Antilopen

[577] Antilopen (Antilopina Baird, hierzu Tafel »Antilopen I und II«), Unterfamilie der Horntiere (Cavicornia), schlanke, hirschähnliche, zum Teil auch an Rinder oder Pferde erinnernde Tiere mit vielgestaltigen, meist beiden Geschlechtern eignen Hörnern. Das oft auffallend gezeichnete Haarkleid zeigt häufig am Hals eine kleine Mähne und um das Maul herum einen Bart. Der Schwanz ist gewöhnlich kurz. Die Weibchen werfen ein, selten zwei Junge und tragen sie in etwa sechs Monaten aus. Die A. leben meist in Herden in Steppen, einige auch im Hochgebirge; sie sind in beständiger Bewegung und sehr wachsam. Manche Arten lassen sich leicht zähmen und werden zu förmlichen Haustieren (altes Ägypten). Fleisch, Haut und Haare werden benutzt. Die A. gehören bis auf wenige Arten der Alten Welt an; ungemein reich an Arten ist Afrika, die nächstgrößte Zahl beherbergt Asien, in Europa kommen nur die Saiga-Antilope und die Gemse, in Amerika die Hirschantilope vor. In der Gefangenschaft halten sie lange aus. In brasilischen Höhlen sind fossile Reste von A. gefunden worden, während Südamerika jetzt keine A. besitzt.

