Fuß, der

[372] Der Fūß, des -es, plur. die Fǖße, Diminut. das Fǖßchen, Oberd. Fǖßlein, dasjenige Gliedmaß des thierischen Körpers, welches demselben zur Bewegung auf der Erde dienet.

1. Eigentlich, da es denn so wohl in weiterer Bedeutung von diesem ganzen Gliedmaße bis an den Unterleib, als auch in engerer nur von dem untersten Theile desselben gebraucht wird. 1) Überhaupt, von diesen Gliedmaßen bey allen Thieren, welche im gemeinen Leben auch Beine genannt werden. Der Mensch und die Vögel haben zwey, manche Thiere vier, die Insecten sechs und mehr Füße. Die Jäger nennen die Füße an den Auerhahnen und ähnlichem Federwildbrete Ständer, die Beine der Hunde und alles haarigen Wildbretes Läufe, der Bären Arme, und den untersten Theil derselben, der im gemeinen Leben bey den mit Zähen versehenen Thieren die Pfote heißt, die Tatze. Fuß wird bey ihnen nur von der Sohle des Hirsches und Thieres gebraucht. 2) Besonders, von dem menschlichen Fuße, wo dieses Wort gleichfalls so wohl in weiterer Bedeutung von dem ganzen Gliede, als auch in engerer, von dessen unterstem Theile von dem Ende des Schienbeines gebraucht wird. Schuhe an den Füßen haben. Mit bloßen Füßen gehen. Sich zu jemandes Füßen setzen. Sich einem zu Füßen werfen, vor ihm niederfallen; einem zu Fuße fallen. Zu Fuße reisen, gehen, im Gegensatze des Reitens oder Fahrens. Gut zu Fuße seyn, gut gehen können. Ein Soldat zu Fuße, im Gegensatze eines Soldaten zu Pferde oder eines Reiters. Zu Fuße dienen, ein Soldat zu Fuße oder ein Infanterist seyn. Einem auf dem Fuße nachfolgen, sehr nahe. Ihm läuft das Glück auf dem Fuße nach, Gell. Fuß für Fuß, einen Schritt nach dem andern. Zu Füßen im Bette, in demjenigen Theile des Bettes, wo sich gemeiniglich die Füße befinden. Etwas mit Füßen treten. Trockenen Fußes durch einen Fluß gehen, ohne die Füße zu benetzen. Dahin gehören auch eine Menge figürlicher Arten des Ausdruckes, zu welchen dieses nothwendige Glied das Bild hergeliehen hat. Etwas unter die[372] Füße treten, es verachten und zu vernichten suchen. Die Gesetze der Tugend und Ordnung unter die Füße treten. Sich auf die Füße machen, anfangen zu gehen, sich auf den Weg machen. Einem Füße machen, ihn forttreiben, antreiben zu eilen. Sich mit Händen und Füßen wehren, aus allen Kräften. Jemanden auf freyen Fuß stellen, ihn in Freyheit setzen. Einen Fuß schon im Grabe haben, von dem Tode nicht weit mehr entfernt seyn. Die Sache hat Hand und Fuß, hat Geschick, ist ihrer Bestimmung völlig gemäß. Festen Fuß fassen, sich fest mit den Füßen stellen, ingleichen sich an einem Orte fest setzen. Den Feind festen Fußes erwarten, Less. ohne zu weichen. Festen Fuß halten, nicht weichen.


Was schwach und furchtsam ist, behilft sich mit dem Laufen,

Die Löwen halten Fuß,

Opitz.


Einem auf die Füße helfen, seinen häuslichen Zustand verbessern. Ein Land unter den Fuß bringen, es bezwingen, erobern. Ich habe heute noch keinen Fuß aus dem Hause gesetzt, bin nicht aus dem Hause gekommen. Stehenden Fußes, sogleich, den Augenblick. Sich stehenden Fußes auf den Weg machen. Einem etwas unter den Fuß geben, ihm heimlich Nachricht davon geben, es ihm heimlich anrathen. Mit jemanden über den Fuß gespannt seyn, nicht im besten Vernehmen mit ihm leben.

2. Figürlich. 1) Der unterste Theil eines leblosen Körpers, worauf er stehet, besonders wenn derselbe eine breite Grundfläche hat, zum Unterschiede von einem Beine. Der Fuß an einer Säule, der Säulenfuß. Der Fuß an einem Grenzsteine, dessen unterer dicker Theil. Der Fuß eines Tisches, Bettes, Uhrgehäuses, Weinglases, Handfasses u.s.f. Am Fuße des Berges, der auch dessen Wurzel heißt.


Zwey Kinder spielten einst hart an des Pico Fuß,

Lichtw.


Der Fuß eines Zirkels. Im Bergbaue heißt die unterste Fläche des Stollens, worauf das Wasser abläuft, der Fuß oder die Sohle. 2) Ein Maß. (a) Ein Längenmaß, welches vornehmlich im Bauen, und in Bestimmung der Weiten gebraucht wird, von der Länge des untersten Theiles des Fußes eines erwachsenen Menschen hergenommen ist, und auch ein Schuh genannt wird. Der geometrische oder Decimal-Fuß hält 10 Zoll und ist der zehnte Theil einer Ruthe. Der Rheinländische Fuß hält 12 Zoll und ist der zwölfte Theil einer Ruthe. Eines Fußes lang. Keinen Fuß breit weichen.


