Eurōpa

[171] Eurōpa (hierzu die Karten: »Europa. Fluß- und Gebirgssysteme« und »Politische Übersicht«), einer der fünf Erdteile, der kleinste der drei, welche die Alte Welt bilden. Übersicht des Inhalts:

Tabelle

Name, Weltstellung und Grenzen.

E. ist seiner Gliederung wie seiner kulturhistorischen und politischen Bedeutung nach unbedingt der wichtigste unter den fünf Erdteilen. Der Name ist wahrscheinlich assyrischen oder phönikischen Ursprungs (hier ereb = Dunkel, d. h. Sonnenuntergang). Seiner Größe nach stellt sich E. mehr als die größte der Halbinseln des mächtigen Asien dar, mit dem es seiner ganzen Breite nach im O. zusammenhängt; aber die selbständige Entwickelung, die das menschliche Geschlecht auf seinem Boden genommen, Europas Stellung in der Weltgeschichte berechtigen vollständig, dasselbe als besondern Erdteil anzunehmen. Daß der kleine Erdteil seinen überwältigenden Einfluß auf die größern ausüben kann, hat seinen Grund in der Weltstellung desselben. E. liegt nämlich gerade in der Mitte der Landanhäufung auf der Erdkugel, umlagert von drei Erdteilen in größerer oder geringerer Entfernung, von Asien, Afrika und Nordamerika, und wenn es auch nur mit einem unmittelbar zusammenhängt, so ist es von den übrigen doch bloß durch verhältnismäßig schmale und leicht zu passierende Meeresteile gesondert.

Die nordwestlichen Grenzen Europas berührt der Atlantische Ozean. Das Mittelländische und Schwarze Meer im S., das Baltische im N. des Erdteils, Binnenmeere von einer Bedeutung, wie sie kein andrer Kontinent aufzuweisen hat, dringen mit ihren Armen vielfältig und tief in denselben ein und bringen die entferntesten Erdteile in innigere Berührung mit E., als sie das kontinentale Asien trotz der Landverbindung hat. Der größte Teil der Nord- und Nordwestgrenzen Europas ist ozeanisch; die Südgrenzen sind zwar ebenfalls größenteils maritim, aber an Binnenmeeren gelegen und an drei Stellen (Gibraltar, Dardanellen und Konstantinopel) nur durch schmale Straßen von den Nachbarkontinenten geschieden; die Ostseite Europas ist völlig kontinental. Die natürliche Ostgrenze Europas, die zunächst der Kamm des Ural, nach andern dessen Ostfuß bildet, zieht sich vom Südende dieses Gebirges aus längs des niedrigen Landrückens des Obschtschij Syrt zur Wolga nach Kamyschin und folgt von da dem Abfall der Wolgahöhen südwärts über Zarizyn bis zur ponto-kaspischen Niederung, in der die Kuma zum Kaspischen, der Manytsch zum Schwarzen Meer zieht. Es ist dies die Grenze des Ackerbodens gegen den der Salzsteppen und Wüsten um das Kaspische Meer, die vom Ural bis zum Kaukasus reichen; die Steppen des europäischen Rußland sind wohl baumlose Ebenen, aber ohne Salzboden. Die politische Ostgrenze Europas greift in den russischen Gouvernements Perm und Orenburg über das Uralgebirge hinaus und hält sich später westlich vom Uralfluß, den sie nur im Gouv. Orenburg überschreitet. Die weitere Grenze bilden das Kaspische Meer und die Flüsse Manytsch und Kugu Jeja, die das europäische Rußland von Kaukasien trennen.

Europas nördlichster Punkt ist das Nordkap auf Magerö, 71°10' nördl. Br. und 25°50' östl. L. (der nördlichste Punkt des Festlandes ist das Nord-Kyn), sein südlichster Punkt die Punta Maroqui, 35°59' 53'' nördl. Br. und 5°39' westl. L., sein westlichster das Kap da Roca, 38°40' nördl. Br. und 9°31' westl. L. Die größte Längenausdehnung des Erdteils fällt in die Richtung von SW. nach NO., vom Kap St. Vincent (37°3' nördl. Br.) bis zum Karischen Golf, und beträgt 5560 km, seine größte Breite in der Richtung von N. nach S., vom Nordkap (oder Nord-Kyn) bis zum Kap Matapan (36°23' nördl. Br.), 3860 km; die schmälste Stelle ist zwischen dem Golfe du Lion und dem Vizcayischen Meerbusen, 370 km breit. Im allgemeinen nimmt die Breite des europäischen Festlandes von W. nach O. hin mehr und mehr zu, so daß sich, nach Abrechnung der anstoßenden Halbinseln,[171] als Grundgestalt des Kontinents die Form eines rechtwinkligen Dreiecks ergibt, von dem die eine Spitze am Meerbusen von Vizcaya, die andre am Karischen Golf, die dritte, mit dem rechten Winkel, am Nordrand des Kaspischen Meeres gelegen ist.

Areal und Gliederung. Meere.

Der Flächeninhalt von E. begreift nach der politischen Grenzbestimmung (mit Ausschluß von Russisch-Kaukasien, den Kanarischen Inseln, Madeira und den Polarinseln) 9,732,119 qkm (176,745 QM.). Dagegen würde E. innerhalb seiner natürlichen Grenzen (bis zur Manytschlinie, aber ohne die Kaspisteppe und die polaren Inseln) nur 9,246,000 qkm (167,917 QM.) groß sein. Die europäische Küste am Eismeer beträgt 10,552 km, am Atlantischen Ozean (einschließlich Ost- u. Nordsee) 57,470 km, am Mittelländischen Meer 14,513 und am Schwarzen Meer 4338, die Küstenentwickelung des ganzen Weltteils also 86,873 km. Bei keinem andern Erdteil findet eine so vielfältige Berührung zwischen Meer und Land statt. Entsprechend diesem Verhältnisse sind auch die bedeutendsten Halbinseln auf der Süd- und Nordwestseite des Erdteils angesetzt; nach dem unwirtbaren Pol hin strecken sich nur zwei geringere Glieder (Kanin und Kola), während Skandinavien gegen den Norden hin durch hohe Gebirgsmauern abgeschlossen ist und Jütland z. T. schon der Westhälfte des Erdteils angehört. Man kann im ganzen zwölf europäische Halbinseln unterscheiden, die sich als gesonderte, individuelle Länderräume an das oben bezeichnete Dreieck anschließen. Es sind Kanin und Kola, Skandinavien, die Cimbrische Halbinsel, Nordholland, Normandie, Bretagne, die Iberische Halbinsel, Italien, Istrien, die Griechische Halbinsel und die Krim. Ihr Flächeninhalt wird auf 2,243,000 qkm (1/5 des Erdteils) oder mit Einschluß Finnlands, das manche auch zu den Halbinseln rechnen, auf 2,683,000 qkm (48,728 QM.) geschätzt.

Um den so mannigfach gegliederten Körper Europas sind aber noch eine beträchtliche Zahl Inseln sehr günstig gelagert. Dieselben haben inkl. der polaren Inseln einen Flächenraum von ca. 736,000 qkm (13,361 QM.), ohne letztere von ca. 469,000 qkm (8518 QM.), liegen dabei, mit Ausnahme Islands, sämtlich den Küsten des Kontinents benachbart und sind meist durch schmale Meeresarme davon getrennt, ohne daß sie sich in langen Reihen weit in den Ozean hinaus verlaufen. Einzelne der E. gehörigen Inseln liegen im N. vor, sind aber nur öde, einflußlose Eilande; zahlreich sind die kleinen Felsinseln, die sich den Küsten Skandinaviens und Finnlands anschließen; größere, nämlich die niedrigen dänischen Inseln, verknüpfen Südskandinavien mit dem gegenüberliegenden Festland. Um Großbritannien und Irland, die größten der europäischen Inseln, die allein es zur selbständigen politischen Entwickelung gebracht, gruppieren sich kleinere Inseln und Inselreihen, und nördlich von ihnen vermitteln die Färöer die Verbindung Schottlands mit Island. Unter den Inseln des Südens sind die wichtigsten die drei großen italienischen: Korsika, Sardinien und Sizilien, in dessen Süden die Maltagruppe den Übergang zu Afrika bildet. Griechenland, die gegliedertste der Halbinseln, besitzt auch die zahlreichsten Inseln längs seiner Küsten, von denen im O. die zahllosen Inseln des Archipels die Brücke nach Asien bilden.

Meere. Europas Seeküsten werden im N. vom Nördlichen Eismeer und dessen zahlreichen Buchten bespült, von denen sogar das Weiße Meer ein halbes Jahr lang durch Eisbedeckung dem Schiffahrtsverkehr verschlossen ist. Vom Atlantischen Ozean erstrecken sich zwei vom Land umringte Binnenmeere tief nach O. in den Erdteil herein, das südliche oder das Mittelmeer und das nördliche, die Nord- und Ostsee, verbunden durch die drei Straßen der Belte und des Sundes, eine wesentliche Bereicherung Nordeuropas, wenn auch jene Straßen zuweilen gänzlich zufrieren und jährlich die innersten Teile-der Ostsee, der Finnische Meerbusen und von den Ålandsinseln an auch der Bottnische, sich monatelang mit Eis bedecken. Die Nordsee kennt kein solches Hemmnis der Schiffahrt; dort gefährden nur die Stürme den Schiffer, insbes. beim westlichen Zugang aus dem offenen Ozean durch den Kanal. Nur der Ozean und die Nordsee besitzen Ebbe und Flut in größerm Maßstab; mit voller Wucht treffen die Flutwellen die dortigen Küsten in der Richtung aus SW. und stauen sich am höchsten am Westende des Kanals und in seiner Nachbarschaft, wo an den Scillyinseln die Springflut bis 6,5 m, an den Normännischen Inseln bis 9,7 m steigt. Kaum nennenswert ist dagegen die Größe der Gezeiten im Mittelmeer und in der Ostsee. Auch die Strömungen des Meeres sind gewaltiger an der ozeanischen Seite; schwächer, wenn auch vorhanden, sind sie in den Binnenmeeren. Von den Küsten der Nordsee und des Atlantischen Ozeans geht daher erst seit der höhern Ausbildung der Schiffahrt der Weltverkehr aus, während das nur durch enge Straßen mit den Nachbarmeeren zusammenhängende, einem See gleich geschlossene Mittelmeer früh schon den Verkehr zwischen seinen umliegenden Küsten ermöglichte und E. die Bildungselemente aus dem Osten zuführte, die sich auf dem gegliederten Boden Europas zu reicherer Blüte entfalteten und endlich die in die Mitte seiner Küsten gestellte italische Halbinsel zur Herrin aller Mittelmeerländer machten. Auch hier sind die östlichen Meeresteile (Schwarzes und Asowsches Meer) die am wenigsten begünstigten.

Bodengestaltung.

(Vgl. die Karte »Fluß- und Gebirgssysteme«.)

Der vielgestaltigen horizontalen Gliederung Europas entspricht die Erhebung seines Bodens, wenn auch der größte Teil desselben Tiefland, nur ein kleiner Berg- und Gebirgsland ist. Den ganzen Osten Europas nimmt ein großes Tiefland ein, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Tiefland Turans und Sibiriens steht und von der Grenze Asiens bis zu der Westküste Europas am Kanal reicht. Es legt sich mit den nordöstlichen Gliedern des Atlantischen Ozeans trennend zwischen das gebirgige Skandinavien im N. und das von niedern Hügelzügen bis zur Hochgebirgshöhe sich erhebende Berg- und Gebirgsland im S. des Kontinents. Dieses große europäische Tiefland, das eine Fläche von 5,5 Mill. qkm (100,000 QM.), also fast 3/5 des Kontinents bedeckt, läßt sich in ein größeres osteuropäisches (russisches) und ein kleineres germanisches Tiefland teilen; beide werden voneinander durch das Gebiet der Weichsel und die Sumpflandschaften am obern Dnjepr getrennt. Im allgemeinen ist das große Tiefland keine einförmige Ebene, sondern eine wellenförmige, teils aus niedrigen Platten bestehende, teils von Hügelreihen durchzogene Fläche. Die osteuropäische Ebene wird durch mehrere Höhenzüge unterbrochen, die jedoch nicht, wie man früher annahm, als zusammenhängende Landrücken zu betrachten sind. Jenseit des 60. Breitengrades zieht sich zwischen den Flußgebieten der Petschora und Dwina das sogen. Timangebirge hin; südlich davon streicht in ostwestlicher Richtung der schmale[172] Nordrussische Landrücken, im östlichen Teil Uwalli genannt, bis etwa zur Stadt Wologda und bildet die Wasserscheide zwischen Petschora und Dwina einerseits und dem Wolgasystem anderseits. Eine Depression zwischen dem Weißen Meer und dem Finnischen Meerbusen trennt vom Dwinabecken die granitische Seenplatte von Finnland. Der bisher erwähnte Teil des großen Tieflandes, den man auch als die arktische Ebene bezeichnet, steht durch eine breite Pforte zwischen der Quelle der Suchona und dem Ladogasee mit den südlichen Niederungen in Verbindung, während im N. der Waldaihöhe eine andre Niederung in die Ebene der russischen Ostseeprovinzen hinüberleitet. Die Waldaihöhe (351 m) ist der nördliche Ausläufer des zentralen Plateaus von Rußland (mittelrussische Bodenschwelle), das sich zwischen dem 58. und 50. Breitengrade südwärts bis zum Wolgaknie und dem Dnjepr erstreckt und im Durchschnitt 220 m hoch ist. Von der Waldaihöhe zieht sich bis über den obern Niemen hinaus der westrussische oder litauische Landrücken hin, der aus mehreren Höhenzügen besteht. Rechts des Dnjepr führen die Plateaus von Wolhynien und Podolien zu den Karpathen über.

Die germanische Tiefebene wird an der Ostsee durch die baltische Seenplatte eingerahmt, die am Niemen beginnt und sich bis nach Jütland hinzieht. Im S. der Seenplatte lassen sich von der mittlern Weichsel bis zur Elbe drei große Längstäler verfolgen, die mehrere niedrige Platten umschließen, die von Weichsel und Oder und ihren Nebenflüssen mehrfach durchbrochen werden. Südlich davon durchschneidet das östliche Norddeutschland ein System von Grenzrücken, das sich an der obern Oder an die oberschlesisch-polnische Platte anlehnt (Trebnitzer Berge 311 m), sich quer durch die Mark Brandenburg als Niederlausitzer Hügel und Fläming fortsetzt und in der Lüneburger Heide endet. In ihrem westlichen Teil zwischen der mitteldeutschen Gebirgsschwelle und der Nordsee wird die germanische Tiefebene lediglich Flachland, ist vielfach mit Mooren bedeckt und sinkt in den Niederlanden sogar unter den Meeresspiegel hinab. Jenseit des Rheins bildet die fruchtbare flandrische Ebene den Übergang zu den nord- und westfranzösischen Tieflandschaften, die vom gebirgigen Zentralfrankreich die niedrigen Berginseln der Normandie und Bretagne trennen. Seine größte Ausdehnung hat hier das Tiefland im SW., wo es östlich von Carcassonne zwischen den Ausläufern Zentralfrankreichs und der Pyrenäen mit dem Rhonetiefland in Verbindung tritt. Letzteres scheidet die Alpen von Zentralfrankreich und geht nordöstlich in die Hochebene über, welche die Alpen im N. begrenzt. Das Flachland Ostenglands ist als eine Fortsetzung der großen europäischen Tiefebene zu betrachten; dagegen gehört die Osthälfte der Skandinavischen Halbinsel, die auch eine von vereinzelten Hügeln unterbrochene Ebene bildet, wegen ihrer geologischen Beschaffenheit dem nordeuropäischen Gebirgsland an, dem aus demselben Grund allerdings auch das oben erwähnte Finnland zuzurechnen wäre.

Das große europäische Tiefland trennt zwei Gebirgsmassen voneinander, im N. das Skandinavische System, das den W. und N. der großen nordischen Halbinsel erfüllt und als eine Hochebene erscheint, die gegen den Atlantischen Ozean schroff abfällt, gegen O. sich aber allmählich abdacht. An Massenhaftigkeit wird dies nordeuropäische Gebirgsland (265,400 qkm) nicht einmal von den Alpen erreicht, an Gipfelhöhe bleibt es weit hinter ihnen zurück (Galdhöpig 2560 m). Im S. des großen Tieflandes erhebt sich das Gebirgsland von Südwesteuropa, das etwa die Form eines Dreiecks hat. Den Kern desselben bilden die Alpen. Sie liegen in der Mitte der wichtigsten Kulturländer Europas, dehnen sich in der Richtung von WSW. nach ONO. vom 5.–17.° östl. L. aus und werden im S. vom Ligurischen Meer, der Lombardischen Tiefebene und dem Adriatischen Meer, im W. vom Rhonetiefland eingeschlossen; im NO. steigen ihre Ausläufer in die Tiefebenen der Donau hinab, nur im N. ruht ihr Fuß auf einer Hochebene, die den Übergang zu den Mittelgebirgslandschaften Deutschlands bildet. Ihre Breite nimmt von W. nach O. von 150–300 km zu, ihre Länge beträgt von Nizza bis Wien ca. 1000 km; sie bedecken mit ihren Ausläufern (aber ohne die vorgelagerten Hochebenen) eine Fläche von 220,000 qkm. Vier große Stromtäler umgeben das Hochgebirge von allen Seiten, von denen drei ihren Anfang im Herzen der Alpen nehmen: Rhein, Rhone, Inn; das vierte, das Po-Tal, bildet nur eine Furche des Westflügels. Die Gipfelhöhe steigt in den Westalpen von S. nach N., bis sie im Mont Blanc, dem höchsten Berg Europas, mit 4810 m ihren Kulminationspunkt erreicht; in den Mittelalpen sinkt sie von W. nach O. zu 2600, in den Ostalpen von 3800–1600 m. Die mittlere absolute Kammhöhe der Ostalpen beträgt 1838 m, der Mittelalpen 2382 m, der Westalpen ca. 2000 m, trotzdem würde die mittlere Höhe der Alpen insgesamt nach Ausgleichung aller Unebenheiten nur 1400 m ergeben.

Die Mittelgebirgslandschaften Südwesteuropas zerfallen in drei Hauptgruppen: die östliche (karpathische), die mittlere (deutsche), die westliche (französische). Die Taleinsenkungen der March, Betschwa und obern Oder trennen die erste von der zweiten, das Plateau der Franche-Comté die zweite von der dritten. Die östliche Gruppe, die karpathische, ist auf allen Seiten von Tiefländern umgeben, so im NO. von dem großen osteuropäischen, im S. zieht sich längs der untern Donau das walachische Tiefland hin, während jenseit des Eisernen Tores den Raum zwischen den Gebirgen der Balkanhalbinsel und den Ausläufern der Alpen einerseits und den Karpathenlandschaften anderseits drei Tiefländer ausfüllen: die große niederungarische Ebene (113,500 qkm), die kleine oberungarische Ebene (12,400 qkm) und die Tiefebene Niederösterreichs (2918 qkm), die voneinander durch Bergzüge getrennt sind. Die Hauptausdehnung des in mächtigem Bogen die ungarischen Tiefländer von NW. über N. bis SO. umfangenden Gebirges liegt in der Richtung von OSO. nach WNW. und mißt 820 km; der Flächenraum, den die Karpathen bedecken, beträgt gegen 188,500 qkm (3424 QM.). Den südöstlichen Hauptteil des Gebirgssystems bildet das Siebenbürgische Hochland, ein ringsum von zum großen Teil noch mit wahrem Urwald bedeckten Gebirgen (im S. die Transsylvanischen Alpen, im W. das Siebenbürgische Erzgebirge) eingeschlossenes Viereck. Der nordwestliche Hauptteil sind die eigentlichen Karpathen, die aus einem äußern Rand- und dem innern Gebirge bestehen. Außen ziehen sich von Siebenbürgen die Ostkarpathen oder das Karpathische Waldgebirge, die Beskiden und die Kleinen Karpathen in großem Bogen bis zur Donau hin. Zum innern Gebirge gehören die Zentralkarpathen oder die Hohe Tatra. In dieser erreichen die Karpathen alpine Höhe (Gerlsdorfer Spitze 2659 m) und mit ihren kleinen, blauen Hochgebirgsseen, ihren Berg- und Felsformen und in ihrer Vegetation auch[173] völlig alpine Natur. Südlich von der Tatra erhebt sich das metallreiche Ungarische Erzgebirge (Fatra). Mit ihm in Verbindung tritt der Bakonyer Wald, der in der Richtung von NO. nach SW. die nieder- und oberungarische Ebene trennt.

Das deutsche Mittelgebirgsland zerfällt in vier Hauptglieder: 1) das Alpenvorland oder die oberdeutsche Hochebene, die nordwärts bis zum Deutschen Jura und Böhmerwald reicht und im W. in die schweizerische Hochebene, im O. in das österreichische Alpenvorland übergeht; sie enthält im südlichen Teil eine Reihe von Seen, im nördlichen zahlreiche Moore. 2) Das südwestdeutsche Becken besteht aus der fränkisch-schwäbischen Stufenlandschaft im O., mit dem Deutschen Jura, der vom Böhmerwald durch eine Einsenkung getrennt ist, und reicht nordwärts bis zur Wasserscheide zwischen Main und Werra, ferner aus der oberrheinischen Tiefebene mit ihren Randgebirgen (Schwarzwald, Odenwald und Spessart im O., Vogesen, Hardt und Pfälzer Bergland im W.), endlich aus der Lothringer Stufenlandschaft, die bis über die Maas hinausreicht. 3) Die mitteldeutsche Gebirgsschwelle dehnt sich zwischen Maas und Elbe aus und zerfällt in das Rheinische Schiefergebirge (Hunsrück und Eifel westlich, Taunus, Siebengebirge, Westerwald etc. östlich des Rheins), das hessische Berg- und Hügelland (Vogelsberg, Rhön, Habichtswald), die thüringischen Gebirge (Thüringerwald, Harz) und das subherzynische Hügelland (Weser- und Wiehengebirge, Teutoburger Wald). 4) Die Randgebirge Böhmens im W. und N. bestehen aus dem Böhmerwald (Arber 1457 m) mit dem Bayrischen Wald, dem Fichtelgebirge, dem sächsischen Erzgebirge, dem Elbsandsteingebirge und den Sudeten, die sich aus dem Iserkamm, dem Riesengebirge (Schneekoppe 1603 m), dem Waldenburger Gebirge, dem Glatzer Schneegebirge und dem Mährischen Gesenke zusammensetzen.

Zur dritten Hauptabteilung des mitteleuropäischen Gebirgsbogens, zum französischen Mittelgebirgsland, gehören das zentrale Hochplateau Innerfrankreichs, die im O. und SO. sich daran anschließenden Gebirgsketten von Charolais und Lyonnais, die Cevennen und der Parallelzug des Forez. Im Innern der Auvergne und im O. liegt ein ausgedehntes Gebiet vorgeschichtlicher vulkanischer Tätigkeit. Hoch ragen über das granitische Plateau des Innern trachytische Dome empor, unter ihnen Innerfrankreichs höchster Gipfel, der 1886 m hohe Mont Dore. Das Plateau von Langres, wichtig durch seine Pässe aus dem Rhoneland nach Paris, verknüpft Zentralfrankreich mit dem südwestdeutschen Becken. Unter den Gebirgen, welche die südlichen Halbinseln Europas durchziehen, hängen die Apenninen in Italien am engsten mit den Alpen zusammen. Sie durchziehen in einer Länge von 1190 km bei einer Breite von 30–135 km die ganze Halbinsel in einem sich dem Adriatischen Meere nähernden Bogen. In ihrem mittlern Teil, den Abruzzen, erreichen sie die größte Höhe (Gran Sasso d'Italia 2921 m). Fruchtbares Hügelgelände begleitet den Fuß des Gebirges, unterbrochen durch wenige Tiefebenen; diese Landschaften bilden auf der Westseite den Subapennin, dessen südlichster Teil die fruchtbare Ebene von Kampanien umschließt, in der sich der noch tätige Vulkankegel des Vesuv (1282 m) erhebt. Auch die italischen Inseln sind gebirgig: Korsika mit dem 2710 m hohen Monte Cinto, Sardinien mit dem Berg Genargentu, 1918 m; auf Sizilien, in dessen Innerm der Plateaucharakter herrscht, steigt der mächtige Vulkankegel des Ätna sogar bis 3279 m empor. Italien ist, von Island abgesehen, der einzige Teil Europas, wo noch gegenwärtig die vulkanische Tätigkeit zu öfterm Ausbruch kommt.

Die Gebirge der Türkisch-griechischen Halbinsel stehen nur in losem Zusammenhang mit den Alpen. Im NW. reicht das System der Illyrischen Alpen (im äußersten Nordwesten Dinarische Alpen genannt) weit nach S., zuletzt in die südsüdöstliche Richtung übergehend und zahlreiche natürliche Bergfesten bildend, so in Montenegro und in Albanien. Südlich folgen die meist von NW. nach SO. streichenden Züge des Pindussystems, an die sich einzelne Querrücken (Olymp, Othrys, Ota) anlehnen, und die Berge des hellenischen Festlandes mit dem sagenreichen Parnaß und dem steilen Taygetos; nordöstlich davon die Gebirgszüge der Chalkidischen Halbinsel mit dem Athos. Auch der Despoto Planina (Rhodope), mit dessen Nordende der Rilo Dagh in Verbindung steht, zwischen Makedonien und Rumelien, folgt der gleichen Richtung. Von W. nach O. zieht dagegen das System des Balkans (2374 m), das die untere Donauebene im S. begrenzt, bei Sofia unterbrochen durch eine plateauartige Einsenkung. Auch die zahlreichen Inseln, die längs der Küste des Adriatischen und Ionischen Meeres das Festland begleiten, und so auch alle Inseln des Archipels, selbst das südlich gelegene Kreta, sind durchaus gebirgiger Natur; auf letzterm erhebt sich der Ida bis zu 2450 m Höhe.

Die Spanische oder Iberische Halbinsel ist zum bei weitem größten Teil Hochland, das sich in seltener Geschlossenheit, innen mit ausgedehnten Hochebenen von 700–800 m Höhe, aus dem Meer erhebt. Während das zentrale Tafelland ohne die scheidenden Gebirgsketten einen Flächeninhalt von 211,430 qkm (3840 QM.) einnimmt, umfaßt das Tiefland nur 21,800 qkm (396 QM.). Es wird von drei Küstenländern gebildet, dem aragonischen im NO. am Ebro, dem andalusischen im S. am Guadalquivir und dem des Tajo im W., von denen die beiden ersten tief ins Land eindringen, das Ebrotiefland die hohe Gebirgskette der Pyrenäen im S. begrenzt. Letztere bilden zwischen Spanien und Frankreich vom Mittelmeer bis zum Vizcayischen Meerbusen eine schwer überschreitbare Grenzscheide mit hohen, felsigen Gipfeln, unter denen der Pie d'Aneto (3404 m) der höchste ist. Als ihre nordwestliche Fortsetzung erscheint die Kette des Kantabrischen Gebirges. Wie im N. die Pyrenäen, so wird an der Südküste das Bätische Gebirgssystem, das in der Sierra Nevada mit dem Cumbre de Mulahacen eine Gipfelhöhe von 3481 m erreicht, durch das andalusische Tiefland vom zentralen Hochland getrennt. Außerdem ziehen noch zwei Gebirgsketten der Sierra Nevada parallel: das Marianische Gebirgssystem, das Randgebirge des Hochlandes gegen Andalusien, mit der Sierra Morena und die hohe Kette des Kastilischen Scheidegebirges.

Die größte Insel Europas, Großbritannien, gleicht Skandinavien durch die zerrissenen, buchtenreichen, gebirgigen Westküsten und durch das Flachland an der Ostseite. Fast das ganze Schottland ist gebirgig, während in England, je weiter südlich, ein um so breiteres Flachland sich ausdehnt. Das gebirgige Großbritannien besteht aus mehreren, durch schmälere oder breitere Niederungen getrennten Gebirgslandschaften, die im schottischen Ben Nevis 1343 m Höhe erreichen. Sie zerfallen in die nordschottischen Gebirge: die schottischen Hochlande und das Grampiangebirge,[174] getrennt durch die Einsenkung, worin der große Loch Neß liegt, und das südschottische Grenzgebirge, von den Grampians durch eine von Meer zu Meer reichende Niederung geschieden; in England folgen dann von N. nach S. die seenreichen Cumbrian Mountains, das Walliser und das Cornishgebirge. In Irland waltet das Flachland vor. Denkt man sich das Gebirgs- und Hochland Europas gleichmäßig über den gesamten Erdteil verteilt, so würde sich das Niveau desselben um 297 m erhöhen.

Gewässer.

(Vgl. die Karte »Fluß- und Gebirgssysteme«.)

Die fließenden Gewässer Europas, deren Zahl man auf 230,000 schätzt, gehören zu drei verschiedenen Gebieten, nämlich zu dem des Kaspischen Meeres, des Arktischen Meeres und des Atlantischen Ozeans mit seinen zahlreichen Nebenmeeren. Zum Kaspischen Meer führt die Wolga die Gewässer Innerrußlands, der größte der europäischen Ströme mit einem Gebiet von 1,459,000 qkm (26,500 QM.), weit hinauf schiffbar und dadurch von Wichtigkeit für den Warenverkehr mit dem Osten, durch Kanäle auch mit dem Westen und Norden in Verbindung gesetzt. Unter den Flüssen des 1,288,000 qkm (23,400 QM.) betragenden Gebiets des Nördlichen Eismeeres ist die Dwina mit einem Gebiet von 365,400 qkm (6636 QM.) nicht allein der bedeutendste, sondern auch der allein für den Verkehr wichtige; der Kubinskische und Weiße See (Bjeloje Osero) vermitteln die Kanalverbindung zwischen ihrem Hauptquellfluß, der Suchona, der Ostsee und dem Kaspischen Meer. Das Gebiet des Atlantischen Ozeans umfaßt 6,534,000 qkm (118,700 QM.), von denen nur 1,142,000 qkm (20,700 QM.) auf den offenen Ozean, 725,000 qkm (13,200 QM.) auf die Nordsee mit Skagerrak, 944,000 qkm (17,100 QM.) auf das Mittelländische Meer, 1,663,000 qkm (30,200 QM.) auf die Ostsee, 2,060,000 qkm (37,500 QM.) auf das Schwarze und das Asowsche Meer kommen. In den die Ostsee umgebenden Ländern ist Europas Seenreichtum am größten: in Pommern liegen über 960, in West- u. Ostpreußen 440, in Livland 1200, mehr noch in Finnland und seiner Nachbarschaft, hier auch Europas größte Seen: der Ladoga- und Onegasee, deren Gewässer die Newa zur Ostsee führt. Der Flächeninhalt des Ladogasees beträgt 18,129 qkm (329 QM.), der des Onegasees 9752 qkm (177 QM.). Von den übrigen Zuflüssen aus O. und S. entspringen nur die Weichsel und die Oder am Rande des europäischen Mittelgebirgslandes, die übrigen gehören dem Tiefland an. Charakteristisch für die Ostsee sind die großen Haffe, in die sich Niemen, Weichsel und Oder ergießen. Das Nordseegebiet reicht mit Elbe, Weser und Maas bis tief in das deutsche Mittelgebirge, mit dem Rhein bis mitten in das Herz der Alpen hinein; eine größere Zahl kleinerer Zuflüsse gehört nur dem Tiefland an, darunter auch die Eider auf der Cimbrischen Halbinsel und die Themse in England. Die Niederungen des Tieflandes erleichtern die Kanalisierung, und so finden wir zwischen dem Ost- und Nordseegebiet Kanalverbindung von der Düna bis zur Elbe und westlich zwischen den Flüssen des niederländischen Tieflandes wieder eine solche, die entwickeltste von ganz E. Auch in England sind die Zuflüsse der Nordsee mit denen des westlichen Meeres durch großartige Kanalbauten in Verbindung gesetzt. In den Kanal ergießt sich die Seine; dem offenen Atlantischen Ozean strömen, außer einem Teil der großbritannischen Flüsse und den irischen, die nach W. fließenden Gewässer Frankreichs und der Spanischen Halbinsel zu; unter ihnen hat die Loire das größte Gebiet, von 115,146 qkm (2091 QM.), nächst ihr die Garonne mit 90,550 qkm (1644 QM.) und der Tajo oder Tejo mit 82,525 qkm (1499 QM.). Wohl am meisten für Schiffbarmachung und Kanalverbindung der Flüsse untereinander ist in Frankreich geschehen, und so führen denn vom Atlantischen Ozean zum Rheingebiet sowohl als zu dem Mittelmeer und seinen Zuflüssen Kanäle.

Unter den zahlreichen Zuflüssen des Mittelländischen Meeres sind nur drei, der Ebro mit 99,922 qkm (1815 QM.), die Rhone mit 98,667 qkm (1792 QM.) und der Po mit 74,907 qkm (1360 QM.) Gebiet, Flüsse zweiten Ranges; die übrigen sind kleinere, den drei südeuropäischen Halbinseln ganz angehörige Flüsse. Das Schwarze Meer und das damit zusammenhängende Asowsche Meer empfangen drei Ströme ersten Ranges, darunter die Donau, den zweitgrößten Strom Europas, mit einem Flußlauf von 2860 km Länge und einem Gebiet von 816,950 qkm (14,837 QM.). Die Donau allein besitzt ein Delta unter den Zuflüssen des Schwarzen Meeres, wie unter den Mittelmeerflüssen auch Po und Rhone, unter denen der Nordsee der Rhein; alle übrigen Zuflüsse des Pontus öffnen sich mit weiten Flußbuchten (Limanen). Das Donaugebiet umfaßt das ganze Innere des östlichen Mittelgebirgslandes, die Nordabdachung der Türkisch-griechischen Halbinsel, den größten Teil der Alpen und des südlichen Teiles des deutschen Mittelgebirgslandes. Auch die Steppenseen Ungarns, der Neusiedler und Plattensee, werden vom Donaugebiet umfaßt. Abgesehen von dem Donau-Mainkanal besitzt nur noch das große ungarische Tiefland Kanalverbindung. Von den übrigen größern Zuflüssen des Schwarzen Meeres entspringt nur der Dnjestr am Rande der östlichen Mittelgebirgslande; der Dnjepr und der in das Asowsche Meer sich ergießende Don gehören ganz dem Tiefland an. Der Dnjepr ist durch Kanäle mit den Zuflüssen der Ostsee verbunden. Das Gebiet des Don beträgt 430,252 qkm (7814 QM.), das des Dnjepr 526,946 qkm (9570 QM.). Außer den schon erwähnten Seen finden sich noch einzelne zerstreute größere in Irland, im W. der Italischen Halbinsel der Trasimenische und im W. der Türkisch-griechischen Halbinsel die Seen von Ochrida und Skutari. E. gehört zu den in hydrographischer Hinsicht begünstigtsten Teilen der Erde, mit dem nur noch Nordamerika wetteifert.

Geologische Übersicht.

Gesteine der archäischen Formationsgruppe treten sehr verbreitet in den zentralen Partien der großen europäischen Kettengebirge auf, so in den Alpen, den Karpathen, dem Balkan, dem Kaukasus, den Apenninen und Pyrenäen, ferner, als ein langes, schmales Band vom Nördlichen Polarmeer bis in die Breiten des Norden des des Kaspischen Meeres streichend, im Ural. In Deutschland nehmen die kristallinischen Schiefer im Schwarzwald, Odenwald und Spessart, im Fichtelgebirge, im Böhmerwald, im Erzgebirge und in den Sudeten große Flächen ein. Im N. sind die Skandinavische Halbinsel sowie die nordwestlichen Provinzen Rußlands zwischen dem Bottnischen Meerbusen und Weißen Meer ganz überwiegend aus diesem altkristallinischen Material zusammengesetzt. Auch in Schottland und Nordirland, auf der Balkanhalbinsel und in Südrußland zwischen Bug und Dnjepr, ferner in Zentralfrankreich, in der Bretagne, auf Sardinien und Korsika ist die archäische Formation sehr entwickelt, ebenso im westlichen und zentralen Teil der[175] Iberischen Halbinsel. Kambrium, Silur und Devon sind außer in England auch in Schottland und Irland weitverbreitet, in Frankreich besonders in der Bretagne und in der Normandie. Breite Streifen der drei Formationen durchziehen von O. nach W. Spanien und Portugal und beteiligen sich an der Zusammensetzung der Pyrenäen. Deutschland besitzt ältere paläozoische Schichten in Schlesien, Thüringen, im Fichtelgebirge, im Harz und namentlich in Nassau, Rheinland u. Westfalen (Rheinisches Schiefergebirge). In Österreich-Ungarn sind Schichten gleichen Alters aus Böhmen, Nordmähren und den Grenzländern gegen die Balkanhalbinsel auszuführen. Wichtig sind endlich ältere paläozoische Schichten für Skandinavien, das jüngere Bildungen nur an seinen südlichen Grenzen aufzuweisen hat, sowie für Rußland (vgl. Russisches Reich). – Die Steinkohlenformation ist in Spanien, auch in Frankreich und Belgien, ebenso in Großbritannien und in Deutschland (zumal in Westfalen und in Schlesien) über große, zusammenhängende Gebiete verbreitet. In Böhmen tritt sie um Pilsen herum auf, ferner in Nordmähren, nur unbedeutend in den Alpen, in Italien und auf der Balkanhalbinsel, mächtiger dagegen im O. Europas, wo sie teils längs des Urals, teils vom Weißen Meer bis in die Gegend südlich von Moskau zutage geht, nicht selten Kohle führend. – Die Dyasformation besitzt in Großbritannien, Spanien und Frankreich keine ansehnliche Verbreitung, wohl aber in Deutschland. Im Schwarzwald, im Rhein-Nahe-Gebiet, in den Vogesen und dem Erzgebirge kommt Rotliegendes, mit Porphyren und Melaphyren eng verknüpft, ohne Zechstein (ähnlich wie in Frankreich und Spanien) vor; dagegen im Odenwald, im Spessart, am Thüringer Wald und am Harz in Verbindung mit Zechstein, der als mächtige salzführende Bildung weithin in die Norddeutsche Tiefebene unterirdisch sich fortsetzt. Im O. Europas bedeckt die Formation als sogen. Perm ein überaus großes Gebiet zwischen Moskau und dem Ural. – Die Triasformation hat ihre typische Entwickelung in Deutschland. Hier sind ihre drei Glieder immer nachweisbar und bilden, abgesehen von einem kleinern Vorkommen in Oberschlesien, große, zusammenhängende Territorien, die sich von Norddeutschland nach Süddeutschland ausdehnen, jenseit des Rheins in den Vogesen und der Hardt ihre Fortsetzung finden und noch weit nach Frankreich hinein verfolgbar sind. Etwas abweichend ausgebildet ist die Trias in England, noch stärker abweichend in den Alpen, wo neben ihr auch die rätische Formation eine große Mächtigkeit erreicht. Wie in den Alpen, so ist die Trias auch in den Karpathen, im Balkan und im südöstlichen Spanien entwickelt. – Der Jura findet sich besonders in dem mit diesem Namen bezeichneten Gebirgszug, der Frankreich und die Schweiz trennt, als Schwäbische Alb durch Württemberg zieht und als Fränkischer Jura sich bis zum Main verfolgen läßt. In seiner Fazies von dem Schwäbisch-fränkischen Jura mehr oder weniger verschieden ist der Jura im Rheintal am Fuße der Vogesen und des Schwarzwaldes sowie in Norddeutschland, in England und im Innern Frankreichs. Jura findet sich ferner in Spanien, Italien, in den Alpen und den östlich an diese sich anschließenden Kettengebirgen, in Oberschlesien und in Polen, von wo aus sich die Formation anscheinend unterirdisch bis an die Ostsee erstreckt, in der Gegend von Moskau und weiter nordöstlich bis zum Nördlichen Eismeer. Der Wealden, eine Zwischenbildung zwischen Jura und Kreide, findet sich in Südostengland, Nordostfrankreich und in Nordwestdeutschland (am Deister, am Osterwald und bei Obernkirchen und Minden mit bauwürdigen Kohlenflözen). – Die Kreideformation ist in England, Frankreich, Dänemark, Südschweden sowie auf Rügen und Wollin als Grünsand und weiße Schreibkreide entwickelt, in Westfalen, wo sie die Decke der Steinkohlenformation bildet, als glaukonitischer Mergel oder Grünsand, in Sachsen, Nordböhmen, Oberschlesien, Polen und, wenig ausgedehnt, in der Gegend von Regensburg teils als Sandstein (Quadersandstein) und Mergel (Plänermergel), teils als glaukonitischer Sandstein. In einer andern, besonders durch das Auftreten von Hippuriten ausgezeichneten Fazies ist die Kreide im südlichen E., in Portugal, Spanien, den Pyrenäen und Südfrankreich, entwickelt und am Aufbau der Alpen, der Apenninen und der Karpathen beteiligt. Auch auf der Balkanhalbinsel, im Kaukasus und an der Wolga sind Ablagerungen der Kreide bekannt. – Die dem ältern Tertiär zugehörigen Nummulitenkalke und Flyschbildungen kommen in den großen Kettengebirgen, den Pyrenäen, den Alpen, den Apenninen, den Karpathen, sehr verbreitet vor und steigen dort bis zu bedeutenden Höhen an, woraus mit Recht geschlossen wurde, daß sich der wesentliche Akt des Faltungsprozesses, der diese Gebirge bildete, erst nach der Ablagerung jener tertiären Gesteine vollzog. Andre, meist jüngere Tertiärbildungen stellen wohl arrondierte Becken dar (Pariser, Londoner, Mainzer, Wiener Becken). In Norddeutschland, in Böhmen und in den Alpen führen die Tertiärbildungen häufig bauwürdige Braunkohle. Bildungen jüngsten tertiären Alters endlich (Pliocän) sind besonders in Südengland, in Italien (Subapenninenformation) und in den Steppen Südrußlands vorhanden. An vielen Punkten in Italien, Spanien, Frankreich, Irland, auf den Hebriden, in Mitteldeutschland, Böhmen und Ungarn lieferte die vulkanische Tätigkeit der Tertiärperiode gewaltige Ausbrüche von Trachyt, Andesit, Phonolith und Basalt. – Der Diluvialperiode gehört der Löß an, dem Rhein-, Main- und Donautal ihre Fruchtbarkeit verdanken, und der im Elbtal (Böhmen, Sachsen), an der Oder und Weichsel, in Oberschlesien bis tief nach Rußland hinein in mitunter sehr großer Mächtigkeit entwickelt ist. Ein besonderes Gepräge hat die diluviale Eiszeit einem großen Teil der Oberfläche Europas ausgedrückt durch die Ablagerung gewaltiger Schuttmassen auf den ältern Schichten, als die von allen höhern Gebirgen ausgehenden, halb E. überziehenden Vergletscherungen sich allmählich in die heutigen Grenzen zurückzogen. Das Tiefland Großbritanniens, die Norddeutsche Tiefebene, einschließlich Hollands im W. und der russischen Ostseeprovinzen im O., auch ein großer Teil Süddeutschlands und Südfrankreichs sind mit solchem »glazialen Schutt« bedeckt. – Langsam, aber stetig wirken die sedimentären Gesteinsbildungsprozesse während der Alluvialzeit durch Absätze in Flußbetten, in Seen und im Meer, durch die Erosion der Oberflächengesteine, durch den Vertorfungsprozeß umwandelnd auf die Oberfläche Europas ein, während die vulkanische Tätigkeit in E., obschon in ihren Anfängen bis in die Tertiärzeit zurückgehend, jetzt auf ein Minimum reduziert ist: tätige Vulkane besitzen nur Island, Italien (Vesuv, Ätna, Stromboli etc.) und der Griechische Archipel (Santorin).

Der geologische Aufbau Europas ist im allgemeinen nicht einfach. Die Pyrenäen, die Apenninen,[176] die Alpen und deren östliche Fortsetzung, die Karpathen und der Balkan, sind erst in tertiärer Zeit zu ihrer jetzigen Höhe aufgetürmt worden. Nördlich von diesen Kettengebirgen liegen von sedimentären Schichten gebildete Stufenländer, wie die süd- und mitteldeutsche Triaslandschaft, oder große, flach muldenförmige, besonders von Tertiärbildungen ausgefüllte Becken und weite Diluvialflächen, wie die norddeutsche und die sarmatisch-russische Ebene, in der ältere Ablagerungen nur vereinzelt hervortreten, dann aber auch einzelne kleinere Gebirge, wie das Zentralplateau von Frankreich, die Vogesen, der Schwarzwald, der Böhmerwald und die mitteldeutschen Gebirge. In dem ganzen außeralpinen Osteuropa, in Galizien, Podolien, der Bukowina und Rußland (mit Ausnahme des Kaukasus, der Krim, des Donezschen Kohlenbeckens und des Urals), ebenso in Finnland, Schweden und dem östlichen Norwegen, also in der ganzen sogen. russisch-skandinavischen Tafel, besitzen alle Bildungen bis hinunter zur Basis der kambrischen Formation eine ungestörte horizontale Lagerung. Dagegen finden sich im westlichen Norwegen, in Österreich westlich von Lemberg, in Deutschland, Frankreich und England nirgends kambrische oder silurische Schichten noch ungestört, ja an vielen Stellen sind hier selbst die Kreideschichten nicht mehr in ihrer ursprünglichen Lage. Dagegen wurden einzelne Teile des geologisch sehr kompliziert gebauten westeuropäischen Schollenlandes schon gegen das Ende der Silurzeit gefaltet, so das schottische Hochland, die Hebriden und Irland, wo die devonischen Ablagerungen ungestört über ausgerichteten archäischen, kambrischen und silurischen Gesteinen liegen. Der Bayrische und der Böhmerwald sind schon vor Beginn der Karbonformation ausgerichtet und später von keiner bedeutenden Bewegung mehr ergriffen worden. Dann zeigen Sudeten, Erzgebirge, Fichtelgebirge, Thüringer Wald, Harz, Rheinisches Schiefergebirge, Ardennen, Schwarzwald, Vogesen und der östliche Teil des französischen Zentralplateaus in ihren alten Gebirgskernen eine ganz übereinstimmende Faltung, die noch die karbonischen Sedimente mit betroffen hat; daraus und aus dem Verlauf der Falten kann man schließen, daß sie Bruchstücke eines ehemals zusammenhängenden, etwa zu Ende der Karbonzeit fertig gebildeten Alpengebirges darstellen. Schon im Verlauf der permischen Zeit wurde dieses sogen. variskische Hochgebirge in großartigem Maßstab abgetragen und zerstört, und auf den Höhen der Vogesen und des Schwarzwaldes sehen wir daher die Triassedimente auf den abradierten Falten des alten Schiefergebirges in nahezu horizontaler Lagerung. Das süd- und mitteldeutsche Stufenland mit seinen triadischen und jurassischen Ablagerungen bezeichnet nach SueßAntlitz der Erde«, 1885) einen riesigen Einbruch, in dem ein großes Stück des variskischen Hochgebirges in die Tiefe gesunken ist. Auch die archäischen Schiefer, die den westlichen Teil des Zentralplateaus von Frankreich, die Bretagne und die anstoßenden Gebiete zusammensetzen und auch noch im südwestlichen England erscheinen, entsprechen dem Kern eines ebenfalls am Ende der Karbonzeit vorhanden gewesenen Hochgebirges, an dessen Aufbau auch noch die paläozoischen Ablagerungen in Cornwall und Devonshire, die westliche Hälfte des Kohlengebirges im nordöstlichen Frankreich und in Belgien und unter den jüngern Schichten des Londoner und Pariser Beckens und unter dem Kanal verborgene ältere Schichten teilnehmen. Die westliche Fortsetzung dieses sogen. armorikanischen Hochgebirges, das in seinem östlichen Teil ein nordwestliches, dann weiter nach W. hin ein westliches und schließlich ein westsüdwestliches Streichen zeigt, ist unter dem Atlantischen Ozean versunken. Jünger als die Faltung der beiden eben erwähnten Hochgebirge ist die Faltung der Wealdenformation in England und des (subherzynischen) Hügellandes westlich und südlich vom Harz (Hils, Deister, Süntel, Teutoburger Wald etc.) sowie die Herausbildung des Harzes, des Thüringer Waldes, der Sudeten etc., in denen noch bis in die ältere Tertiärzeit hinein Bewegungen stattgefunden zu haben scheinen. Vgl. zu vorstehendem Abschnitt die geologischen Karten bei den Artikeln Alpen, Deutschland, England, Frankreich, Harz, Österreich, Schwarzwald, Sudeten und Thüringen.

[Mineralien.] Europas Kohlenschätze sind mit wenigen Ausnahmen (hier und da im Rotliegenden, im Lias von Ungarn, in der norddeutschen Wealdenformation, in der Kreideformation von Istrien, im südlichen Frankreich und Spanien) der Steinkohlenformation und dem Tertiär eingelagert; Eisenerz bergen die verschiedensten Formationen; Steinsalz kommt, bisweilen mit Kalisalzen zusammen, in der Dyas (Norddeutschland), in mehreren Niveaus der Trias (Württemberg, Baden, Lothringen), in der Juraformation (Bex), im Tertiär (Spanien, Galizien, Siebenbürgen) vor und bildet sich in den übersättigten Salzseen der europäischen Ostgrenze auch jetzt noch fort. Hauptdistrikte für europäisches Petroleum sind der Südabhang der Transsylvanischen Alpen, die Bukowina und die Karpathen von Galizien und Ungarn; auch Unterelsaß und Nordwestdeutschland liefern etwas Petroleum und Asphalt. Ziemlich reich an letzterm ist der obere Jura in Hannover. Phosphorit findet sich im Silur (Spanien und Podolien), im Devon (Nassau), in der Kreide (England, Nordfrankreich, Böhmen und Mittelrußland) sowie auf sekundärer Lagerstätte im Diluvium (Rußland etc.).

Von edlen Metallen wird Gold in bedeutender Menge nur im ungarisch-siebenbürgischen Erzgebirge und am mittlern Ural (hier auf sekundärer Lagerstätte, zum Teil mit Platin zusammen) gewonnen. Silber ist in geringer Menge sehr verbreitet, an Blei- und Kupfererze gebunden; reichere Silbererze finden sich vorzüglich in Norwegen (Kongsberg), im sächsischen Erzgebirge, am Harz und in der spanischen Provinz Guadalajara. Spanien ist auch ausgezeichnet durch seinen Reichtum an Quecksilber (Almaden in der Sierra Morena), das außerdem nur noch in Idria und an einigen andern Punkten der östlichen Alpen sowie am Avalaberg bei Belgrad in nennenswerter Menge produziert wird. Kupfererze sind viel verbreitet; besonders reich sind der Ural, Thüringen (durch die zur Dyasformation gehörigen Kupferschiefer), Cornwall und Spanien (Rio Tinto). Zinnerz findet sich im sächsisch-böhmischen Erzgebirge, in Cornwall und in der Bretagne. Blei- und Zinkerze werden außer auf den Gängen der Erzgebirge in England und Deutschland vielfach lagerartig im Devon, in der Steinkohlenformation und der Trias angetroffen. Der Buntsandstein ist in Rheinpreußen (Kommern und Mechernich) stellenweise mit Blei- und Kupfererzen imprägniert. Nickel- und Kobalterze sind im sächsischen Erzgebirge, in Thüringen, im Spessart, in den westlichen Alpen und in Skandinavien verbreitet. Antimon wird in größerer Menge, namentlich in Ungarn, als Begleiter der Gold- u. Silbererze gewonnen. Vgl. v. Cotta, Erzlagerstätten Europas (Freiberg 1861).[177]

Klima.

(Hierzu die »Klimakarte von Europa«.)

E. gehört mit Ausnahme der nördlichsten Spitzen von Norwegen, Schweden und Nordrußland, die in der kalten Zone liegen, völlig der gemäßigten an. Es hat daher vorherrschend ein gemäßigtes Klima und ist im Gegensatz zu allen übrigen Erdteilen durch eine gewisse Gleichartigkeit seiner Natur charakterisiert. Man unterscheidet fünf Klimagebiete:

1) Zu dem ersten Gebiete, dem hohen Norden, gehören Island (s.d.), Nowaja Semlja (s.d.) und Spitzbergen (s.d.).

2) Westeuropa. Das Klima des westlichen und nordwestlichen E. wird vom Atlantischen Ozean beherrscht. Ein Hochdruckgebiet lagert beständig im SW. von E. und greift häufig bis zu unsern Gegenden über, während über dem Nordatlantischen Ozean eine barometrische Depression liegt. Daher ein entschiedenes Vorwiegen der Winde aus W. und SW., die in der kältern Jahreszeit, in der jener Gegensatz in der Druckverteilung am meisten entwickelt ist, oft stürmisch auftreten und die feuchte Seeluft weit in den Kontinent hineintragen, wodurch sowohl die Kälte des Winters als die Hitze des Sommers gemildert wird. Indessen steht der Wechsel der Wärmeverhältnisse in unsern Gegenden nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Wärmeverhältnissen des Ozeans, sondern hängt in erster Linie von der Luftdruckverteilung und der dadurch bedingten Luftzufuhr ab. Nicht selten breitet sich der hohe Luftdruck im SW. nordwärts aus und ruft hierdurch naßkalte Witterung hervor, wie sie in den Frühlings- und Sommermonaten öfter eintritt, in welcher Zeit die Luftdruckabnahme nach NW. hin gering ist. In den Wintermonaten greift das asiatische Maximum häufig nach Nordeuropa hinüber und bedingt eisige Ostwinde, die, zumal wenn über Südeuropa eine Depression liegt, strenge Kälte verursachen. Abschwächung der täglichen und jährlichen Temperaturschwankungen, große Luftfeuchtigkeit und Bewölkung, reichliche Niederschläge namentlich in der kältern Jahreszeit, unruhiges Wetter im Winterhalbjahr sind die Hauptzüge dieses Klimagebiets, die in den nordwestlichen Küstengebieten zum vollsten Ausdruck kommen.

Die jährliche Wärmeschwankung wird durch folgende mittlere Jahresextreme (nach Hann) veranschaulicht: St.-Martin (Landes) 37°, -7°, Brest 32°, -4°, Paris 33°, -10°, Brüssel 31°, -11°, Hamburg 31°, -12°, Upsala 30°, -24°, Greenwich 31°,-8°, Dublin 25°,-5°, Thorshaven 18°,-9°, Skudenäs 22°,-8°, Bergen 26°,-11°, Christiansund 22°,-9°, Hammerfest 24°,-14°, Vardö 21°,-16°. Die Temperaturdifferenz zwischen Juli und Januar beträgt für die mittlere Westküste Frankreichs 15°, für die Nordwestküste 12°, für den äußersten Westen Irlands und Englands 8°. Die Regenmengen betragen nach Hann (in Zentimetern) für: Unteres Rhonetal 87, Landes in den Westpyrenäen 114, mittleres Westfrankreich 66, Zentralfrankreich 71, Nordwestküste 78, Belgien und Kanal 68, Holland und deutsche Nordsee 67, Dänemark 60, Färöer 162, Ostengland 65, Westschottland 189, Irland 100, Norwegen W. 115, O. und Inland 46,69.–70.° nördl. Br. 31. Die größten Regenmengen fallen in den Seeregionen Cumberlands (Styehead Paß 430 cm). Frankreich, außer der Nordwestküste, hat Mai- und Oktoberregen, im NW. kommen Herbst- und Winterregen vor, ebenso wie auf den britischen Inseln; Belgien, Nordwestdeutschland und Dänemark zeigen den Übergang von Herbst-zu Sommerregen. Westnorwegen hat Herbstregen, wogegen die Winterregen zurücktreten. Die Höhe der Schneelinie beträgt für das skandinavische Gebirge im N. (67.° nördl. Br.) 1000, S. (70.° nördl. Br.) 1200 m, die Gletscherenden senken sich (611/2° nördl. Br.) auf 400 m abwärts.

3) In Mitteleuropa geht das Seeklima in Kontinentalklima über. Durch die Alpen wird dieses Gebiet scharf vom mediterranen Gebiet abgegrenzt, nach O. hin findet keine derartige Trennung gegen das osteuropäische Kontinentalklima statt. Über die Luftdruckverteilung s. oben: Westeuropa. Die Temperaturen bewegen sich in diesem Gebiet (nach Hann) durchschnittlich zwischen folgenden Grenzen: Königsberg 32°,-22°, Warschau 32°,-21°, Berlin 33°,-15°, Brocken 23°,-21°, Dresden 33°,-17°, Bayreuth 31°,-21°, München 30°,-19°, Prag 33°,-16°, Wien 34°,-15°, Hermannstadt 32°,-23°, Klagenfurt 32°,-22°, Bozen 33°,-8°, Zürich 30°,-14°, Bern 29°,-15°, St. Bernhard 18°,-22°. Die Extreme schwanken zwischen mehr als 35° und -30°. Der meiste Regen fällt überall im Sommer, so zwar, daß landeinwärts die Herbst- und Winterregen abnehmen und die Sommerregen zunehmen. In Deutschland fallen jährlich durchschnittlich etwa 65 cm Regen, wobei die Verschiedenheiten in den einzelnen Gegenden recht bedeutend sind. Nach Sonklar fallen jährlich in Böhmen, Mähren und Schlesien durchschnittlich 64, Galizien und Bukowina 73, Ober- und Niederösterreich 83, Krain, Görz und Istrien 137, Dalmatien 92, Ungarn 59, Siebenbürgen 77 cm Niederschlag. Die Bewölkung ist in der Niederung und im Mittelgebirge am größten im Winter, am geringsten im Sommer, am trockensten sind die Frühlingsmonate. Der Druckverteilung entsprechend sind westliche und südwestliche Winde vorwiegend, im Frühjahr und Herbst nehmen die östlichen Winde etwas zu. In Ungarn sind Nordwestwinde häufig, wie denn auch in Deutschland diese Winde vom Winter zum Sommer hin zunehmen.

4) Über Rußland s.d.

5) Das mediterrane Klimagebiet umfaßt alle Länder am Mittelmeerbecken. Ihm sind hauptsächlich regenarme Sommer und reichlicherer Regen in der kältern Jahreszeit eigen. Im westlichen Mittelmeergebiet sind die Herbstregen (relativ) sehr gleichmäßig verteilt, während in den östlichen Gebirgsteilen die Sommerdürre sich weit in den Herbst erstreckt. Hervorzuheben ist die Abnahme der regenarmen Zeit nach N. hin. Malta hat 4–5 regenarme Monate, das nördliche Sizilien 4, Neapel 3, Rom 2, Florenz keinen. Die trockne Zeit dauert an der Südküste Spaniens 5, in Lissabon 4, in Porto 3 Monate, in Santiago fehlt sie bereits. Die jährliche Regenmenge beträgt nach Hann für: südliches Portugal 70, spanisches Plateau 37, spanische Ostküste 42, Spaniens Nordrand 129, mediterranes Frankreich 67, Südfuß der italienischen Alpen 121, Po-Gebiet 81, Mittelitalien 84, Süditalien 80, Sizilien 60, Malta 55, Adria: Norden 130, Mittel 83, Süden 128, Konstantinopel 70 cm. Hierher gehört das regenreichste Gebiet von E.; in der Bucht von Cattaro fallen jährlich 436 cm. Auch die Nord- und Westküste Spaniens und Portugals haben Jahressummen bis zu 300 cm, wogegen im Innern verderbliche Dürreperioden vorkommen. – Im Innern der Iberischen Halbinsel sind die Wärmeschwankungen sehr erheblich, die Küstengegenden haben eine mehr gleichmäßige Temperatur. Nach O. hin nehmen die Wärmeschwankungen im allgemeinen[178] zu und erreichen im Innern der Vulkanhalbinsel sehr erhebliche Werte. Als Jahresextreme führen wir folgende an (nach Hann): Lissabon 36°, 1°, Madrid 40°,-7°, Granada 38°,-3°, Perpignan 37°,-4°, Nizza 31°,-1°, Mailand 34°,-10°, Ancona 35°,-4°, Rom 35°,-4°, Palermo 40°, 0°, Lesina 33°,-2°, Korfu 35°, 1°, Athen 38°,-2°, Sofia 35°,-18°. Sehr tiefe Wintertemperatur hat die Sohle des Po-Tals, wo sie bis auf -18° herabsinkt (in Neapel auf -4°, in Sizilien auf -2°), während im Sommer sich die Temperatur in Norditalien auf 37°, in Süditalien auf 41° erheben kann. Der Luftdruck ist im Sommer im W. hoch und nimmt rasch gegen O. hin ab, daher im Sommer vorherrschend Nordwinde (Etesien der Griechen), die von sonnigem Wetter begleitet sind. Im Winter ist der Luftdruck über dem Mittelmeer verhältnismäßig niedrig, es entwickeln sich häufig Barometerminima, die von Regenfall begleitet sind. An den gebirgigen Ufern des Mittelmeers sind Lokalwinde häufig, so die Bora an der Adria, der Mistral in Frankreich, der Scirocco in Süditalien, der Leveche in Spanien.

Pflanzenwelt.

Die reiche Küstengliederung und die Gunst eines ausnahmsweise gemäßigten Klimas rufen in der Pflanzenwelt Europas eine bemerkenswerte Milderung der Gegensätze und innige Mischung der floristischen Bestandteile hervor. Nur die skandinavischen Fjelds vom Nordkap bis Dovrefjeld, die nordöstliche Hälfte von Kola, die Halbinsel Kanin und die Eismeerküste bis zur Petschoramündung und dem nördlichsten Ural fallen in das Gebiet der arktischen Flora (s.d.), deren baumlose Tundrenflächen von Moosen, Flechten, Gräsern und Moorpflanzen mit spärlichen, niedrigen oder kriechenden Strauchformen erfüllt werden. Hochnordische Arten strahlen auch auf das schottische Hochland und den nördlichen und alpinen Teil des Uralgebirges über, dem die Alpenmatten fehlen. Im norwegischen Gebirge liegt unter dem ewigen Schnee vegetationsloses Steingeröll, dann folgt ein Teppich gelbgrüner Strauchflechten, den in 1200–1370 m Höhe ein Gürtel von Zwergbirken, niedrigen Weiden- und Wacholderbüschen nebst Heidesträuchern ablöst; bei 1000 m beginnen die ersten höhern Birkenwälder, und noch etwas tiefer Nadelholzbäume; blumenreiche, mit zahlreichen arktischen Pflanzen besiedelte Oasen treten vorzugsweise auf verwitterndem Schiefergestein auf.

Von den arktischen Birkengebüschen Finnmarkens unter 70° nördl. Br. erstreckt sich das europäische Waldgebiet durch Skandinavien einerseits nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien und dem nördlichsten Teil der Iberischen Halbinsel, anderseits durch Nord- und Mittelrußland bis zu einer Linie über Kiew, Kursk und Kasan; südwärts bildet sonst der von den Pyrenäen durch die hohe Auvergne zu den Alpen, den Karpathen und dem Balkan sich fortsetzende Hochgebirgsgürtel die Scheidelinie gegen die Mittelmeerflora. Nach den vorwiegenden Waldbeständen gehört der nördliche Teil des Gebiets etwa bis zum 60. Parallelkreis zu der Nadelholzzone (s.d.) mit Lärchen, Fichten und Kiefern, der südliche zur Laubholzzone (s.d.); nur im N. greifen die Birkenwälder stellenweise über den Nadelholzwald, in Gebirgsregionen letzterer über den Gürtel der sommergrünen Baumformen hinaus. Die europäischen Waldbäume gehören vorzugsweise den zirkumpolar verbreiteten Gattungen Pinus, Abies, Picea, Betula, Quercus und Fagus an. In Skandinavien und Finnland bilden die nordische Weißbirke nebst Fichte und Kiefer fast ausschließlich den Waldbestand. Die Polargrenze der Gerste erreicht bei Alten in Finnmarken den 71.° nördl. Br., von da sinkt sie ostwärts am Bottnischen Busen bis 65°, verläuft um die Küsten des Weißen Meeres und endet in der Nähe des Polarkreises am Ural. Außer Gerste wird im N. nur Roggen und Hafer als Sommerfrucht gebaut; erst im südlichen Skandinavien beginnt der Anbau des Weizens und des Wintergetreides. Die Weinkultur erreicht ihre Nordgrenze in einer Linie, die von der Loiremündung über die Maas (bei 503/4° nördl. Br.) bis Bonn und Meißen und von da durch Schlesien bis Mohilew am Dnjestr gezogen wird.

Die Flora des europäischen Waldgebiets setzt sich aus ungleichartigen Bestandteilen in sehr inniger Mischung und Durchdringung zusammen. Als das wichtigste Florenelement erscheint das alpine, dessen Grundstamm mit vielen endemischen Arten von der oben erwähnten Gebirgsscheidelinie von den Pyrenäen bis zum Balkan wohnt und das gesamte, den Hochgebirgen vorgelagerte Hügel- und Bergland (in Deutschland bis zum Harz, dem Thüringer Wald und den Sudeten) besiedelt hat. Charakteristisch sind auch die felsbewohnenden Pflanzenformationen. Letztere erreichen in den zentralen Hochgebirgen ihre Hauptentwickelung, und zwar liegen die Grenzen der hochalpinen Region in den Pyrenäen zwischen 2400–2750 m, in den Alpen bei 2400–2700 m, in Siebenbürgen zwischen 1800–2500 m und in den Sudeten bei 1400 bis 1600 m. Von W. und S. sind ferner atlantische Pflanzen, besonders immergrüne, strauchbildende Erikazeen, in die europäische Waldzone eingedrungen. Der äußerste Vorläufer dieser Gruppe, das Heidekraut (Calluna vulgaris), hat sich mit großen, zusammenhängenden Beständen von der atlantischen Küste bis zum Osthang des Uralgebirges ausgebreitet. Aus Südeuropa greifen im westlichen Frankreich die Edelkastanie und die immergrüne Quercus Ilex nebst mehreren Staudenpflanzen in das Waldgebiet ein; ähnliches findet am Südfuß der Alpen und in einzelnen besonders begünstigten Tälern der Schweiz statt. Von SO. treten in die pontische Waldregion der Balkanländer charakteristische Baumarten, wie Silberlinden, die Syringe u. a., ein. Endlich im äußersten Nordosten greifen Elemente der sibirischen Waldzone westwärts über das Uralgebirge. Neben diesen fremdartigen Eindringlingen besteht der Grundstock der mitteleuropäischen Flora vorzugsweise aus baltischen Pflanzen, welche die Küstenländer an der Nord- und Ostsee bewohnen und erst nach der Eiszeit in ihr gegenwärtiges Areal eingewandert sind. Die Grenze gegen N. bildet die sinnländische und westuralische Waldregion, die durch den Onegasee voneinander geschieden werden, und von der die erstere floristisch mit Skandinavien, die letztere mit dem Uralgebirge und Sibirien in näherm Zusammenhang steht. Die europäische Steppenflora hat ihren Hauptsitz in Südrußland, wo die ursprüngliche Vegetation vorzugsweise aus silberglänzenden Federgräsern (Stipa) besteht; nur in den Talschluchten wächst ein kümmerliches Gestrüpp von Erlen, Birken, Linden und strauchartigen Eichen, und die Anhöhen zieren kleine Blütensträucher von Goldregen, Caragana frutescens, von Zwergmandeln u. a. Im ersten Frühjahr erscheint eine Schar von Zwiebelgewächsen, wie Tulpen und Fritillarien, später herrschen Kreuz- und Lippenblumen, im Juli Doldenpflanzen, im Herbst Korbblütler vor. Die Steppenflora ist auch in das ungarische[179] Tiefland eingedrungen und erfüllt das Innere desselben, mit Ausnahme der bewaldeten Gebirgsränder und der Donauufer; einzelne Steppenpflanzen sind auch nach Böhmen, nach der Mark Brandenburg, zum Thüringer Wald und Harz vorgerückt. Die südrussische Steppenzone erreicht an der uralo-kaspischen Salzsteppe zwischen Ural und Kaspischem Meer ihre Ostgrenze; auch die Nordhänge des Kaukasus sind bis zum Waldgürtel hinauf von Steppenpflanzen besiedelt, und ebenso laufen die Südlehnen in die armenischen Steppen aus. Die untere Waldregion dieses Gebirges mit Lorbeer (bis 200 m) und Edelkastanien (bis 1000 m) hat mediterranen, die obere mit Buchen (bis 2000 m) und Abies Nordmanniana (bis 2100 m) borealen Charakter; die alpine Region mit Rhododendren und Staudenmatten liegt zwischen 2400–365010. Ein zweites Hauptsteppengebiet Europas entwickelt sich in Spanien besonders zwischen dem obern Tajo und dem Guadiana sowie nördlich von der Sierra Nevada, um Murcia und am mittlern Ebro und steht dort hauptsächlich mit der atlantisch-mediterranen Flora in Zusammenhang; teils herrschen Salzsteppen mit Salsoleen, teils Grassteppen mit hochwüchsigen, harten Gräsern (Stipa tenacissima u. a.) vor.

In den Mittelmeerländern bestimmen die Gesträuche der immergrünen Zone vorwiegend den Vegetationscharakter, der sich am reinsten ausdrückt in den Maquis, einer Buschformation aus Oliven, Myrten, Lorbeer, Steinlinde, Pistazien, Zistrosen, Erica arborea, Arbutus, Ginsterarten u. a. Dieser Strauchgürtel steigt an den Berglehnen von Granada bis 1200 m, am Ätna bis 700 m und in Dalmatien bis 400 m aufwärts. Darüber folgen die für das Mittelmeergebiet charakteristischen Bestände immergrüner Eichen nebst Edelkastanien, Buchen und Nadelhölzern (s. Immergrüne Gehölze). Die Zwergpalme (Chamaerops humilis) bildet vorzugsweise in der untern Region Südspaniens ausgedehnte Gestrüppbestände, ist aber bereits an der Westküste sowie auf den Inseln Italiens seltener und verschwindet weiter ostwärts ganz. Die Waldzone des Ostens in Thessalien und Epirus ist die Heimat der Roßkastanie, auch treten hier Silberlinden und Platanen hinzu. Für die mittelmeerländische Vegetation sind endlich aus niedrigen Halbsträuchern gebildete Matten charakteristisch, die vorzugsweise aus Lippen- und Kreuzblumen, Doldenpflanzen, Korbblütlern u. a. bestehen und von den mitteleuropäischen Wiesen wesentlich verschieden sind. Vgl. zu vorstehendem auch die Karte beim Art. »Pflanzengeographie« und nachfolgende Tabelle.

Tabelle

Tierwelt.

Seiner Tierwelt nach gehört E. in seinem nördlichsten Teil der arktischen Zirkumpolarregion an, im übrigen der paläarktischen Region, von dieser der Hauptsache nach die europäische Subregion bildend, während die südlichsten Gebiete jenseit der Alpen und Pyrenäen zur mittelländischen Subregion gehören. Der Charakter des Weltteils bietet Gelegenheit zur Entwickelung eines reichen Tierlebens, freilich jetzt weniger als früher. Durch die fortschreitende Kultur ist die Fauna wesentlich beeinflußt worden; viele Tiere sind zurückgedrängt, andre ganz verschwunden. Zu den für E. charakteristischen Säugetieren gehören Bär, Wolf, Luchs und Fuchs, Maulwurf, Spitzmaus, Igel, Dachs, Wiesel, Otter, Wasserratte, Gemse, Siebenschläfer, Hase, von diesen sind Bär, Luchs, Wolf, Elch u. a. beinahe ausgerottet. Von Vögeln können als charakteristisch für E. betrachtet werden: die Drosseln, Buschsänger, Rohrmeisen, Meisen, Pieper, Bachstelzen, Ammern, Sperlinge, Kreuzschnäbel, Hänflinge, Elstern, Waldhühner etc.; der nördlichen Zone gehören die Schneeeule und der Geierfalke an. Die Mehrzahl der Vögel wandert im Winter nach dem Süden, meist bis Afrika. Ungeheure Scharen von Seevögeln sammeln sich zur Brutzeit an den Küsten Norwegens und Schottlands. Relativ arm ist E. an Reptilien; im hohen Norden fehlen sie gänzlich, nach S. werden sie häufiger; am wenigsten vertreten sind die Schildkröten. Zahlreicher sind die Arten und Gattungen der Eidechsen und Schlangen, von welch letztern nur wenige giftig sind. Auch die Amphibien sind nicht zahlreich, doch weisen sie charakteristische Formen auf, wie den Grottenolm (Proteus), die Geburtshelferkröte (Alytes). Die Frösche sind im ganzen viel gleichmäßiger verbreitet als die Molche; letztere überwiegen im N. und O. Die Artenzahl der Molche nimmt besonders nach W. hin stetig zu. Unter den Fischen Europas spielen Karpfen, Lachse, Aale, Weise, Hechte und Störe eine Rolle; eine Reihe von Gattungen und Arten ist auf E. beschränkt. Von Meeresfischen, welche die Küsten Europas besuchen, sind die wichtigsten die Schellfische (Dorsch, Kabeljau), Hering, Sprotte, Sardine, [180] Sardelle, Steinbutt, Scholle, Flunder, Seezunge. Von Weichtieren verbreiten sich über den ganzen Kontinent die Sumpfschnecken, Teichschnecken, Bernsteinschnecken und einige Arten der Gattung Helix. Die Molluskenfauna Europas läßt sich in vier Reiche teilen: in das arktisch-boreale, alpine, germanische und Mittelmeerreich. Unter den Insekten sind am besten bekannt die Schmetterlinge und Käfer, von denen eine Reihe E. eigentümlich sind; mehrere Arten, darunter besonders schädliche, wie die Reblaus, sind eingeschleppt und haben sich völlig eingebürgert. Die niedere Süßwasserfauna zeigt zum großen Teil einen kosmopolitischen Zug. Vgl. hierzu auch die tiergeographischen Kärtchen bei den Artikeln »Säugetiere, Vögel, Reptilien«.

Bevölkerung.

(Hierzu die »Völker- und Sprachenkarte« und die Karte »Bevölkerungsdichtigkeit von Europa«.)

Die Zahl der Bewohner Europas wird gegenwärtig auf 392,170,764 berechnet, so daß auf 1 qkm 40 Bewohner kommen; vgl. folgende Tabelle.

Tabelle

Die Bevölkerung gehört überwiegend dem indoeuropäischen oder mittelländischen Stamm an, der in C. durch 8–9 Völkerfamilien vertreten ist, und zwar vornehmlich dem indogermanischen Zweig. Die griechisch-lateinische Familie (Romanen) enthält folgende Hauptvölker: Neugriechen, Italiener, Spanier und Portugiesen, Franzosen und Provenzalen, Rätier, Walachen; die germanische Familie 3 Hauptnationen: Deutsche, Skandinavier und Engländer, von denen die ersten auch die Holländer und Flämen begreifen, die zweiten in Schweden, Norweger, Dänen und Isländer zerfallen. Die slawische Familie umfaßt die nordslawischen Stämme: die Tschechen mit den Mährern, Slowaken und Lechen oder Polen, die Sorben oder Wenden und die Russen (Großrussen, Ruthenen oder Rußniaken und Weißrussen), und die südslawischen Stämme: die Slowenen oder Winden, die Serben (wozu Kroaten, Bosnier, Montenegriner und die Bewohner des eigentlichen Serbien gehören) und die Bulgaren. Die lettische Familie beschränkt sich auf Litauen und die Urbevölkerung Preußens; ihr am nächsten stehen die Albanesen oder Schkipetaren, die in der westlichen Türkei, in Griechenland und Sizilien wohnen. Da jedoch ihre Sprache vieles aus dem Lateinischen und Griechischen aufgenommen hat, führen wir sie in der Tabelle (S. 182) unter den Romanen auf. Die keltische Familie zählt fünf Völkerschaften: Iren, Gölen, Walliser (Kymren), Aremoriker (Bretonen) und Wallonen (Welsche). Hierzu kommen die armenischen Kolonisten und Handelsleute in Südosteuropa und die wandernden Horden der Zigeuner, so daß mit Ausnahme der persischen alle übrigen Völkerfamilien des indoeuropäischen Stammes (Romanen, Germanen, Slawen, Kelten, Letten) ausschließlich auf dem europäischen Boden Wurzel geschlagen haben oder doch nur durch Kolonisation aus E. in andre Erdteile übergegangen sind. Unter diesen sind wieder die drei ersten (Romanen, Germanen und Slawen) als die herrschenden Völkerfamilien Europas anzusehen. Dem semitischen Zweige gehören die Israeliten an, die mit Ausnahme der Skandinavischen und Iberischen Halbinsel, wo sie nur ausnahmsweise vorkommen, über den ganzen Erdteil verbreitet sind, und die geringen Überbleibsel der Morisken, Abkömmlinge der Araber, in den abgeschlossenen Alpujarras in Spanien. Doch sind in der Tabelle (S. 182) die Israeliten nicht besonders ausgeführt, sondern den Nationen zugerechnet worden, in deren Mitte sie leben, und deren Sprache sie sprechen. Eine isolierte Stellung unter den Völkern Europas nehmen die Basken (s.d.) ein, die in einigen Pyrenäengegenden Spaniens u. Frankreichs wohnen.

Der ethnographische Reichtum Europas wird indes noch wesentlich vermehrt durch eine ansehnliche Zahl finnischer und tatarischer Völkerzweige. Zu den finnischen Volksstämmen gehören die Samojeden, die Finnen (Lappen, Tawasten, Karelier und Kwänen), Esthen, Kuren und Liven und Ungarn oder Magyaren nebst Szeklern sowie die schwachen Völkerreste der Wogulen, die bulgarischen und permischen Stämme (Tscheremissen, Mordwinen, Syrjänen, Wotjäken, [181] Tschuwaschen oder Bergtataren u. a.). Die in E. heimisch gewordenen Völker tatarischen Stammes gehören entweder dem westlichen Zweige der eigentlichen tatarischen (mongolischen) Familie an, wie die Kalmücken, oder und zwar zum größten Teil der türkischen Familie, so die Osmanen auf der Balkanhalbinsel und die sog. turkotatarischen Stämme (Nogaier, Baschkiren u. a.) in dem Steppenland am Kaspischen und Schwarzen Meer. Außerdem gehören zu ihr die magyarisierten Turkkolonien der Kumanen und Jazygen. Auf diese Weise steigt die Zahl aller in E. wohnenden Nationen auf etwa 60, von denen 40 indoeuropäische (arisch-semitische), 11 finnische (nordasiatische) und 9 tatarische (hochasiatische) sind. Diese 60 Nationen gehören 21 selbständigen Sprachzweigen, 13 besondern Völkerfamilien, 3 verschiedenen ethnographischen Varietäten der Menschheit an.

Tabelle

Die drei großen herrschenden Völkerfamilien haben sich folgendermaßen in das Land geteilt: Die drei südlichen Halbinseln des Erdteils und die drei zunächst anstoßenden Teile des Kontinents oder den ganzen kontinentalen Südwesten Europas, von der untern Donau bis zur Straße von Calais und von der Straße von Gibraltar bis zur Enge des Bosporus nebst den benachbarten Inseln nimmt vorzugsweise die griechisch-lateinische Familie ein. Im Herzen Europas und auf seinen nördlichen Halbinseln und Inseln haben fast ausschließlich die Nationen der germanischen Familie ihre Heimat gefunden. Der flache, breite Osten des Erdteils ist fast ganz Besitztum der slawischen Völker geworden. Fast alle von den Hauptstämmen über ihre Grenzen hinaus versprengten Zweige, besonders aber alle übrigen, nicht zu den drei Hauptfamilien gehörenden Nationen wohnen als Fremdlinge, als politisch Abhängige, höchstens als Adoptivkinder jener in dem Gebiet der einen oder der andern. Und naar finden wir fast alle Nationen mongolischen Stammes, alle finnischen und tatarischen Völker im slanischen Osteuropa. Nur die[182] osmanischen Türken haben ihre kriegerische Ansiedelung in der Sphäre der griechisch-lateinischen Familie gegründet. In bezug auf die Kopfzahl kommen auf die Germanen 127 Mill., auf die Romanen 112,7 Mill., auf die Slawen 124,1 Mill. Unter den kleinern Nationen zählen die Kelten etwa 2,8 Mill., die Letten, Litauer etc. 3,4 Mill., Finnen und Magyaren 14,2 Mill., Basken, Armenier und Zigeuner 1,9 Mill., endlich Türken, Tataren und Mongolen 5,9 Mill. Über die Nationalität der Bevölkerung der einzelnen Staaten gibt die Tabelle auf S. 182 Ausschluß; weiteres s. Artikel »Bevölkerung«. Über die sprachlichen Verhältnisse in E. vgl. »Europäische Sprachen«.

Unter seinen 392 Mill. Einwohnern zählt E. noch nicht 1 Mill. Nomaden; alle übrigen haben feste Wohnsitze. Dabei sind die nicht angesiedelten Völkerschaften Europas an die fernsten, unwirtlichsten Enden des Erdteils verwiesen, auf die eisigen Felder des lappischen Gebirges, die Höhen des Urals, die Küsten des Eismeers und die Steppen am Kaspischen Meer, wenn man diese zu E. rechnen will. Der ganze übrige Boden Europas ist, wenn wir die Zigeuner, die sich namentlich in Osteuropa noch umhertreiben, abrechnen, nur von angesiedelten Völkern bewohnt. Der Ackerbau bildet die Grundlage wie der Existenz, so der Kultur fast aller europäischen Nationen, doch findet man in E. jetzt keine Nation mehr, die sich auf den bloßen Ackerbau beschränkte; der Bergbau beschäftigt in den skandinavischen, schottischen, englischen, deutschen, karpathischen, uralischen Gebirgen, in den Alpen und Pyrenäen, auf der Iberischen und Italischen, in geringerm Maß auch auf der Griechischen Halbinsel einen bedeutenden Teil der Bevölkerung. Handel und Gewerbfleiß sind allgemein verbreitet. Im allgemeinen aber übertreffen darin die germanischen Nationen, insbes. die Briten und Deutschen, sowie von den Romanen die Franzosen alle andern, während die slawischen Völker und die übrigen Völker des Ostens darin noch am weitesten zurückstehen. In ähnlicher Weise arbeiten Europas Völker und zwar wieder vorzugsweise die germanischen und ein Teil der romanischen tätig für die Ausbildung der Wissenschaften und Künste.

Die europäische Kultur ist aber nicht allein ein Produkt der Physik des Erdteils und der ursprünglichen Naturanlage seiner Völker, sondern noch vielmehr der allgemeinen Verbreitung des Christentums. Unter den 392 Mill., die E. bewohnen, befinden sich nur etwa 17,1 Mill. Nichtchristen, nämlich 7,4 Mill. Juden, 9 Mill. Mohammedaner und 0,7 Mill. Heiden. Von diesen sind die Juden fast über den ganzen Erdteil zerstreut; die Mohammedaner dagegen sind auf die Balkanhalbinsel und die Uferlande des Kaspischen und Schwarzen Meeres beschränkt, dort mit christlichen Bewohnern vermischt, hier über weite Landflächen ausgebreitet. Die heidnischen Bewohner aber sind in viel geringerer Zahl über die weiten Flächen an der untern Petschora und am Kaspischen Meer, über die uralischen und lappischen Gebirgshöhen und die eisigen Küsten von Kola zerstreut und gehören dem tatarischen und finnischen Stamm an. Die Christen zerfallen in kirchlicher Hinsicht in drei große Konfessionen: die römisch-katholische, griechisch-katholische und protestantische, erstere im SW., die zweite im O., die dritte in der Mitte des Erdteils herrschend. Im allgemeinen umfaßt die römische Kirche die romanischen, die griechische die slawischen, die protestantische die germanischen Völker; doch gehören zur römischen Kirche auch die Iren und ansehnliche Teile der Schotten, ein großer Teil der Deutschen und der Magyaren, die Polen und ein Teil der Litauer; zur griechischen die neugriechische und christlich-albanesische Bevölkerung der griechischen Halbinsel und des Archipels sowie die walachische der untern Donauebene und eines Teiles von Siebenbürgen und Ungarn; zur protestantischen, außer geringen romanischen und slawischen Stämmen (in den Alpen, in Ungarn, in der Norddeutschen Ebene), die Mehrzahl der finnischen und ein Teil der lettischen Bevölkerung Europas. Wenn der Osten Europas den Anhängern der griechischen Kirche gehört, so haben sich die Protestanten und Katholiken seit der Reformation so in die Westhälfte geteilt, daß diese die südlichen, die verschiedenen Zweige des Protestantismus dagegen die mittlern und nordwestlichen Länder einnehmen. Ganz ungeteilt gehören der katholischen Kirche nur die Pyrenäische und Italische Halbinsel sowie ihre Nachbarinseln; die protestantische dagegen herrscht in den Gestadeländern zwischen der Rhein- und Weichselmündung vor, entschieden auf den skandinavischen und dänischen Halbinseln und Inseln, ganz ausschließlich vielleicht nur auf Island. Die Ost- und die Nordsee werden auf allen Seiten von Protestanten umwohnt; nur am Eingang des Kanals und an der Weichselmündung berühren römisch-katholische, an der Newamündung Angehörige der griechischen Kirche die Süd- und Ostgestade dieser Meere. Dagegen bleiben die Protestanten den Gestaden des Mittelmeers fast ganz fern. Auf der Ostseite des Bottnischen, Finnischen und Rigaischen Busens verschmelzen sie sich mehr und mehr mit den Anhängern der griechischen Kirche. Die römischen Katholiken haben sich auch im N. Europas in mehreren Gegenden in großer Zahl behauptet, so in Irland, im Gebiet der Weichsel und der rechten Nebenflüsse der obern und mittlern Oder, am Frischen Haff und an der Passarge. In den mittlern Gegenden des Erdteils herrschen sie im obern Elb-, im obern und mittlern Donaugebiet, mit Ausnahme des Mündungslandes auch an den Ufern des Rheins und im W. dieses Stromes entschieden vor. Das Gebiet der griechischen Kirche ist demnach fast doppelt so groß wie das der beiden andern zusammengenommen, während das der evangelischen Kirche dem der römischen an Ausdehnung nicht unbedeutend nachsteht. Der Seelenzahl ihrer Bekenner nach ist die römisch-katholische Kirche mit etwa 173 Mill. Anhängern die in E. entschieden vorwaltende, während die Zahlen der auf dem kleinsten Gebiet lebenden Evangelischen mit 90 Mill. und der auf dem größten wohnenden griechischen Christen mit 102 Mill. voneinander weniger verschieden sind. Dazu kommen 10 Mill. Anhänger christlicher Sekten.

Staatliche Verhältnisse.

(Vgl. die Karte »Europa. Politische Übersicht« bei S. 171.)

Von den Völkerfamilien Europas haben es nur die germanische, romanische und slawische zu dauernden staatlichen Bildungen gebracht. Aber die gegenwärtigen Kulturstaaten werden nicht von Völkern Eines Stammes bewohnt. Von den slawischen Reichen hat sich nur eine Nation, die russische, im Besitz einer selbständigen staatlichen Existenz erhalten, und Serbien hat die Selbständigkeit erst 1878 erworben. Alle übrigen Slawen sind in irgend ein fremdes Staatswesen, namentlich in das verwandte russische oder auch in das benachbarte österreichische und deutsche, besonders das preußische, und selbst in das magyarische und türkische einverleibt; nur Bulgarien steht als gesondertes Fürstentum unter türkischer Oberhoheit. Anderseits hat der genannte slawische Großstaat viele der[183] zahlreichen, wenngleich in sich schwachen Völkerschaften finnischen und tatarischen Stammes, ebenso die lettischen Stämme und deutsche und schwedische Elemente in sich aufgenommen, obschon bisher noch nicht völlig assimiliert. Viel kräftiger zeigt sich das Streben nach politischer Gestaltung in den Völkern der lateinischen Familie. Romanische Staaten sind: Italien, das bis vor vier Jahrzehnten in mehrere unabhängige Staaten geteilt war; die beiden Staaten der Spanischen Halbinsel: Portugal und Spanien, von denen letzteres einen Teil des Baskenlandes besitzt und im S. maurische Elemente in seine Bevölkerung aufgenommen hat; die Republik der Franzosen, der mächtigste unter den romanischen Staaten, hat im NO. niederdeutsche, im NW. Reste altkeltischer, im SW. baskische Bevölkerungen mit sich vereinigt; Belgien, obgleich mit vorherrschend niederdeutscher Bevölkerung, muß doch bei dem überwiegenden politischen Einfluß des romanisierten Teiles derselben als romanischer Staat angesehen werden; auch die Kantone der westlichen und südlichsten Schweiz sind ganz oder teilweise romanisch. Seitdem sich Rumänien der türkischen Oberhoheit entzogen hat, steht nur der kleinste Teil romanischer Stämme unter fremder Herrschaft, außer den Italienern im österreichischen Küstenland und in Südtirol die Ladiner Südtirols, die Walachen Ungarns und Siebenbürgens. Mehr als die Hälfte der griechischen Nation ist im Königreich Griechenland vereinigt.

Die mannigfaltigsten politischen Gestaltungen zeigen aber die germanischen Völker. Die Deutschen allein bilden gegenwärtig etwa 50 verschiedene, wenngleich in zwei größere Einheiten (Deutsches Reich und die Schweiz) vereinigte souveräne Staaten, die Skandinavier 3; ungeteilt ist nur das Reich der Briten. Die germanischen Staaten haben sich durch bedeutende Einverleibungen aus dem Kreis der benachbarten Nationen zu verstärken gewußt; am wenigsten noch die skandinavischen Staaten, indem Schweden und Norwegen nur finnische Kolonien und einen Teil der schwachen lappischen Völkerschaft in sich schließen. Bedeutender sind schon die europäischen Einverleibungen der Engländer, indem ihr Reich die drei insularen keltischen Völkerschaften: Gälen (Hochschotten), Welsche (Walliser) und Iren (Irländer) in sich aufgenommen hat; am bedeutendsten aber sind in dieser Beziehung die Staaten Zentraleuropas, insbes. Preußen und Österreich. Preußen hat nicht nur, zusammen mit dem Königreich Sachsen, die schwachen wendischen Volksreste, sondern auch, wie Österreich, einen beträchtlichen Teil der polnischen Stämme und in den Litauern die letzten Überbleibsel der Urbevölkerung Preußens sich einverleibt. Am größten ist die Zahl der Nationalitäten, die Österreich-Ungarn umfaßt. Selbst die Bevölkerung der österreichischen Erblande ist nicht durchaus deutsch, sondern in dem Gebiet der alten Grenzmarken gegen SO. und O. haben sich neben dem deutschen Stamm noch romanische und slawische Elemente erhalten; die Bevölkerung der alten Reichslande Böhmen und Mähren ist nur an deren Gebirgsumwallungen germanisch, im übrigen vorherrschend tschechisch; Galizien ist ganz slawisch und zwar z. T. von Polen, z. T. von Ruthenen russischen Stammes bewohnt, während Ungarn mit seinen Nebenländern in buntem Durcheinander magyarische, nord- und südslawische, romanische, in den Jazygen und Kumanen selbst Reste türkischer Bevölkerung mit einzelnen deutschen Sprachinseln umfaßt. Nur die Magyaren bilden darunter eine kompaktere Masse, welche die Ebenen des Landes innehat und vom regsten Nationalitätsgefühl beseelt ist. Als Folge der politischen Zersplitterung der germanischen, insbes. der deutschen Staaten sind auf der andern Seite die Verluste anzusehen, die Deutschland an die romanischen Staaten im W., an Frankreich (Franche-Comté und das französische Lothringen) und Belgien, erlitten hat. Dennoch stellt sich im ganzen für die germanischen Völker das Maß der Selbständigkeit immer noch am günstigsten heraus.

Man zählt im ganzen 77 Staaten (45 Monarchien, 31 Republiken und der Schutzstaat Kreta), von denen 51 in 2 Bundesstaaten vereinigt sind (das Deutsche Reich mit 4 Königreichen, 6 Großherzogtümern, 5 Herzogtümern, 7 Fürstentümern, 3 Republiken und einem »Reichsland«, und die schweizerische Eidgenossenschaft), 2 durch Personal- und Realunion zusammenhängen (das Kaisertum Österreich und das Königreich Ungarn), 4 im Verhältnis der Personalunion zueinander stehen (die Königreiche Schweden und Norwegen, das Kaisertum Rußland und das Großfürstentum Finnland) und 3 unter fremder Oberhoheit sich befinden (die Republik Andorra unter der Frankreichs und das Fürstentum Bulgarien sowie Kreta unter der der Türkei). Ferner sind Monarchien, von Deutschland abgesehen: die Königreiche Großbritannien und Irland, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Rumänien und Serbien; das Großherzogtum Luxemburg; die Fürstentümer Monaco und Montenegro; Republiken außer den 25 (22) Kantonen der Schweiz und den deutschen Freistädten: Frankreich, Andorra und San Marino. Kreta nimmt als Schützling der Großmächte eine Sonderstellung ein. Unter den Staaten Europas treten seit 1815 fünf als Großmächte hervor: Großbritannien, Frankreich, Rußland, Österreich-Ungarn und Preußen (europäische Pentarchie), welche die oberste Leitung der politischen Angelegenheiten des Erdteils beanspruchen. Zu ihnen hat sich in den letzten Jahrzehnten als sechste Macht Italien gesellt. Von diesen sechs Großmächten gehören drei dem germanischen Völkerstamm an, während der lateinisch-griechische durch zwei und der slawische nur durch eine Großmacht vertreten ist. Vgl. die Tabelle auf S. 181.

Mehrere Staaten Europas haben auch in fremden Erdteilen große Erwerbungen durch Kolonisation gemacht. Am stärksten ist der Impuls dazu bei denjenigen Völkern gewesen, die durch die Lage und Natur ihrer Heimatländer die größte Anregung erhalten: bei den Portugiesen und Spaniern einer-, den Engländern und Niederländern anderseits. Das Kolonisationsgebiet der Engländer erstreckt sich über alle Erdteile und übertrifft das Mutterland an Bevölkerung um mehr als das Achtfache, an Länderraum um mehr als das Neunzigfache und ganz E. fast um das Dreifache. Die Niederländer sind in neuerer Zeit von den Briten weit überflügelt worden, und diese haben sich sogar an vielen Punkten an ihre Stelle gesetzt. Erst seit 1884 hat auch das Deutsche Reich den Anfang einer Kolonialpolitik gemacht, indem es ausgedehnte Ländergebiete in Afrika und der Südsee unter seinen Schutz gestellt hat. Die alten romanischen Kolonialmächte Spanien und Portugal sind längst von Frankreich überflügelt, und neuerdings haben auch Italien und Belgien außereuropäische Besitzungen erworben; trotzdem betragen die Kolonisationsgebiete der romanischen Völker an Ausdehnung und Bevölkerung kaum den siebenten Teil der germanischen. Die slawischen Kolonisationen erreichen an Ausdehnung[184] kaum die Hälfte der germanischen, in Hinsicht der Bevölkerung machen sie aber noch nicht den 20. Teil derselben aus; dabei sind sie mit dem Mutterland in so unmittelbarer räumlicher Verbindung, daß sie nur zum geringern Teil den Charakter des Kolonisationsbesitzes an sich tragen. Mit Einschluß der Türkei, deren Kern allerdings eher in Asien zu suchen ist, gehorchen außerhalb Europas 524 Mill. Menschen auf 63 Mill. qkm europäischen Gesetzen, so daß das europäische Staatensystem ca. 73 Mill. qkm mit 916 Mill. Menschen, also fast die Hälfte alles Landes der Erde und über drei Fünftel aller Erdbewohner, umfaßt.

Geschichte.

Daß E. schon in außerordentlich frühen Zeiten bevölkert gewesen ist, steht außer allem Zweifel (die umfangreiche Literatur hierüber s. beim Artikel »Prähistorie«); nur über die schwierigen Fragen, welchen Völkerfamilien jene vorgeschichtlichen Europäer zuzuweisen und in welche Jahrhunderte ihre Wanderungen zu verlegen seien, hat die historische Anthropologie das letzte Wort noch nicht gesprochen. Jedenfalls beginnt die Geschichte Europas auf der Balkanhalbinsel und den Inseln des Ägäischen Meeres; die Träger dieser geschichtlichen Anfänge heißen Hellenen oder Griechen. Im 3. Jahrtausend v. Chr. und später sind sie schub- oder hordenweise vom Norden (Dodona in Epirus) her in Thessalien (Pelasger) und von hier aus in Mittel- und in Südgriechenland (Peloponnes) eingewandert, wobei sie zunächst die ältere, ihre Fäden bis nach Bosnien (Butmir) erstreckende Bevölkerung des nordöstlichen Teils der Balkanhalbinsel, die Phrygothraker, teilweise aus ihren Sitzen nach der Troas verdrängten und sich weiterhin mit dem nichtindogermanischen Stamme der Kleinasiaten vermischten, den sie allmählich aussaugten. Dieser Stamm hatte noch vor der Besetzung Griechenlands durch die Hellenen von Kleinasien aus zahlreiche Inseln des Ägäischen Meeres (Kos, Kreta, Paros, Patmos, Delos, Euböa) und südliche Stücke der Balkanhalbinsel (Böotien, Attika, Isthmos, Argolis) bevölkert und in lebhaftem Verkehr und Kulturaustausch mit Ägypten gestanden. In ihrer heroischen Zeit (um 1500 v. Chr.) bereits zur mykenischen Kulturblüte gelangt, haben sich die Griechen im Laufe der Jahrhunderte durch kriegerische Eroberungszüge (Trojanischer Krieg) und auf friedliche Weise vermöge ihrer steigenden kulturellen Überlegenheit von dem einst durch die Kleinasiaten vermittelten orientalischen Einflusse nach und nach befreit, vom Festland aus die Inseln und die kleinasiatischen Küsten besiedelt und weit darüber hinaus in einer großartigen kolonisatorischen Arbeit, welche die phönikische Kolonisation ablöste und überholte, das Mittelländische Meer schließlich beinahe zu einem griechischen Binnenmeere gemacht (um 650 v. Chr.). Dieser äußern Ausdehnung folgte unmittelbar eine nicht minder gewaltige innere Erhebung, die recht eigentlich den Anspruch der Hellenen auf den ersten Platz in der ältern Geschichte Europas als vollberechtigt erweist. Im Kampfe mit der Übermacht der Perser gestählt, erreichte die griechische Zivilisation unter Perikles (um 440) ihre Höhe. Sie war von kurzer Dauer: der von den Hellenen als halbbarbarisch mißachtete, aber in Sprache, Dynastie und Adel griechische Stamm der Makedonen zertrümmerte unter Philippos 338 v. Chr. die Selbständigkeit der altgriechischen Kleinstaaten, und in raschem Siegeszuge trug Alexander d. Gr. gemeinhellenische Kultur hinüber in den Orient.

Inzwischen aber hatte auf der mittelsten der südeuropäischen Halbinseln, das Erbe früher eingewanderter Völker (der Iberer, der Ligurer, der illyrischen Japyger, Messapier und Veneter und der nichtindogermanischen Etrusker) mit frischem Mut und fester Hand antretend oder wegnehmend, der zu den indogermanischen Italikern gehörige kraftvolle Stamm der Latiner, der in Alba longa, dann in Rom seinen Mittelpunkt erblickte, seine Macht in nahezu unaufhaltsamem Zug immer weiter ausgedehnt und schließlich sogar die kriegerischen Gallier bezwungen. Nach der Niederwerfung der sabellischen Samniten und der erfolgreichen Abwehr des Einfalls des Königs Pyrrhos von Epirus war das zispadanische Italien bis zur Südspitze in römischen Händen (266 v. Chr.). Nun ging es an einen Kampf auf Leben und Tod mit der damals das westliche Mittelmeer beherrschenden phönikischen Kolonie Karthago: 146 v. Chr. war er zugunsten Roms erledigt. Damit war auch die dritte der südlichen Halbinseln des Erdteils (die Iberische) aus ihrer bisherigen durch die Randlage verursachten Vereinzelung befreit und in den großen Zug der Geschichte eingegliedert. Und schon hatte Rom auch nach andern Seiten hin glückliche Ausgriffe versucht: die diesseit der Alpen sitzenden Gallier waren unterworfen, die römische Seeherrschaft auf dem Adriatischen Meere begründet und mit der Besiegung Philipps V. von Makedonien die ersten Schritte auch auf der Bahn gen Osten getan worden. Denn die Schöpfung Alexanders d. Gr. hatte sich unmittelbar nach seinem Tode (323 v. Chr.) in ihre einzelnen Bestandteile aufgelöst; deren Schicksale interessieren uns hier nur insoweit, als das Wachstum des römischen Großstaates in Frage kommt. Eins der Diadochenreiche nach dem andern begab sich in dem Zeitraum zwischen 190 und 30 v. Chr., bezwungen oder freiwillig, unter die Herrschaft der Römer; und diese selbst ließen sich seitdem die durch Marius und Sulla, Pompejus und Cäsar vorbereitete, das republikanische Senatsregiment ablösende Einherrschaft der Cäsaren gefallen. Immer und immer weiter griff die alle Gegner niederzwingende, die Reichsgrenzen herrisch hinausschiebende Kriegerhand Roms: um 150 n. Chr. gehorchte (mit Ausnahme von Irland, Schottland, Deutschland, Skandinavien und Rußland, also nur dem äußersten Norden und Osten) ganz E. dem römischen Kaiser. Die Römer waren es demnach, die von großen Strecken unsers Erdteils (wenn wir von gelegentlichen Erkundungen einzelner Seefahrer, vor allem des Pytheas, und den Erwähnungen älterer griechischer Geographen absehen) die ersten greifbaren und dauerhaften Kenntnisse gewonnen, vermittelt und überliefert haben.

Doch selbst das römische Weltreich sollte seinen Meister finden, und die Vorherrschaft Südeuropas, wie sie sich in der griechischen und dann namentlich in der römischen Geschichte verdeutlicht, wurde bald abgelöst durch eine mitteleuropäische. Das Verdienst, diese Wandlung vollzogen zu haben, gebührt den Germanen. Freilich die germanischen Stämme, die im Strudel der großen Völkerwanderung (s.d.), einander durchkreuzend und verdrängend, rasch hintereinander vor unsern Augen auftauchen: so die Westgoten in Illyrien und Italien, Südfrankreich und Spanien (378–711), die Vandalen in Spanien und Nordafrika (406–534), die Ostgoten (493–555) und die Langobarden (568–774) in Italien, sie verschwinden alle wieder, nachdem sie zu der Bereitung des Romanentums ihr Teil beigetragen hatten. Von längerer Dauer waren schon die Staatengründungen[185] der Angeln und Sachsen in Britannien (449–1066). Zum eigentlichen mitteleuropäischen Hauptvolk aber entfalteten sich die Franken, die unter den Merowingern 486 den letzten Rest der Westhälfte des im Kerne schon 476 durch Odoaker besiegten Römerreichs beseitigten, 531 die Thüringer, 532 die Burgunder unterwarfen und unter dem Pippiniden Karl d. Gr. auch in Norddeutschland (772–804 Sachsenkriege), in Spanien (778, 795, 801), in Bayern (788) und im Südosten (791–799 Avarenkrieg) festen Fuß faßten. Doch auch sie waren schon nicht mehr bloß auf sich gestellt; ganz abgesehen von dem immerhin beträchtlichen Kulturerbe, das ihnen das absterbende Römertum vermacht hatte, erhielt es eine innere Vermehrung und Vertiefung durch das Christentum, das seinerseits gerade den Franken die Steigerung seiner äußern Machtstellung verdankt. Denn mag sich auch der Begriff einer »katholischen« Kirche bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. n. Chr. gegen die römischen Prätorianerkaiser entwickelt, mag sie sich auch unter und nach Konstantin d. Gr. vollends zur »Reichskirche« entfaltet haben – zur Herrschaft über E. ist sie nicht durch das je länger, desto mehr nach dem Orient gravitierende Byzanz gelangt, wo sie vielmehr verknöcherte, sondern erst durch die mit Karl d. Gr. anhebende und durch Otto d. Gr. fortgesetzte Wiedererneuerung der weströmischen Kaiserwürde, durch das Erstreben der Kaiserkrönung in Rom. Dieser Idee ordnet sich viele Jahrhunderte hindurch alles andre unter; und wie gefährlich sie auch besonders der darob vernachlässigten innern Entwickelung Deutschlands, des Herzens von E., geworden ist, so hat sie doch von 800 an eine ungemein fesselnde Großzügigkeit in die europäische Geschichte gebracht (vgl. Schwemer, Papsttum und Kaisertum, universal-historische Skizzen; Stuttg. 1899). Jedenfalls geben das mit elementarer Wucht erfolgende Auftreten frischer Völker, deren Jugendkraft der römischen Weltmacht und der antiken Kultur die Auflösung brachte, und ihre nicht nur verhältnismäßig schnell, sondern auch innig vor sich gehende Verbindung mit dem inzwischen erstarkten Christentum der mit 375 einsetzenden Zeit jenes besondere Gepräge, das einem neuen Zeitalter eigentümlich zu sein pflegt; man hat sich seit Horn und Cellarius (1685) daran gewöhnt, es Mittelalter zu nennen und diesem auf rein mechanischem Wege gefundenen Begriff einen vertieften Inhalt zuzuerkennen.

Bedeutet der Vorgang, der dieses Mittelalter vom klassischen Altertum scheidet, eine nahezu völlige Umbildung, so läßt sich eine solche Bezeichnung für die Erscheinungen, die den Beginn einer Neuen Zeit verkünden, schwerlich rechtfertigen: kein Ereignis von umwälzender Art, sondern eine ganze Reihe von Bewegungen und Vorkommnissen steht an der Schwelle des dritten großen Zeitalters der europäischen Geschichte: die Renaissance und der Humanismus, die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Entdeckung Amerikas und die Reformation der Kirche durch Martin Luther läuten das müde und schwach gewordene Mittelalter aus. Wir haben es im großen ganzen also mit ebendenselben Völkern zu tun, die in dem letztern bereits Großes geleistet hatten; nur der Geist, der sie erfüllt, ist anders geworden, und dies ist das Trennende. Was sich in frühern Jahrhunderten angebahnt hatte, erreicht nunmehr seine Vollendung. Das im 14. und 15. Jahrh. verweltlichte Christentum besinnt sich wieder auf seine verschütteten Wurzeln. Die trübe gewordenen Überlieferungen der Antike erfahren eine fröhliche Auferstehung, die sich im Klassizismus Goethes und im Neuhumanismus des 19. Jahrh. wiederholen sollte und zur »Entdeckung des Menschen« verholfen hat; die Wissenschaften blühen auf und erleben schließlich, im Jahrhundert der Technik, eine ungeahnte Steigerung. Und der natürliche Gesichtskreis, der seit langem keine nennenswerten Gewinne zu verzeichnen gehabt hatte, erweitert sich mit einem Male: die heimische Küste wird verlassen und das Weltmeer aufgesucht; der atlantische Horizont ist gegeben. Gleichzeitig setzen sich (aus der Stellung heraus, welche die um 1200 schon im Keime vorhandenen Nationen nach innern und äußern Kämpfen nun gegenseitig einnehmen) jene Machtverhältnisse allmählich fort, die den germanischen und romanischen Staaten Westeuropas ein fühlbares politisches wie kulturelles Übergewicht über die osteuropäischen Völker verleihen, die jenseit einer von der Adria etwa durch das Kurische Haff und den Bottnischen Meerbusen gezogenen Linie, teilweise auch heute noch, ein halbasiatisches Dasein verträumen. Die Verschmelzung klassischer Bildung und christlicher Religiosität mit nationaler Gesinnung formte den führenden Europäer der Neuen Zeit.

Innerhalb dieses Gesamtgemäldes treten im Laufe der Jahrhunderte, die seit Renaissance, Humanismus und Reformation verflossen sind, gewisse Züge schärfer hervor, um nach einiger Zeit zu verblassen und andern Konturen Platz zu machen. Gelang es seit dem Ausgange des 15. Jahrh. den romanischen Spaniern und Portugiesen, die europäische Geschichte durch ihre großartige Ausdehnung nach Westen und Osten in die Breite zu dehnen und damit für einige Jahrzehnte die Führung auch in E. an sich zu reißen, so rächte sich doch bald die damit verknüpfte Vernachlässigung eines Wachsens in die Tiefe. Die Basis der portugiesischen Machtentfaltung, der hierin die um 100 Jahre spätere der Niederländer gleicht, war zu schmal, als daß sie auf das übrige Festland länger hätte nachhaltig wirken können; und die Starrköpfigkeit, womit Spanien seit Philipp II. (gest. 1598) jeden freiern Luftzug fernzuhalten bestrebt war, ließ es bald von seiner Höhe herabsinken. An seine Stelle trat im 17. Jahrh. unter den durch Richelieu und Mazarin (gest. 1661) vortrefflich beratenen Ludwig XIII. und Ludwig XIV. die absolute Monarchie des französischen Königtums, das in Sitte und Sprache einen merkwürdig weitgehenden Einfluß auf die Nachbarnationen ausübte.

Ihm gegenüber konnte sich das Germanentum, das von dem isolierten England trotz der Blüte des elisabethanischen Zeitalters (1600) keine dauernde Förderung erhielt, nach dem meteorgleichen Falle Schwedens lange nicht zu weltbewegenden Taten aufraffen. Das in den Händen der Habsburger ruhende römische Kaisertum deutscher Nation war zwei volle Jahrhunderte hindurch nach der einen Seite hin, die schon die Richtung des Donaustroms anzeigt, stark beansprucht und konnte infolgedessen den führenden westeuropäischen Nationen gegenüber nichts Wesentliches erreichen, zumal da der mittelalterliche Kampf mit der Kurie der Einheit tiefe Wunden geschlagen und im Innern des Reiches zentrifugale Kräfte zu mehr oder weniger erfolgreichem Sonderleben hervorgelockt hatte. Aus bescheidenen Anfängen hob sich das von der tüchtigen Zollerndynastie gut verwaltete Kurfürstentum Brandenburg empor. Und während das ursprünglich bedeutendere Sachsen eine Politik der verpaßten Gelegenheit übte, errang es sich, inzwischen [186] Königreich Preußen geworden, unter Friedrich d. Gr. im Siebenjährigen Kriege gegen eine Welt von Feinden die Anerkennung, fortan als gleichberechtigte Großmacht aufzutreten: das war der Rang, den sich damals die führenden europäischen Staaten (Frankreich, Großbritannien, Österreich und, seit Peter d. Gr. und Elisabeth, auch Rußland) beizulegen pflegten (vgl. oben, S. 184). Im großen ganzen ist es bei der Fünfzahl, die das Konzert der Mächte repräsentierte, geblieben. Denn die gewaltige Störung, welche die französische Revolution heraufbeschwor, und die völlige Umwälzung aller politischen Verhältnisse, von der die blendende Einzelperiode Napoleon Bonapartes begleitet war, machten so auffallend rasch der vorherigen Gestaltung der Dinge wieder Platz, daß man lange Zeit versucht war, von einem europäischen Gleichgewicht als einer natürlichen, gesetzmäßigen Erscheinung zu sprechen. Und doch ist eine große Verschiebung der Kräfte unverkennbar. Dem gewaltigen Genius Bismarcks verdankt das im Deutschen Bunde zur Ohnmacht verurteilte, zersplitterte Deutschland die unter einer protestantischen Spitze herbeigeführte Einigung. Daneben aber hat sich der frühere Führer in der allerdings problematischen Form der Österreichisch-Ungarischen Monarchie erhalten und bildet, zusammen mit jenem und (seit 1883) mit dem seit 1870 geeinigten, aber seit der abessinischen Niederlage (1896) zu einer Macht zweiten Ranges wieder herabgesunkenen Italien, den mitteleuropäischen Dreibund, der flankiert wird durch den 1897 geschlossenen Zweibund Frankreich-Rußland. Haben wir demnach auch hier wieder jene Fünfzahl europäischer Kontinentalmächte vor uns, so läßt sich doch nicht leugnen, daß sich der Charakter der Geschichte von C. verändert hat. Erstens hat sich aus der neuzeitlichen Schwächung der aus Aufklärung und Revolution gezeugten konstitutionellen Monarchie der die Mitregierung des Volkes verkörpernde Parlamentarismus entfaltet. Zweitens kann man angesichts der übermächtigen Stellung, die sich das Russische Reich, gestützt auf seine Schritt für Schritt errungenen Erfolge in Nord- und Mittelasien, zu erwerben und zu behaupten verstanden hat, nicht mehr von einer westeuropäischen Färbung reden; der Anspruch der slawischen Völker auf Einlaß in die europäische Völkerfamilie läßt sich nicht mehr abweisen. Demnach stehen wir bereits in den Anfängen einer gemeineuropäischen Geschichte. Und innerhalb derselben ist im Hinblick auf die rückwirkenden Einflüsse der seit 1500 von E. aus in immer stärkerm Maß, mit immer größern Mitteln und nachhaltigerm Wirken betriebenen außereuropäischen Kolonisation, vor allem im Hinblick auf das bedrohliche Wachstum der Vereinigten Staaten und ihrem mit 1898 einsetzenden Imperialismus, insofern eine Sonderung vorzunehmen, als Großbritannien, die Kolonialmacht kat' exochēn, und Rußland (neben der nordamerikanischen Union) nicht mehr als bloße Großmächte, sondern als Größtmächte zu bezeichnen sind, denen das junge Deutsche Reich, das seit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. gleichfalls Bahnen der Weltpolitik beschritten hat, nachzueifern nach Kräften bestrebt ist.

Literatur.

Vgl. außer den geographischen Handbüchern von Stein-Hörschelmann, Klöden, Daniel, Roon etc. und den ältern Werken von V. Hoffmann, den Statistikern Schubert, v. Reden (s.d.): K. Ritter, E., Vorlesungen (hrsg. von Daniel, Berl. 1863); Reclus, Nouvelle géographie universelle, Bd. 1 bis 5. Europe (Par. 1875–80); »Länderkunde von E.« (hrsg. von Kirchhoff, Prag u. Leipz. 1886–93, 4 Tle.); A. Philippson und L. Neumann, E., eine allgemeine Landeskunde (in Sievers »Länderkunde«, Leipz. 1894); Chisholm, Geography of Europe (Lond. 1899–1902, 2 Bde.); Juraschek, Die Staaten Europas, statistische Darstellung (5. Aufl. von Brachellis Werk, Brünn 1903f.); Strelbitsky, Superficie de l'Europe (Petersb. 1882); Leipoldt, Über die mittlere Höhe Europas (Plauen 1874); Geikie, Prehistoric Europe, a geological sketch (Lond. 1880); Hoffmann, Resultate der wichtigsten pflanzen-phänologischen Beobachtungen in E. (Gießen 1885); Behm und Wagner, Die Bevölkerung der Erde (Gotha 1873–99); Kohl, Die Völker Europas (2. Aufl., Hamb. 1872); Derselbe, Die geographische Lage der Hauptstädte Europas (Leipz. 1874); Ripley, The races of Europe (New York 1899, 2 Bde.); Fouillée, Esquisse psychologique des peuples européens (Par. 1902); Dubois, Géographie économique de l'Europe (das. 1889).

Zur Geschichte, abgesehen von den betreffenden Teilen der verschiedenen »Weltgeschichten« und Sammelwerken (Heeren-Ukert-Lamprecht, Hirzel, Oncken u. a.): Ritter, Die Vorhalle der europäischen Völkergeschichten vor Herodotus um den Kaukasus etc. (Berl. 1820); Joh. v. Müller, 24 Bücher allgemeiner Geschichten, besonders der europäischen Menschheit (Tübingen 1810, 3 Bde.; neue Ausg., Stuttg. 1852, 4 Bde.); Hallam, View of the state of Europe during the middle ages (Lond. 1818; deutsch, Leipz. 1820; neue Ausg., Lond. 1884), mit »Supplemental notes« (1848); Kiesselbach, Der Gang des Welthandels und die Entwickelung des europäischen Völkerlebens im Mittelalter (Stuttg. 1860); Arndt, Germanien und E. (Altona 1803); Wachsmuth, Europäische Sittengeschichte (das. 1831–39, 5 Bde.); Lecky, Sittengeschichte Europas von Augustus bis auf Karl d. Gr. (deutsch, Leipz. 1879, 2 Bde.); Mendelssohn, Das germanische E. (Berl. 1836); Klemm, Kulturgeschichte des christlichen E. (Leipz. 1851, 2 Bde.); Mahrenholtz u. Wünsche, Grundzüge der staatlichen und geistigen Entwickelung der europäischen Völker (Oppeln 1888); Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (5. Aufl., Münch. 1904); Breysig, Kulturgeschichte der Neuzeit, Bd. 2 (Berl. 1901); Dyer, History of modern Europe, from the fall of Constantinople (3. Aufl. von Hassall, Lond. 1901–1902, 6 Bde.); für das 18. Jahrhundert die betreffenden Werke von Schlosser, F. Förster, v. Noorden; für das 19. Jahrh. die Werke von Alison, Gervinus, Alfred Stern (s. diese Artikel); W. Müller, Europäische Geschichte und Politik 1871–1881 (Berl. 1882); Debidour, Histoire diplomatique de l'Europe, 1814 bis 1878 (Par. 1890, 2 Bde.); Block, L'Europe politique et sociale (2. Aufl., das. 1893); Himly, Histoire de la formation territoriale des États de l'Europe centrale (2. Aufl., das. 1894, 2 Bde.); Seignobos, Histoire politique de l'Europe contemporaine (das. 1897); Sidgwick, The development of European polity (Lond. 1903); Kruse, Atlas und Tabellen zur Geschichte aller europäischen Länder und Staaten (5. Ausg., Halle 1834); Meitzen, Wanderungen, Anbau und Agrarrecht der Völker Europas nördlich der Alpen (Berl. 1895, Bd. 1–3); v. Erckert, Wanderungen und Siedelungen der germanischen Stämme in Mitteleuropa bis auf Karl d. Gr. (das. 1901, 12 Karten mit Text); Freeman, Historical geography of Europe (3. Aufl., Lond. 1903).[187]

Die wertvollsten Karten von E., teils einzeln, teils in Atlanten, sind von Berghaus, Kiepert, Petermann etc.; Habenicht (Wandkarte von Europa, 1:3,000,000, Gotha, Perthes); »Topographische Spezialkarte von Mitteleuropa« (Reymannsche Karte), 1:200,000 (796 Blätter, davon ca. 550 vollendet); Liebenow-Ravenstein (Mitteleuropa, in 164 Blättern, in 2 Ausgaben: a) topographische, b) Radfahrerkarte, Frankf. a. M., wird kurrent gehalten); Jiljin (Karte von Westeuropa, 1:1,500,000); Übersichtskarte von Mitteleuropa, 1:750,000 (45 Blätter, 1882–86, wird kurrent gehalten), Generalkarte von Zentraleuropa, 1:200,000 (260 Blätter, seit 1891 im Erscheinen begriffen, es fehlen nur noch wenige Blätter), letztere zwei Werke aus dem Militärgeographischen Institut in Wien; Papen (»Höhenschichtenkarte von Zentraleuropa«, 7 Blätter, Frankf. 1857–59); Steinhauser (»Hypsometrische Karte von Mittel- und Südeuropa«, Wien 1857); »Carte géologique internationale de l'Europe« von Beyrich u. Hauchecorne, 1:1,500,000 (erschienen sind 25 Blätter, es fehlt nur noch Ostrußland, Berl.); Paquier (»Atlas de géographie physique et militaire de l'Europe«, Par. 1888); BazinAtlas de l'Europe économique«, das. 1887); »Verkehrskarte von Europa«, 1:5,000,000 (Perthes, Gotha 1900); weiteres s. bei Artikel »Eisenbahn«, S. 505. Von historischen Kartenwerken sind hervorzuheben: Spruner-Menkes »Historischer Handatlas für die Geschichte des Mittelalters und der neuern Zeit« (Gotha), Wolfs »Historischer Atlas« (Berl. 1877) und G. Droysens »Historischer Handatlas« (Leipz. 1885).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 171-188.
Lizenz:
Faksimiles:
171 | 172 | 173 | 174 | 175 | 176 | 177 | 178 | 179 | 180 | 181 | 182 | 183 | 184 | 185 | 186 | 187 | 188
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Komödie in einem Akt

Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Komödie in einem Akt

Ein alternder Fürst besucht einen befreundeten Grafen und stellt ihm seinen bis dahin verheimlichten 17-jährigen Sohn vor. Die Mutter ist Komtesse Mizzi, die Tochter des Grafen. Ironisch distanziert beschreibt Schnitzlers Komödie die Geheimnisse, die in dieser Oberschichtengesellschaft jeder vor jedem hat.

34 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon