Hirsch [1]

[364] Hirsch (Cervus L., hierzu Tafel »Hirsche I u. II«), Gattung der Paarzeher aus der Familie der Hirsche (Cervidae), schlank gebaute Tiere, von denen die Männchen ein mehrfach verästeltes Geweih tragen. Die Tränengruben sind deutlich, und an der Außenseite des Mittelfußes stehen Haarbüschel. Der Edelhirsch (Cervus Elaphus L., Tafel I, Fig. 4), 2,3 m lang, 1,5 m hoch, mit 15 cm langem, nach der Spitze hin verschmälertem Schwanz, ist schlank, doch kräftig gebaut, mit breiter Brust, ziemlich schlankem, seitlich zusammengedrücktem Hals und nach vorn stark verschmälertem Kopf, mittelgroßen Augen, zugespitzten Ohren, hohen, schlanken Beinen und den Boden nicht berührenden Afterhufen. Die Tränengruben sondern eine fettige, breiartige Masse ab, die das Tier durch Reiben an den Bäumen auspreßt. Das Geweih sitzt auf einem kurzen Rosenstock; unmittelbar über letzterm entspringt an der Vorderseite der Stange die Augensprosse, dicht über derselben die Eissprosse, in der Mitte die Mittelsprosse, und über diesen nach vorn gerichteten Sprossen erhebt sich mannigfach wechselnd die Krone. Das Haar verlängert sich am Vorderhals oft bedeutend. Die Färbung variiert stark nach Jahreszeit, Geschlecht und Alter: im Winter braungrau, im Sommer mehr rötlichbraun, um die Schwanzgegend ein licht braungelblicher Spiegel. Weiße Tiere sind ebenso selten wie solche mit weißlichem Streifen von der Stirn bis zum Geäß und hellern Läufen (Bläßwild); der Brandhirsch hat einen schwarzen Rückenstreifen. Der H. bewohnt Europa bis zum 65. und Asien bis zum 55.° nördl. Br., südwärts geht er bis zum Kaukasus und den Gebirgen der Mandschurei, am häufigsten ist er in Polen, Galizien, Böhmen, Mähren, Ungarn, Siebenbürgen, Kärnten, Steiermark, Tirol, besonders aber im Kaukasus und in Südsibirien; er bevorzugt große Waldungen in gebirgigen Gegenden, lebt in größern oder kleinern Gesellschaften (Rudeln), die dem Kopf- oder Leittier folgen, und nach Alter und Geschlecht gesondert sind; nur die Kapitalhirsche bleiben bis zur Brunstzeit allein. Der H. hält an seinem Standort fest, steigt aber im Sommer höher auf die Berge. Er zieht gegen Abend auf Blößen, Waldwiesen, junge Schläge und Schonungen, sucht die Nacht hindurch Nahrung auch auf den Fruchtfeldern, zieht am frühen Morgen wieder zu Holz und steckt sich dann in Dickungen oder tut sich auch in ruhigen Waldorten, im Sommer selbst in Getreidefeldern nieder. Junges Gras, junge Saat, junges Laub, Getreideähren, besonders von Hafer, Rüben, Kohl, Kartoffeln, die mit den Läufen aus der Erde geschlagen werden, Eicheln, Bucheln, Kastanien, wildes Obst, im Herbst Schwämme, im Winter Moos, Flechten, Heidekraut, Knospen, Rinde und junge Nadelholzzweigspitzen bilden seine Äsung. In der Brunstzeit fressen alte Hirsche namentlich Pilze. Salz lieben die Hirsche sehr. Bei tiefem Schnee und anhaltender strenger Kälte leiden sie besonders dann Not, wenn sich nach Tauwetter durch Frost eine Kruste auf dem Schnee gebildet hat. Man füttert dann mit gutem Wiesenheu, besser mit Heu von Klee und Luzerne, sowie mit Hafergarben. Man legt diese Futtermittel entweder auf den Boden in kleinen Haufen aus, bindet sie auch wohl in kleine Bunde und hängt solche an Sträuchern auf oder legt sie in Wildraufen. Eicheln, Kastanien und Kartoffeln streut man auf den Boden, darf letztere aber nicht bei Frost geben.