Die Hirschziegenantilope (Bezoarziege, Antilope Cervicapra Pall., Tafel I, Fig. 1), 1,25 m lang, 80 cm hoch, mit 40 cm langen Hörnern nur beim Männchen, langen Ohren und kurzem, buschig behaartem Schwanz, ist braun, unterseits weiß. Sie lebt in Vorderindien in Herden von 50–60 Stück, ist dem Monde geheiligt, nimmt im Tierkreis die Stelle des Steinbockes ein und wird in Gedichten wegen ihrer Schönheit gepriesen. Nur die Brahmanen dürfen ihr Fleisch essen. Die indischen Fürsten beizen sie mit Falken oder jagen sie mit dem Jagdleoparden. Die Tränengruben sondern einen stark riechenden Stoff ab, der, an Bäume oder Steine gerieben, wohl das andre Geschlecht anlockt. Bezoarkugeln aus dem Magen gelten als heilkräftig. Die Gazelle (Antilope dorcas Licht., Tafel I, Fig. 3), 1,1 m lang, mit 20 cm langem Schwanz, 60 cm hoch, zarter und schlanker gebaut und schöner gezeichnet als unser Reh, mit großen, feurigen Augen, seinen, zierlich behuften Beinen, mittellangen Ohren und kleinem Gehörn bei beiden Geschlechtern, ist sandfarbig gelb, auf dem Rücken und an den Läufen dunkel rotbraun, mit einem längs der Leibesseite verlaufenden noch dunklern Streifen, unterseits weiß, lebt in Nordostafrika, wird leidenschaftlich gejagt, auch mit dem Falken gebeizt, aber auch sehr häufig gezähmt. Zur Zeit der 4.–6. Dynastie wurde sie im alten Ägypten als Haustier gezüchtet und in Herden gehalten. Die Gazelle ist das bevorzugte Tier der morgenländischen Dichter, dessen Schönheit und Anmut sie besingen, und mit der sie die Geliebte rühmend vergleichen. Im alten Ägypten war sie der Isis geheiligt. Sie ist das Reh der Bibel. Der Springbock (Zug- oder Prunkbock, Antidorcas Euphore Forster, Tafel I, Fig. 4), 1,3 m lang, 85 cm hoch, mit 20 cm langem Schwanz, 30 cm hohen Hörnern bei beiden Geschlechtern und langen, spitzen Ohren, ist zimtbraun, unten und an den Spiegeln weiß, mit weißem Streifen über den Rücken, lebt in ungeheurer Zahl in Südafrika. Der Buntbock (Bubalis pygarga Sund.), 1,5 m hoch, 210 lang, purpurbraun, am Kopf, Hinterbacken und Unterseite weiß. Sehr ähnlich, nur kleiner und kurzhörniger ist der Bläßbock (B. albifrons Sund.). Zu diesen beiden südafrikanischen Arten gesellt sich im Innern Afrikas und im Westen die Senegalantilope (B. senegalensis Gray), mit kurzen, knotigen, wenig gebogenen Hörnern, erdgrauer Färbung und dunkelgrauen Flecken am Auge, auf Ober- und Unterschenkel. Die licht rotbraune Steppenkuhantilope (Tora, B. bubalis Pall.), von Hirschgröße, mit starken Hörnern, bewohnt das nördlichere Gebiet und war schon den Alten unter dem Namen Bubalus bekannt. Das Hartebeest (Hirschkuhantilope, Kaama, Bubalis Caama Sund., Tafel II, Fig. 4), von Hirschgröße, aber viel plumper gebaut, mit sehr stark verlängertem, häßlichem Kopf, braun, unterseits weiß, mit schwarzer Schwanzquaste und doppelt gebogenen, 63 cm langen Hörnern, lebt in Rudeln im Herzen Afrikas, auch in Südafrika, wo es aber bereits sehr stark zurückgedrängt[577] ist. Sein gedörrtes Fleisch ist ein wichtiger Handelsartikel, auch Fell und Hörner sind sehr geschätzt. Die Steppen- oder Saiga-Antilope (Saiga Saiga Wagn., Tafel I, Fig. 2), 1,9 m lang, 80 cm hoch, plump gebaut, mit 11 cm langem Schwanz, verlängerter, sehr beweglicher Nase, 30 cm langen Hörnern beim Männchen, kurzen, breiten Ohren, ist grau, am Bauche weiß, auf dem Rücken dunkelbraun, lebt gesellig in den Steppen Osteuropas von der polnischen Grenze bis zum Altai und wird von den Nomaden z. T. mit Hilfe des Steinadlers eifrig gejagt. Der Riedbock (Redunca eleotragus Gray), 1,5 m lang, gegen 95 cm hoch, ist etwas schlanker gebaut als unser Reh, mit ziemlich langem Schwanz, 30 cm langen, am Grunde geringelten, vorwärts gebogenen Hörnern nur beim Männchen und langen Ohren, rot graubraun, unten weiß, lebt paarweise, aber ziemlich häufig in sumpfigen Gegenden Süd- und Mittelafrikas. Der Wasserbock (Kobus ellipsiprymnus Sund.) ist ein hirschähnliches, schwer gebautes Tier, 1,5 m lang, 1,3 m hoch, mit 50 cm langem Schwanz, 80 cm langen Hörnern beim Männchen, ist rotbraun, mit schmalen weißen Streifen am Hals und am hintern Teil der Schenkel, lebt in kleinen Herden in Süd- und Mittelafrika und sucht bei der Verfolgung stets das Wasser zu erreichen. Die Falbenantilope (Blaubock, Schimmelantilope, Hippotragus leucophaeus Sund.), 2,2 m lang, mit 75 cm langem Schwanz, 1,6 m hoch, mit starker Nackenmähne, 65 cm langen Hörnern und langen Ohren, ist rostfarbig weißlich, am Vorderkopf schwärzlich, unterseits weiß, lebt in kleinen Trupps in den Berggegenden Innerafrikas. Die Steppenkuh (Spießbock, Säbelantilope, Algazelle, Oryx leucoryx Rüpp.), 2111 lang und 1,25 m hoch, mit 1,1 m langen Hörnern bei beiden Geschlechtern, kurzen, breiten Ohren, ist gelblichweiß, am Kopf braun gefleckt, lebt paarweise oder in kleinen Trupps in den dürrsten Strichen Nord- und Mittelafrikas und wurde in Ägypten zur Zeit der 4.–12. Dynastie als Haustier gezüchtet. In Abessinien wird sie durch die Beïsa (O. Beïsa Rüpp.) vertreten, die sich auf den alten Denkmälern Ägyptens und Nubiens häufig abgebildet findet und ehemals Gegenstand vieler Fabeleien war. Oryxantilopen wurden im alten Ägypten gezähmt gehalten, zur Opferung benutzt und scheinen von Israeliten, Persern u.a. nach Asien gebracht und dort gezüchtet worden zu sein. Auch hat man auf sie die Sage vom Einhorn zurückgeführt. Größer und plumper als die vorigen ist der Passau (Oryx, O. capensis Sund.), mit ganz geraden Hörnern, am Kap. Man benutzt Fleisch und Fell der Oryxantilopen, die Hörner als Lanzenspitzen, die des Passau als Spazierstöcke. Die nubische Mendesantilope (Addax nasomaculatus Gray, Tafel II, Fig. 2), 2 m lang, ziemlich plump gebaut, gelblichweiß, mit braunem Kopf und Hals, brauner Mähne und ziemlich langem Schwanz, lebt in Herden im dürrsten Ostafrika und findet sich gleichfalls auf ägyptischen Denkmälern häufig dargestellt. Die Mendeshörner der Götterbilder, der Priester und Könige Ägyptens sind dem Gehörn dieser Antilope nachgebildet. Sie wurde auch als Haustier gezüchtet. Der Kudu (Agaseen, Strepsiceros Kudu Gray, Tafel II, Fig. 1), 2,5 m lang, 1,7 m hoch, mit 50 cm langem Schwanz, langen Hörnern beim Männchen, unserm Hirsch ähnlich gebaut, gemähnt, rötlich braungrau, weiß gestreift. Der Kudu bewohnt die Wälder vom Kapland bis zu den Nilländern, er wird eifrig gejagt, denn sein Wildbret ist ausgezeichnet, und ebenso hoch sind Hörner und Felle geschätzt. Die Elenantilope (Buselaphus oreas Gray, Tafel II, Fig. 3), 3,3 m lang und 2 m hoch, mit 70 cm langem Schwanz, vom Habitus des Rindes, mit lang herabhängender Wamme, ist hell- oder gelblichgrau, an den Seiten heller, lebt gesellig in Süd- und Mittelafrika und zeigt die Gewohnheiten des Rindes. In der Gefangenschaft pflanzt sie sich ohne Schwierigkeit fort, und man hat daher vielfach günstige Versuche angestellt, sie als Haustier in Europa einzubürgern. Ihr schmackhaftes Fleisch bildet geräuchert einen Handelsartikel, auch das Leder ist vortrefflich. Der Nilgau (Portax pictus Wagn., Tafel I, Fig. 5), 2 m lang und 1,4 m hoch, dunkel braungrau, gemähnt und mit langem Haarbüschel an der Kehle, hat große Ohren, 25 cm lange Hörner bei beiden Geschlechtern und langen Schwanz, lebt paarweise in Ostindien und Kaschmir. In Italien überstanden dort gezüchtete Tiere im freien Wald den Winter sehr gut. Sein Fleisch ist schmackhaft und die Haut wertvoll. Der Klippspringer (Sassa, Oreotragus saltatrix Sund.). 1 m lang und 60 cm hoch, mit langen, breiten Ohren, kurzen, geraden Hörnern beim Männchen, ist der Gemse ähnlich gebaut, olivengelb, schwarz gesprenkelt, an der Kehle und Innenseite der Beine weiß, lebt paarweise in Abessinien und am Kap und ist äußerst beweglich. Der Goral (Nemorhoedus Goral Wagn.), 1 m lang, 70 cm hoch, mit 20 cm langem Schwanz, 10 cm langen Hörnern, langen, schmalen Ohren, ziegenähnlich gebaut, grau- oder rötlichbraun, schwarz und rötlich gesprenkelt, an Kinn und Kehle weiß, auf dem Rücken schwarz, lebt in starken Rudeln im westlichen Himalaja und gilt für das schnellste aller Geschöpfe des Landes. Über die Gemse s. d.

