Gebirge

[407] Gebirge (hierzu Tafel »Gebirgsbildungen«), im Gegensatz zu den ebenen Formen der Erdoberfläche sowie zu den durch Erosion oder Auswaschung aus solchen Ebenen hervorgegangenen Berg- und Hügellandschaften diejenigen mehr oder minder in einzelne Berge gegliederten Erhebungen der Erde, deren Teile nach bestimmten Richtungen aneinander gereiht sind. Man unterscheidet am G.: den Rücken (Gebirgsjoch), die höchsten Teile eines Gebirges, der einfach oder zusammengesetzt sein kann; von ihm laufen im letztern Fall die Nebenjoche aus, die, wenn sie eine gewisse Selbständigkeit erlangen, zu Gebirgszweigen werden; den Fuß, die Grenze des Gebirges gegen die angrenzenden Ebenen oder das Meer; die Gipfel als die höchsten, die Pässe (Einsattelungen) als die tiefsten Punkte von Rücken und Nebenjochen. Sind auch die Gebirgsrücken stets natürliche Teiler der Gewässer, die von ihnen nach verschiedenen Richtungen abfließen, so fallen doch die Wasserscheiden zahlreicher großer Fluß- und Stromgebiete durchaus nicht immer mit ihnen zusammen; vielmehr werden nicht selten G. ihrer ganzen Breite nach von Strömen durchschnitten, so daß beide entgegengesetzte Gehänge des Gebirges zu gleichen Stromgebieten gehören, und dies nicht bloß bei niedern Gebirgszügen, sondern auch bei den beiden höchsten Gebirgen der Erde, dem Himalaja und Kuenlün. Zuweilen greifen die Quellgebiete der Flüsse des einen Gehänges über den höchsten Rücken an die andre Gebirgsseite hinüber. Der Fuß des Gebirges ist in vielen Fällen scharf begrenzt; meist aber tritt Hügelland vermittelnd zwischen G.[407] und ebenes Land; manche G. gehen auch, wenigstens in der Richtung des einen Gehänges vollständig, in die angrenzenden Ebenen über (Jura, Vogesen nach W.). In den erstern Fällen bezeichnet, insbes. bei höhern Gebirgen, eine Region der Versumpfung sehr häufig den Fuß, so längs der Alpen, am Südfuß des Himalaja (Terai), verursacht durch die Schuttablagerung da, wo das stärkere Gefälle der Gebirgsgewässer in das sanftere der Ebene übergeht. Zuweilen charakterisiert ein Gürtel von Ortschaften an den Mündungen der Täler den Fuß des Gebirges.

Die Physiognomie eines Gebirges wird in erster Linie durch seine relative Höhe bestimmt; die absolute Höhe, d. h. die Höhe eines Gebirges über dem Meeresspiegel, kommt nur insofern in Betracht, als sie Einfluß hat auf die Bekleidung des Gebirges mit Vegetation und auf die Bildung von Firn, sogen. ewigem Schnee, und von Gletschern. Die Neigung der Gebirgsgehänge oder Abfälle (Abhänge) ist äußerst wechselnd, erscheint dem Auge aber immer viel steiler, als sie in Wahrheit ist; wirklich senkrechte Abstürze kommen nur ausnahmsweise und auf kurze Strecken vor. Wichtig ist die Neigung der Gehänge für die Gangbarkeit eines Gebirges, denn bei einem Böschungswinkel von mehr als 27° kann ein beladenes Maultier sie nicht mehr übersteigen, bei 35–40° vermag es der Mensch nur mit Händen und Füßen.

Groß ist der Unterschied in den horizontalen und vertikalen Dimensionen der G.; während die Anden auf eine Länge von mehr als 14,000 km Amerikas Westküste, der Himalaja auf 4800 km Länge Nordindien begleiten, beträgt die Länge des skandinavischen Gebirges 2400, die der Alpen 1200 und sinkt die Länge des Thüringer Waldes bis 120, des Harzes bis 90 km herab. Ähnlich verhalten sich die Breite, die aber in einzelnen Fällen, wie beim Harz, im Verhältnis zur Länge sehr beträchtlich ist, und die Höhe. Die höchsten Gipfel- und Paßhöhen finden wir im Himalaja und Karakorum: dort erheben sich die beiden Bergriesen, der Gaurisankar zu 8840 m und der Kantschindschinga zu 8584 m, also noch höher als der 8175 m hohe Dhawalagiri, der lange für den höchsten Berg der Erde galt; hier steigt beinahe zu gleicher Höhe, bis zu 8619 m, als höchster Gipfel der Dapsang an, während die Paßhöhen noch 5500–5850 m erreichen. Auch die Gipfel des Tengri Chan in Tienschan erreichen ca. 7300 m. Die nächsthöchsten Gipfel und Paßhöhen besitzt Amerika, wo in den Anden der Aconcagua 6970 m, der Chimborazo 6310 m und der Pik Sorata 6550 m erreichen; während der Paß von Cumbre in 3900 m Höhe unfern des Aconcagua über den Rücken des Gebirges hinüberführt, überschreitet der Reisende, über den Come Caballo aus Catamarca nach Copiapó übergehend, bei 4356 m das Andenplateau. Hinter diesen Höhen bleiben die der G. Nordamerikas sowie auch die der übrigen Erdteile zurück; in Nordamerika übersteigen nur vulkanische Einzelgipfel, wie der Pik von Orizaba, Popocatepetl, Eliasberg, Höhen von 5400 m. Afrika reicht in dem 6010 m hohen Kilima Ndscharo über die Schneegrenze, während der Rasch-Datschan in Abessinien nur 4620 m und das Kamerungebirge 4194 m messen. Europas höchste Gipfel sind der 4810 m hohe Montblanc und der 4538 m hohe Monte Rosa, seine höchsten Pässe das 3322 m hohe Matterjoch und der nur selten von einem Menschen betretene, 3400 m hohe Col du Géant in den Alpen. Während die Höhen des australischen Festlandes hinter denen der andern Kontinente zurückbleiben und auch in den höchsten bekannten Gipfeln kaum 2200 m überragen, besitzt Neuseeland ein Alpenland, das im Mount Cook mit 4024 m kulminiert, und das kleine Hawaï im Mauna Loa und Mauna Kea die höchsten aller australischen Höhen von 4194 und 4253 m.

Man hat die G. nach ihrer Höhe Hochgebirge von über 2250 m mittlerer Höhe (Mittel aus Gipfeln u. Paßhöhen), Mittelgebirge von 1600–2250 m Höhe, dagegen niedrigere G. Berg- und Hügelzüge genannt. G., die einerseits im Tiefland, anderseits auf einem Plateau fußen, wie der Himalaja, nennt man Randgebirge; Scheitelgebirge aber solche, die sich inmitten eines Plateaus über dasselbe erheben, wie das Karakorumgebirge. Eine naturgemäße Einteilung, welche die ganze Mannigfaltigkeit der auf der Erde auftretenden Formen erschöpft, ist noch nicht aufgestellt. Die gewöhnliche Einteilung der G. in Kettengebirge mit vorherrschender Längenerstreckung (Tafel, Fig. 2) und Massengebirge mit ziemlich gleicher Ausdehnung nach Länge und Breite genügt nicht, ist indessen immerhin von praktischem Wert, besonders in bezug auf die unten zu besprechende Bildungsweise der G. Hierzu kommen die isolierten Berge von bedeutender Höhe, wie z. B. der Ätna (3313 m), oder Gebirgslandschaften, die aus einer Mehrzahl isolierter Berge ohne eigentlichen Gebirgsverband bestehen (sogen. Kuppengebirge), wie der Cantal in Zentralfrankreich, die Vulkane der Auvergne (Tafel, Fig. 3), der Vogelsberg u. a. Hierher gehören auch die Calderenbildungen (Insel Palma), Ringgebirge, freilich kleinster Dimensionen, wenn man den Maßstab der auf dem Monde befindlichen gleichartigen Bildungen anlegt. Eine große Mannigfaltigkeit zeigen die Kettengebirge, zu denen die ausgedehntesten und mächtigsten G. der Erde gehören, so die Pyrenäen, Alpen, Apenninen, Karpathen, der Kaukasus, Hindukusch, Himalaja und die Züge, welche die Westküste Amerikas vom Nördlichen Eismeer bis zum Kap Horn begleiten. Sie bestehen bald aus einer einzigen Kette (wie die Apenninen und die Pyrenäen), bald aus zwei oder drei nach gleicher Richtung (Alpen), oft auch aus zwei nebeneinander verlaufenden Parallelketten (Jura, Alleghanies). Sind die Rücken der Kettengebirge scharf, so nennt man sie Gebirgskämme; an den Seiten breiten sich dieselben aber auch plateauartig aus (skandinavische G. in ihrer Ausbreitung nach O., ebenso Schwarzwald); treten solche Plateaubildungen am Vereinigungspunkt mehrerer Kämme auf, so spricht man von Gebirgsknoten (Anden). Meist liegt die höchste Kammhöhe nicht in der Mitte des Gebirges, sondern verläuft zuweilen näher derjenigen Seite, nach welcher hin der Gebirgskamm seinen Steilabfall besitzt, so in den Alpen und im Himalaja nach S., in den Gebirgen Skandinaviens nach W., im Erzgebirge nach S. Ein gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen dem Auftreten des Steilrandes und der Streichrichtung der G. ist nicht nachweisbar.