Kein Fuß breit steht daselbst dir ohne Waffen offen,

Schleg.


In dieser Bedeutung bleibt es, wenn es mit einem Zahlworte verbunden ist, im Plural unverändert, nach dem Beyspiele so vieler andern Wörter, welche ein Maß, Gewicht u.s.f. bedeuten. Sechs Fuß hoch, vier Fuß breit, nicht Füße. Stehet aber kein Zahlwort dabey, so wird es gemeiniglich auf Oberdeutsche Art abgeändert. Ein Maß nach Fußen, das Fußmaß. Etwas nach Fußen und nicht nach Ellen messen; nicht nach Füßen. (b) Bey den Orgeln, ein Maß des Tones der Orgeln, welches von dem Maße der Länge der Pfeifen hergenommen ist. Acht Fuß Ton, gleicht der Menschenstimme in den vier Altern. Vier Fuß Ton, wenn das tiefe e des Basses nur das unterste von der Octave des Tenors ist. 3) In der Dichtkunst, zwey oder mehr mit einander verbundene Sylben, welche regelmäßig auf einander folgen, ein Sylbenfuß; nach dem Latein. Pes, weil die Verse darauf gleichsam einher treten. Ein Vers von vier, von sechs Füßen. Ein jambischer trochaischer, daktylischer Fuß. 4) Der Zustand einer Sache ohne Plural. Seine Sachen stehen auf einem guten, auf einem schlechten Fuße. Eine Sache wieder auf den alten Fuß setzen. Ich habe mich[373] auf den Fuß gesetzt, daß ich seiner nicht bedarf. Dieses elende Haus siehet mich noch immer auf eben dem Fuße als den ersten Tag, Less. 5) Die Art und Weise der Behandlung einer Sache. (a) Truppen nach dem kaiserlichen Fuße errichten, auf eben die Art, wie die kaiserlichen errichtet sind. Er würde es vielleicht auf einen viel ernsthaftern Fuß nehmen, Schleg. die Sache viel ernsthafter aufnehmen. Muß sie auf einem so kindischen Fuße mit mir umgehen? Less. Wir leben auf einem sehr guten Fuße mit einander. Auf einem großen Fuße leben, vornehm, prächtig. Ein großer Fuß war ehedem eine Zierde, und die Schuhe hatten besonders im 14ten Jahrhunderte ihr bestimmtes Maß, nach dem Range dessen, der sie trug, so wie ehedem die Brillen in Spanien. Die Schuhe einer fürstlichen Person waren 21/2 Fuß, eines Freyherren 2 Fuß, und eines gemeinen von Adel 11/2 Fuß lang. (b) In dem Münzwesen, die Einrichtung des innern Werthes und Gehaltes der Münzen; der Münzfuß. Der alte Reichsfuß, welchen Ferdinand I. im Jahre 1559 zu Stande brachte, nach welchem eine Mark Silber auf 8 Rthlr. ausgemünzet wurde. Der neue Reichsfuß wurde 1623 beschlossen und nach demselben die Mark auf 9 Rthlr. 2 gl. gesetzt. Nach dem Zinnischen Fuße, der 1667 in einer Deputation in dem Magdeburgischen Kloster Zinna angenommen wurde, stieg die Mark Silber auf 10 Rthlr. 12 gr. Im Jahre 1690 kam der Leipziger Fuß in einer Deputation zu Leipzig auf, wo die Mark auf 12 Rthlr. gesetzt wurde. Nach dem Conventions-Fuße von 1750 endlich wurde sie auf 13 Rthlr. 8 gr. gesetzt.

Anm. Einige, z.B. die Schlesischen Mundarten, sprechen das u in diesem Worte geschärft aus, Fúß, Fǘsse, statt Fǘße. Bey dem Kero lautet es Fuazz, bey dem Ottfried Fuaz, im Isidor Fuozss, bey dem Raban Maurus Phuoz, bey dem Notker Fuoz. Die Niedersächsische und die damit verwandten Mundarten haben statt des Zischlautes ein t; Nieders. Foot, Schwed. Fot, Wallis. Pedd, Goth. Fotus, Isländ. Fotur, Engl. Foot, Angels. Fot, Holländ. Voed. Das Griech. πκς und Lat. Pes folgen in der ersten Endung dem Oberdeutschen, in den andern aber, ποδος, Pedis u.s.f. dem Niederdeutschen. Im Pers. heißt der Fuß Pah, Franz. Pié. S. Pfote, welches gleichfalls daher stammet. Das Stammwort ist vermuthlich das alte fus, eilig, Schwed. fösa, eilen, Angels. fus, hurtig; wenn nicht vielmehr diese Wörter von dem Fuße, dem Werkzeuge der Eil entlehnet sind. Bey dem Kero ist funs und funser, schnell. S. Faseln. In der Niederlausitz ist dieses Wort ungewissen Geschlechtes, das Fuß.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 372-374.
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