Wald [1]

[322] Wald, eine mit gesellig wachsenden Bäumen bestandene Fläche (s. Waldpflanzen). Der W. gehört zu den ursprünglichen Vegetationsformen, die aller menschlichen Kultur vorangehen. In dieser Form nennen wir ihn Urwald. In ihm gelangt der Kampf der Baumindividuen um Luft und Licht sowie um den erforderlichen Wurzelraum, d. h. um ihr Dasein, zur vollen, ungehemmten Geltung. Ohne Regel und in buntestem Wechsel baut sich hier Altersklasse über Altersklasse, stellt sich Holzart neben Holzart, und es ringen solche Stämme sich durch, welche die kraftvollste Entwickelung haben. Überall über den emporstrebenden Jungwüchsen steht breitkronig und reich entwickelt der alte Mutterstamm, dessen Same jene erzeugt hat. Zusammenbrechend oder vom Sturm geworfen, weicht endlich der Oberbaum, und in die Lücke wachsen die jüngern. Überall im Naturwald stehen alle Waldformen, Holzarten, Altersstufen übereinander (Oberholz und Unterholz), während im Kulturwald (Forst, Wirtschaftswald) Waldformen und Altersklassen in der Regel (bei der Schlagwirtschaft) in gleichartigen Massen (horizontal) nebeneinander geordnet erscheinen. Der W. erscheint auf den niedrigsten Kulturstufen überall als ein Kulturhindernis. Seine Zerstörung, um ackerbares und Weideland zu gewinnen, ist Vorbedingung fester Niederlassungen, des Ackerbaues, sozialer und wirtschaftlicher Gestaltungen. Diese durch die Hand des Menschen bewirkten Veränderungen der Vegetation der Erdoberfläche gehen dann in der Geschichte aller Völker neben den sozialen und politischen sowie den allgemein-wirtschaftlichen Entwickelungen einher und sind von tief eingreifender Bedeutung für die Geschicke der Völker. Denn nur bis zu einer gewissen Grenze ist die Waldzerstörung vernünftig und wirtschaftlich; über diese Grenze hinaus wird sie unvernünftig und gemeinschädlich. Die Bewaldung eines Landes hat nicht nur privatwirtschaftliche Bedeutung, indem wir im W. Bau-, Nutz- und Brennholz gewinnen sowie nutzbare Rinden, Früchte, Futter- und Streustoffe finden, sondern es ist die Kulturfähigkeit der Länder im ganzen von einer angemessenen Bewaldung abhängig. Unverständige Entwaldung der Berge führt Abschwemmungen des fruchtbaren Erdreiches von den Höhen und Gehängen durch Regengüsse, Abrutschungen, welche die Talgelände mit Gerölle, Kies und Sand überdecken, stark wechselnden Wasserabfluß von den Höhen herbei, so daß heftige Überflutungen der Täler mit gänzlicher Trockenheit wechseln. In den Flachländern ist dauernde Bedeckung des Bodens mit wurzelstarken Baumgewächsen imstande, den Flugsand zu festigen und das Überwehen ackerbarer Grundstücke mit Sand zu hindern. An den Meeresufern bindet der W. die Dünen und schützt die Küstenstriche einigermaßen gegen die kulturschädlichen Wirkungen jener heftigen Luftströmungen, die dem Litorale eigen sind. Vgl. Waldklima. In ethischer Beziehung bedingen Waldungen in hohem Grade die landschaftliche Schönheit einer Gegend und stehen in einer tiefen und ernsten Beziehung zu dem geistigen und gemütlichen Leben des Volkes. Die Tabelle zeigt den gegenwärtigen Waldbestand in Europa:

Tabelle

Im ganzen sind in Europa etwa 33 Proz. der Bodenfläche mit W. bedeckt. Die Bewaldungsziffer auf den Kopf der Bevölkerung beträgt etwa 0,8 Hektar. Die oben angegebenen mittlern Bewaldungsziffern geben jedoch nur ein unvollkommenes Bild des Waldbestandes der einzelnen Länder, weil innerhalb der letztern sehr große Schwankungen der Bewaldung hervortreten.[322] Nordfrankreich z. B. ist ziemlich stark bewaldet, während größere Teile von Südfrankreich ganz waldleer sind. In Deutschland schwankt das Bewaldungsverhältnis zwischen 0.2 Proz. (Bremen) und 43,9 Proz. (Schwarzburg-Rudolstadt). Auch in dem waldreichen europäischen Rußland treten große Schwankungen hervor. Die Bewaldungsziffer bewegt sich dort zwischen der Untergrenze von etwa 2 Proz. (im SO. am Kaspischen Meer) und der Obergrenze von mehr als 80 Proz. der Landesfläche (vom 60.–65. Breitengrad). Eine Normalbewaldungsziffer für die einzelnen Länder festzustellen, ist unmöglich. Die Lage eines Landes in einer wärmern oder kältern klimatischen Zone, in der Nähe großer Meere oder im Innern weiter Kontinente, der gesamte Bodenkulturzustand, das Vorhandensein oder Fehlen zahlreicher Baumpflanzungen (Fruchtbäume) außerhalb der Waldungen, der größere oder geringere Reichtum an fossilen Brennstoffen u. a. sind für die Frage der Normalbewaldung maßgebend. Die traurigen Folgen der Entwaldung sind in vielen Ländern bereits hervorgetreten, soz. B. im südlichen Frankreich, in Spanien, Griechenland, im Küstengebiet von Triest, auch in vielen Gegenden von Deutschland (Westerwald, Flachland von Hannover, Schleswig-Holstein, auf der pommerschen Platte, in Westpreußen, am Niederrhein etc.). In vielen europäischen Staaten hat die Gesetzgebung diesen Verhältnissen ihre Aufmerksamkeit zugewendet (s. Schutzwaldungen). Vgl. Roßmäßler, Der W. (3. Aufl., Leipz. 1880) und Literatur bei Artikel »Waldpflanzen«; ferner Ebermayer, Die physikalischen Einwirkungen des Waldes (Aschaffenb. 1873); Geyer, Der W. im nationalen Wirtschaftsleben (Leipz. 1879); »Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reiches«, 2. Ergänzungsheft zu 1903: Die Forsten und Holzungen im Deutschen Reich 1900; Meitzen, 27 Karten zu Band 5–8 von »Der Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des preußischen Staates« (Berl. 1906); Jentsch, Forsten, in Elsters »Wörterbuch der Volkswirtschaft« (2. Aufl. Jena 1906); Jösting, Der W., seine Bedeutung, Verwüstung und Wiederbegründung (2. Aufl., Berl. 1898); Schreiber, Die Einwirkung des Waldes auf Klima und Witterung (Dresd. 1899); Feldtmann, Der W. (Ravensburg 1900), und Literatur über Forstpolitik etc. im Artikel »Forstpolizei«; ferner H. Hausrath, Der deutsche W. (Leipz. 1907); »Der deutsche W. im deutschen Lied« (Berl. 1900); v. Salisch, Forstästhetik (2. Aufl., das. 1902); Grottewitz, Unser W., ein Volksbuch (das. 1907); Semler, Tropische und nordamerikanische Waldwirtschaft (das. 1888), »Statistique forestiere« (Par. 1878); Werekka und Matom, Atlas statistique et forestière de la Russie d'Europe (1878); Arnold, Rußlands W. (deutsch, Berl. 1893; »Les forêts de la Russie«, Par. 1900).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 322-323.
Lizenz:
Faksimiles:
322 | 323
Kategorien:

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon