Guayana

[486] Guayana (spr. gŭajāna, auch Guyana, Guiana, Guaiana, hierzu Karte »Guayana«), der nordöstliche Teil Südamerikas zwischen 3°45´ südl. bis 8°30´ nördl. Br. und 50°-71° westl. L., östlich und nordöstlich durch das Atlantische Meer, auf den übrigen Seiten durch den Orinoko und den Amazonenstrom begrenzt, ist 1,760,000 qkm groß. Die Küste, deren am meisten vorspringende Punkte Kap Nassau und Kap Orange sind, liegt fast durchweg tiefer als der Meeresspiegel bei Hochflut und wurde im holländischen und englischen Anteil durch Dämme und Kanäle vor Überflutungen gesichert. Dieses bis über 30 km breite, in der Regenzeit überschwemmte Flachland ist außerordentlich fruchtbar. Nur der südliche Teil ist vollkommen eben, den nördlichen durchziehen zahlreiche Gebirgszüge. Östlich vom Orinoko erheben sich die Sierras de Mapichi (Yamari 2258 m), Parima (Duida 2475 m) und Maraguaca (2508 m), an der Ostgrenze von Venezuela die Sierra de Riacote, an deren Südende der Tafelberg Roraima steil zu 2600 m aufsteigt. Die ganze Nordgrenze des brasilischen G. wird von Gebirgszügen begleitet (Sierra Parima, Pacaraima, Tumuc-Humac), gegen N. und O. aber erniedrigt sich das etwa 1000 m hohe Bergland, aus dem hier nur isolierte Granitkuppen (Cerro de Cuneva 1630, de Mato 1869, Turagua 1836 m) aufragen. Diese Gebirgszüge bilden die Wasserscheiden zwischen den teils dem Amazonenstrom (Trombetas, Paru, Dori, Araguary), Rio Negro (Rio Branco) und Orinoko (Ventuari, Caura, Caroni), teils unmittelbar dem Atlantischen Ozean (Essequibo, Demerara, Berbice, Corentyne, Saramacca, Suriname, Maroni, Mana, Aporuague, Oyapok) zuströmenden Flüssen.

Nur die Küstenstriche und die Flußtäler zeigen tertiäre und quartäre Ablagerungen, sonst herrschen archäische Gesteine vor, meist Glimmerschiefer und Quarzite sowie Gneise, weit seltener Granit und Diorit. Horizontal geschichtete Sandsteine paläozoischen oder cretazeïschen Alters liegen im Hinterlande von Britisch-G. auf dem kristallinischen Grundgebirge auf und bilden, von zahlreichen Eruptivmassen durchsetzt, den Scheitel des gewaltigen Tafelbergs Roraima (s. d.). Paläozoische Schichten finden sich auch am Südabfall des Landes gegen den Amazonas. Längs der Küsten erstrecken sich ausgedehnte Schlammbänke, da Strömungen die Sinkstoffe des Amazonas weithin verbreiten. Setzt sich der Schlamm außerhalb der stärkern Strömung nahe am Ufer an, so wachsen alsbald Manglebäume darauf, deren dichte Wurzeln rasch einen festen Boden bilden. Von Mineralien kennt man namentlich Gold, das am Maroni, am Yuruari und im holländischen G. in bedeutender Menge gefunden wird; auch sind hier reiche Brauneisensteinlager bekannt (vgl. Venezuela). Das Klima ist ausgezeichnet durch Regenreichtum und gleichmäßig hohe Temperatur und Feuchtigkeit. An der Küste währt die kleine Regenzeit von Mitte November bis Februar, dann folgt im März und April die kleine trockne Jahreszeit und hierauf die große Regenzeit von Mitte April bis Anfang August. Gegen Mitte Juli fallen die Regenschauer nur noch zu gewissen Stunden. Das Eintreten der Trockenzeit wird durch heftige Gewitter angedeutet, die Flüsse ziehen sich in ihr Bett zurück, die Sümpfe trocknen aus, daher sind August und September für den eben angekommenen Fremden an manchen Orten gefahrvoll. Das Innere von G. hat nur eine Regenzeit (Ende April bis Anfang August). Regenmengen: Georgetown 242, Paramaribo 238, Cayenne 352 cm. Temperatur: Georgetown 26,4°, kälteste Monate Januar und Februar 25,8°, wärmster Oktober 29,3°; mittlere Jahresextreme 32,2° und 21, t°. Der herrschende Wind ist der Nordostpassat. Das Klima ist, von gewissen Gegenden abgesehen, jedoch bei weitem nicht so ungesund, wie man gewöhnlich glaubt. Die Wälder Guayanas stehen mit der äquatorialen Flora Brasiliens in engstem Zusammenhange und sind nicht weniger reich an tropischen Baumformen wie das Hyläagebiet Brasiliens (s. d., S. 432 f.). Neben Palmen finden sich Carapa guianensis, das Fernambukholz, der Jacaranda, der Tonkabaum, die Ipekakuanha, der Paránuß- und der Kakaobaum, die Kautschukpflanze (Siphonia elastica), Sassaparille. Für die Savannenregion Guayanas bildet der Wald eine Pflanzenscheide, die eine Mischung mit brasilischen Typen hindert. Rasenbildende Cyperazeen, mit Eriokaulazeen gemischt, bilden das Grasland. Dazwischen sind eingestreut stachelige Kräuter, Holzpflanzen und niedrige Bäume: Curatella americana und Byrsonima ver- [486] bascifolia mit silberglänzenden Blättern. Zahlreich sind Myrtazeen, Leguminosen, Rubiazeen, Menispermeen, Apocyneen und Konvolvulazeen. Besonders bildet die tropische Proteazee Roupala eigne Gruppen von merkwürdigem Ansehen. Wo das Wasser ausdauert, zeigt sich eine reichlichere Bewaldung von Palmen (Mauritia), Farnen und Scitamineen, und zum Beginn der Regenzeit erscheint die Savanne in üppigem Blumenschmuck. Zoologisch schließt sich G. eng an Brasilien an und besitzt eine reiche Tierwelt. Zahlreich sind die Affen (Ateles, Cebus, Hapale), von Raubtieren finden sich Jaguar, Puma, Eyra (Felis eyra), Yaguarundi (Felis yaguarundi), Rüsselbar, Krabbenwaschbär und kleinere, zu den Mardern gehörige Formen. Außerdem sind häufig und charakteristisch zahlreiche Fledermäuse (besonders der Vampir), der amerikanische Tapir, die Nabelschweine oder Pekaris, Gürteltiere, Faultiere, Ameisenfresser, das Aguti, der Kuandu (Cercolabes prehensilis) und die Lanzenratte (Loncheres cristata). An den Küsten lebt der Lamantin (Manatus americanus). Unter den Vögeln ragen Papageien, Kolibris und viele Wasservögel hervor. Unter den Reptilien seien vor allem die Arrau-Schildkröte (Podocnemis) und die Matamata-Schildkröte (Chelys fimbriata) genannt, ferner finden sich Kaiman und Krokodil, von Eidechsen besonders die große Ameive u. der Basilisk, von Giftschlangen Buschmeister (Lachesis mutus) und Prunkotter (Elaps), von nichtgiftigen Schlangen die Anakonda. Die Amphibien sind nur durch ungeschwänzte Lurche vertreten. Sehr zahlreich sind die Fische, unter denen die auf G. beschränkte Gattung Aspredo dadurch bemerkenswert ist, daß die Eier an der schwammig aufgelockerten Bauchhaut des Männchens befestigt werden. In seiner Mollusken- und Insektenfauna schließt sich G. völlig an Brasilien an.

Die Bevölkerung des weiten Gebietes von G. ist außerordentlich gering. Mit Ausnahme des Küstenstrichs, auf dem Holländer, Engländer und Franzosen Kolonien gegründet haben, und der von Spaniern und Portugiesen angelegten Ortschaften am Orinoko, Rio Negro und Amazonenstrom wird das Land fast allein von Indianern bewohnt. Sie bauen zwar Kassawa, leben aber doch wesentlich vom Fischfang und der Jagd, wobei sie sich mit dem Safte der Uraripflanze (Strychnos toxifera) vergifteter Pfeile bedienen. Auf spanischem Gebiet hatten die Missionare viele Indianer in Ortschaften gesammelt, die aber seit der Emanzipation der Kolonien zugrunde gegangen sind. Eingeschoben zwischen den verkommenden Indianern der französischen und niederländischen Küste und den noch ganz wilden Indianern des Innern leben die Nachkommen entflohener Negersklaven, den Kolonisten als Maron- oder Buschneger oder Boni (nach einem ihrer Führer) bekannt. Bemerkenswert sind in G. die zahlreichen in Felsen eingegrabenen, über 3 m großen Figuren von Himmelskörpern, Krokodilen, Schlangen etc. Proben von Flechtarbeiten der G.-Indianer zeigt Tafel »Indianische Kultur II«, Fig. 4, und Tafel III, Fig. 18.

Vgl. außer den bei den einzelnen Landesteilen (s. unten) angeführten Werken im allgemeinen: Schomburgk, Reisen in G. und am Orinoko 1835–1839 (Leipz. 1841); Im Thurn, Among the Indians of G. (Lond. 1883); Joest, G. im Jahre 1890 (in den »Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde«, Berl. 1891); André, A naturalist in the Guianas (Lond. 1904). Karte von W. L. Loth 1: 1,000,000 (Amsterdam 1889).

Die einzelnen politischen Gebiete.

Der Besitz von G. ist zwischen Venezuela, Brasilien, England, den Niederlanden und Frankreich geteilt. Das Kolonialgebiet der Europäer, das G. im engern Sinne genannt wird, umfaßt nur etwa den vierten Teil (454,470 qkm) von G. Die politische Zugehörigkeit weiter Gebiete wurde erst in allerjüngster Zeit durch Schiedsgerichte festgesetzt (vgl. unten sowie die Karte von G.).

[Britisch-Guayana.] Britisch-G. erstreckt sich zwischen den Flüssen Orinoko und Corentyne auf 550 km längs der Küste hin und auf ca. 700 km ins Innere und hat ein Areal von 246,470 qkm, wovon jedoch nur der Küstenstrich unter Kultur steht, während der Rest von dichtem Urwald bedeckt wird, der wertvolle Holzarten, Harze, Ole, heilkräftige Rinden und Faserstoffe enthält. Eisenerze sind reichlich vorhanden, werden aber nicht ausgebeutet, dagegen liefern Goldquarzriffe und Goldwäschen erhebliche Ausbeute (von 1886–96 gegen 56 Mill. Mk.). Die Bevölkerung betrug 1900: 294,943 (Dichte 1,2), überwiegend Neger und ostindische Kulis. Etwa 7700 Indianer wohnen in den besiedelten Landstrichen. In 203 Schulen wurden 28,339 Schüler unterrichtet. Die anglikanische Kirche steht unter einem Bischof (von Westindien), die katholische unter einem apostolischen Vikar (von Demerara). Landbau, namentlich Plantagenwirtschaft, ist Hauptbeschäftigung; 1891 standen unter Kultur 32,468 Hektar, davon waren 31,323 Hektar mit Zuckerrohr bestellt. Der Handel geht vornehmlich nach England und den Vereinigten Staaten; 1900 betrug die Einfuhr (Mehl, Reis, Dünger, Kohle, Holz, Fische, Maschinen) 27,9 Mill. Mk., die Ausfuhr (Zucker, Gold, Rum, Melasse) 33,6 Mill. Mk. Eine 34 km lange Eisenbahn verbindet Georgetown mit Mahaica; die Telegraphenlinien hatten 1894 eine Länge von 1579 km. Den Gouverneur ernennt die Krone. Ihm zur Seite steht ein Court of Policy, von dessen 10 Mitgliedern 5 höhere Beamte sind, während die 5 andern aus indirekten Wahlen hervorgehen. Nur finanzielle Fragen werden einem Combined Court vorgelegt, der außer den Mitgliedern des Court of policy noch 6 weitere Vertreter der Kolonisten enthält. Die Einkünfte der Kolonie betrugen 1897/98: 10,107,380, die Ausgaben 11,251,960, die Kolonialschuld 18,989,240 Mk. Die Kolonie zerfällt in 3 Grafschaften: Demerara, Essequibo und Berbice. Hauptstadt ist Georgetown (s. d. 4), zugleich Haupthafen, daneben ist wichtig Neu-Amsterdam. Vgl. Gebrüder Schomburgk, Reisen in Britisch-G. (hrsg. von Stricker, Frankf. 1852); Appun, Unter den Tropen, Bd. 2 (Jena 1871); Webber, British Guiana (Lond. 1873); Brown, Reports on the physical description and economic geology of British Guiana (das. 1875); Bronkhurst, The colony of British Guiana (das. 1883); Netscher, Geschiedenis van de kolonien Essequebo, Demeraryen Berbice (Haag 1888); Rodway, History of British Guiana (Georgetown 1891); H. Kirke, Twenty five years in British Guiana (Lond. 1898); Rodway und Stark, British Guiana (das. 1898); British Guiana Directory and Almanach for 1902 (das. 1902).

[Niederländisch-Guayana.] Diese von den Holländern Surinam genannte Kolonie erstreckt sich zwischen Britisch- und Französisch-G., bei einer mittlern Breite von 350 und einer Länge von 500 km, vom Corentyne bis zum Maroni und mißt 129,100 qkm. Der 7–15 km breite, niedrige und sumpfige Küstenstrich ist mit Mangrovewaldungen bedeckt, dann folgt[487] ein 20–35 km breites Diluvialland, zuerst mit tropischem Urwald, dann eine Savannenregion, zuletzt eine bergige Waldzone, die bis zu den Tumuc-Humac-Bergen an der Grenze reicht. Außer den genannten Grenzflüssen sind der Nieteroy, Coppename, Saramacca, Suriname zu nennen, die an ihren Mündungen große Sümpfe bilden, oft auch durch Seitenarme miteinander verbunden sind. Seit 1891 bildet der obere Maroni die Grenze zwischen Niederländisch- und Französisch-G. Das Klima ist heiß (Maximum 37,2, Minimum 25,5°), der Regenfall beträgt in Paramaribo 2567 mm. Die Bevölkerung betrug 1899: 82,300 Seelen, darunter etwa 12,000 Indianer und Maron- oder Buschneger (Nachkommen entlaufener Sklaven). Die letztern zerfallen in drei Stämme: Aucaner, Saramaccaner und Becu (Mussiinga, Matuarie) und sind fast alle Heiden. Die Indianer wohnen in kleinen Gruppen an den obern Flüssen und gehören zu den Arowaken und Kariben. Der Religion nach waren 1894: 24,548 Herrnhuter, 8815 andre Protestanten, 10,908 Katholiken, 1204 Israeliten, 2038 Mohammedaner, 7800 Hindu u. a. Die 19 Regierungsschulen wurden 1891 von 2147, die 28 Privatschulen von 4675 Kindern besucht. Die Herrnhuter unterhalten eine Normal- und eine Zentralschule. Zuckerrohr- und Kakaobau spielen die Hauptrolle beim Anbau des Landes. 12 Zuckerplantagen (1372 Hektar) gaben 1894: 8650 Ton. Zucker, 90 Kakaoplantagen und 687 kleine Besitzungen (14,052 Hektar) 3350 T. Die Ansiedelungen liegen längs der Flüsse, namentlich des Suriname. Nach der Sklavenemanzipation (1863) standen die Neger noch 10 Jahre unter Staatsaufsicht und mußten sich kontraktlich zur Arbeit verpflichten. Nach Ablauf dieser Zeit aber weigerten sie sich, Plantagenarbeit zu verrichten, so daß die Zuckerproduktion, die vor der Emanzipation durchschnittlich 15 Mill. kg jährlich ergeben hatte, schnell sank. Nach Einführung von indischen und japanischen Arbeitern hob sich aber die Kultur wieder. Auch der Kaffeebau wird wieder eifrig aufgenommen. Dagegen ist die Viehzucht unbedeutend; 1891 gab es nur 523 Pferde und Esel, 3745 Rinder, 899 Schafe und Ziegen und 2135 Schweine. Der Goldreichtum der Kolonie ist sehr groß, doch wurde fast nur Waschgold gewonnen, die Produktion ging aber seit 1893 zurück; 1896 betrug sie 121,285 Unzen. Jetzt werden auch die Quarzriffe ausgebeutet, auch ein deutsches Syndikat beteiligt sich an deren Abbau. Andre wichtige Produkte sind Kautschuk (Balata) und Hölzer. Die Einfuhr betrug 1899: 10,4, die Ausfuhr 9,2 Mill. Mk. Der Handel konzentriert sich in der Hauptstadt Paramaribo, wo auch ein deutscher Konsul residiert und eine Bank besteht. Der Hauptverkehr findet mit Nordamerika und dem Mutterlande statt. Der auf den Küstenstrich beschränkte Binnenverkehr bewegt sich fast ausschließlich auf Flüssen und Kanälen; unter letztern ist der zwischen dem Saramacca und dem Surinam der bedeutendste. Es liefen 1896 ein 202 Schiffe von 92,000 Ton. Dem Gouverneur steht ein Rat von sechs durch den König ernannten Mitgliedern zur Seite. Die Provinzialstaaten bestehen aus vier von der Krone ernannten und von je 200 Wählern gewählten Mitgliedern. Die Einnahmen betrugen 1897: 3,388,120, die Ausgaben 3,765,717 Mk.; ein Defizit besteht seit der Sklavenemanzipation, so daß die Kolonie eines jährlichen Zuschusses seitens des Mutterlandes bedarf (1897: 377,597 Mk.). Neben einer halbmilitärisch organisierten Polizeitruppe von 730 Mann besteht eine Miliz von 363 Mann. Administrativ zerfällt die Kolonie in das Gebiet der Hauptstadt Paramaribo und acht Verwaltungsbezirke. Vgl. Palgrave, Dutch Guiana (Lond. 1876); Prinz Roland Napoléon, Les habitants de Suriname (Par. 1884); Martin, Reise im Gebiet des obern Surinam (Haag 1886); Kappler, Surinam (Stuttg. 1887); Pijtterpen, Europeesche Kolonisatie in Suriname (Haag 1896); Du Bois, Geologisch-bergmännische Skizzen aus Surinam (Freiberg 1901); Thomson, Overzicht der geschiedenis van Suriname (Haag 1901); »Surinaamsche Almanak« (Paramaribo, jährlich).

[Französisch-Guayana.] Das französische G. (auch Cayenne genannt), zwischen Atlantischem Ozean, Niederländisch-G. und Brasilien, hat 78,900 qkm Fläche. Das Land senkt sich von den Tumuc-Humac-Bergen (Mont Lorquin 400, Pic Crévaux 330 m) an der Südgrenze nach N., durchzogen von einzelnen niedrigen Ketten (Mont Leblond 406 m). Von Flüssen sind neben den beiden Grenzflüssen, Maroni im W., Oyapok im O., zu nennen Aporuague, Oyac mit Orapu, Sinnamarie und Mana. Auf die bewaldeten, von den Tumue-Humac-Bergen sich senkenden Hochebenen folgen Prärien, dann Sumpflandschaften (Pripris), die in der trocknen Jahreszeit zu guten Weiden werden, endlich die versumpfte Küstengegend, die nicht, wie im benachbarten Niederländisch-G., durch ein Kanalsystem trocken gelegt, daher höchst ungesund ist. Der südliche Teil hat ein gesundes, wenn auch sehr warmes Klima (Mitteltemperatur 20°) mit kühlen Nächten und die Luft reinigenden Ostwinden; dagegen ist die Hitze an der Küste (21–34°) außerordentlich aufreibend. Die Bevölkerung betrug 1901: 32,908 Seelen (Dichte nur 0,4). Die ersten zu schwerer Strafarbeit verurteilten Verbrecher wurden 1852 nach Cayenne gebracht, später hat man die Strafanstalt nach St.-Laurent am untern Maroni verlegt. Die Indianer im Innern werden auf 20,000 geschätzt, sollen aber um 1750 zehnmal zahlreicher gewesen sein. Das Schulwesen ist in den Händen der Frères de Ploërmel. Hauptbeschäftigung ist Ackerbau, doch hat er durch die 1848 plötzlich durchgeführte Emanzipation der Sklaven (12,631) außerordentlich gelitten; Hauptkulturen sind Kaffee und Kakao, auch Mais, Reis, Baumwolle, Tabak ergeben besonders in dem außerordentlich fruchtbaren höhern südlichen Teil sehr gute Ernten. Doch fehlt es an Verkehrswegen, und die eingeführten Arbeiter haben die Sklavenarbeit nicht zu ersetzen vermocht. Die Viehzucht ist ganz unbedeutend. Von Mineralschätzen kommen Gold (seit 1885) und Phosphate für die Ausfuhr in Betracht (1895: 4,210,136 kg Phosphate, 1973 kg Gold und 869,758 kg Golderz). Der Handel hat sich in letzter Zeit gehoben: 1900 betrug die Einfuhr 7,9, die Ausfuhr 5,1 Mill. Mk. Eine 1 km lange Eisenbahn führt von St.-Laurent nach der einzigen Zuckerfabrik. Die Kolonie steht unter einem zu Cayenne residierenden Gouverneur nebst einem Militärkommandierenden, einem Generalprokurator etc. Das lokale Budget betrug 1896 in Einnahme und Ausgabe je 2,248,408 Mk. Das Militär besteht aus 16 Offizieren und 398 Mann. Hauptstadt ist Cayenne. Vgl. Coudreau, La France équinoxiale (Par. 1887, 2 Bde.) und Quatre années dans la Guyane française (das. 1893); Maurel, Histoire de la Guyane française (das. 1896); Rodway, In the Guiana forest (3. Aufl., Lond. 1897); Brousseau, Les richesses de la Guyane française (Par. 1901); Levat, La Guyane française en 1902 (das. 1902).[488]

Der Anteil Venezuelas an G. besteht aus dem Staat Bolivar, dem Territorium Yuruari und einem Teil von Amazonas, etwa 600,000 qkm groß, ist von Urwäldern und weiten Ebenen bedeckt; Yuruari ist reich an Gold, aber trotzdem beträgt die Bevölkerung kaum 90,000 Seelen, zur Hälfte Mestizen und Weiße, zur Hälfte zivilisierte Indianer, und fast ganz auf den nördlichen Teil beschränkt, während das bei weitem größte Gebiet kaum 20,000 Indianer bewohnen. Durch das Pariser Schiedsgericht (1899) ist der Grenzstreit mit Britisch-G. folgendermaßen beigelegt: Die jetzige Grenzlinie läuft von Punta Playa zum Amakurufluß, folgt diesem zu den Imatakabergen, geht auf deren Kamm zu den Quellen des Acarabisi, diesen hinab, den Cuyuni aufwärts, seinen rechten Nebenfluß Wenamu hinauf und von dessen Quelle zum Roraima. Der größte Teil des strittigen Gebietes fällt an Britisch-G., dagegen erhält Venezuela die Goldminen von El Callao und die Orinokomündungen. – Das brasilische G. (ehedem Portugiesisch-G.) bildet den nördlichsten Teil der Staaten Para und Amazonas, nördlich vom Amazonenstrom bis zur Küste, und ist eine menschenleere, mit Sümpfen, Savannen und Urwald erfüllte Einöde von über 700,000 qkm. Die langumstrittene Grenze zwischen Französisch-G. und Brasilien wurde 1900 durch den Spruch des als Schiedsrichter angerufenen Präsidenten der Schweiz festgelegt. Die Grenze führt demnach den Yapok aufwärts bis zur Quelle und dann, dem Kamme des Tumuc-Humac-Gebirges folgend, bis zur niederländischen Grenze. Frankreich, das den Araguary als Grenzfluß betrachtet wissen wollte, mußte sich mit 8000 qkm des strittigen Gebietes begnügen, der weitaus größere Teil fiel Brasilien zu, das sich übrigens schon lange in dessen faktischem Besitz befand.

Geschichte Guayanas.

Die Küste von G. wurde 1499 zuerst von Alonso de Hojeda in Begleitung von Vespucci entdeckt und vom 6.° nördl. Br. an nordwärts verfolgt. Ein Jahr später fuhr Vicente Yañez Pinzon, von Süden herkommend, die ganze Küste entlang. Das Innere des Landes wurde zuerst durchstreift durch Abenteurer verschiedener Nationen, die den fabelhaften See von Parima und die Stadt des Goldlandes (Eldorado) entdecken wollten. Unter den Berichten dieser Abenteurer sind die wertvollsten die von Sir Walter Raleigh, der drei Expeditionen nach G. unternahm, 1595,1597 und 1617. Die ersten Ansiedelungen an der Küste scheinen von Holländern gemacht zu sein, die im 16. Jahrh. die Ostküste von Südamerika des Tauschhandels mit den Eingebornen wegen viel besuchten. 1580 gründeten mehrere Teilnehmer an einer solchen Expedition die Ansiedelung Nieuw-Zeeland am Pomarun. 1596 von dort durch die Spanier und Indianer vertrieben, begaben sie sich nach dem Essequibo und gründeten unter Joost van der Hooge eine neue Niederlassung (Kykoveral) in der Nähe des Zusammenflusses des Cuyuni und Mazaruni. Seit dieser Zeit begannen die Ansiedelungen der Niederländer in G. sich auszubreiten, namentlich seit Gründung der Niederländisch-Westindischen Kompanie (1621), und sie erhielten 1667 noch dadurch einen bedeutenden Zuwachs, daß Karl II. von England im Frieden von Breda die englischen Ansiedelungen von Paramaribo an die Holländer gegen ihre Kolonie Neuamsterdam in Nordamerika (den jetzigen Staat New York) austauschte. Gegen die Mitte des 17. Jahrh. hatten auch die Franzosen angefangen, einige Niederlassungen zu gründen, aus denen die Kolonie von Cayenne entstand. Die Portugiesen endlich gründeten vom Amazonenstrom aus Niederlassungen. Zwischen diesen Kolonien der verschiedenen europäischen Nationen fanden fortwährend Reibungen und Kämpfe statt, wodurch sie wiederholt fast ganz zugrunde gerichtet wurden. Die niederländischen Kolonien Essequibo, Demerara und Berbice wurden 1781 von den Engländern unter Georg Rodney in Besitz genommen, 1782 von den Franzosen erobert, sodann im Frieden von 1783 den Niederländern zurückgegeben. Aber obschon sie diesen nochmals 1802 im Frieden von Amiens zuerkannt, wurden sie doch aufs neue von den Engländern 1803 genommen und ihnen schließlich durch die Londoner Konvention von 1814 förmlich abgetreten. Literatur s. oben bei den einzelnen Gebieten.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 486-489.
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