Die äußere Begrenzung und Form der G. deckt sich häufig mit der geologischen Beschaffenheit (Tektonik der G.). So ist der Gebirgszug, der, in Südfrankreich an der Mündung der Rhone beginnend, als Jura Frankreich und die Schweiz trennt, bei Schaffhausen über den Rhein setzt, unter dem Namen der Alb Württemberg durchzieht und sich bis nach Nordbayern als Fränkische Schweiz fortsetzt, ebensowohl auf der topographischen wie auf der geologischen Karte leicht erkennbar, weil er sich fast ganz ausschließlich aus Gesteinen der Juraformation zusammensetzt. Bestehen G. nur aus kristallinischen Schiefern und ältesten[408] Massengesteinen, wieder Böhmerwald, oder ausschließlich aus sedimentären Gesteinen eines bestimmten Systems, wie der Jura und das Wesergebirge, die Dolomiten und der Karst, so muß sich die am Gestein haftende Besonderheit der auf Erosion zurückführbaren Bergform auch auf das G. übertragen (Tafel, Fig. 1, 5 u. 6, sowie Tafel »Bergformen« nebst Text, wo noch mehrere derartige Beispiele erwähnt sind). Komplizierter, deswegen aber oft nicht weniger gesetzmäßig gestalten sich die Verhältnisse, wenn mehrere Gesteinsarten und Formationen sich an der Zusammensetzung des Gebirges beteiligen. Da zeigen manche G. eine sehr vollkommene Symmetrie des Aufbaues, so daß sich einem zentralen Teil, meist aus dem relativ ältesten Gestein gebildet, nach beiden Seiten Flügel ansetzen, die aus desto jüngerm Gesteinsmaterial bestehen, je weiter man sich von dem zentralen Teil entfernt. Andern Gebirgen mangelt dieser symmetrische Bau, indem die Ablagerungen in ihrer regelmäßigen Reihenfolge nur auf der einen Seite vorhanden sind, auf der andern aber ganz oder z. T. fehlen, nicht selten infolge großartiger Dislokationen. Beispiele solcher einseitigen G. sind die Apenninen, Karpathen, die Alleghanies in Nordamerika etc.

Die G. haben nicht von Anfang an bestanden, sondern sind erst in geologischen Perioden gebildet, die derjenigen, in der die zusammensetzenden Gesteine entstanden, zeitlich gefolgt sind. Dies ergibt sich schon aus der einzigen Tatsache, daß offenbar am Meeresgrund abgesetzte Gesteine heute gelegentlich Berggipfel bilden. So kommen die während der Tertiärperiode im Meer abgesetzten Nummulitengesteine am Montperdu bis zu 3000 m, im Himalaja bis 5000 m Meereshöhe vor. Die ältere Schule der Geologen erklärte die Entstehung der G. kurzerhand als durch Hebung veranlaßt und fand speziell in den im Zentrum zahlreicher Kettengebirge (so auch in den Alpen) vorkommenden kristallinischen Gesteinen, von ihr als eruptiv gedeutet, die Ursache einer solchen Hebung des anlagernden Materials, gleichzeitig mit der und ursachlich durch die Eruption dieses zentralen Materials. Am meisten entwickelt hat diese Erhebungstheorie Elie de Beaumont, der die sämtlichen G. der Erde in bestimmte Hebungssysteme verschiedenen Alters einordnete und in der örtlichen Verteilung dieser Systeme eine gesetzmäßige Verteilung nach größten Kreisen der Erdkugel nachweisen zu können glaubte. Gegenwärtig unterscheidet man zwischen Vulkangebirgen, Massengebirgen und Kettengebirgen. Die Vulkangebirge (Aufschüttungsgebirge) sind durch Anhäufung vulkanischen, aus dem Erdinnern stammenden Materials (Lava, Tuffmassen etc.) über dem Eruptionskanal entstanden, sind also der Erdoberfläche parasitisch aufgesetzt, entweder in Form von Kuppen (Kuppengebirge), wie z. B. der Ätna, die Vulkane der Auvergne etc. (Tafel, Fig. 3, und Tafel »Bergformen I«, Fig. 2,3 u. 4), oder wall- und mauerartig (Wallgebirge, Mauergebirge), wie das französische Zentralplateau und der Vogelsberg, die von dem Zentrum allmählich abfallende, lang hingestreckte, mauerähnliche Rücken, mehreren über weite Flächen stromartig ausgebreiteten Lavamassen entsprechend, besitzen. Die Massengebirge (Tafel, Fig. 1) verdanken ihr Hervortreten und ihre Gliederung entweder wesentlich nur der Verwitterung, Erosion und Denudation (Erosionsgebirge, wie z. B. das rheinische Übergangsgebirge etc., vgl. Tafel »Bergformen II«, Fig. 1 u. 2) oder zum mehr oder minder großen Teil auch dem Einbruch des umgebenden Vorlandes und einer etwa damit verbundenen Hebung oder Verschiebung einzelner Gebirgsteile (Bruchgebirge, wie z. B. der Schwarzwald und die Vogesen). Die Kettengebirge (Tafel, Fig. 2) sind dagegen aus gefalteten Gesteinen (Tafel, Fig. 4, und Tafel »Bergformen III«, Fig. 5 u. 8) zusammengesetzte G. (Faltengebirge), deren Verlauf in erster Linie von dem geologischen Bau und besonders von der Anordnung der Falten und Störungslinien abhängt, während die Erosion (s. d., mit Tafel) oder gar unterirdische Auslaugung, die z. B. zur Bildung der Erdfälle (s.d.) und der merkwürdigen Karsterscheinungen (s.d.) führen kann, nur die Modellierung im einzelnen bedingt (Tafel, Fig. 5,6 u. 7). Die symmetrisch gebauten Kettengebirge kann man sich durch Hebung des zentralen Teiles oder auch wohl durch mehr oder weniger gleichmäßiges Absinken der seitlichen Teile entstanden denken; für die einseitig gebauten Kettengebirge muß dagegen eine Entstehung durch horizontale Zusammenschiebung vorher flach ausgebreiteter Gesteine angenommen werden, wie dies namentlich durch Heim, Sueß u. a., zunächst für die Alpen (s.d.), wahrscheinlich gemacht worden ist (s. auch Dislokation).

Glättet man in Gedanken die Falten eines Kettengebirges aus, so muß man das Plus der Erdkruste erhalten, dessen Zusammenschiebung die Bildung des Gebirges veranlaßte. Für den Jura beträgt diese Horizontalverrückung etwa 5000–5300 m, für die Alpen annähernd 120,000 m. Da der heutige Erdumfang 40,023,512 m beträgt, so müßte er vor der Bildung der Alpen 40,143,512 m betragen haben, d. h. er hätte sich um das 0,0061ache oder um nicht ganz 1/3 Proz. verkleinert. Die Aufwerfung einzelner Teile der Erdkruste zu gebirgsbildenden Falten würde das Einsinken der Erdkruste, die Bildung von Meeresbecken an andern Stellen bedingen. Am einfachsten aber würde die Verringerung des Erdvolumens durch die Annahme einer fortschreitenden Abkühlung des Erdkerns erklärt, da das eruptiv austretende Material nicht entfernt hinreichen würde, das Erdinnere und hiermit den Erdumfang um eine so bedeutende Größe zu verringern, als nach dem Faltenverlauf für die Bildung des einzigen Alpengebirges notwendig ist.

Unsre Textfigur 1 gibt eine schematische Darstellung der Ansichten Heims. Zwischen der Horizontallinie und der Kontur des Gebirges spielt sich das direkt Beobachtbare ab, während die Falten in ihrem unzugänglichen Teil nach unten, in ihrem abgewitterten Teil nach oben durch punktierte Linien angedeutet sind. Der zentrale Teil A zeigt das Zustandekommen der für die alpinen Massive charakteristischen Fächerstellung der Schichten, B ein System überstürzter Falten, C die Beteiligung jüngerer Schichten, deren Fortsetzung außerhalb des Bildes fällt, während ihre zur Darstellung gekommene Partie eine durch die Erosion vollkommen isolierte Masse bildet.

Fig. 1. Schematische Darstellung der Gebirgsbildung. (Nach Heim).
Fig. 1. Schematische Darstellung der Gebirgsbildung. (Nach Heim).

Denkt man sich das [409] Band der im Bilde fixierten Schichten zuerst eben ausgebreitet, das älteste Material zu unterst, das jüngste zu oberst und alle Schichten im ungetrennten Zusammenhang, läßt man dann dieses Band durch »Horizontalschub« sich stauen, wobei die Faltungen in immer noch ungetrübtem Zusammenhang (punktierte Linien) anzunehmen sind, und läßt man endlich durch Erosion die Bergkonturen entstehen, die das Bild wiedergibt, so hat man die drei Akte, in die nach Heim der Mechanismus der Gebirgsbildung zerfällt.

Um die oft höchst komplizierten Faltenbildungen zu erklären, nimmt Heim an, daß unter dem Einfluß eines so gewaltigen Druckes, wie erz. B. bei der Entstehung der Alpen gewirkt haben muß, selbst die sprödesten Gesteine in einen »latent-plastischen« Zustand versetzt werden und eine mechanische Umformung ohne Bruch, bei weniger starkem Druck eine mechanische Umformung mit Bruch erfahren. Gegen diese Annahme sind verschiedene begründete Einwände geltend gemacht worden (s. Metamorphismus); doch bleibt Heims Theorie der Gebirgsbildung wenigstens für den Augenblick die beste; insbes. benimmt sie der Gebirgsbildung den Charakter des einmaligen, epochenartig verlaufenden Gewaltaktes, sie stellt sie vielmehr als einen sich ununterbrochen über große geologische Perioden verbreitenden Akt dar, an dem auch die gegenwärtige geologische Periode beteiligt ist, wie dies die Natur gewisser Erdbeben (der tektonischen) wahrscheinlich macht (vgl. Erdbeben und Bodenschwankungen).

So entspricht der Verlauf der mächtigsten an die Alpen anknüpfenden Kettengebirge im allgemeinen dem Verbreitungsgebiet der stärksten bekannten Erdbeben (vgl. die Karte der »Verbreitung der Erd- und Seebeben« bei Art. »Erdbeben«) und der Verteilung der Vulkane auf der Erde. An die Alpen (s.d.) schließen sich im O., ebenfalls durch eine tangentiale, von S. nach N. gerichtete Bewegung entstanden, die Karpathen und weiterhin der Balkan, dann die G. der Krim, der Kaukasus, Kleinasien, das iranische Hochland, der Hindukusch, ferner der Himalaja, die birmanischen Ketten und die ebenfalls nach Art der Kettengebirge gebauten Sunda-Inseln, Sumatra, Java etc. (vgl. Asien, S. 855f.). Alsdann findet eine Umbiegung nach NO. statt, und die weitere Fortsetzung erscheint in den vulkanreichen Festoninseln, die von Borneo bis Kamtschatka die Ostküste Asiens begleiten, weiter in der Inselreihe der Alëuten und, indem wiederum eine Rückbiegung nach SO. und S. eintritt, in dem Kaskadengebirge, der Sierra Nevada, den Rocky Mountains etc. und schließlich in den Anden Südamerikas. Die an die Alpen anschließenden G. verlaufen also im O., N. und W. des pazifischen Ozeans längs der an vulkanischen und seismischen Erscheinungen reichen Küste. Auch südlich und westlich von den Alpen sind Kettengebirge vorhanden. Die Apenninen, die bei Genua sich den Alpen nähern, sind im allgemeinen gegen NO. gefaltet; sie biegen in Süditalien allmählich nach W. um, setzen sich dann in Sizilien und weiterhin in Nordafrika fort, wo im Atlasgebiet eine gleichsinnige, nach außen (hier südwärts) gerichtete Faltung beobachtet wird. Nach abermaliger Unterbrechung durch das Meer an der Straße von Gibraltar tritt der Zug wieder nach Europa über und bildet den Südrand der Pyrenäischen Halbinsel (Sierra Nevada) mit fast östlichem Streichen.

Fig. 2. Karte der hauptsächlichsten Streichungslinien des Alpensystems und der angrenzenden Gebiete.
Fig. 2. Karte der hauptsächlichsten Streichungslinien des Alpensystems und der angrenzenden Gebiete.

Die Streichungsrichtungen der südeuropäischen Ketten, wie sie Textfig. 2 zeigt, lassen eine wirbelförmige Anordnung erkennen. Innerhalb der Bogen, die im W. die Apenninen und der Atlas, im O. die Karpathen und die Transsylvanischen Alpen bilden, liegen zwei große Senkungsgebiete, das westliche Mittelmeerbecken und die ungarische Tiefebene; beide greifen mehr oder weniger tief in den großen Faltungsbogen ein und sind am Innenrand mit Vulkanen besetzt, die den Bruchrand bezeichnen. Der Außenrand der Apenninen verläuft in gleicher Weise wie bei den Alpen in einer ununterbrochenen Kurve; zwei Senkungsfelder stehen ihm gegenüber, die lombardische Tiefebene und das Adriatische Meer. Das nördliche Vorland der Alpen ist mannigfaltiger gestaltet: es zerfällt in drei voneinander verschiedene Teile. Im O. liegt vor den Karpathen die russische Tafel, eine seit den ältesten Zeiten kaum aus ihrer Lage gebrachte ebene Platte, die sich vom südlichen Schweden her durch Rußland bis nach Galizien erstreckt und nur am Südrand von den karpathischen Faltungen überwältigt ward. Westlich davon ruhen die Karpathen auf dem südöstlichen Teil der ostwärts geneigten Sudeten. Daran schließen sich das böhmische Hochplateau, die alten Granitmassen des Schwarzwaldes und dei Vogesen und das französische Zentralplateau, gegen[410] die sich die Alpen stauen. Dazwischen liegt das große schwäbisch-fränkische Senkungsfeld, das im W. vom Schwarzwald und Odenwald begrenzt ist, im N. bis zum Thüringer- und Frankenwald reicht und im O. an das Fichtelgebirge und den Bayrischen Wald grenzt. Die Senkung vollzog sich stufenförmig von den Rändern gegen die Donau, und hier treten im Ries bei Nördlingen und im Hegau kesselförmige Einsenkungen auf, die von vulkanischen Eruptionen begleitet waren. So offenbaren sich Alpen und Apenninen als die vordern Kanten von höher liegenden Schuppen des Erdkörpers, die über tiefer liegendes Vorland hinübertreten (Textfig. 3).

Erloschenes G. heißt ein früheres G., dessen Höhenunterschiede durch Abrasion und Erosion völlig ausgeglichen sind, dessen einstige Existenz nur aus dem geologischen Bau der Unterlage erkannt werden kann.

Fig. 3. Der Hauptstamm der Alpen. (Nach E. Sueß.)
Fig. 3. Der Hauptstamm der Alpen. (Nach E. Sueß.)

Das Klima der G. unterscheidet sich von dem der Ebene (s.d.) um so mehr, je höher und je massenhafter die G. sind. Der Luftdruck nimmt mit der Höhe in der Weise ab, daß für je 10–11 m Erhebung das Barometer um nahezu 1 mm fällt. Mit zunehmender Höhe nimmt auch die Dichte und damit die Sauerstoffmenge der Luft ab, so daß die vertikale Verbreitung der menschlichen Wohnungen nur bis zu einer gewissen Grenze (etwa 5000 m) hinanreicht; wird diese überschritten, so sind ernstliche Störungen des menschlichen Organismus unausbleiblich (Bergkrankheit). Wegen der Verdünnung und des geringern Wasserdampfgehalts der Luft mit zunehmender Höhe nimmt auch die Absorption der Sonnenstrahlung durch die Luft ab, daher die mächtigere Wirkung der Sonnenstrahlung in den höhern Lagen der G., der manche klimatische Kurorte (z. B. Davos) einen Teil ihrer heilkräftigen Wirkung verdanken. Während in der Niederung im Sommer etwa 25–30 Proz. der Sonnenstrahlen bei heiterer Witterung absorbiert werden, gehen auf dem Montblanc-Gipfel (Seehöhe 4810 m, Luftdruck etwa 430 mm) nur 6 Proz. durch Absorption verloren. Der größern Intensität der Sonnenstrahlung entspricht auch eine gesteigerte Bodenwärme, der allerdings auch eine größere Ausstrahlung während der Nacht entgegensteht. Bei allem diesen spielt die Exposition (insbes. Abdachung nach S. oder N.) eine hervorragende, leicht erklärliche Rolle. In allen Gegenden der Erde nimmt die Temperatur der Luft mit der Erhebung ab und zwar zwischen 0° und 60°Br. im Jahr um 0,57° für je 100 m; indessen zeigen sich örtlich und zeitlich sehr erhebliche Verschiedenheiten. So ist die Wärmeabnahme (auf der Nordhemisphäre) im allgemeinen rascher auf der Südseite als auf der Nordseite der G., rascher bei frei aufsteigenden Bergen als bei langsam anschwellenden plateauartigen Erhebungen, rascher im Sommer als im Winter. In den einzelnen Jahreszeiten nimmt die Temperatur für je 100 m Erhebung in den deutschen Mittelgebirgen durchschnittlich ab um

Tabelle

Also erfolgt in unsern Gegenden die Wärmeabnahme im Sommer anderthalbmal rascher als im Winter. Diese vertikale Temperaturverteilung ist sehr häufig gestört, bisweilen sogar umgekehrt (Temperaturumkehr, s. Lufttemperatur), insbes. zur Winterzeit, wenn über dem G. der Luftdruck sehr hoch ist.

Der absolute Wasserdampfgehalt der Luft nimmt mit der Höhe rasch ab, während die relative Feuchtigkeit sich nur wenig ändert. Dabei sind die Feuchtigkeitsverhältnisse im G. viel größern Schwankungen unterworfen als in der Niederung; Extreme sind sehr häufig, so daß oft völlige Sättigung mit fast vollständiger Trockenheit der Luft rasch wechselt. Wegen der Verdünnung der Luft ist diese im G. durchsichtiger als in der Niederung, und anderseits ist die Verdunstung sehr bedeutend. Die Bewölkung im G. ist je nach der örtlichen Lage sehr verschieden; in unsern Gegenden ist in großer Höhe im Winter die Bewölkung am geringsten, dagegen im Frühjahr und Sommer am größten, also ganz entgegengesetzt den Verhältnissen in der Ebene. Auf die Niederschläge[411] haben die G. einen außerordentlichen Einfluß, der in den aufsteigenden Luftströmen begründet ist. Im allgemeinen wächst die Regenmenge mit der Höhe bis zu einer gewissen Grenze, die in unsern Gegenden im Winter auf etwa 1000, im Sommer auf nahezu 2000 m hinausgeht. Auch bei Annäherung an die G. nimmt auf der Luvseite die Regenmenge zu. Bei den meisten europäischen Gebirgen ist die West- und Südseite die Regenseite, dagegen die Nord- und Ostseite die Trockenseite. Selbst in der Sahara fällt in gebirgigen Gegenden viel mehr Regen, als man früher anzunehmen geneigt war; auch der sonst fast regenlose Passat wird zum Regenwind, wenn er auf G. stößt. Den Gebirgen eigentümliche Winde sind der Föhn, Mistral, die Berg- und Talwinde (s. die Sonderartikel). Eine wichtige Rolle spielen in unsern Breiten noch die G., die sich der Richtung von O. nach W. nähern, indem die Südabhänge gegen kalte Nordwinde geschützt sind, während die Feuchtigkeit von der Nordseite abgehalten wird; auch nach N. streichende G. können solche klimatische Schranken bilden, so das skandinavische G. Vgl. Sonklar, Allgemeine Orographie (Wien 1873); Sueß, Entstehung der Alpen (das. 1875) und Das Antlitz der Erde (Leipz. 1883–88, 2 Bde; Bd. 1 in 2. Aufl. 1892); Heim, Mechanismus der Gebirgsbildung (Basel 1878, 2 Bde., mit Atlas); Stapff, Mechanik der Schichtenfaltung (Stuttg. 1880); Pfaff, Mechanismus der Gebirgsbildung (Heidelb. 1880); Neumayr, Ketten- und Massengebirge (in der »Zeitschrift des Deutschen u. Österr. Alpenvereins«, 1888); Penck, Morphologie der Erdoberfläche (Stuttg. 1894); Schwarz, Die Erschließung der G. von den ältesten Zeiten bis auf Saussure (Leipz. 1888); R. v. Lendenfeld, Die Hochgebirge der Erde (Freib. 1899).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig 1907, S. 407-412.
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