Zur Pflege des Wildstandes legt man im Walde Wildwiesen, Fruchtstücke von Hafer, Kartoffeln und Lupinen sowie Salzlecken (s. d.) an und richtet auch, wenn nicht natürliche Suhlen vorhanden sind, solche künstlich her (s. Suhle). Die Krankheiten sind besonders Leberfäule, Ruhr und Milzbrand, welch letzterer oft große Verheerungen anrichtet. Desinfektion sowie sofortiges Vergraben der gefallenen und Abschuß der kranken Stücke haben sich gegen diese Epidemie wirksam erwiesen. Außerdem wird das Wild durch die unter der Haut, auch in der Rachenhöhle lebenden Östridenlarven (Engerlinge, s. Bremen, S. 376) sehr belästigt und gefährdet. Das Rotwild wird im Walde durch Zertreten und Verbeißen der jungen Pflanzen, durch Schälen der Stangenhölzer, auf dem Felde durch Zertreten und Abäsen der Saat, Abbeißen und Abstreifen der Getreideähren, Ausschlagen der Kartoffeln etc. schädlich, und deshalb meist nur noch in mäßiger Zahl im Freien gehalten, was überdies nur in großen, zusammenhängenden Waldkomplexen möglich ist.

Der H. geht leicht und zierlich, läuft sehr schnell, auch überschwimmt er breite Ströme und Meeresarme.

Fig. 1. Klauen. a Schalen, b Hohle, c Ballen, d Oberrücken.
Fig. 1. Klauen. a Schalen, b Hohle, c Ballen, d Oberrücken.

Die Jäger unterscheiden nach der Fährte das Geschlecht und ziemlich genau das Alter des Tieres. Fig. 1 zeigt die untern Teile des Laufes oder die Klauen. Aus der Größe und Gestaltung der Fährte (s. Tafel »Fährten und Spuren«, Fig. 11), besonders auch aus der Weite der Schritte läßt sich auf das Tier schließen, welchem sie entstammt (vgl. Fährte). Der Abstand der beiden Linien ab und cd (Fig. 2), welche die Tritte miteinander verbinden, heißt der Schrank; er ist beim Tier sehr unbedeutend, beim H. um so größer, je feister und stärker dieser ist, und erreicht 10–15, selbst 20 cm und mehr. Der fortlaufende Schrank ist daher eins der gerechtesten Zeichen. Gehör, Geruch und Gesicht des Hirsches sind außerordentlich scharf; durch manche Töne, z. B. die des Waldhorns, läßt er sich anlocken. Wo er verfolgt wird, ist er sehr furchtsam, während er höchst zutraulich wird, wenn er sich des Schutzes sicher bewußt ist. In der Erregung vergißt er oft seine Sicherheit. In der Brunstzeit ist er förmlich von Sinnen, höchst reizbar und nimmt dann auch den Menschen an; das weibliche Tier ist sanfter, liebenswürdiger und niemals boshaft. Starke Hirsche werfen das Geweih im [364] Februar, spätestens im April ab und ersetzen es bis Ende Juli; junge Hirsche tragen die Stangen oft bis Mai, haben aber im August ebenfalls gefegt. Mit dem neuen Geweih bildet sich das Sommerhaar.

Die Brunst beginnt mit Anfang September und dauert bis in den Oktober; die starken Hirsche, die sich bis dahin allein gehalten haben, treten dann zum Mutterwild, treiben es, soweit möglich, zusammen und kämpfen schwächere Nebenbuhler davon ab. Der H., der sich hierdurch die Alleinherrschaft errungen hat, heißt der Platzhirsch; die Stellen, an denen der Boden durch das Treiben des Mutterwildes, um es zu beschlagen, wund getreten ist, heißen Brunftplätze. Von Mitte September ab, besonders bei kalten Nächten, schreien (orgeln) die Hirsche, die dann einen starken, mit langen Haaren besetzten Hals (Brunfthals) und unter dem Bauch einen großen schwarzen Fleck (Brunftbrand) bekommen. Das weit hin hörbare Schreien hat Ähnlichkeit mit dem Brüllen eines Stieres, es dient gleichsam als Herausforderung für Nebenbuhler, und die Hirsche schreien daher an haltend meist nur, wenn sich solche in der Nähe befinden und sich gegenseitig antworten. An der Tiefe und Stärke des Tones kann man die Stärke des Hirsches erkennen, auch läßt er sich auf Instrumenten (s. Hirschruf) nachahmen. Das Kämpfen, wobei bisweilen tödliche Verwundungen statt finden, auch wohl solche Verschränkungen der Gehörne vorkommen, daß die Hirsche nicht wieder auseinander kommen können und verenden müssen, begünstigt die Fortpflanzung durch die kräftigsten männlichen Individuen bei der unvermeidlichen Inzucht. Die Tiere gehen 38–40 Wochen beschlagen, sie trennen sich Mitte Mai oder Anfang Juni vom Rudel, suchen einsame, ruhige Plätze auf und setzen hier ein, selten zwei anfangs weiß gefleckte Kälber (die Tiere, die kein Kalb bringen, heißen Gelttiere) und säugen sie o is zur nächsten Brunft. Die weiblichen Kälber heißen Wild-, die männlichen Hirschkälber. Erstere werden nach Martini, in andern Gegenden auch von Neujahr ab Schmaltiere genannt, nach der Brunstzeit, wenn sie beschlagen sind, Alttiere. Bei den Hirschkälbern bilden sich zuerst die Rosenstöcke aus, aus denen dann Spieße und mit zunehmendem Alter immer stärkere Geweihe herauswachsen (s. Geweih).

In der Weidmannssprache heißt das Fell Decke, auch Haut, der Kopf nur in Süddeutschland Grind, das Maul Geäß, die Zunge Lecker oder Weidlöffel, das Ohr Schüssel oder Gehör, die Augen Seher oder Lichter, die Eckzähne im Oberkiefer Grauen oder Haken, der Magen Wanst, die edlern Eingeweide (Herz, Lunge und Leber) Geräusch, die Därme Gescheide, der Mastdarm Weiddarm, das Blut Schweiß oder Farbe, das Fleisch Wildbret, das Fett Feist, das männliche Glied Brunftrute, die Hoden Kurzwildbret, die Gebärmutter Tracht, die Zusammenfügung der Beckenknochen Schloß, die Rippen und die dornartigen Fortsätze der Rückenwirbelsäule Federn, der Schwanz Wedel, das Euter Gesänge, die Flanken oder Dünnungen Wammen, der After Weidloch, der helle Fleck auf den Keulen am After Spiegel, die Füße Läufe, die gespaltenen Klauen Schalen, die darüber befindlichen Afterklauen Geäfter oder Oberrücken. Außerdem nennt man den Abdruck der Schalen im Boden Fährte, die Exkremente Losung, das Lager Bett, in welches das Wild sich niedertut, und aus dem es aufsteht, das langsame Fortschreiten Ziehen, das Traben Trollen, das Wandern von einem Ort zum andern Wechseln, das Aufschlagen des Bodens mit den Läufen Plätzen, das Auseinanderwerfen von Erde und Moos sowie das Spielen zweier Hirsche durch Schieben mit dem Geweih Scherzen, das aufmerksame Betrachten eines verdächtigen Gegenstandes Sichern, süddeutsch Verhoffen und, wenn dabei ein bellender kurzer Laut mehrmals ausgestoßen wird, Schmälen oder Schrecken, das Riechen Winden, das Hören Vernehmen, das Sehen Augen, das Fressen Äsen, das Wechseln der Haare Färben, die Entfernung des Bastes von dem vereckten Geweih durch Reiben an Stangen Fegen, das Reiben an denselben aus Übermut Schlagen, das Abstreifen der Rinde von Stämmen mit den nur im Unterkiefer befindlichen Schneidezähnen Schälen etc. Das Wild ist nicht groß noch klein, sondern stark und schwach oder gering, es ist nicht fett noch mager, sondern seist, gut oder schlecht von Wildbret, auch gering, abgekümmert.

Starke Hirsche wiegen in der Feistzeit, kurz vor der Brunst ausgebrochen, 125–200 kg; während der Brunft äsen sie wenig und verlieren erheblich an Gewicht. Alte Tiere wie gen 50–75 kg, wenn sie gelt sind, auch mehr, Spießer etwa ebensoviel und Kälber zur Weihnachtszeit 20–25 kg.

Fig. 2. Schrank.
Fig. 2. Schrank.

Die Zahl der Enden entscheidet nicht sicher über das Alter des Hirsches, er überspringt bei reichlichem Futter gewisse Stufen und kann auch eine erreichte Endenzahl wiederholen, selbst zurückgehen; mehr als 20 regelrechte Enden sind wohl selten vorgekommen, Sechsundsechzigender sind Mißbildungen, entstanden durch ungewöhnliche Zerteilung von Nebensprossen. Übrigens vererben sich Eigentümlichkeiten des Geweihes in den Familien und sind abhängig von Örtlichkeiten. Sehr starke Geweihe erreichen ein Gewicht von 16–18 kg. Der Edelhirsch kann sehr alt werden, sicher bis 50 Jahre. Jung eingefangen, wird er sehr zahm und zutraulich, im Alter aber wieder wild und bösartig. Wildbret, Haut und Geweih des Hirsches sind geschätzt und gut verwertbar; früher benutzte man fast alle Teile des Hirsches gegen unzählige Krankheiten, trug sie als Amulette etc.

Die Jagdmethoden, die auf dieses edelste deutsche, zur hohen Jagd gehörige Wild in Anwendung kommen, und bei denen man weidmännisch ausschließlich die Büchse gebraucht, sind: 1) Der Anstand (s. d.) auf dem Wechsel des Wildes, an Äsungsplätzen des Morgens und Abends und an der Suhle des Morgens, an heißen Tagen auch wohl nachmittags. 2) Das Birschen oder die Birsche zu Fuß oder Wagen (s. Birschen), auch wohl zu Pferde, die während der ganzen Jagdzeit morgens und abends ausgeübt werden kann. Sie ist die Krone des Weidwerks, erfordert aber genaue Kenntnis des Reviers, der Gewohnheiten des Wildes und große Ausdauer und Geschick. Hierher zu rechnen ist die Jagd auf den Ruf und das Mahnen in der Brunstzeit. Bei ersterm wird der H. durch das Nachahmen des Schreies, der ihm einen Nebenbuhler verkündet, bei letzterm durch den Lockruf eines brünftigen Stückes Wild herangelockt. 3) Das Drücken (Riegeln), bei dem von wenigen, fast lautlos (wie Leseholzsammler) durch die Dickung langsam vorgehenden Treibern das Wild meist vertraut vor die [365] Schützen gedrängt wird. 4) Die Jagd mit Hunden; ein Treiben mit niedrigen, laut jagenden Hunden, das aber den Wildstand stark beunruhigt und nur in ausgedehnten und schwer zugänglichen Revieren Berechtigung hat. Das Lanzieren (früher mit dem jetzt ausgestorbenen Leithunde), d. h. das Herausdrücken des Hirsches mittels des am Riemen geführten Schweißhundes, wird wenig angewendet. 5) Die Lappjagd. Die Dickung wird mit Lappen (s. Jagdzeug) möglichst schnell und lautlos umstellt und der in derselben bestätigte H. durch einen ortskundigen Treiber dem auf dem Wechsel stehenden Schützen zugedrückt. Die sogen. Hauptjagen (s. d.), bei denen das Wild in großen Massen erlegt wird, und die Parforcejagden (s. d.) finden nur ausnahmsweise an Höfen noch Anwendung und sind als weidmännische Jagdbetriebe kaum zu bezeichnen.

Andre Hirscharten.

Dem Edelhirsch am nächsten stehen ein nordwestafrikanischer H., ein stattlicher H. in Persien und der nordamerikanische Wapiti (C. canadensis Briss.), der größte aller eigentlichen Hirsche. Der Axis (Mazamahirsch, C. Axis Er, cl.) ist 150 cm lang, gedrungen gebaut, mit verhältnismäßig dickem Hals, kurzem Kopf, mittellangen, zugespitzten Ohren; sein leierförmiges Geweih ähnelt dem unsers sechsendigen Edelhirsches, das Fell ist grau-rötlichbraun mit sehr dunklem Rückenstreifen, an Kehle, Bauch und der Innenseite der Läufe gelblichweiß, an den Seiten weiß gefleckt. Der Axis lebt in Ostindien und auf den benachbarten Inseln. Er wird vollständig zahm, pflanzt sich auch bei uns fort; doch steht seiner weitern Verbreitung eine gewisse Unregelmäßigkeit in der Fortpflanzungszeit im Wege. Der Barasinga (Sumpfhirsch, C. [Rucervus] Duvaucelii Erxl.), etwa 2 m lang, schlank gebaut, mit großen, auffallend breiten Ohren, hohen, kräftigen Läufen und kurzem Wedel, ist im Sommer goldigrotbraun, unterseits grau und lichtgelb, mit breitem dunkelbraunen Rückenstreifen und auf beiden Seiten desselben mit kleinen goldgelben Flecken. Das Geweih ist breit und wiederholt verästelt. Der Barasinga bewohnt waldige Gebiete Indiens von Assam und vom Himalaja bis zu den Zentralprovinzen. Der virginische Hirsch (Cariacus virginianus Gmel., Tafel I, Fig. 1), 1,8 m lang, mit 30 cm langem Schwanz, 1 m hoch, sehr zierlich gebaut, mit langgestrecktem, seinem Kopf, langem Hals, mittelhohen, schwachen Beinen und ziemlich langem Schwanz. Die Färbung ist schön gleichmäßig gelbrot, am Kopf und Rücken dunkler, am Bauch und an der Innenseite der Glieder blässer. Er findet sich in den Waldungen Nordamerikas mit Ausnahme der nördlichsten, südlich bis Mexiko, westlich bis zu den Felsengebirgen; man trifft ihn in den Prärien in Rudeln von vielen hundert Stück. Das Wildbret ist äußerst schmackhaft. In der Gefangenschaft werden diese Hirsche sehr zahm und gehören zu den anmutigsten Geschöpfen; ihre Haltung ist aber schwierig, weil sie ungemein leicht die zarten Läufe und meist so unglücklich brechen, daß man sie töten muß. Einbürgerungsversuche haben gute Erfolge gehabt. Die Spießhirsche sind kleine südamerikanische Hirsche, deren Geweih nur aus zwei einfachen Stangen besteht; sie haben ziemlich langen, stark behaarten Schwanz und einen Haarschopf auf der Stirn. Der Rotspießhirsch (Cariacus [Coassus] rufus Cuv.), 1,1 m lang, am Widerrist 60 cm hoch, mit kurzem, schlankem Hals, vorn sehr schmalem Kopf und ziemlich großen Ohren, erinnert in der Färbung an unser Reh. Er bewohnt Guayana, Brasilien, Peru, Paraguay, lebt in Wäldern und Gebüsch, immer paarweise; die Ricke wirft gewöhnlich nur ein Junges, das die Alten gemeinschaftlich führen. Die Gattung Muntjakhirsch (Cervulus Blainv.) umfaßt in Indien und auf den Sundainseln heimische kleine Hirsche mit kurzem, unverästeltem Geweih, mittellangem Schwanz mit Endquaste, ohne Haarbüschel an den Hinterfüßen. Der Kidang (Muntjak, C. Muntjac Zimmer, Tafel I, Fig. 2), 1,2 m lang, 65 cm hoch, ist ziemlich schlank gebaut, mit mittellangem Hals, kurzem Kopf, hohen, schlanken Läufen, auf der Oberseite gelbbraun, auf dem Rücken bis kastanienbraun, an der Innenseite der Ohren, an Kinn, Kehle, Hinterbauch, an der Innenseite der Beine und Hinterbacken weiß. Er bewohnt Sumatra, Java, Borneo, Bangka und die Malaiische Halbinsel, bevorzugt hügelige Gegenden in der Nähe der Wälder und lebt in kleinen Familien. In der Gefangenschaft verlangt er einen weiten Raum und ausgewähltes Futter. Der Damhirsch (Damwild, Dammhirsch, Dama vulgaris Brookes, Tafel I, Fig. 3), 1,5 m lang, 0,9 m hoch, mit 20 cm langem Schwanz, hat einen verhältnismäßig stärkern Körper, kürzern Hals, kürzere und minder starke Läufe als der Edelhirsch und ein mit runder Stange und Augensprosse versehenes, oben schaufelförmiges Geweih mit Sprossen am hintern Rand. Er ist im Sommer an der Oberseite, Schenkeln und Schwanzspitze braunrötlich, auf der Oberseite weiß gefleckt, auf der Unter- und der Innenseite der Beine weiß, im Winter an Kopf, Hals und Ohren braungrau, auf dem Rücken und an den Seiten schwärzlich, an der Unterseite aschgrau. Schwarze und weiße Varietäten sind nicht sehr selten. Das Damwild ist genügsamer als der Edelhirsch und hält sich daher besser in Kiefernheiden, während es mehr schält und dadurch schädlicher wird. Es ist minder scheu und vorsichtig, gibt aber an Schnelligkeit und Gewandtheit dem Edelhirsch kaum etwas nach. Der Damhirsch ist in Kleinasien, in den Mittelmeerländern und Algerien am häufigsten; ob er in Deutschland heimisch sei, ist streitig. Jedenfalls muß er in vorhistorischer Zeit nach dem Norden gekommen sein. Er findet sich gegenwärtig vom Nordrand der Sahara bis zum südlichen Schweden; Aristoteles und Plinius erwähnen ihn als ständigen Bewohner ihrer Heimat. Man zieht ihn mit Vorliebe in den Parken, namentlich in England. Die Brunst beginnt Anfang Oktober und dauert bis Mitte November. Ende Juni oder Anfang Juli setzen die beschlagenen Tiere (Damgeißen) ein, nicht selten auch zwei Kälber (Damkitze). Die Bezeichnungen auch des männlichen und weiblichen Wildes nach den Altersstufen sind dieselben wie beim Edelhirsch. Über die Geweihbildung s. Geweih, S. 781. Die Fährte des Damwildes (s. Tafel »Fährten und Spuren«, Fig. 12) ist der des Rotwildes ähnlich, nur schwächer; ein Schaufler spürt sich etwa nur so stark wie ein Rotwildspießer. Man kann an den Zeichen der Fährte den Damhirsch vom Tier ebenso wie beim Rotwild unterscheiden. Auf Damwild sind dieselben Jagdmethoden üblich wie beim Rotwild, das Wildbret (Fleisch) ist zarter und wohlschmeckender, auch wird das Damwild feister; ein starker feister Schaufler wiegt über 100 kg; die Haut ist dehnbarer und weicher als die des Rotwildes. Betreffs der Schonzeit s. d. Vgl. R. v. Dombrowski, Das Edelwild (Wien 1876); v. Raesfeld, Das Rotwild (Berl. 1898). – Zur Familie der Hirsche gehören auch das Reh (s. d. und Tafel I, Fig. 5), Renntier[366] (s. d. und Tafel II, Fig. 1) und das Elen (s. d. und Tafel II, Fig. 2).

Fossile Überreste von Hirschen sind nicht selten Die Hirsche sind in der Gegenwart auf allen Kontinenten mit Ausnahme von Australien (und Afrika, wo sie nur in den Mittelmeergegenden vorkommen) reich vertreten.

Fig. 3. Schädel und Geweih von Cervus Sedgwicki Falc. aus dem obersten Pliocän.
Fig. 3. Schädel und Geweih von Cervus Sedgwicki Falc. aus dem obersten Pliocän.

Es ist eine wesentlich altweltliche Gruppe, wenn sich auch in Amerika eigentümliche Formen entwickelt haben. Die ältesten Arten aus dem untersten Miocän Europas haben noch keine Geweihe, wohl aber hauerartige obere Eckzähne; im obern Miocän treten niedrige, dichotome Geweihe auf, und von nun an zeigt sich eine stetige Entwickelung des Geweihes, bis im obersten Pliocän überaus mächtige, üppig verzweigte, oft schaufelartige Geweihe erscheinen (Fig. 3). Die ältesten Hirsche schließen sich an die Zwergmoschustiere (Tragulidae) an und bilden mit den jetzt noch lebenden Moschustieren die Unterfamilie der Cervulinae, zu der auch der Muntjakhirsch gehört; die echten Hirsche (Cervinae) finden sich zahlreicher erst im Pliocän der Alten Welt und gelangen im obern Pliocän nach Amerika.

Fig. 4. Schädel und Geweih des Ruffschen Riesenhirsches (Megaceros Ruffii Nehring).
Fig. 4. Schädel und Geweih des Ruffschen Riesenhirsches (Megaceros Ruffii Nehring).

Der Riesenhirsch (Megaceros hibernicus Owen) trug Geweihe, die dem des Elen ähnlich sind, sie messen 1,9 m in der Länge, und ihre Enden sind 3–4 m voneinander entfernt. Man findet Reste des Riesenhirsches in den mitteleuropäischen Diluvialbildungen, von Irland und Schottland bis zum Po und den südlichen Theißgegenden. Nach Hibbert soll er noch im 12. Jahrh. in Irland gelebt haben. Man hält ihn für den Schelch des Nibelungenliedes. Abbildung des Skeletts s. Tafel »Diluvium II«, Fig. 8. Neben ihm lebte der Ruffsche Riesenhirsch (M. Ruffii Nehr.), der dem Damhirsch ähnlicher war und steiler ausgerichtete Schaufeln trug (Fig. 4). Vgl. Lydekker, The Deer of all lands, a history of the family Cervidae (Lond. 1898)

In der christlichen Symbolik ist der H. (nach Psalm 42, 2) vorzugsweise Sinnbild der heilsbegierigen Seele und der christlichen Taufe, daher häufig auf Taufkesseln und Taufbecken angebracht. Vier Hirsche, um einen Hügel gestellt, bedeuten die vier Evangelisten. Ein weißer H. mit einem Kruzifix zwischen dem Geweih ist das Attribut der Heiligen Eustachius und Hubertus. Der erstere ist unter anderm auf einem berühmten Kupferstich von A. Dürer dargestellt.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 364-367.
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