Ägypten

[183] Ägypten (hierzu Karte »Ägypten, Dar Für und Abessinien«), ehemals ein großes selbständiges Reich, jetzt ein unter der Hoheit des türkischen Sultans und unter englischer Oberaufsicht von einem Vizekönig regierter Staat in Nordafrika. Der Name ist griechischen Ursprungs, aber von ungewisser Bedeutung; nach Brugsch wäre das griech. Aigyptos entstellt aus Heke-Ptah, »Haus des Geistes des Ptah«. Der einheimische Name war Kêmet (schwarzes Land); diese schwarze Erde, die, vom Nil angeschwemmt, den fruchtbaren Talboden bildete, stand im Gegensatze zu dem angrenzenden Te Tescher (das Rote), der Wüste. Bei den Hebräern hieß Ä. Masar (im Dual Misraïm), in persischen Keilinschriften Mudhraja. Der heutige arabische Name ist Masr, der türkische Gipt (der abgekürzte griechische, daher Gipti, die Kopten, die unzweifelhaften Nachkommen der alten Ägypter).

I. Das heutige Ägypten.

In seinem jetzigen Umfang liegt A. zwischen 31°35´ und 21° 53´ nördl. Br. (Wadi Halfa) und 23°45´ und 35° östl. L. An der Küste des Roten Meeres reicht die Grenze jedoch bis zu 18°2´ nördl. Br. (Ras Kasar), wo es an die italienische Interessensphäre stößt. Im W. wird Ä. begrenzt von der Libyschen Wüste und Barka, im N. vom Mittelmeer, im O. von Türkisch-Asien, den Golfen von Suez und Akaba und dem Roten Meere. Die Grenzen des Reiches sind sehr wechselnd gewesen. Unter den Pharaonen reichte es zeitweilig bis 700 km südlich von Syene. In der Folge aber begriff es nur das Niltal bis zum ersten Katarakt. Die Eroberungen Mehemed Alis und seiner Nachfolger dehnten das Reich immer weiter nach S. aus, das bald Nubien, Kordofan, Dar Für und den übrigen Sudân südlich bis zum Somerset-Nil und Albertsee, westwärts bis zum 21.° östl. L., sodann eine Anzahl von Orten an der Somalküste (Zeila, Berbera u.a.) und Harar umfaßte, ein Areal von 2,986,900 qkm, das durch den Aufstand des Mahdi 1882 auf 944,300 qkm in dem angegebenen Umfange zusammenschmolz.

Bodengestaltung.

Das Land ist zum großen Teil unfruchtbare Sand- und Steinwüste, so daß von dem ganzen Gebiet vom Mittelmeer bis Wadi Halfa nur 27,688 qkm kulturfähig sind, wovon 16,070 auf Unterägypten, 11,589 auf Oberägypten entfallen, während das übrige, namentlich der zu Asien gehörige Teil auf der Sinaihalbinsel fast durchaus wüst ist. In dem sich längs des Nils hinziehenden Tieflande bildet den Untergrund Fels oder Sand, den eine 10–12 m mächtige Schicht fruchtbaren Schlammes bedeckt: ein schmaler, im untern Teile nirgends über 30 km, im obern selten mehr als 7 km breiter Streifen Landes, der durch seine Fruchtbarkeit-die geringe Ausdehnung ersetzt. Dieses eigentliche Ä. zerfällt nach seiner natürlichen Beschaffenheit in zwei Teile, Ober- und Unterägypten. Unterägypten, das Nildelta, das vom Mittelmeer bis Kairo reicht, erhebt sich nur wenige Fuß über die Meeresfläche und ist großenteils ein Geschenk des eine steinlose Ebene, die zu den ergiebigsten Getreideländern der Erde gehört. Im N. hat es eine bogenförmige Begrenzung durch das Mittelmeer an einer 270 km langen, sehr flachen Küste. Seine größte Ausdehnung von N. nach S. beträgt 171 km. Ganz Unterägypten steigt sanft von N. nach S. an; auf einen Breitengrad kommen kaum mehr als 14 m Steigung längs des Stromes. In Oberägypten (Sa'id), von Kairo bis Wadi Halfa beim zweiten Katarakt sich erstreckend, muß man der höher werdenden Ufer wegen den natürlichen Überschwemmungen des Nils durch Kanäle zu Hilfe kommen, um die segensreichen Fluten auch den entferntern Gegenden des Uferlandes zuzuführen. Von Assuân an stromabwärts richtet das Niltal sich in der geringen Breite von 4–6 km zuerst gerade nach N., wird aber stellenweise durch hervortretende Felswände sehr eingeengt, so namentlich am Dschebel Selseleh (Kettenberg), wo er nur 1 km Breite hat. Später erweitert sich das Tal, namentlich von Kenneh ab, am linken Ufer bis zum Fayûm, das gleichfalls als eine Schöpfung des Stromes anzusehen ist. Das Nildelta wird von Alexandria bis in die Nähe von Kairo und Suez von jüngern Tertiärbildungen umsäumt, und zwar von pliocänen Sandablagerungen im W. und sehr versteinerungsreichen oberpliocänen Kalken (Korallenkalken) im O.; unter letztern treten miocäne und Ablagerungen der obern Kreideformation, am Roten Meere hier und da auch paläozoische Schichten und auf großen Strecken kristallinische Gesteine hervor (s. Afrika, S. 137). Von Kairo aufwärts umschließen den Nil Höhenzüge, die, bis 350 m aufsteigend, zuweilen bis hart an den Strom vorspringen. Sie bestehen auf beiden Seiten aus versteinerungsreichem eocänen Nummulitenkalk, dem sich von Siut aufwärts Mergel, kalkige und sandige Gesteine der obern Kreide anschließen. Von Selseleh an herrscht der cenomane quarzreiche nubische Sandstein, bis bei Assuân ein vom Roten Meer westwärts streichender großer Gebirgszug von Granit, Gneis und Glimmerschiefer mit untergeordnetem Syenit, Diorit und Porphyr, der sogen. Arabische Gebirgszug, sich wie ein mächtiger Querriegel vorschiebt, A. und Nubien scheidend. Durch dieses Gebirge, das sich bei einer Breite von vielen Kilometern bis tief in das libysche Sandmeer hinein erstreckt, hat sich der Nil im ersten Katarakt den Weg gebrochen. Zu beiden Seiten der Uferberge beginnt die Wüste. Die Arabische Wüste am rechten Ufer besteht im W. aus Nummulitenkalk, dann aus Sandstein und endlich nach dem Roten Meere zu aus kristallinischem Gestein und weist zahlreiche, tief eingeschnittene Täler und kühn geformte Felsmassen von großartigem Charakter auf. Im Mittel 500–1000 m hoch, steigt sie im Dschebel Um Sidr und im Duchan zu 2100 m, im Dschebel Um Delpha zu 2180 m Höhe auf. Sie hat im nördlichen Teil einige Quellen und eine ansehnliche Kräutervegetation, die obern Hochflächen entbehren jedoch jedes Pflanzenwuchses. In 30–40 km Entfernung von der Küste fällt sie steil zum Roten Meer ab. Weit trostloser noch als die Arabische ist die Libysche Wüste, eine riesige Hochfläche südlich von der Oase Dachel aus nubischem Sandstein, nördlich von dieser aus Nummulitenkalk und jüngern tertiären Meeresablagerungen bestehend, ohne größere Täler und hervorragende Gipfel, steinig und durchaus wasserlos; in ihrem östlichen Teil wird sie von einem Oasenzug unterbrochen, der von S. nach N. aus den Oasen Chargeh, Dachel, Farafrah, Baharieh und Siwah (s. diese Artikel) u.a.[184] besteht. Wir begegnen hier einer Reihe beträchtlicher Depressionen. Das sind die Oasen Siwah -30 m, Arêdsch -70 m, Uttiah -20 m, der See Sittrah -25 m. Auch der Birket Karûn im Fayûm liegt 43 m unter dem Meeresspiegel.

Charakteristisch ist der infolge der Nilüberschwemmungen sich absetzende Schlamm, der einen großen Teil der Sohle des Niltals bedeckt und insbes. zur Entstehung des Deltas Veranlassung gegeben hat. Derselbe bildet eine seine tonige, etwas kalkhaltige, fast zur Hälfte ihres Gewichts aus organischen Substanzen bestehende Masse, die getrocknet sehr hart wird und von jeher zur Ziegelbereitung benutzt wurde. Im Delta wechseln mit ihr dünnere, aus Sand bestehende Lagen. In den wüsten östlichen Regionen besteht der Sand aus mikroskopisch kleinen Korallenschalen (Bryozoen), doch finden sich auch marine Muscheln vor.

Bewässerung.

Der einzige Fluß Ägyptens ist der Nil, der in das Land mit dem zweiten oder Großen Katarakt bei Wadi Halfa eintritt. Noch einmal stürzt er zwischen der Insel Elephantine und der Insel Philä über zahllose Klippen zwischen Felswänden dahin und teilt sich dabei in viele Arme, die bei hohem Wasserstande 20 Inseln umschließen. Bei niedrigem Wasserstande hat er auf dieser Strecke eine Breite von 1000–1200 m. Weiter nördlich im ruhigen Laufe dahinströmend, verengert er sich wieder, so daß er bei Theben nur eine Breite von 400 m hat, die aber bei Siut wieder bis zu 800 m wächst. Bei Derût geht links der Josephskanal (Bahr Yusuf) ab und folgt in seinem 350 km langen Lauf dem Fuße der libyschen Bergkette bis zur Schlucht El Lahun, durch die er in das Fayûm tritt, das er in vielen Armen bewässert. 22 km unterhalb Kairo, wo das Tal sich zur Ebene erweitert, teilt sich der hier 3/4 Stunden breite Strom am Batn el Bagr oder Kuhbauch in zwei Hauptarme: der eine, der bolbitische der Alten oder der von Raschid (Rosette), geht nach NW., der andre, der alte phanitische oder Arm von Damiat (Damiette), nach NO. Das zwischen beiden Armen sich ausbreitende Delta wird von zahllosen Verbindungskanälen der Nilarme quer durchzogen. Im Anschluß an den Bahr Yusuf wurde von Derût nach Siut der Ibrahimkanal und von Siut bis Sohâg der Sohâgiyekanal erbaut. Der Mahmudiehkanal, aus dem Rosettearm von Fua nach Alexandria (s. d., S. 304) ausgehend, ist der wichtigste des Nildeltas. Zur Regulierung der Nilüberschwemmungen sind in Oberägypten große Bassins angelegt, und 1898 wurde mit der Herstellung eines großen Nilreservoirs durch Dammbauten (barrage) bei Assuân und Siut begonnen. Der Damm bei Assuân soll den Wasserstand des Nils 106 m über Meereshöhe, d.h. 20 m über Niedrigwasser, halten; er ist mit einer Schiffahrtsschleuse versehen. Bei Siut wird ein sogen. offener Staudamm von 822 m Länge erbaut, der die Wasserzufuhr für den Ibrahimkanal in Mittelägypten regeln soll. Die Ruinen der Insel Philä werden durch starke Dämme gegen eine Überflutung geschützt. In Unterägypten wird das Kanalnetz stetig weiter ausgebaut, wie auch am Süßwasserkanal und bei Suez neues Land der Kultur gewonnen wird. Das Anschwellen des Stromes beginnt bei Assuân Ende Juni, bei Kairo Anfang Juli und erreicht in der ersten Hälfte des Oktobers den höchsten Stand. Die darauf folgende Abnahme ist so langsam, daß der Fluß erst April, Mai und in den ersten Junitagen des folgenden Jahres seinen niedrigsten Stand erreicht. Die Flutamplitüde beträgt bei Assuân 15 m, bei Theben 8,5 m, bei Kairo 7,5 m. Ein Zurückbleiben hinter der normalen Überschwemmung (für unser Zeitalter 8 m) um nur 1 m hat in Oberägypten bereits Dürre und Hungersnot im Gefolge, aber schon 50 cm mehr kann furchtbare Verwüstungen im Delta anrichten. Mit Hilfe von Ziehbrunnen (Schadufs), von Schöpfrädern (Sakîye) und hydraulischen Maschinen sowie mit Dampfpumpwerken bringt man das Nilwasser auch in der Trockenzeit zuweilen durch mehrere Etagen selbst auf höher gelegenes Terrain, wohin die Überschwemmungen nicht gelangen. Das ganze kulturfähige Land ist durch Dämme in ungeheure Bassins eingeteilt, in die das befruchtende Wasser durch Kanäle unter der Obhut besonderer Ingenieure eingeführt und so lange auf einer gewissen Höhe gehalten wird, bis die gehörige Menge Nilschlamm abgesetzt ist. Die Länge der Bewässerungskanäle wurde 1890 auf 16,770 km angegeben, die Zahl der Dampfpumpen auf 500, die der Sakîye auf 30,000, die der Schaduf auf 70,000. Ein willkürliches Überfluten des Landes ist jetzt ganz ausgeschlossen; A. hat aufgehört, zur Zeit der Nilschwelle wie ehemals ein großer See zu sein.

Ständiger Quellen entbehrt der größte Teil des Landes ganz. Mineralische Quellen finden sich in dem Quertal zwischen Koffeïr und Kenneh und nahe der Küste des Roten Meeres, dann bei Kairo (Heluan), besonders aber im Oasenzug, dessen Quellen eisen- oder schwefelhaltig und großenteils Thermen sind.

Seen besitzt Ä. in ziemlich großer Zahl. Im Innern sind die bedeutendsten der salzige Birket Karûn am Westrande des Fayûm (26,000 Hektar), die Bitterseen (30,000 Hektar) auf der Landenge von Suez und die kleinen Natronseen (zusammen 6000 Hektar) südöstlich von Alexandria. Ansehnlicher als diese Binnenseen sind die vom Mittelmeer meist nur durch eine schmale, sandige Landzunge getrennten salzigen Lagunenseen, worunter folgende die bedeutendsten sind: der Birket Mariut (der alte Mareotis) bei Alexandria, der seichte Maadieh oder See von Abukir, der Edkusee, jetzt fast wasserleer, der gleichfalls sehr seichte Burlos, fischreich und mit vielen Inseln, und der Mensaleh, der größte von allen, 67 km lang, durchschnittlich 33 km breit und 1–1,5 m tief, mit vielen Inseln, fischreich und vom Suezkanal durch schnitten. Merkwürdig sind endlich noch die erst in neuerer Zeit genauer bekannt gewordenen unterirdischen Wasserbecken im westlichen Oasenzug, die schon im Altertum zum Bohren artesischer Brunnen Veranlassung gegeben haben. Seit der englischen Okkupation wird fleißig an der Trockenlegung der 5420 qkm großen Lagunen an der Nordküste des Deltas gearbeitet.

Klima.

Das Klima Ägyptens steht ganz unter dem Einfluß der nahen Sahara. Während des Sommers bildet sich infolge der starken Erwärmung einer ausgedehnten Landmasse über derselben ein Gebiet geringen Luftdrucks, in das schwerere Luftmassen aus den peripherischen Gebieten einströmen, so daß in A. nördliche Winde vom Mittelmeer her vorherrschen. Sie bringen Kühlung und Feuchtigkeit und geben in Unterägypten während der Überschwemmungszeit im August und September Veranlassung zu Nebelbildungen. Während des Winters treten entgegengesetzte Verhältnisse ein; über der Sahara entsteht ein Hochdruckgebiet, die Luftmassen fließen aus der Libyschen Wüste sein ich ab und verursachen im Niltal südliche Luftströmungen. In der Übergangszeit vom Winter zum Sommer zeigt sich eine große Regellosigkeit der Windrichtungen; in[185] diese Zeit fällt das Wehen des gefürchteten Wüstenwindes Chamsîn, dessen Gluthauch eine exzessive Trockenheit verursacht. Der Name bedeutet »fünfzig«, da der Chamsîn besonders innerhalb der 50 Tage nach der Frühjahrssonnenwende auftreten soll. Bedingt durch diese Verhältnisse und den Stand der Sonne finden wir eine fortschreitende Erwärmung der Luft von der Küste des Mittelmeers nach Oberägypten. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Alexandria 20,6°, in Kairo 21,3°, in Kosseïr am Roten Meer 24,6°, in Kenneh 26,5°, in Theben 29°. Der kälteste Monat hat in den drei erstgenannten Orten 14,4, 11,9 und 18,3°, der wärmste 26,2, 29,1 und 29,4° aufzuweisen. Unter den Gefrierpunkt fällt das Thermometer im Niltal nicht (vereinzelt wurde 1867 das Zuckerrohr in Ä. durch Nachtfröste beschädigt); der tiefste Stand der Temperatur ist in den Monaten Dezember, Januar, Februar im Delta +2°, in Kairo +5°. Da zufolge der nahen Wüste die Bewölkung sehr gering ist (Alexandria hat eine mittlere Bewölkung von 24 Proz., Kairo von 19 Proz.), so erfolgt in der Nacht eine bedeutende Wärmeausstrahlung, und die Differenz zwischen der Tag- und Nachttemperatur beträgt oft zwischen 20 und 30°. Selbst in Oberägypten sinkt in diesen Monaten das Thermometer um 5 Uhr morgens bis auf 5° herab. Ausnahmsweise ist zu Alexandria, Rosette und bis Atfeh 1833, 1855 zu Kairo und 1887 im Nildelta Schnee gefallen. Häufiger kommt Eisbildung in den das Delta begrenzenden Wüsten und in der Oase Siwah nach gefallenem Tau und bei starkem Nordwind vor. Im südlichen A. ist die Atmosphäre außerordentlich trocken, und diese Trockenheit wird durch die um das Frühlingsäquinoktium eintretenden Südostwinde und besonders durch den erwähnten Chamsîn bis zu einem unerträglichen Grade gesteigert. Feuchter wird die Atmosphäre, je mehr man sich dem Mittelmeer nähert. Die Niederschläge sind fast ausschließlich Winterregen. Im Sommer breitet sich dagegen ein ganz reiner Himmel über dem Land aus, und Regenniederschläge sind, besonders in Oberägypten, eine seltene Erscheinung. Doch hat man zu Kenneh und Theben und sogar in dem sehr trocknen Südosten mehr oder weniger heftige Regengüsse beobachtet. An der Nordküste regnet es vom Oktober bis März und April häufig, in den übrigen Monaten aber stellenweise gar nicht. Die regenreichsten Monate in Alexandria sind der November mit 24 Proz. und der Dezember mit 27 Proz. Die Jahressumme des Niederschlags beträgt in Alexandria 210, Port Saïd 92, Ismailia 52, Kairo 32, Suez 26 mm, weist also ein starkes Abflauen nach O. und S. auf. Das Klima Ägyptens ist, abgesehen von den niedrigen sumpfigen Strichen an der Küste des Roten Meeres, im allgemeinen gesund und gilt infolge seiner warmen, trocknen und chemisch reinen Luft als wohltätig für Lungenkranke und solche, die an Blutarmut, Dyskrasie und Rheumatismus leiden. Gefährlich dagegen ist das Klima für die, welche mit organischen Herzfehlern, starker nervöser Reizbarkeit oder Unterleibsvollblütigkeit behaftet sind oder zu Kongestionen nach dem Kopf und zu Durchfällen neigen. Unter den endemischen Krankheiten sind Aussatz und Elefantiasis nicht selten; eine wahre Plage bilden in der heißen Jahreszeit Ruhr und Augenentzündungen. Fieberepidemien sind im Delta, besonders in Alexandria, häufig, dagegen kommen Wechselfieber in der Umgebung von Kairo und in Oberägypten selten vor. Die Pest, die 1834 und 1835 in Kairo 75,000, in Alexandria 45,000 Personen hinwegraffte, ist verschwunden, die Cholera trat 1883 zum letztenmal auf.

Pflanzenwelt.

Ä. gliedert sich pflanzengeographisch in fünf Hauptgebiete. Die Mittelmeerflora bildet im Nildelta einen schmalen Küstenstreifen, der im W. und O. an Breite bedeutend zunimmt. In dem westlichen Abschnitt zeigt sich ein Einschlag von Arten der kyrenäischen Flora; im O. nehmen dagegen die Anklänge an die Flora Syriens und der Sinaihalbinsel zu. Die Pflanzen der Wüstenregion besiedeln die regen armen, nur in den Einsenkungen etwas feuchten Plateaulandschaften Libyens, des Isthmus von Suez und die Gebirgskette östlich vom Nil bis zur Südgrenze des Landes. Die Vegetation zeigt hier vorwiegend halbkugelig zusammengedrängte Wuchsformen, starke Reduktion der Blattflächen, dichte Haarbekleidung und häufige Dorn- und Stachelbewaffnung (s. Wüstenpflanzen). Im Vergleich mit der ägyptisch-arabischen Wüste ist die Libysche auffallend artenarm. Im S. des Wüstengebietes nimmt die Flora eine größere Zahl von Arten aus den Steppen Nubiens auf, während im N. mehr Übereinstimmungen mit der Pflanzenwelt der Sinaihalbinsel vorkommen. In höhern Gebirgslagen treten auch Mediterrantypen auf. Die Küstenregion am Roten Meere (erythräische Zone) hat eine dürftige Flora. Auffallend erscheint das Auftreten der strandbewohnenden Avicennia officinalis (Verbenazee), die innerhalb der Flutmarke ausgedehnte, waldartige Dickichte bildet und der tropischen Mangroveformation (s. Lebendiggebärende Pflanzen) angehört. Das Niltal selbst besitzt nur wenige ihm eigentümliche Arten. Seine Flora besteht teils aus Feuchtigkeit liebenden Pflanzen tropischen Ursprungs, teils aus Arten, die im Mittelmeergebiet oder auch bis Mitteleuropa weiter verbreitet sind. Auch das Fayûmbecken mit acht ausschließlichen Arten reiht sich dieser Region an. In den Oasen schaffen die unterirdischen Wasservorräte im Verein mit dem Boden und Klima der Wüste ganz eigenartige Bedingungen des Pflanzenlebens. Die wild wachsende Flora besteht teils aus Pflanzen der Wüstenränder, wie z. B. den Koloquinten (Citrullus Colocynthis), dem milch saftreichen Oscharstrauch (Calotropis procera) oder der Zwergmimose (Prosopis Stephaniana), teils aus Gewächsen feuchter Standorte, wie Cyperus Mundtii, das eine weitere afrikanische Verbreitung besitzt, teils endlich aus Halophyten. Manche Oasen bewohnende Pflanzen sind Einwanderer, die sich streng an den bewässerten Kulturboden halten und vorzugsweise der Mittelmeerflora entstammen. Von Getreidepflanzen werden in Ä. vorwiegend Weizen, Gerste, Durra und Reis gebaut. Auch eine Kleeart (Trifolium alexandrinum), Indigo, Baumwolle und andre in warmen Klimaten verbreitete Nutzpflanzen werden vielfach angebaut. Uralt ist die Kultur der Dattelpalme, des Ölbaums und des Weinstocks. Auch Dumpalmen (Hyphaene thebaica), Balanites aegyptiaca, deren Früchte auch in Mumiengräbern gefunden sind, und zahlreiche Obstbäume (Arten von Citrus, Prunus, Punica, Ficus, Morus, Ceratonia, Zizyphus u.a.) werden in Gärten gezogen. Als Nutzholz geschätzt wird besonders der Suntbaum (Acacia nilotica), zur Ölgewinnung werden die Rizinusstande (Ricinus communis) u.a. benutzt. Auch an Gemüse- und Gewürzpflanzen ist kein Mangel.

Eine eigenartige Erscheinung in der ägyptischen Pflanzenwelt ist das allmähliche Aussterben einiger uralter Kulturpflanzen. Der Papyrus kommt am[186] obern Blauen und Weißen Nil wild vor und fand sich noch zur Zeit der französischen Okkupation vereinzelt bei Damiette. Ebenso ist das Vorhandensein der asiatischen Lotosblume (Nelumbium speciosum), die sonst in Afrika nirgends vorkommt, in Ä. bis zur römischen Kaiserzeit nachgewiesen. Von altägyptischen Gräberfunden, die floristisches Interesse haben, sind folgende Pflanzen zu nennen: Lein, Weizen, Gerste, Dinkel, Einkorn, Tef (Eragrostis abyssinica), Erdmandel (Cyperus esculentus), Dattelpalme, Dumpalme und Argunpalme (Hyphaena Argun), Ölbaum, Wacholder, Sykomore, Ricinus, Wassermelonen, Mimusops, Balanites aegyptiaca, Sapindus emarginatus, Feigen, Weinbeerenkerne, Granatäpfel, Acacia nilotica, Zwiebeln verschiedener Art, Oschar (Calotropis procera), auch Flechten (Parmelia furfuracea) als Zusatz zum Brotteig u.a. Dieses Verzeichnis gibt zugleich ein annäherndes Bild von den Kultur- und Nutzgewächsen des alten Ä. Vgl. Ascherson und Schweinfurth, Flora Ägyptens (im 2. Bande der Denkschriften des Ägyptischen Instituts zu Kairo).

Tierwelt.

Dem Charakter seiner Tierwelt nach gehört Ä. großenteils noch zur mittelländischen Provinz des paläarktischen Reiches, wobei aber besonders in Oberägypten das äthiopische Element bereits eine starke Rolle spielt, so daß sich die zoogeographische »ägyptische Zone« (Heuglin) in eine nord- und eine südägyptische zerlegen läßt. An Säugetieren ist die Zone ziemlich arm, unter den Raubtieren ist das ansehnlichste die gestreifte Hyäne. Sehr häufig ist der Schakal nebst einigen verwandten Arten, wie der Nilfuchs, der rotstreifige Fuchs und der zierliche großohrige Fenek. Seltener sind Luchs, Sumpfluchs, Wildkatze, Genettkatze und Stinktier. Unterägypten gehört die Pharaonsratte (Ichneumon) an. Von den Antilopen, welche die Wüste bewohnen, ist die häufigste, die auch dem Niltal sich zuweilen nähert, die Dorcasantilope; im Niltal und in der Wüste häufig ist der ägyptische Hase, Charaktertiere der Wüste aus der Gruppe der Nager sind die Djerboa oder Springmäuse, in gebirgigen Gegenden lebt der Klippdachs (Hyrax). Nicht selten sind Igel, während das Stachelschwein kaum mehr anzutreffen ist. Von Fledermäusen gehört eine Anzahl eigentümlicher Arten A. an. Affen fehlen im eigentlichen A. Von den Haustieren ist das wichtigste das Kamel; ihm reihen sich an Esel, Nilschaf, Ziege und Pferd. Die Vogelwelt Ägyptens, ungefähr 360 Arten umfassend, enthält infolge des Winterzuges sehr viele europäische Arten. Von einheimischen Vögeln sind zu nennen der große weißköpfige und Ohrengeier, der kleine Aasgeier, einige Adler- und Falkenarten und der in Dörfern und Städten hausende Schmarotzermilan, ferner der Wiedehopf, der Noahrabe, die ägyptische Nachtigall und der Steinschmätzer, der in öden, steinigen Wüstentälern und in Felsen lebt. Charakteristische Wüstenvögel sind die Sandhühner; einheimische Watvögel der Brachvogel, der Kuhreiher, die beiden Silberreiher, der Spornkiebitz, der ägyptische Regenpfeifer, der Marabu, die Nilgano. Unter den Reptilien ist der größte Repräsentant das noch in Oberägypten vorkommende Nilkrokodil, als Landkrokodil wird die große Warneidechse bezeichnet; außerdem enthält die Wüste noch zahlreiche weitere Eidechsen, in den Häusern finden sich die, Geckos, auf Bäumen das Chamäleon; berüchtigt ist Ä. als Land der Schlangen, deren es etwa 20 Arten enthält, darunter die giftige Brillenschlange und die Hornviper, Von Amphibien fehlen gänzlich die Schwanzlurche, während die Froschlurche durch ihre Individuenzahl ausfallen. Von Fischen ist im Nil besonders reich vertreten die Familie der Weise, darunter der Zitterwels, charakteristisch ist der Flösselhecht. In seiner Molluskenfauna trägt A. den Charakter der Mittelmeerprovinz, doch sind dem Nil entlang auch Formen des tropischen Afrika gewandert. Unter den Insekten zeigt A. neben speziell afrikanischen Formen auch viele südeuropäische, unter den Käfern ist berühmt der heilige Pillenkäfer (Ateuchus sacer), der Scarabaeus der Alten, unter den übrigen Insekten nehmen die erste Stelle die Heuschrecken ein, die heute noch in A. wie im übrigen Nordafrika eine Landplage sind.

Areal und Bevölkerung.

Nach dem Zensus von 1897 beträgt die Zahl der Einwohner Ägyptens in seinem jetzigen Umfange 9,811,544 Seelen, die sich auf die einzelnen administrativen Bezirke wie folgt verteilen:

Tabelle

Nicht mit inbegriffen in obiger Berechnung ist die Insel Thasos, im Privatbesitz des Chedive und von einem ägyptischen Gouverneur verwaltet.

Die Einwohnerzahl des alten A. betrug nach priesterlichen Angaben unter den Pharaonen gegen 7 Mill., die in mehr als 18,000 Städten und größern Orten wohnten. Herodot gibt zur Zeit der größten Bevölkerung unter Amasis 20,000 Städte an. Nach Diodor wurden unter dem ersten Ptolemäer über 30,000 Orte gezählt und ebensoviel noch zur Zeit jenes Berichterstatters. Josephus zählt zu Neros Zeit 71/2 Mill. Einw., wobei er die Bevölkerung von Alexandria, die zu Diodors Zeit allein 300,000 betrug, nicht mitrechnet. Zur Zeit der französischen Okkupation (1800) soll A. 2,514,000 Einw. gehabt haben, in seinem größten Umfange hatte es 171/2 Mill. Von der Gesamtbevölkerung waren 1897: 6,484,450 seßhaft, 246,529 Beduinen und 112,574 Fremde, nämlich 38,208 Griechen, 24,457 Italiener, 19,560 Engländer und englische Untertanen aus Malta und Indien, 14,172 Franzosen, 7115 Österreicher und Ungarn, 1281 Deutsche (in Kairo 487, in Alexandria 472, in Port Saïd 241), außerdem Belgier, Spanier, Russen, Schweizer, Polen, [187] Rumänen, Niederländer, Amerikaner etc. Diese Bevölkerung ist in Unter- und Oberägypten auf dem Kulturlande dicht angesessen. Hier liegen auch die großen Städte, die 1897 folgende Einwohnerzahl hatten: Kairo 570,062 (1902: 534,726), Alexandria 319,766 (1902: 310,587), Tanta 57,289, Port Saïd 42,095 (1902: 39,866), Siut 42,012, Zagasik 35,715, Mansura 34,997, Medinet el Fayûm 31,262, Damiette 31,288, Mehalla el Kobra 31,100, Damanhur 27,236, Keneh 24,364, Schibin el Kom 20,512, Minich 20,404 Einw. Die Bevölkerung Ägyptens ist ein Gemisch aus verschiedenen Nationen. Die fast reinen Abkömmlinge der alten Ägypter sind die Kopten (s. d.), die, etwa 600,000 qu Zahl, vornehmlich in den Städten des mittlern Ä. sitzen. Den bei weitem größten Teil der Bevölkerung bilden die Fellah (Fellachen), 635,600, die vielfach mit den Einwanderern und Eroberern gemischten Nachkommen der alten Ägypter, eine arme, unter Arbeit und Abgaben fast erliegende Menschenklasse. In etwas besserer Lage befinden sich die Fellah in den Städten, wo sie Gewerbe und Kleinhandel treiben und öfters zu Wohlhabenheit gelangen. Ein ganz andres Volk sind die Beduinen, 236,000, die zum kleinern Teil ansässig leben, zum größern Teil in 75 Stämmen (25 in Unterägypten, 23 in Oberägypten, 4 in El Arisch) nomadisieren. Gleicher Abstammung sind die Araber, 25,300, das vorherrschende Element der Bevölkerung der großen Städte, wo auch die meisten Armenier (10,450), Levantiner (30,000) und Franken leben. Die sehr verhaßten Juden verschwinden fast unter der Bevölkerung. Zigeuner treiben hier wie überall ihr Geschäft als Kesselflicker, Seiltänzer etc. Weitere Volkselemente sind die Ababde (19,525), die Nubier oder Baratra (180,000) und die Neger des Sudân (140,000). Vorherrschend bei der ganzen Bevölkerung ist die arabische Sprache; die Regierung verkehrt in dieser mit ihren Untertanen, in französischer Sprache mit den Fremden, in türkischer mit der Pforte.

Religion. Der bei weitem größte Teil der Bevölkerung bekennt sich zum sunnitischen (orthodoxen) Islam, dessen Speisegesetze aber die Beduinen nicht beobachten. Christen sind allein die Kopten (s. d.) und die Fremden (Armenier, Griechen, Italiener, Franzosen etc.). Das Christentum wurde hier bereits in den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung eingeführt, doch sind von den schon damals gegründeten zahlreichen Klöstern nur noch die an den Natronseen und drei weitere zwischen dem Nil und dem Roten Meer übriggeblieben. Die Massen der Kopten sind jakobitische Christen, Monophysiten oder Eutychianer und stehen unter dem Patriarchen in Alexandria, etwa 25,000 sind Protestanten oder Katholiken. Die griechisch-orthodoxe Kirche steht unter einem zu Kairo residierenden Popen und Patriarchen von Alexandria, Ä., Pentapolis und Äthiopien. Die Katholiken haben einen Erzbischof in Alexandria, einen apostolischen Vikar für Zentralafrika sowie einen solchen in Ä. und einen apostolischen Delegaten für Arabien. Die Armenier haben Gemeinden in Alexandria und Kairo; in letzterer Stadt residiert ihr Bischof. Die katholische Mission besteht hier schon seit den Zeiten König Franzl I., der den Orden der Brüder vom Heiligen Land einsetzte und unter sein Protektorat stellte. Die Katholiken haben jetzt mehrere Kirchen in Alexandria und Kairo sowie Kapellen in Ismaïlia, Suez u.a. Die protestantische Kirche ist in A. durch drei Missionen vertreten, durch die Schulen der englischen Miß Whately. durch die amerikanischen unierten Presbyterianer, die unter den Kopten mit Erfolg wirken, und durch die englische Kirchenmission in Kairo (seit 1882). Von der 1897 gezählten Bevölkerung waren 8,977,702 Mohammedaner, 731,235 Christen, 645,775 Orthodoxe, 61,051 Römisch-Katholische, 24,409 Protestanten und 25,200 Juden.

Volksbildung. Die geistige und wissenschaftliche Ausbildung steht noch auf einer sehr niedrigen Stufe. In den nur von Knaben besuchten Elementarschulen (Anhängseln der Moscheen oder Privatunternehmungen) wird notdürftig Lesen und Schreiben (Rechnen nur ausnahmsweise) gelehrt und der Koran auswendig gelernt. Ende 1894 bestanden 8913 Schulen mit 196,610 Zöglingen, davon waren Knabenschulen (dreistufig) 8763 mit 166,340 Schülern, und zwar 92 Regierungs- oder Wakufschulen (mit den Moscheen verbundene) mit 9204 Schülern, 108 Missionsschulen mit 7133 Schülern und 8613 Privatschulen, Freischulen u.a. mit 151,409 Schülern. Von Mittelschulen für Knaben gab es 28 mit 4393 Schülern, davon 3 Regierungsschulen mit 673,24 Missionsschulen mit 3741 und eine Privatschule mit 30 Schülern. Für die Mädchen bestanden 1894: 95 Elementarschulen mit 13,443 Schülerinnen. Die 271 gegründete hohe Schule der Moschee El Azhar zu Kairo ist die bedeutendste des Orients und zugleich Hauptsitz des mohammedanischen Fanatismus. Gegenstände des Unterrichts sind indes fast nur Religions- und Gesetzeslehre. Als Fachschulen wurden von der Regierung errichtet eine polytechnische Schule, 2 Rechtsschulen, eine philologische und arithmetische Schule, eine Kunst- und Gewerbeschule, Medizinalschule, Ackerbauschule, Entbindungsschule, Marineschule und eine Schule für Ägyptologen, die sich auf das ägyptische Museum zu Bulak stützt. Außerdem unterstützt die Regierung 2 Vorschulen in Alexandria, 1 in Kairo, 1 Seminar, 2 Mädchenschulen, 3 Industrieschulen, 23 Munizipalschulen und eine Blindenanstalt. Ähnliche Einrichtungen wie in Kairo bestehen auch in Alexandria, Siut und Keneh. Die Kopten haben ihre besondern Schulen: eine höhere Schule in Kairo, außerdem an verschiedenen Orten 11 Elementarschulen, davon zwei für Mädchen, während in den islamitischen Schulen nur Knaben unterrichtet werden. Sehr bedeutend ist die Tätigkeit mehrerer religiöser Gesellschaften auf dem Gebiete der Schule. Die französische katholische Mission (s. oben) wie die protestantischen Gesellschaften haben zahlreiche Schulen an verschiedenen Plätzen errichtet. Die griechisch-katholische Gemeinde besitzt ein Lyzeum in Alexandria und 2 Elementarschulen für Knaben und eine für Mädchen. Die Italiener haben in Kairo das Collegio italiano und mehrere andre Schulen gegründet, eine deutsche Kirchenschule besteht in Alexandria, ein deutsches Privatgymnasium und Handelsschule in Rasuleh bei Alexandria, eine Mittelschule in Kairo in Verbindung mit der evangelischen Kirche. Von wissenschaftlichen Anstalten bestehen ein Institut in Alexandria, die Société Khédiviale de géographie zu Kairo, eine Sternwarte zu Abbasijeh bei Kairo. Von den 29 Zeitungen Ägyptens erscheinen 10 in arabischer Sprache (auch zweisprachig), 9 in französischer, 5 in italienischer, 3 in griechischer Sprache.

Erwerbsverhältnisse, Grundbesitz.

Hauptquelle der Ernährung in Ä. ist der Ackerbau, für den der alljährlich vom Nil überflutete Boden trefflich geeignet ist. Das Kulturland zerfällt in zwei große Klassen: Ländereien, die durch die Überschwemmung selbst bewässert werden, die sogen. Raye,[188] und Ländereien, die als zu hoch gelegen von der Überschwemmung nicht erreicht werden können und deshalb künstliche Bewässerung erfordern, die sogen. Scharaki. Auf den Rayeländern findet in der Regel nur eine Ernte statt, in Oberägypten im Februar, in Mittelägypten im März, im Delta im April. Dagegen erzielt man auf den Scharakiländern drei Ernten: die erste mit der Winterkultur, die zweite mit der Sommerkultur, die dritte mit der Herbstkultur um die Zeit der Nilschwelle. Zu den ausschließlichen Winterkulturen (Schitwi) gehören Weizen, Gerste, Saubohnen, Linsen, Klee; Sommerkulturen (Sefi) sind Baumwolle, Zuckerrohr, Indigo, Reis etc., fast ausschließliche Herbstkultur (Nabari oder Nili) Mais. In ganz Ä. sind von der Kulturfläche 20,3 Proz. mit Weizen, 15,2 Proz. mit Klee, 14,1 Proz. mit Baumwolle, 12,3 Proz. mit Saubohnen, 11,2 Proz. mit Mais, 8,5 Proz. mit Gerste und 7,9 Proz. mit Durra bestellt. Mehrmals bepflanzt werden 24 Proz. (30 in Unter-, 16 in Oberägypten). Der Baum- und Weinkultur sind in Unterägypten 2169, in Oberägypten 1504 Hektar gewidmet. Im Delta herrschen Orangen- und Zitronenbäume vor, im Nildelta Feigenbäume. Von Dattelpalmen zählte man in Oberägypten 2,355,122, in Unterägypten 1,097,552, deren jährlicher Ertrag auf 100,000–120,000 Tonnen Datteln angegeben wird. Von den Früchten, deren man mehr als 20 Arten kennt, werden die meisten im Lande selbst verbraucht; die Ausfuhr beträgt an 800,000 Mk. jährlich.

Die Bodenbestellung ist, abgesehen von den Gütern des Chedive und großen Privatbesitzungen, wo moderne landwirtschaftliche Maschinen und Werkzeuge Eingang gefunden haben, höchst primitiv, die Ackergeräte sind noch dieselben, die uns die Abbildungen aus der ältesten Pharaonenzeit zeigen. Der Bauer war, wie in allen islamitischen Staaten, nicht Eigentümer, sondern nur Pachter, doch war er im Besitz seines Grundstückes gesichert, solange er die Pacht bezahlte. Die ägyptischen Herrscher sammelten zu Recht oder Unrecht einen enormen Grundbesitz in ihrer Hand, die Tschiftliks, die 1878 in Staatsdomänen verwandelt und den europäischen Mächten für ihre gemachten Darlehen verpfändet wurden. Diese Domänen umfaßten 31. Okt. 1891: 178,747 Hektar, wovon 77,020 direkt bewirtschaftet wurden, 53,719 waren verpachtet, 15,068 Hektar Arbeitern überwiesen und 32,950 Hektar unbebaut. Sie liegen hauptsächlich in Unterägypten, während die früher im Privatbesitz des Chedive sich befindenden, 212,000 Hektar umfassenden Dair Sanieh, die 1898 an ein Konsortium verkauft wurden, meist Oberägypten angehören. Ein bedeutender Teil von Grund und Boden gehört den Moscheen und Schulen. Dieses Wakuf ist von den Engländern für die Okkupationskosten beschlagnahmt. Ein großer Teil des Grundbesitzes ist in den Händen von Gesellschaften, namentlich der Suezkompagnie, ferner von Großgrundbesitzern, deren nicht bedeutende Zahl sich fortwährend vermindert. Den Rest von 1,042,114 Hektar bebauen die Fellah als Pachter kleiner Parzellen, doch können sie durch Zahlung des sechsfachen Betrags der Abgaben, die sich auf etwa ein Fünftel des Bodenertrags belaufen, in den erblichen Besitz des Landes gelangen. Der mittlere Pachtzins steigt von 101 Frank pro Hektar in Unterägypten bis 200 Fr. in Oberägypten. Die Ackerbau treibende Bevölkerung beläuft sich auf 2,049,643 Seelen. Dem Ackerbau verdankt das Land fast ausschließlich seine Exportfähigkeit. Die englische Verwaltung hat daher manche Erleichterungen der schwer bedrückten Fellah und Meliorationen geschaffen, Versuchsanstalten zur Einführung besserer Kulturmethoden angelegt und Darlehnskassen begründet.

In der Viehzucht überragt Oberägypten relativ etwas das Delta, dort ist die Rinderzucht, hier die Schaf- und Ziegenzucht etwas stärker. Man zieht gut geformte Rinder, Büffel, langohrige und kurzohrige Ziegen, Schafe mit und ohne Fettschwanz und mit wolligem Vlies, einhöckerige Kamele, die im alten Ä. selten waren, von schwerer, ausdauernder Rasse, wohlgebaute Esel, Maulesel, Pferde (um 1800 v. Chr. ein geführt) von zwar nicht schöner, aber brauchbarer Rasse, und viel Geflügel, insbes. Tauben massenhaft, deren Kot zur Düngung verwendet wird, während der der Vierfüßer als Brennmaterial zu dienen hat. Bei Matarieh, nördlich von Kairo, wird Straußenzucht betrieben. Der Hund treibt sich in Unter- und Mittelägypten herrenlos umher, erst in Oberägypten findet er Gebieter. Nach einer Schätzung von 1900 hatte Ä. 80,000 Pferde, 350,000 Rinder, 300,000 Büffel, 1 Mill Schafe und Ziegen, 40,000 Kamele, 120,000 Esel und 10,000 Maultiere. An Arbeitsvieh, besonders Rindern, macht sich Mangel fühlbar.

Bergbau. An Metallen ist Ä. nicht reich. Manche von den Alten ausgebeutete Gruben, wie die Kupfer gruben zu Dschebel Halala und die Smaragdgruben zu Dschebel Zumurud und Saberae, scheinen erschöpft zu sein. Blei wird am Dschebel Russas abgebaut. Aus den Natronseen und den Bitterseen Unterägyptens werden jährlich 8 Mill. kg Natronsalze gewonnen. Die 8 staatlichen Salpeterwerke liefern jährlich 700,000, die 12 Salinen 150,000 kg Salpeter, bez Salz. Am wertvollsten aber sind der prachtvolle rote Porphyr, aus dem so viele Kunstwerke hervorgegangen sind, grüner Marmor, Granit und der vortreffliche Alabaster im O. von Beni-Suef. Plastischer Ton liefert das Material zu den berühmten porösen Wasserflaschen, Pfeifenköpfen u.a.

Die Industrie ist unter Beteiligung von fremdem und einheimischem Kapital in fortschreitender Entwickelung begriffen. Durch verschiedene Gesellschaften wurden Zuckerfabriken, Raffinerien, Brennereien, Dampfziegeleien, eine Zündhölzchen- und eine Papierfabrik, Dampfmühlen, ferner Baumwollenöl- und andre Ölpressen, Egrenagemühlen, 600 Brutöfen, in denen jährlich etwa 6 Mill. Eier ausgebrütet werden, angelegt. Bemerkenswert ist der große Aufschwung der Zigarettenfabriken, die hauptsächlich für Deutschland arbeiten, der Möbeltischlerei und der Schuhmacherei. An erster Stelle steht die Zuckerfabrikation. Die Produktion von 17 Fabriken lieferte 1901: 100,000 Ton. Zucker aus 900,000 T. Zuckerrohr, deren Kultur 80,000 Feddan in Anspruch nahm. In Kairo bestehen 1000 Webstühle für Baumwollenzeuge und 500 für halbseidene Stoffe. Die besten Handwerker finden sich unter den Kopten, Griechen und Armeniern, die grobe Baumwollenstoffe, halbwollene blaue Zeuge für die Fellah, kupferne Gefäße, seine Körbe und Matten aus Binsen, Wollendecken, Goldstickereien, Posamenten und in Keneh und andern Orten Oberägyptens treffliche poröse Tonkrüge (Kulla), in Siut und Assuân zierliche Gefäße herstellen.

Handel und Verkehr.

Der Handel, der durch die Eröffnung des Suezkanals eine fühlbare Einbuße erfahren hatte, hat sich seit der englischen Okkupation merklich gehoben. Der Wert des gesamten Außenhandels betrug 1900: 32,488,423 ägypt. Pfd., wovon auf die Einfuhr 14,112,370, auf die Ausfuhr 16,766,610, auf die Durchfuhr 1,022,726 und auf die Wiederausfuhr[189] 586,717 ägypt. Pfd. entfielen. Eingeführt werden Industrieerzeugnisse aller Art, insbes. Gewebe und Konfektionen, Metallwaren, Maschinen, Steinkohlen, Chemikalien, Kolonialwaren; die Ausfuhr begreift in der Hauptsache die oben genannten Erzeugnisse des Ackerbaues, die fast ganz ihren Weg über Alexandria nehmen. Den weitaus größten Anteil am Handel mit Ä. hat England, das an der Einfuhr mit 45,4, an der Ausfuhr mit 55,7 Proz. beteiligt ist, dann folgen die Türkei, Frankreich, Österreich-Ungarn, Rußland, Nordamerika. Der Großhandel ist fast ganz in den Händen von Europäern, die hier auch eine Anzahl von Banken errichtet haben, wie die Anglo-Egyptian Banking Co., Commercial Bank of Alexandria, Banque Franco-Egyptienne, Impériale Ottomane, Credit Lyonnais, Bank of Egypt, Société Immobilière, Land and Mortgage Bank u.a.

Der Schiffsverkehr deckt sich im wesentlichen mit dem Alexandrias, da derjenige in Port Saïd und Suez fast nur Transitverkehr durch den Suezkanal und der in Suakin und Kossir von wenig Bedeutung ist; der Tonnengehalt der ausklarierten Schiffe betrug 1900: 2,364,672, davon entfielen auf Dampfer 2,199,327. Die ägyptische Handelsflotte besteht aus 1500 Fahrzeugen, darunter 16 Dampfer auf dem Mittelländischen und dem Roten Meer und 40 auf dem Nil. Die Eisenbahnen hatten 1900 eine Länge von 3392 km; davon sind die wichtigsten Linien Kairo-Alexandria (211 km), Kairo-Suez (246 km) und Kairo-Assuân. Auf sämtlichen Eisenbahnen wurden 11,312,000 Passagiere befördert. Die Chausseen und Landstraßen hatten 1899 eine Länge von 1995 km. Die Telegraphen hatten 1900: 3510 km Linien, 15,101 km Drähte und beförderten in 312 Ämtern 3,288,662 Depeschen. Alexandria ist Landungsstelle von 5 Kabeln, 2 gehen nach La Valetta auf Malta, je 1 nach Sitia auf Kreta, nach Larnaka auf Cypern und nach Port Saïd. Die Überlandlinie von England nach Ostasien folgt der Eisenbahn-über Kairo nach Suez. Die Post hatte 1900: 912 Ämter und Landpoststationen, durch die 13,604,000 Briefe und Postkarten, 9,341,000 Drucksachen und Warenproben und 456,000 Postanweisungen mit 341,1 Mill. Mk. befördert wurden. Außer den durch den Suezkanal gehenden Postdampfern befördern die Post 6 mit Alexandria verkehrende Dampferlinien, darunter die ägyptische Chedivié. Ein deutscher Generalkonsul residiert in Kairo, Konsuln in Alexandria, Damiette, Kairo, Port Saïd, Suez; Vizekonsuln oder Konsularagenten in Kenneh, Luxor, Mansurah, Siut, Tantah und Zagâzîg.

Münzen. Die Einheit bildet der Piaster (Gersch). Das ägyptische Pfund = 20,75 Mk. ist in 100 Piaster und 1000 Oschr-el-Gersch geteilt; man rechnet aber den Piaster zu 40 Parà (Fadda, Medini) von 21/2 guten Aspern sowie nach Mariatheresientalern und andern fremden Währungen, wofür amtliche Tarife bestehen. im Großhandel auch nach Beuteln (Kis) zu 500 Piastern. Man hat Goldmünzen: das ägyptische PfundL. E.«, Sequin), 50 und 25 Gurusch, ferner 4 Silber-, 3 Bronze- und 1 Kupfermünze. Papiergeld gibt es nicht. Ältere Maße und Gewichte: für Längen der Pik oder Dirâa in 5 Größen, als Feldmaß der gewöhnliche Feddan = 59,29 Ar, für Hohlmaße der Ardeb von verschiedener Größe. 1 Derhem oder Dramm = 3,088 (nach engl. Quelle 3,120) g ist die Einheit der Gewichte, 12 D. = 1 Okieh (Uckijih); der Rottel der Regierung hat 15 Okieh = 444,73 (engl. 449.28) g, die gewöhnliche Oka 400 Derhem = 1,235 (engl. 1,248) kg, der Kantár oder Kuß je nach der Ware 36–100 Oken. Der Chedive verfügte 1. Aug. 1875 die Annahme des metrischen Systems für alle Angelegenheiten der Verwaltung.

Staatsverfassung und Verwaltung.

Ä. ist ein Tributärstaat der Hohen Pforte unter absoluter erblicher Herrschaft (Primogenitur) eines Fürsten, der seit 26. Juni 1867 den Titel Chedive (Vizekönig) und Hoheit führt und sich Chedive von Ä., Souverän von Nubien, des Sudân, Kordofans und Dar Fürs nennt. Durch die 1882 erfolgte englische Okkupation ist die Gewalt des Chedive wesentlich beschränkt worden, namentlich durch die Verwaltung der Staatsschuld seitens einer europäischen Kommission und Stellung der Armee unter einen englischen General. An die Hohe Pforte hat der Chedive jährlich 665,041 ägypt. Pfd. zu zahlen, bei welcher jetzt auch die Genehmigung zum Bau von Panzerschiffen, der früher gestattet war, einzuholen ist. Das Ministerium besteht aus 6 Departements, für Justiz, Finanzen, Inneres, öffentliche Arbeiten und Unterricht, Krieg und Marine und für auswärtige Angelegenheiten. Diese Ministerien sind sämtlich durch Ägypter besetzt; ein Oberkommissar der Hohen Pforte gehört dem Kabinett gleichfalls an. In allen Ministerien sind indes viele der höchsten Ämter mit Europäern besetzt, insbes. im Finanzministerium, im Sanitätsdienst, bei den öffentlichen Arbeiten, im Eisenbahn-, Post-, Telegraphen- und Zollwesen. Eingeteilt wird das Land administrativ in Unterägypten mit 6 Gouvernoraten und 6 Mudiriehs, Oberägypten mit 2 Gouvernoraten und 8 Mudiriehs und Sudân mit 6 Provinzen. Die Einteilung in Gouvernorate oder Mohafizate besteht nur für 8 Städte, die in ihrer Verwaltung von dem übrigen Ä. völlig unabhängig sind. An der Spitze jeder der Mudiriehs oder Provinzen steht ein Mudir; ihm zur Seite ein Diwan, sein Stellvertreter, oder Wakil, ein Chefingenieur, ein Obermedizinalrat, dem auch das obligatorische Impfwesen untersteht, ein Rendant (Saraf) und ein Polizeibureau. Unter dem Mudir stehen die Kreisverwalter (Kâschif) und die Kantonverwalter (Nazir el kism), von denen die Dorfvorsteher (Schêch el Beled) und die Vorsteher der Quartiere der Städte (Schêch el Tume) ressortieren. Der Mudir verwaltet die Provinz in administrativer, finanzieller und politischer Beziehung und entscheidet auch in allen Rechtssachen, die nicht in die Kompetenz des religiösen Gerichts, dem ein Kadi vorsteht, fallen. Eine der wichtigsten Obliegenheiten des Mudirs ist