Regen

[118] Regen; so nennt man die aus den Wolken bald stärker, bald schwächer erfolgenden Ergießungen des Wassers, das jene in tropfbar flüssiger Gestalt enthalten. Der Regen ist unstreitig eine der wohlthätigsten Veranstaltungen in der Natur: er reinigt und erfrischt die Luft, ersetzt, was der Erdkörper durch Verdünstung verliert, und befördert die Vegetation; durch ihn entwickelt sich das Pflanzenkorn zum Keime, durch ihn reift die Blüthe zur Frucht. Wenn die helle Witterung sich ändert und Regen bevorsteht, so zeigen sich zuerst einzelne weiße Wolken, welche bald in größerer Menge erscheinen und endlich eine zusammenhängende Masse bilden, die wie ein weit verbreiteter Schleier den Himmel umgiebt. Diese Wolken werden, indem sie sich zusammenziehen, dunkler und dichter; und dadurch veranlassen sie das trübe Licht, das uns an einem Regentage den nahen Regen ankündigt. Zuletzt entledigt sich die durch ihre Vereinigung entstandene Hülle des angehäuften Wassers, das nun in kleinern oder größern Tropfen niedersinkt. Das Wasser also, das bei einem Regen zu unserer Erde kommt, entströmt den finstern Wolken, welche bei eintretendem Regenwetter den Horizont bedecken. Eine Beobachtung des Musschenbroek hat indessen gezeigt, daß auch bei einem völlig wolkenleeren Himmel Regen erfolgen kann; dieser Naturforscher sahe einmahl bei sehr heiterer, heißer und völlig stiller Sommerwitterung mehrere Regentropfen aus der Atmosphäre herabfallen. Die Wolken, die, wie das Besteigen hoher Berge lehrt, Nebel sind, die nur in den Höhen, in welchen sie über uns schweben, als dichte Massen erscheinen, halten das Regenwasser in kleinen Bläschen eingeschlossen. Nach der gewöhnlichen Meinung reißen diese Bläschen bei dem entstehenden Regen, worauf nun das in ihnen befindliche Flüssige den Gesetzen der Anziehung und der Schwere folgt, und die Gestalt von Tropfen annimmt. Wenn nur einzelne Wolken ihres Wassers sich entledigen; so nennt man den Regen einen Strichregen, der gewöhnlich von kurzer Dauer zu sein pflegt: regnet es hingegen aus einer gleichförmigen den ganzen sichtbaren Horizont bedeckenden Wolke, so ist der fallende Regen ein Landregen. Wolkenbruch wird der Regen genannt, wenn mit einem Mahle das in einer Wolke angesammelte Wasser zur Erde [118] stürzt. Schweben die Regenwolken in den höhern und kältern Gegenden des Luftkreises, so geht, wenn die untern Luftschichten auch sehr erkältet sind, das Regenwasser als Schnee oder Hagel hernieder. Es wird indessen jener und dieser auch in den untern Regionen der Luft bei einer sehr tiefen Temperatur der letztern sich bilden. Erfahrungen haben auch gezeigt, daß der in dem Höhern der Atmosphäre entstandene Schnee und Hagel in seinem Fallen schmelzen und als Regen zu uns gelangen kann. Oft werden von der Fläche unserer Erde leichte Materien, z. B. Blumenstaub, Pflanzensamen, durch die Winde in die Höhe geführt und bei einem erfolgenden Regen wieder zurückgebracht. Das Niederfallen dieser Substanzen hat unstreitig die Veranlassung zu jenen abenteuerlichen Erzählungen von einem Schwefel-Weizen- und Kornregen gegeben. Wenn man ehemahls an gewissen Körpern rothe Flecke bemerkte, so schloß man auf einem vorher erfolgten Blutregen; ein Regen, von welchem schon Homer und Cicero sprechen. Gegenwärtig ist es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß dergleichen Flecke nicht durch Blut, sondern durch gewisse geflügelte Insecten entstehen.

In gewissen Ländern pflegt es nur selten, in andern hingegen um so öfterer zu regnen; die Zahl der auf ein Jahr fallenden Regentage ist daher in den verschiedenen Gegenden nicht dieselbe. Diese Verschiedenheit hängt unstreitig von der Lage der Länder, ihrer Entfernung vom Meere, der Menge und Größe ihrer Seen, Flüsse, Moräste ab. Einige Schriftsteller, z. B. Bergmann, Kraft, Lambert, Musschenbroek, haben die jährliche Zahl der Regentage gewisser Gegenden und Städte angegeben. In Petersburg zählt man deren nach Kraft jährlich 40, in Abo in Schweden nach Bergmann 146, in Chur in Bünden nach Lambert 115, und in Leiden nach Musschenbroek 107. Die Zahl der Regentage steht übrigens nicht durchgängig mit der trüben Witterung im Verhältnisse; in Holland ist der Himmel immer bewölkt, und dennoch regnet es hier nicht so häufig als in manchen andern Ländern.

Gewöhnlich sieht man den Regen als einen durch Erkältung erfolgenden Niederschlag der in der Atmosphäre befindlichen wäßrigen Dünste an. Diese Theorie, nach welcher jene Ergießung ein Product des umgekehrt erfolgenden Ausdünstungs-Prozesses ist, hat manches gegen sich; allein die Erfahrungen, welche de Luc und Audere [119] für ihre Unzulänglichkeit anführen, können in der That nichts gegen sie beweisen. Man wendet ein, daß die Feuchtigkeit der Lust gar nicht im Verhältnisse mit der Menge des in dieselbe durch Ausdünstung übergegangenen Wassers stehe. »Unaufhörlich, sagt man, steigen wäßrige Dünste in die Atmosphäre auf, und dennoch wird die Feuchtigkeit der Luft nicht im geringsten vermehrt. Diese Dünste sollen in die höhern Gegenden des Luftkreises sich erheben: aber je höher man steigt, desto trockner erscheint die Luft; ja man bemerkt oft in ihren höhern und kältern Regionen einen Grad der Trockenheit, den sie in ihren tiefern und wärmern fast nie erreicht. Und in dieser trocknen Luft, in welcher das Hygrometer keine Feuchtigkeit angeigt, bildet sich oft plötzlich eine Menge von Wolken, entstehen mit einem Mahle die heftigsten Platzregen, welche mehrere Stunden anhalten und ganze Gegenden überschwemmen.« – Dieß sind Erfahrungen, welche man gegen die obige Theorie aufstellt, und nach welchen de Luc annimmt, daß das in die Atmosphäre übergehende Wasser in eine Luft verwandelt und erst durch eine dem Regen vorhergehende Zersetzung dieser Luft wieder erzeugt werde. Denkt man nun über diese Beobachtungen nach, so entdeckt man bald, daß sie nicht gegen die angeführte Meinung, sondern nur gegen diejenigen ihrer Verfechter sprechen, welche sich von dem Prozesse der Ausdünstung gewisse unrichtige Vorstellungen machen.

Unter den verschiedenen über den Regen gegebenen Erklärungen hat uns diejenige am meisten befriedigt, welche wir in Girtanners Anfangsgründen der antiphlogistischen Chemie in dem Kapitel von den Lufterscheinungen finden. Das durch Ausdünstung sich erhebende Wasser bleibt bei dem Uebergange in die Atmosphäre nicht tropfbar flüssig, sondern wird von dem freien Wärmestoffe, den es in jener antrifft, gelöst und in Gas verwandelt. In dieser Form ist es kein Gegenstand für das Hygrometer oder den Feuchtigkeitsmesser; dieses Werkzeug giebt nur das Dasein und die Menge desjenigen Wassers zu erkennen, das die uns umgebende Luft als palpable Flüssigkeit enthält. Wird nun dem in dem Luftkreise befindlichen Wassergas der zu dem gasförmigen Zustande nöthige Wärmestoff entzogen, so erhält das aufgelöste Wasser die tropfbare Gestalt wieder, und die Temperatur der Luft wird durch den entbundenen Wärmestoff [120] erhöht, bald aber durch den Regen und die Verdünstung des Regenwassers, die der Atmosphäre aufs neue Wärmematerie raubt, wieder zum Sinken gebracht. Nicht ganz auf dieselbe Weise entsteht nach Girtanner der Regen, der ein Gewitter begleitet. Hier bildet sich, nach ihm, ein großer Theil des Wassers durch eine vermittelst des Blitzes vor sich gehende Verbindung des Sauer- und Wasserstoffes, oder der Materien, welche das Wasser erzeugen; und wirklich sinkt bei Gewittern der Regen nicht nur mit einem Mahle und sehr stark, sondern auch immer erst nach erfolgtem Blitzen hernieder.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4. Amsterdam 1809, S. 118-121.
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