bedeutet, als nahe an das Ufer fahren, sich an die Küste legen, im Gegensatze des Ablegens. Die Schiffe müssen hier anlegen, anlanden. 2) Fett anlegen, fett werden, wo es zwar einen thätigen Schein hat, aber doch nicht im Passivo gebraucht werden kann.

Das Hauptwort die Anlegung, kann für die Handlung des Anlegens in allen eigentlichen und den meisten figürlichen Bedeutungen des Activi, in welchen Anlage nicht gewöhnlich ist, gebraucht werden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 333-335.
Lizenz:
Faksimiles:
333 | 334 | 335
Kategorien:

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon