Russen

[276] Russen (russ. Russkije, Einzahl Rússkij), das herrschende slawische Volk im russischen Reiche, benannt nach den normannischen, in Schweden angesessenen Rus, die im 9. Jahrh. den russischen Staat gründeten. Reine Slawen sind die R. nicht. Am wenigsten fremde Beimischung zeigen die Kleinrussen (in den südwestlichen Provinzen), während die Großrussen (im N. und O.) finnische und tatarische, die Weißrussen (im mittlern Westen) litauische und polnische Einflüsse zeigen. Die verschiedenen Stämme zu einer einheitlichen Nation zusammenzuschweißen, versuchte zuerst Wladimir der Heilige (980–1015), doch gelang ihm dies nicht, und nach dem Tode seines jüngsten Sohnes, Jaroslaw (1054), zerfiel Rußland in eine große Zahl unabhängiger Teilfürstentümer. Als dann 1224 Dschengis-Chans Enkel Batu das Reich der Goldenen Horde von Kiptschak gründete, wurden bis zur Abschüttelung des Mongolenjochs (1480) der slawischen, insbes. der großrussischen Bevölkerung zahlreiche mongolische Elemente zugeführt.

Die Zahl der R. im europäischen Rußland betrug 1897 etwa 77 Mill. unter 106 Mill. überhaupt und dürfte zurzeit (1904) etwa 83 Mill. unter 1133/4 Mill. überhaupt ausmachen. Davon entfällt bei weitem der größte Teil (65,9 Proz.) auf: 1) die Großrussen oder Moskowiter, die, etwa 55 Mill. Seelen stark, in zusammenhängendem Ganzen das gesamte sogen. Großrußland bewohnen; nur in den Gouvernements Kursk und Woronesh sind 23,6, bez. 35,25 Proz. Kleinrussen, im Gouv. Smolensk 42,5 Proz. Weißrussen. Sie bewohnen ferner das Gouv. St. Petersburg, die Uralgouvernements, zwei Drittel des Donischen Gebietes und das untere Wolgatal. Innerhalb des letztern sind im Gouv. Samara 5,3, in Saratow 8,5 und in Astrachan 31,4 Proz. der Bevölkerung Kleinrussen. Auch der russische Teil der Bevölkerung von Taurien wird aus Großrussen gebildet. Auf kleinrussischem Gebiete bilden sie in Cherson über 1, in Jekaterinoslaw 4,75, in Tschernigow 5,4 und in Charkow fast 30 Proz. der Gesamtbevölkerung. Auch die meisten der über Sibirien verbreiteten R. müssen diesem Stamm zugezählt werden. Es ist ein kräftiger Menschenschlag, mit blondem oder braunem Haar, blauen oder braunen Augen, meso- bis brachykephalem Schädel (Index 82). Die meist stumpfe Nase und die stark entwickelten Backenknochen weisen auf die indogermanisch-mongolische Mischung (s. Tafel »Asiatische Völker II«, Fig. 17). Grundzüge des Charakters sind praktischer Verstand, der den Russen zu einem ausgezeichneten Kaufmann und tüchtigen Handwerker macht, und große Zähigkeit. Befähigt, einen Gegenstand rasch zu erfassen, besitzt er doch nicht Ausdauer genug, in die Tiefe zu dringen und ganz Herr desselben zu werden. Überall neigt er zum Realistischen, daher auch weniger zum Märchenglauben als zum Aberglauben (besonders als Vorzeichen). Die Existenz des Teufels wie von Haus- und Walddämonen steht bei ihm ebenso fest wie die von Heiligen und Wundern. Den ursprünglich fröhlichen Charakter haben ihm die Mongolenherrschaft und der nachfolgende politische Druck und die Leibeigenschaft geraubt, so daß heute ein Zug der Wehmut durch alle R. geht, der sich in den Volksliedern ausspricht. Mit Zähigkeit bewahrt er das Patriarchalische des Familienlebens; immer stehen die Familienglieder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem Vater oder dem ältesten Bruder, der des Vaters Stelle vertritt. Mißtrauen hegt der Russe nur gegen die Tschinowniks (Beamte), sonst ist er offen und gastfrei, aber auch träge und dem Trunk ergeben. Er ist der beste Gatte und Vater, dankbar für empfangene Wohltaten, ein treuer Freund. Dagegen zeigt sich bei ihm ein Streben nach materiellen Genüssen, Neigung zu Betrug und Diebstahl, Bestechlichkeit. Die Wohnung des gemeinen Russen ist in der Regel ein einstöckiges Blockhaus (in holzarmen Gegenden die Semljanka, eine halb in die Erde eingegrabene Lehmhütte), mit dem Bilde des Heiligen, vor dem ein Licht brennt, gegenüber der Eingangstür, vor dem jeder Eintretende sich bekreuzigt, ehe er die Hausbewohner begrüßt, die ihm zum Willkomm vor allem »Salz und Brot« (Chlebsol) überreichen. Dampfbäder sind überall anzutreffen. Die Nahrung besteht aus schwarzem Brot, Grütze, Sauerkraut, saurer Kohlsuppe (Schtschi und Borschtsch), Kuchen aus Buchweizen, Zwiebeln, Knoblauch, Fischen und Pilzen. Lieblingsgetränk ist der Kwaß (s. d.), auch Branntwein und Tee werden viel verbraucht (öffentliche Teehäuser, Tschajnaja).

2) Die Kleinrussen nehmen in einem geschlossenen Ganzen den südwestlichen Teil des europäischen Rußland ein, mit Ausschluß der Krim und der anstoßenden [276] Landschaften des Festlandes. Ihr Gebiet umfaßt die westrussischen Gouvernements Wolynien und Podolien, die südliche kleinere Hälfte von Grodno, die Osthälfte von Sjedletz und Lublin, ferner die sogen. Ukraine (Kiew, Tschernigow, Poltawa, Charkow), Stücke von Kursk und Woronesh, ein Drittel des Donischen Gebiets und die neurussischen Gouvernements Jekaterinoslaw, Cherson und Bessarabien. In dem letztern sind sie mit Rumänen gemischt; ein größeres zusammenhängendes kleinrussisches Gebiet finden wir noch am Ostufer des Asowschen Meeres. Eine Reihe ansehnlicher kleinrussischer Exklaven verläuft nach O. über Saratow bis zum Uralfluß. Die Gesamtzahl der im europäischen Rußland lebenden Kleinrussen beträgt jetzt etwa 22,5 Mill. Doch setzt sich der Volksstamm noch über die heutige russische Grenze fort, da die Ruthenen (s. d.) in Galizien, der Bukowina und den nordungarischen Komitaten ihm angehören. Die Zahl der Ruthenen betrug 1900 in Österreich 3,376,000, in Ungarn 1902: 439,000, so daß die Gesamtzahl aller Kleinrussen jetzt (1904) auf ca. 263/4 Mill. veranschlagt werden kann. Über ihre Sprache s. Kleinrussische Sprache und Literatur. Obgleich in allen Behörden und Schulen nur die großrussische Sprache angewandt wird, herrscht die kleinrussische doch im Volksverkehr. Den Polen sowohl als den Großrussen gegenüber hat der Kleinrusse sich immer ablehnend verhalten, obschon seine politischen Geschicke bald mit dem einen, bald mit dem andern dieser beiden Völker verbunden waren. Erst neuerdings macht sich in Rußland eine größere Annäherung auf geistigem Gebiete zwischen Klein- und Großrussen geltend, während in Galizien der Ruthene dem Polen entschieden feindlich gegenübersteht. Der Kleinrusse, der Nachkomme der am Dnjepr ehemals angesessenen Poljanen, zeigt den slawischen Typus sehr rein. Er ist größtenteils schwarzhaarig, mit dunkeln Augen und seinen Gesichtszügen, spitzer Nase, hagerer Gestalt. Die Grundzüge des slawischen Charakters, Heiterkeit, Sorglosigkeit, Bequemlichkeit, zeigen sich bei dem Kleinrussen, gepaart mit Verschlossenheit, namentlich gegenüber dem Fremden und Großrussen, den er als Unterdrücker betrachtet. Er ist sehr poetisch angelegt; seine Volkslieder atmen Innigkeit, Schwärmerei, Verständnis des Schönen im Menschen und in der Natur; ihr Rhythmus ist lebhaft und bewegt. Daher ist der Kleinrusse auch religiöser als der Großrusse, aber auch zum Aberglauben, vorzüglich Sagenglauben, geneigter. Da die Familienglieder sobald wie möglich ihre Selbständigkeit erhalten, ist auch die Individualität sehr stark entwickelt, während der Großrusse durch Assoziationsgeist hervorragt. Die Häuser eines Dorfes sind unordentlich durcheinander geworfen; das weiß gestrichene, saubere Wohnhaus (Chata) besteht aus Fachwerk von Lehm und Holz, mit Stroh oder Schilf gedeckt, und ist von einem Garten umgeben. Hauptbeschäftigungen der Kleinrussen sind Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Gartenkultur, Bienenzucht und Fuhrmannsgewerbe. Für mechanische Arbeiten haben sie wenig Talent. Zur Erntezeit wandern viele mit der Sense und der Bandurka (kleine Geige) in südlichere Gegenden. Der Tschumak (Fuhrmann) handelt zugleich mit Salz, das er von den Seestädten mit zurückbringt, und mit Fischen.

3) Die Weißrussen, vielleicht so genannt nach den weißen Filzhüten und der weißen Kleidung des Landvolkes, sind der kleinste (gegen 53/4 Mill.) der drei russischen Hauptstämme. Sie werden im S. von den Kleinrussen, im O. und NO. von den Großrussen, im W. von Litauern und Polen begrenzt. Sie bewohnen die nördliche (größere) Hälfte des Gouv. Grodno, die Gouvernements Witebsk und Wilna, die Westhälfte des Gouv. Smolensk, ferner Mohilew und Minsk und ein kleines nordwestliches Stück von Tschernigow. Die Weißrussen haben flachsblonde Haare, graue oder lichtblaue Augen, spärlichen Bartwuchs, kurze, flache Nase, was auf Mischung mit Finnen hinweist, die einst (noch von Nestor gekannt) in diesen Gegenden lebten. Bemerkenswert sind die häufigen Fälle von Albinismus, namentlich in der Gegend von Minsk. Die Weißrussen gelten als Nachkommen der slawischen Kriwitschen; sie standen bis 1772 unter polnischer Herrschaft, die in Sitten und Gebräuchen sich noch bemerkbar macht, während die Sprache ungebrochen blieb. Von Charakter sind sie friedlich und arbeitsam mit großem Hang zur Einsamkeit, ihre Dörfer zählen meist nur 3–4, fast nie mehr als 20 kleine und düstere, aus Holzbalken errichtete Häuser. Da der Boden des Landes sehr unfruchtbar ist, so haben die Weißrussen oft mit Entbehrung, ja Hungersnot zu kämpfen; der polnische Adlige wie der jüdische Wucherer und Hausierer haben das Volk auf eine tiefe Stufe herabgedrückt, auf der es Trost im reichlichen Branntweingenuß sucht. Industrie und Handel treiben sie gar nicht. Die Sprache hält die Mitte zwischen Kleinrussisch und Polnisch. Ihre Religion ist unter der polnischen Herrschaft die römisch-katholische geworden. Vgl. »Arbeiten der ethnographisch-statistischen Expedition nach Westrußland« (russ., Bd. 7, Petersb. 1872); Janson, Vergleichende Statistik Rußlands und der westeuropäischen Staaten (russ., Bd. 1, das. 1878); Rittich, Die Ethnographie Rußlands (Ergänzungsheft 54 zu »Petermanns Mitteilungen«, Gotha 1878) und Die Hauptstämme der Russen (in »Petermanns Mitteilungen«, Bd. 24, 1878); »Statistik des Russischen Reichs« (hrsg. vom statistischen Zentralkomitee, russ.u. franz., Bd. 10, Petersb. 1890); Batjuschkow, Weißrußland und Litauen (russ., das. 1891); Pypin, Geschichte der russischen Ethnographie (russ., das. 1890–94, 4 Bde.); Pilet, La Russie en proverbes (Par. 1905).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 17. Leipzig 1909, S. 276-277.
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