Das Gnu (Wildebeest, Catoblepas Gnu Sund.). 2 m lang, 1,2 m hoch, mit 80 cm langem, lang bequastetem Schwanz, seitlich abwärts und mit den Spitzen wieder ausgebogenen Hörnern, graubraun, mit weißlicher Nackenmähne, dunkel graubrauner Mähne an Brust und Hals, weißlichem Kinnbart und braunen Haarbüscheln im Gesicht, lebt mit dem Streifengnu (C. taurinus Sünd., Tafel II, Fig. 5) und einer dritten verwandten Art in Südafrika bis zum Äquator, ist scheu, ungeschickt, wild und sehr schnell. Man benutzt das zarte Fleisch und die Haut. Der Gabelbock (Antilocapra americana Sund.), 1,3 m lang, mit 20 cm langem Schwanz und 30 cm langem Gehörn, mit Nackenmähne, oberseits rostgelbbraun, unterseits weiß, lebt im mittlern Nordamerika, liefert geschätzte Häute für Leder und in der Jugend schmackhaftes Fleisch.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 577-578.
Lizenz:
Faksimiles:
577 | 578
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Lotti, die Uhrmacherin

Lotti, die Uhrmacherin

1880 erzielt Marie von Ebner-Eschenbach mit »Lotti, die Uhrmacherin« ihren literarischen Durchbruch. Die Erzählung entsteht während die Autorin sich in Wien selbst zur Uhrmacherin ausbilden lässt.

84 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon