Europa

[331] Europa, der kleinste, aber wichtigste Theil der Erde, liegt zwar in einem, nach Verschiedenheit seiner Länder, sehr verschiedenen Himmelsstriche, welcher jedoch größtentheils gemäßiget und nur in einem [331] kleinen nördlichen Theile kalt ist, zwischen dem 7. bis 75. (nach andern: 8. bis 77.) Grade östlicher Lange, und zwischen dem 36. bis 71. nördlicher Breite. Seine Länge rechnet man, vom Vorgebirge St. Vincent in Algarbien bis zur Mündung des Flusses Oby in Rußland, ungefähr 800, und die Breite, vom Nordcap in Norwegen bis zum Vorgebirge Matevan in Morea, 550 geographische Meilen. Der Flächeninhalt oder Größe desselben ist nach einigen 160,000, nach andern 171,397, oder gar 179,059 Quadratmeilen. Die Grenzen desselben sind: gegen Morgen: der Archipel, die Dardanellen, das schwarze und Azowische Meer, und die Werchoturischen oder Uralschen (Riphgeischen) Gebirge, welche Europa von Asien trennen; gegen Abend: das atlantische Meer; gegen Mittag: das mittelländische und gegen Mitternacht: das nördliche und Eismeer. Die Einwohner Europaʼs theilt man in fünf Hauptvölker: 1) diejenigen, welche bei der Völkerwanderung (s. dies. Art.) durch die Vermischung mit den alten Einwohnern in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und England ihre Entstehung erhielten; 2) die Deutschen, die sich, außer Deutschland, in Preußen, Kur-, Lief- und Esthland, Polen, Ungarn und Siebenbürgen ausgebreitet haben; 3) die nordischen Völker in Dänemark, Schweden, Norwegen und Island; 4) die Slavischen in Rußland, Polen, Böhmen und Mähren; 5) die Osmanen oder Türken. Außer diesen Hauptvölkern giebt es noch viele andere, von jenen nicht abstammende Völkerschaften, als: Ungarn, Griechen, Tataren, Arnauten, Samojeden, Finen, Letten, Kurländer u. s. w., Irländer, die schottischen Hochländer, Juden und Zigeuner. Die Anzahl der Einwohner setzt man auf 150, 160, ja sogar über 1821 [332] Millionen, so daß über tausend Menschen auf eine Quadratmeile zu rechnen sind. Indessen ist natürlich die wirkliche Anzahl der Bewohner, nicht blos in Hinsicht eines Landes gegen das andere, sondern in jedem Lande selbst sehr verschieden, so daß nicht selten in einem und demselben Lande Ueberfluß und Mangel an Menschen, jener oft in großen Städten, dieser hingegen in Mittel- und kleinen Städten, besonders in Dörfern bemerkbar auffallend gegen einender abstechen. Noch auffallender wird beides, wenn man die Bevölkerung eines Landes mit dem andern vergleicht: so hat man den größten Contrast bei Vergleichung der Insel Island und der Insel Maltha (s. diese Art.) gefunden, indem auf einem gleich großen Raume in jener Ein Mensch, in Maltha Eilfhundert leben. – Der Erdboden Europaʼs ist in wenigen Ländern ganz eben; und man hat sogar bestimmen wollen, daß die Gebirge den zehnten Theil des ganzen Erdtheiles ausmachten. Die Hauptgebirge sind: 1) die Pyrenäen, Frankreich von Spanien trennend (s. dies. Art. in den Nachtr.); 2) die Alpen (s. dies. Art) Außer diesen Gebirgen sind in Frankreich: das Juragebirge, die Sevennergebirge und die Vogesen (s. dies. Art.); in Deutschland: der Schwarzwald, der Fichtelberg (s. dies. Art.), das Thüringerwald- und [333] Harzgebirge (s. d. Harz), das Erzgebirge (s. dies. Art. in den Nachtr.), die Sudeten, das Riesengebirge (s. diese Art.), die Mährischen Gebirge und die Carpathen (s. d. Art.); in Großbritannien besonders die schottischen Hochgebirge (s. Schottland); im Dänemark und zwar in Norwegen das gegen 150 Meilen lange Kölengebirge, das sich in zwei Hauptarme ausbreitet, wovon der eine, Sevebirget genannt, die Grenze zwischen Norwegen und Schweden macht. Der höchste Berg in Europa ist der Montölane in Savoyen (s. dies. Art.); für das höchste Dorf hält man Saint Véran in Frankreich, im Departement der Ober-Alpen; so wie für die höchste bekannte menschliche Wohnung in Europa das Hospiz auf dem großen St. Bernhardsberg, in welchem General Desaix (s. beide Art. in den Nachtr.) begraben wurde. – Die vorzüglichsten Meere dieses Erdtheiles sind: gegen Abend das atlantische Meer; gegen Morgen das Azowische und schwarze Meer; gegen Mitternacht (von Spanien aus gerechnet) das biscayische oder spanische Meer; zwischen Großbritannien (d. h. England und Schottland) und Irland das irländische Meer, das beide Länder scheidet, die Nordsee oder das deutsche Meer, das baltische Meer oder die Ostsee (s. diese Art.), mit dem Bothnischen und Finnischen Meerbusen; noch weiter an den mitternächtlichen Küsten von Europa und Asien der nordische Ocean oder das Nordmeer (s. dies. Art. i. d. Nachtr.); gegen Mittag das mittelländische Meer, welches da, wo es zwischen den Küsten von Dalmatien, Istrien und Italien einen Meerbusen macht, das adriatische Meer genannt wird. Durch mehrere dieser Meere werden viele Länder Europaʼs von einander getrennt; allein die Meere selbst sind durch verschiedene Meerengen mit einander verbunden.

In Ansehung des physischen Climaʼs theilt man Europa in drei Theile: 1) in den warmen Landstrich, bis zum 45. Grad nördlicher Breite, in welchem Citronen, Pomeranzen u. dgl. ohne Pflege wachsen; 2) in den gemäßigten, bis zum 63. Grad nördlicher Breite, wohin alle Länder [334] gehören, in welchen das Getreide zur Reife kommt; 3) in den kalten Landstrich, in welchem nicht einmal Holz wächst. – Die Naturproducte sind nothwendig nach der Beschaffenheit des Landstriches sehr verschieden; doch bringt im Ganzen der Boden alles, was zur Nothdurft erfordert wird, hinreichend, und von dem, was zur Bequemlichkeit und zum Vergnügen dienen kann, vieles hervor. Indeß muß Europa in Hinsicht seiner Producte aus dem Pflanzenreiche, deren es überhaupt viele den andern Erdtheilen zu danken hat, so wie in Ansehung der edleren Producte des Mineralreiches allerdings jenen nachstehen. Der Getreidebau, so wie die Ausfuhre desselben, wird in einigen Ländern, z. B. Deutschland, Sicilien, Preußen stark getrieben, in andern viel Flachs, Hanf und Tabak erbaut. Wein und Baumfrüchte sind in den westlichen und südlichen Ländern sehr vorzüglich, da hingegen die nördlichen und östlichen an großen Waldungen von Nutzholze reich sind. Die Viehzucht ist, nach Beschaffenheit der Weide, in manchen Ländern beträchtlich, in manchen sehr gering; hingegen fehlen Wildpret, zahme und wilde Vögel, so wie Fische, nirgends; und überhaupt hat Europa, in Hinsicht der vorzüglich nutzbaren Thiere, vor andern Erdtheilen Vorzüge. An unedlen, aber unentbehrlichen Metallen, als: Eisen, Kupfer, Zinn, Quecksilber, verschiedenen nutzbaren Erdarten, Marmor und andern zum Bauen und zur Auszierung dienlichen Steinen, an Salzen aller Art, Schwefel, Steinkohlen etc. ist kein Mangel. – Die Bearbeitung der Naturproducte durch Manufakturen, Fabriken, Handwerke, ist nach der Verschiedenheit der Producte, der Einwohner, der Regierungen und selbst nach dem Wechsel der Mode sehr verschieden. Wenn sie, bei der täglich thätiger werdenden Industrie, an sich immer vielfältigere und – wenn schon nicht selten ohne Rücksicht auf den innern Gehalt, blos in der Form – immer geschmackvollere Arbeiten liefern, und also in dieser Hinsicht im Steigen sind; so ist es im Gegentheile außer Zweifel, daß, bei den nun fast zwanzigjährigen unaufhörlichen, nach und nach immer [335] weiter um sich greifenden und fast für ganz Europaʼs Wohlstand immer nachtheiliger werdenden Kriegen – Manufakturen, Fabriken und Handwerke im Ganzen immer mehr sinken. Eben dies gilt von dem Handel, der sowohl innerhalb Europa selbst, und in Ansehung der europäischen Länder unter einander, als auch in Ansehung der übrigen Erdtheile mit Europa, theils durch Verbote, theils durch Blokaden etc. beschränkt ist. Da übrigens die Producte, welche durch Manufakturen, Fabriken und Handwerke bearbeitet werden, und mit welchen Handel getrieben wird, eines Theils viel zu zahlreich, andern Theils bei den einzelnen Ländern angegeben sind; so wäre es überflüssig, hier in ein näheres Detail derselben einzugehen. – In Ansehung der Religionen giebt es in Europa zwei herrschende oder Hauptreligionen. nemlich die christliche und mahomedanische. Jene, die ausgebreitetste, theilt sich in fünf Kirchen: 1) die griechische, in Rußland herrschend; 2) die römisch- katholische; 3) die evangelisch-lutherische, von welchen beide letztere nach und nach in vielen Ländern, wo vorher nur eine die herrschende war, gleiche Rechte erhalten haben; 4) die reformirte; 5) die englische (vergl. Dissenters), die in England und Irland herrscht, und in Schottland geduldet wird. Außer diesen giebt es noch einige abweichende kleine Kirchen oder Secten, als: Mennoniten (s. Anabaptist), Herrnhuter, Quäker, Socinianer (s. diese Art.). Die mahomedanische Religion ist in der europäischen Türkei die herrschende. Ueberbleibsel der heidnischen Religion findet man nur noch in einigen Gegenden Rußlands und im nördlichen Lappland. Die jüdische Religion wird in den meisten europäischen Staaten geduldet, so wie sich überhaupt die Freiheiten der Juden (s. dies. Art. i. d. Nachträgen) seit einigen Jahren, besonders durch die ihnen von Frankreich ertheilten Begünstigungen, in vielen Ländern vermehret haben. – Wissenschaften und Künste blühen in Europa stärker, als in einem andern Theile der Erde, vorzüglich in Frankreich, Italien, Großbritannien, Holland, Deutschland und, [336] seit Alexanders I. Regierung, in Rußland. Besonders stehen die schönen Künste fast überall in Ansehen. – Und wie viel würde namentlich für Malerei und Bildhauerkunst zu erwarten sein, da Paris durch die dort aufgehäuften Kunstschätze und bei der Liberalität, mit welcher man den Künstlern zu vielen, vorher verborgenen Kunstschätzen einen freien Zugang verstattet, eine so vorzügliche Schule geworden ist. Allein auch für die Künste (Tonkunst und Schauspielkunst ausgenommen) sind in mehreren Ländern die unglücklichen Folgen des Krieges sehr fühlbar geworden. – Die Grenzen dieses Werkes erlauben uns nicht, noch mehreres über Europa hinzuzusetzen. Wir wollen daher nur noch eine Uebersicht der vorzüglichsten Staaten dieses Erdtheils hinzufügen. Er enthält gegenwärtig I) vier Kaiserthümer: Frankreich, Oestreich, Rußland, die Türkei; II) ein und zwanzig Königreiche: Portugal, Spanien, England, Schottland, Irland, Italien, Neapel, Sicilien, Sardinien, Holland, Bayern, Wirtemberg, Westphalen, Sachsen, Preußen, Dänemark, Norwegen, Schweden, Galizien, Ungarn, Böhmen; III) vier Großherzogthümer: Baden, Berg, Hessen, Würzburg; IV) acht Republiken: Schweiz, Wallis Poglizza, San Marino, Hamburg, Bremen, Lübeck, Danzig. Außer diesen sind, vorzüglich in Deutschland, viele Herzogthümer und Fürstenthümer und herzogliche und fürstliche Lande, in Ansehung deren wir auf den Art. Deutschland und den Nachtrag dazu verweisen.


Fußnoten

1 Es ist sehr erklärbar, daß und warum, in Ansehung dieser Angaben, sich große Verschiedenheit findet. So sehr man momlich in neuern Zeiten, besonders in manchen Ländern, bemüht gewesen ist, die Anzahl der Einwohner zu bestimmen, so ist dieses doch immer nicht mit der möglichst größten Genauigkeit geschehen, und man trifft auf sehr auffallend abweichende Angaben, sogar bei einzelnen Orten Gewöhnlich bestimmt man dieselbe nach der Anzahl der Personen, welche im Durchschnitt jährlich an dem Orte sterben, und rechnet hierbei öfters blos nach der Analogie. Allein, bei der sehr verschiedenen Beschaffenheit einzelner Orte eines und desselben Landes, durch ihre Lage und andere hierbei zu berücksichtigende Umstände, giebt eine solche analoge Berechnung immer keine ganz festen und sicheren Resultate. Ja, da man, selbst zur Berechnung der Bevölkerung in Städten und Dörfern im Allgemeinen, meistens nur einen ungefähren Maaßstab annimmt – man rechnet z. B., daß in großen Städten jährlich der 25ste bis 30ste, auf den Dörfern der 40ste bis 50ste Mensch stirbt; da man in den Todtenlisten die wirklichen Einwohner des Ortes und die blos auf längere oder kürzere Zeit daselbst verbliebenen Fremden und Ausländer (z. B. Handwerksgesellen, Dienstboten, Reisende etc.) nicht genug, oder gar nicht unterscheidet, mithin es auch sogar hier erst genauer Untersuchungen bedarf, um von jener ungefähren Angabe die für diesen Ort wirklich richtige aufzufinden: so werden auch hieraus die Verschiedenheiten in den Angaben des großen Ganzen noch erklärbarer.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 7. Amsterdam 1809, S. 331-337.
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