[182] Schweiz (Schweizerische Eidgenossenschaft, hierzu Karte »Schweiz«), ein aus 22 (resp. 25) Bundesgliedern, den Kantonen (resp. Halbkantonen; vgl. die Übersicht auf S. 185), bestehender Bundesstaat, zwischen 5°57'26'' und 10°29'40'' östl. L. und 45°49'2'' und 47°48'32'' nördl. Br. ziemlich in der Mitte Europas gelegen, wird im O. von Österreich (und Liechtenstein), im Süden von Italien und Frankreich, im W. von Frankreich und im N. von dem Deutschen Reich (Elsaß, Baden, Württemberg, Bayern) begrenzt. Die Umrißform ähnelt dem Oval; die westöstliche Längsachse mißt 348, die nordsüdliche Querachse 221 km, die Grenzlinie 1883,5 km.
[Bodengestaltung.] Vom ganzen Gebiet lassen sich nur einige aufgeschüttete Talböden als Niederungen betrachten: Rhein oberhalb Bodensee und von der Aaremündung nach Basel, untere Rhone, Tessin und Maggia; die absolute Höhendifferenz beträgt 4441 m (Dufourspitze 4638 m, Langensee 197 m), die mittlere Höhe rund 1350 m. Das Hauptgebirge sind die Schweizer Alpen; sie bedecken ungefähr 68 Proz. der Bodenfläche (Näheres über die Schweizer Alpen s. Alpen, S. 362 f., und die betreffenden Einzelartikel, über die Verbreitung der Gletscher s. d.). Ihnen nicht ganz parallel erstreckt sich das Mittelgebirge des Jura (s. d.) durch den westlichen und nördlichen Teil des Landes und zwischen beiden eingelagert die Schweizer Hochebene, die durch eine Zone von Voralpen allmählich zu den Hochalpen hinansteigt. Die Hoch ebene, der angebauteste und bevölkertste Teil der S., liegt in den Talsohlen meist um 400500 m ü. M. (Genfer See 375 m, Neuenburger See 432 m, Vierwaldstätter See 437 m, Zürichsee 409 m, Bodensee 399 m). Die einzelnen Gaue tragen im Volksmund noch immer ihre besondern Namen, als: Gros de Vand, das Mittelstück des Waadtlandes, dessen Weingehänge am Genfer See La Côte (um Nyon-Morges) und La Vaux (um Cully) heißen und zum Plateau des Jorat (deutsch Inrten, 932 m) sich erheben; das Üchtland, d. h. das Flachland Freiburgs; der Neuenburger Uferstrich Vignoble; das Seeland, zwischen Murten-, Neuenburger und Bieler See gelegen und mit dem aussichtsreichen Vully oder Wistenlach (659 m) kulminierend; das Berner Mittelland, aus dem der Gurten (861 m) und der Bantiger (949 m) als isolierte, aussichtsreiche Hügelmassen aufragen; das untere Emmental; der Oberaargau; das Bucheggberger und Kriegstätter Amt; das Solothurner und das Luzerner Gäu; der Unteraargau, das Freiamt, beide durch den Lindenberg (900 m) geschieden; das Knonauer Amt, das zum obstreichen Baarer Boden sich senkt; das Züricher Ober- und Unterland; die Ebene des Rafzerfeldes; das zwischen Winterthur und Schaffhausen gelagerte Weinland, aus dem der Irchel (s. d.) aufragt; die thurgauischen Höhenzüge des Seerückens (s. d.) und des Ottenbergs (671 m); die Alte Landschaft oder das St. Galler Fürstenland, dessen Mitte der Tannenberg (901 m) bezeichnet.
[Geologisches.] Die ältesten in der S. zutage tretenden Gesteine sind kristalline Schiefer. Gneise, Glimmerschiefer, Hornblendeschiefer etc. und Granit, die den Kern der Alpen zusammensetzen und vielfach sehr reich an seltenern und schönen Mineralien sind. (Berühmte Fundorte: St. Gotthard-Gebiet, Scopi am Lukmanier.) Als silurisch werden die Glanzschiefer oder die grauen, bunten und grünen Schiefer (Casanaschiefer vom Casanaß und Oberengadin) gedeutet. Devon ist noch nicht sicher nachgewiesen. Karbon findet sich in den Walliser Alpen (an der Dent de Morcles) und im Tödigebirge (s. Textblatt zur »Geologischen Karte der Alpen« beim Artikel »Alpen«). Das Perm ist besonders in den ostschweizerischen Gebietsteilen vertreten (Verrucano), die Trias, und zwar in der germanischen Facies, in den nördlichen und nordwestlichen Kantonen, so im Baseler Land, im Aargau, in Schaffhausen etc., lediglich als Fortsetzung der süddeutschen Trias. Eine große Entwickelung besitzt die Juraformation; zumal Dogger und Malm sind zu mächtiger Entfaltung gekommen, und zwar besonders im Juragebirge selbst. Auch in den Alpen finden sich jurassische Ablagerungen, jedoch in Zonen stärkster Faltung in kristallinische Schiefer umgewandelt (wie bei Andermatt und Airolo im Gotthardgebiet, im Binnental etc.). Auch die Kreide ist im südwestlichen Teile des Juragebirges und in gewissen alpinen Gebieten (Säntis, Thuner See, Pilatus) sehr mächtig entwickelt. Das Tertiär wird hauptsächlich[183] durch die eocänen Nummulitenbildungen und den Flysch der Alpen sowie durch die jungtertiäre Molasse des Vorlandes vertreten. Ein bedeutendes Areal des schweizerischen Landes nord- und südwärts der Alpen wird von den diluvialen Gebilden eingenommen, den Rückständen ehemaliger großer Gletscher. An lager- und deckenförmig auftretenden Eruptivgesteinen ist die S. arm (Quarzporphyr der Windgälle, Umgebung von Lugano), ebenso an abbauwürdigen Vorkommen nutzbarer Mineralien (Bex im Waadtlande: Steinsalz; Nickelerze des Wallis etc.).
[Klima.] Erhebliche Unterschiede sind bedingt durch die Höhenlage und die Richtung der Gebirge. Der größere Teil des Landes ist nach N. geneigt, also kalten Winden ausgesetzt; entgegengesetzt die Südseite des Gebirges. Daher der große Unterschied beider alpiner Seiten im Klima. Die mittlern Jahresextreme betragen für: Basel 31, -14°, Zürich 30, -14°, Altdorf 30, -11°, Bern 29, -15°, Genf 32, -11°, Lugano 31, -7°, Sils-Maria 22, -22°, Bludenz 31, -16°, St. Bernhard 18, -22°. Die Abnahme der Temperatur mit der Höhe beträgt für je 100 m Erhebung 0,58° (Winter 0,45°, Som ater 0,70°). Der meiste Niederschlag fällt in den Monaten Mai bis August, nur die West und Südschweiz haben Herbstregen. Die Niederschlagsmengen betragen meist über 100 cm; Basel hat 86, Zürich 119, Einsiedeln 162, Säntis 204, Chur 84, Bern 102, Genf 79, Siders 56, St. Bernhard 112, Bernardin 224, Sils 99, Lugano 157 cm. Im Süden regnet oder schneit es durchschnittlich an etwa 120, im N. etwa an 150 Tagen im Jahre. Höhere Alpengegenden besitzen einen beträchtlichen Schneefall. Bei dem Hospiz des St. Bernhard z. B. beträgt er oft in einem Monat weit über 2 m, und um Bevers (Oberengadin) liegt, bei einem Gesamtschneefall von über 3 m, die weiße Decke nicht selten 56 Monate. Nebel sind häufig, besonders in Sumpf- und Wassergegenden, z. B. im Seeland. Ein eigentümlicher Wind ist der Föhn (s. d.). Im ganzen ist das Schweizer Klima der Gesundheit zuträglich, namentlich die Bergluft rein und stärkend. Darum stehen die Alpenkurorte im günstigsten Ruf, während einige milde, vor rauhem Wind geschützte Lagen (Gersau, Montreux, Lugano) zum Herbst- und Winteraufenthalt sich empfehlen. Berühmt als Winterkurorte für Brustkranke sind die hohen Alpentäler von Davos, Arosa, Oberengadin und Urfern. Die meisten Kurorte entfallen auf die Kantone Bern, Graubünden, Waadt, St. Gallen und Appenzell.
[Pflanzenwelt.] In der S. treten die Elemente von drei verschiedenen Floren: der nordasiatisch-europäischen, der mittelmeerländischen und der alpinen, miteinander in Berührung. Die unterste Stufe, die Zone der Weinkultur, steigt auf der Nordseite der Alpen im Mittel bis 550 m, am West- und Südabhang bis zu 700 m auf. In den tiefsten und wärmsten Einsenkungen des Gebietes haben sich Bestandteile der Mittelmeerflora angesiedelt. Im Wallis, dessen Talgehänge sich durch starke Insolation und große Trockenheit auszeichnen, erinnert eine Reihe von Pflanzenarten, wie weißfilzige Artemisien, Federgräser u. a., an Steppenvegetation; in der Umgebung des Genfer Sees macht sich dagegen der Einfluß des großen Seespiegels auf den Feuchtigkeitsgehalt und auch auf die Pflanzenwelt bemerkbar, die hier einen Zwischencharakter von mitteleuropäischer Ebenen- und südlicher Mittelmeerflora annimmt. Ein stärkeres Zusammendrängen südlicher Typen macht sich auch in der Umgebung des Sees von Neuchâtel sowie in den vom Föhn beherrschten Talzügen von Uri nebst Vierwaldstätter See und Glarus geltend. Die klimatische Begünstigung der genannten Gebiete spiegelt sich endlich in ihren Kulturpflanzen, unter denen der Weinstock obenan steht.
An die unterste Talstufe schließt sich überall in der S. die Region des Laubwaldes an, die von der Flora des nordasiatisch-mitteleuropäischen Tieflandes beherrscht wird und in der Nordschweiz etwa bis 1350 m aufsteigt. Hier herrscht die Buche, die im Jura von der Weißtanne abgelöst wird, in allen Tälern an der Nordseite der Alpen vor; nur den zentralen Erhebungen, z. B. von Bünden. am Gotthard, im Wallis u. a., bleibt sie fern. Als Begleiter der Buche treten Hainbuche, Spitzahorn, gruppenartige Eichenbestände, sporadisch auch Esche, Ulme, Feldahorn, Linde und Zitterpappel auf. Die Kiefer bildet einen untergeordneten Nebenbestandteil der Waldregion. Das Hügelplateau zwischen Jura und Alpen trägt in seiner untern Stufe eine ausgesprochene Ebenenflora, deren Armut sich aus den geologischen Verhältnissen dieses erst spät entgletscherten Gebietes erklärt; die obere Stufe beherbergt eine charakteristische Hochmoorflora, deren Elemente im subarktischen Waldgebiet ihren Hauptsitz haben; nur auf den Geschiebemassen des Plateaus haben sich Reste einzelner Alpen pflanzen, z. B. eine Kolonie von Alpenrosen bei Schnei singen im Aargau in 500 m Meereshöhe, erhalten. In der Laubwaldregion der warmen Gehänge des Tessin, des Rhonetals bei Genf, des Wallis, der Seenkette am Nordfuße der Alpen sowie des obern Rheintals zwischen Bodensee und Chur tritt die echte Kastanie auf, die zu 6001000 m aufsteigt und in der Umgebung des Luganer Sees von einer Reihe südeuropäischer Baumarten (Blumenesche, Hopfenbuche, Cerriseiche u. a.) begleitet wird.
Auf den Laubwald folgt in 13501800 m Höhe die Stufe des Nadelholzwaldes, dessen Bestände als Regulatoren des Wasserzuflusses und der Niederschläge sowie als Schutzwehr gegen Lawinenfälle hier besondere Bedeutung haben. Vorherrschend sind Rottannen, nesterweise treten Weißtannen auf. In der Zentralschweiz geht die dort vorherrschende Lärche im Mittel bis 1900 m; reine Bestände bildet sie vorzugsweise im obern Wallis, sonst werden sie von der Rottanne oder von der Arve (Zirbelkiefer) durchsetzt. Letztere ist besonders für das Engadin und das obere Rhonetal charakteristisch und steigt bis 240mal empor. Einen untergeordnetern Bestandteil des Nadelholzwaldes bildet die Bergföhre, die baumartig oder zwergig als Hochmoorbewohner auftritt; schließlich begleitet auch eine Reihe von Sträuchern und krautigen Gewächsen vorzugsweise mitteleuropäisch-asiatischen Ursprungs den Nadelholzwald. Innerhalb des letztern erreicht der Getreide- und Gemüsebau seine obere Grenze, die auf der Nordseite der Alpen für Roggen und Sommergerste im Mittel bei 1230 m, für die Kartoffel bei 1560 m liegt. Sehr viel höher steigt der Feldbau im rätischen Hochland, dessen Täler weniger tief in die Gebirgsmasse eingesenkt sind als die andrer Alpenketten. Ähnliches gilt für die Monte Rosa-Gruppe, in der Roggenfelder noch in einer Höhe von 2075 m liegen.
Über der Grenze des Getreidebaues und des Nadelholzgürtels entfaltet die Pflanzenwelt der Alpenregion ihren charakteristischen Blütenschmuck. Das Klima dieser Höhenstufe ist relativ mild und durchaus nicht mit dem des hocharktischen Nordens zu vergleichen,[184] daz. B. auf dem St. Bernhard die Mitteltemperatur fünf Monate hindurch sich über Null hält, während dies im arktischen Gebiet meist nur drei Monate hindurch der Fall ist; auch ist der Einfluß der Sonnenstrahlen (Insolation) in den Alpen bedeutend stärker als im hohen Norden, dessen Boden im Sommer nur bis zu geringerer Tiefe auftaut. Die hochalpine Pflanzenwelt überragt daher sowohl durch Masse der Individuen als an Artenzahl die arktische; auch durch Zierlichkeit und Farbenpracht der Blüten sind viele Geschlechter von Alpenpflanzen ihren nordischen Verwandten überlegen. Unter den alpinen Sträuchern sind zwei Alpenrosenarten die bekanntesten, die den Höhengürtel zwischen 1600 und 2200 m bewohnen. Außerdem bedecken Grünerlen, Zwergbüsche von Legföhren (zwischen 1500 und 2000 m), noch höher hinauf Zwergwacholder die Gebirgslehnen; auch eine Schar alpiner Weidenarten tritt niedrig-strauchartig oder in ganz niedergestreckten, kriechenden Formen auf. Erst bleibender Schnee und Gletscher (in den nördlichen Alpen durchschnittlich bei 2700 m, in den südlichen Zentralalpen bis 3000 m) setzen der Pflanzenwelt eine dauernde Schranke; aber selbst zwischen dem Schnee kommen auf nackten Fels- oder Geröllflächen eine Reihe von zierlichen Nivalpflanzen vor (s. Alpenpflanzen, mit Tafel). Vgl. die S. 190 angegebenen botanischen Werke.
[Tierwelt.] Die S. gehört zoogeographisch zu der germanischen Provinz des paläarktischen Faunengebietes und bietet besonderes Interesse durch die vertikale Verbreitung der Tiere (s. Höhenfauna und Alpen, S. 367). Von den Säugetieren geht am höchsten hinauf ein Nager (Arvicola nivalis). Von den etwa 60 Säugetieren der S. sind einige Fledermäuse als südliche Formen interessant. Unter den 9 Insektenfressern findet sich auch die als Talpa coeca beschriebene südliche Form des Maulwurfs; von den Spitzmäusen ist die Alpenspitzmaus (Sorex alpinus) ein Charaktertier der S. Die Nager sind durch 20 Arten vertreten. Eine typische Alpenform und in der S. überall verbreitet ist das Murmeltier; ebenfalls ein ausgesprochenes Höhentier ist die Schneemaus, die zwischen 1300 und 3500 m lebt. In allen höhern Regionen der Alpen, von etwa 1300 m aufwärts, lebt der Schneehase. Von den 13 Raubtieren ist die Wildkatze nicht häufig, aber ziemlich verbreitet; der Luchs selten, der Wolf so gut wie ausgerottet, sehr häufig dagegen der Fuchs. In wenigen Paaren hält sich der Bär noch, besonders im Tessin. Häufig sind Dachs, Baummarder, Steinmarder, Hermelin, Wiesel; das Vorkommen des Nörzes ist zweifelhaft, während der Fischotter sehr häufig ist. Das Wildschwein ist sehr selten geworden. Der Steinbock ist seit langem völlig ausgerottet; die Gemse findet sich noch überall in den Schweizer Alpen oberhalb 1600 m; nur im Jura fehlt sie. Hirsch und Reh haben ebenfalls merklich abgenommen (Weiteres s. unten: S. 186, Abschnitt Jagd). Eine bedeutende Rolle spielen die 32 Tagraubvögel; der Lämmergeier scheint völlig ausgerottet zu sein; als Alpenvögel charakteristisch sind die Alpenbraunelle und die Alpendohle. Von Eidechsen finden sich die bekannten Arten, von denen am höchsten, bis 3000 m, die Bergeidechse hinauf geht. Die Schlangen sind durch sechs unschädliche A:ten vertreten (Äskulapschlange, Ringelnatter, Vipernnatter, Würfelnatter, glatte und gelbgrüne Natter) und durch zwei giftige Arten (Kreuzotter, Aspisschlange), die sich zum Teil ausschließen. Letztere geht nicht über 1600 m, während die Kreuzotter bis zu 2700 m steigt. Von den geschwänzten Lurchen kommt außer den gewöhnlichen Formen als echte Gebirgsform der schwarze Erdmolch bis 3000 m vor. Von Fischen enthält die S. 51 Arten, ohne Bastarde und eingeführte fremde Fische. Das Rheingebiet besitzt 42 Arten, und von diesen finden sich die meisten Arten unter dem Rheinfall; bei 600900 m hören die meisten karpfenartigen Fische auf, bei 10001100 m verschwinden Barsch, Lachs, Aal, Trüsche; es finden sich hier nur noch Äsche, Bartgrundel, Groppe, Pfelle, Forelle; in der angeführten Reihenfolge verschwinden sie bei zunehmender Höhe bis zu 2500 m. Wenn die Forelle in größerer Höhe gefunden wird, ist sie eingeführt. Das Rhonegebiet der S. enthält 20 Arten, charakteristisch ist das Fehlen des Lachses. Das Pogebiet (Tessin) enthält 23 Arten; von den Fischen nördlich der Alpen fehlen 12 Gattungen, wofür 8 eigentümliche Arten vorhanden sind. Neben dem Lachs fehlen auch Koregonen- und Felchenarten, von denen jedoch neuerdings einige mit Erfolg eingesetzt wurden. Das Donaugebiet (Inn) besitzt in der S. nur: Groppe, Pfelle, Äsche und Forelle; eingeführt wurden: das breite Rotauge, die Schleie, der Hecht, die Trüsche. Eingeführt wurden in der S. überhaupt: Schwarzbarsch, Regenbogenforelle, kalifornischer Lachs, Bachrötel, eine weitere Salvelinus-Art und eine Coregonus-Art, sämtlich von Nordamerika; von Schottland und Irland je eine Salmo-Art; von Deutschland der Zander, der Huchen und die große Maräne. Die Molluskenfauna der S. ist sehr eigenartig, sowohl in ihr, mehr noch bei den Insekten finden sich in den südlichen Verbreitungsgebieten nördliche Formen beigemischt, und umgekehrt. Die Wasserbecken des Hochgebirges zeigen eine mehr an Individuen als an Arten reiche Fauna, teils an der Oberfläche, teils in der Tiefe der Gewässer lebend und auch unter der Eisdecke zu finden. Diese Fauna setzt sich aus Resten von der Eiszeit her, aus spätern Einwanderern und Kosmopoliten zusammen, die sich auch in tiefern Regionen finden. Auch in so hochgelegenen Seen wie dem Arosa-, Lüner-, Todtalp-, St. Bernhard- und Lej Sgrischus-See, von denen die beiden letztern 211230 und 240300 Tage von Eis bedeckt und völlig abgeschlossen sind, leben Protozoen, Rädertiere, Faden- und Strudelwürmer, verschiedene Krebsformen, Milben, Insektenlarven, Mollusken und Fische (vgl. Zschokke, Die Tierwelt der S. in ihren Beziehungen zur Eiszeit, Basel 1901).
[Gewässer.] Der St. Gotthard bildet die große Wasserscheide für Rhein-, Rhone- und Pogebiet. Das Pogebiet ist durch den Tessin und zwei Zuflüsse der Adda (Poschiavino und Maira) repräsentiert, das Donausystem nur durch den Inn, die Etsch durch den Rambach aus dem bündnerischen Münstertal. Das Rheingebiet umfaßt die nördliche Abdachung; der Rhone gehört die westliche, dem Po die südliche und der Donau die östliche Abdachung des Landes an.
[185] Von den vielen hundert Seen umfassen diejenigen von mehr als 10 Hektar Fläche (1905) 1382,67 qkm; die größten sind:
Die S. nimmt eine Fläche von 41,324 qkm ein und zählte am 1. Dez. 1900: 3,325,023 Einw. (ortsanwesende Bevölkerung, 1. Dez. 1888: 2,933,334 Einw.), die sich nach der folgenden Tabelle über die einzelnen Kantone verteilt.
Es gab 1904 bei 3,425,383 Einw. 25,502 Eheschließungen, d. h. 7,4 auf 1000 Einw., 1243 Ehescheidungen, 94,867 Lebendgeborne, d. h. 27,5 auf 1000 der Bevölkerung, und 60,857 Sterbefälle (exkl. Totgeburten), d. h. 17,8 auf 1000 der Gesamtbevölkerung. Über die Entstehung und ethnische Zusammensetzung der schweizerischen Bevölkerung s. S. 190 f.
Der Natur des Landes entsprechend, sind die Siedelungen durchschnittlich relativ klein. Fast 70 Proz. der Bevölkerung bewohnen Dörfer und Städtchen unter 5000 Einw., nur 22 Proz. verteilen sich auf Kolonien von über 10,000 Einw., nämlich die Kantonshauptorte Zürich, Genf, Basel, Bern, Luzern, Freiburg, Solothurn, Schaffhausen, Herisau, St. Gallen, Neuchâtel, Lausanne, Chur; ferner La Chaux de-Fonds, Le Locle, Vevey, Biel, Winterthur. Es lebten 1900: 53 Proz. der Bevölkerung unter 500 m ü. M., 42 Proz. von 500999 m und 5 Proz. über 1000 m. Höchste Siedelungen: Chandolin (1936 m) im Eifischtal (Wallis), Cresta (1949 m) und Juf (2133 m), beide im Avers (Graubünden). Es betrug die Zahl der Ausländer 1900: 383,424, wovon Reichsdeutsche 168,451, Italiener 117,059, Franzosen 58,522 und Österreicher 23,433. Schweizer im Ausland waren über 305,000, davon (1900) in den Vereinigten Staaten 115,959, Frankreich 74,735, Deutschland 55,494, Argentinien 17,700, Italien, Großbritannien je ca. 9000 u. s. s. Die überseeische Auswanderung erreichte im Zeitraum 18711900 ihr Maximum 1883 mit 13,502, das Minimum 18751877 mit etwa 2000.
Zurzeit bestehen zwei Hauptsprachgebiete, das germanische mit (1900) 2,312,947 Deutsch Sprechenden, das romanische mit 990,752 Einw. Von letztern wohnen 730,917 Französisch Redende im Westen der S. (Grenze vom Nordrand der Delsberger Mulde über Biel-Murten-Pays d'Enhaut-Sierre im Wallis), dann 221,184 im Kanton Tessin, inkl. die Bündnerschen Täler Misox und Puschlav, endlich die Rätoromanen (Ladiner) im Engadin, Bündner Oberland und gemischt südlich der Plessur. Vgl. J. Zimmerli, Die deutsch-französische Sprachgrenze in der S. (Basel 189199, 3 Tle.); Zemmrich, Verbreitung und Bewegung der Deutschen in der französischen S. (Stuttg. 1894) und Deutsches und französisches Volkstum (im »Globus«, Bd. 75, Braunschweig 1899) und Deutsche und Romanen in der S. (in »Deutsche Erde«, Gotha 1902).
Was die konfessionellen Verhältnisse anlangt, so machen die Protestanten (1900) 57,8 Proz., die Katholiken 41,6 Proz. der Bevölkerung aus, während auf Juden nur 0,4 Proz. kommen. Der Protestantismus herrscht in den flachern Kantonen des Nordens und Westens, der Katholizismus in den höhern Alpenkantonen. Fast rein protestantisch sind nur noch Appenzell-Außer-Rhoden und Waadt, fast rein katholisch hingegen Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Tessin, Appenzell-Inner-Rhoden, Wallis und Freiburg, während in 10 andern Kantonen die Protestanten, in 4 die Katholiken vorherrschen. Die kirchlichen Angelegenheiten der protestantischen Kantone werden durch gemischte Behörden geleitet (s. die einzelnen Kantone). Das katholische Kirchenwesen steht unter 6 Bischöfen mit den Diözesen: Sion, Lausanne-Genf (Sitz in Freiburg), Basel (Sitz in Solothurn), Chur, St. Gallen und Lugano. Daneben besteht seit 1876 die christkatholische Kirche in 11 Kantonen, mit einem Nationalbischof und über 60,000 Seelen.
[Bildungsanstalten.] Durch die Bundesakte von 1848 erhielt der Bund die Berechtigung, ein Polytechnikum und eine Universität zu gründen, eine Idee, die jedoch nur in ersterer Hinsicht 1855 durch Gründung des eidgenössischen Polytechnikums in Zürich (s. d.) zur Ausführung kam. Die Bundesverfassung von 1874 hat die Bundeskompetenz in Schulsachen erheblich erweitert; namentlich sind die Kantone verpflichtet, für genügenden Primärunterricht zu sorgen, der ausschließlich unter staatlicher Leitung steht, obligatorisch, unentgeltlich und konfessionslos ist. Indem wir auf die Artikel über die Kantone verweisen, sei hier nur erwähnt, daß Staat (Bund und Kantone) und Gemeinden 1903 für das gesamte Unterrichtswesen fast 551/2 Mill. Frank auslegten, d. h. 16,5 Fr. pro Kopf, pro Schüler der niedern und höhern Volksschule bez. 75 und 131 Fr. Die Mittelschulen vorbereitender Art (Gymnasien, Collèges) sondern sich in zwei Klassen: humanistische (Literargymnasien), als Vorstufe der Universität, und realistische[186] (Industrieschulen), als Vorstufe des Polytechnikums, für das der Bund 1903: 1,266275 Fr. ausgab. Die meisten Industrieschulen haben neben der technischen auch eine kaufmännische Abteilung; letzterer wird in neuester Zeit vermehrte Aufmerksamkeit und Bundesunterstützung zugewendet. Für das sehr entwickelte gewerbliche Bildungswesen der Kantone (ca. 550 Anstalten für männliche und weibliche Zöglinge) leistet der Bund jährlich (1903) 1,29 Mill. Fr., für das landwirtschaftliche (1903) 198,469 Fr., für das kommerzielle (Handelsschulen und kaufmännische Vereine) 396,237 Fr. In die Klasse der Berufsschulen gehören (außer dem eidgenössischen Polytechnikum) die 6 kantonalen Universitäten in Zürich, Bern, Basel, Genf, Lausanne und Freiburg und die Akademie in Neuchâtel, 2 Veterinärschulen (Bern und Zürich), einige Priester- und 36 Lehrer- und Lehrerinnenseminare. Außer diesen Anstalten bestehen in mehreren Kantonen Ackerbauschulen, 4 Molkerei-, 3 Weinbau- und Gartenbauschulen, ferner viele Waisenhäuser, Armenschulen, Rettungs-, Blinden- und Taubstummenanstalten etc., namentlich auch viele Privatinstitute. Vgl. Hunziker, Das Schweizer Schulwesen (Zürich 1893); Huber, Jahrbuch des Unterrichtswesens in der S. (das.). Die Zahl der öffentlichen Bibliotheken in der S. beträgt nach der Bibliothekstatistik von Heitz (Bas. 1872) über 2000 mit 2,5 Mill. Bänden. Außerordentlich groß ist die Zahl von Vereinen und Gesellschaften der verschiedensten Art und diejenige der periodischen Presse; für veide muß auf die Angaben unter den Kantonsartikeln und den Artikel »Zeitungen« verwiesen werden.
[Land- und Forstwirtschaft, Bergbau etc.] Das produktive Land nimmt (1904) in der S. nur 30,900,39 qkm oder 74,8 Proz. des Gesamtareals ein, davon entfallen auf Wald 8560,05 qkm oder 27,7 Proz., Rebland 288,31 qkm oder 0,93 Proz., Äcker, Matten und Weiden 22,052,03 qkm oder 71,4 Proz. Durch Bodenbeschaffenheit und Klima beschränkt, erzeugt der Ackerbau nicht einmal in der Hochebene genug Getreide, über den Bedarf nur in den Kantonen Solothurn, Luzern und Schaffhausen, oft auch in Freiburg. Der Wert der Einfuhr an Zerealien, Mehl, Hülsenfrüchten, Gemüsen, Früchten betrug 1904 rund 151 Mill. Fr. Den geschätztesten Wein liefern die westschweizerischen Kantone Wallis, Waadt, Neuenburg, am meisten der Kanton Waadt. Gesamtertrag (1904) 45 Mill. Fr., doch wurde für mehr als 35 Mill. Fr. Wein eingeführt. Der Hauptgegenstand der Viehzucht ist das Rind. 1901 ergab die Zählung 1,340,375 Stück, wovon 739,922 Milchtiere mit einem Jahresertrag von 17,758,128 hl (222 Mill. Fr.) Milch, die teilweise auf Butter, Käse, kondensierte Milch verarbeitet wird. Die Ausfuhr bezifferte sich 1904 auf: Käse 40,9 Mill. Fr., kondensierte Milch 29,2 Mill., frische Milch 1 Mill. Daneben besteht große Viehzucht für Zucht- und Masttiere (westschweizerische Fleck-, ostschweizerische Braunrasse). Mit dieser großen Viehhaltung geht parallel der Rückgang des Ackerbaues in der niederschlagsreichen S. zugunsten der Rasenfläche. Letztere hat von jeher eine gewaltige Stütze im Gebirge oberhalb der Waldregion, in etwa 5000 Alpen, die ein Areal von 7950 qkm einnehmen (Wiesen der tiefern Region etwa 6950 qkm), gegen 300,000 »Kuhrechte« umfassen und einen Wert von 100 Mill. Fr. repräsentieren. Über die Alpwirtschaft vgl. F. G. Stebler, Alp- und Weidewirtschaft (Berl. 1903). Die Viehzählung vom 19. April 1901 verzeichnet im übrigen: Pferde 124,896 (1896: 108,529), Maultiere 3077, Schweine 555,261 (1896: 565,781), Schafe 219,438 (1896: 271,432), Ziegen 354,634 (1896: 414,968), Bienenstöcke 242,544(1896: 253,108). In einigen mildern Tälern wird auch etwas Seidenraupenzucht betrieben (Tessin und Graubünden erzeugen in einzelnen Jahren 300,000 kg Kokons). Die Jagd ist nicht mehr von Belang und beschränkt sich in niedern Gegenden auf Hafen, Rehe, Wildschweine, Enten, Schnepfen und Rebhühner. Im Hochgebirge finden sich häufig, wenn auch in Abnahme begriffen, die Gemse, das Murmeltier, das Schnee, Birk-, Stein-, Haselhuhn etc., in den Seitentälern des Engadin vereinzelt der Bär, überall der Fuchs und bisweilen der Steinadler. In die beinahe entvölkerten Seen und Flüsse werden in neuerer Zeit alljährlich junge Fische, besonders Forellen, Felchen, Lachse (Salmen), ausgesetzt, und seit 1876 steht sowohl das Jagdwesen als die Fischerei unter Aussicht des Bundes. Das Waldareal nimmt 20,6 Proz., in Schaffhausen 39,5 Proz., Solothurn 36,9 Proz. der Landesfläche ein, in Glarus 15,4, in Wallis 14,68, in Uri nur 10,21 Proz., überhaupt gerade in manchen Bergkantonen auffallend wenig; ja, es gibt ganze holzlose Täler, die der Unverstand ihres einstigen Waldschmuckes beraubt hat, und deren Bewohner sich jetzt mit schweren Kosten das Brennmaterial verschaffen müssen. Seit 1874 hat der Bund die Oberaufsicht über das seither gründlich geordnete Forstwesen und betragen die mit Unterstützung der Eidgenossenschaft 18721904 ausgeführten Aufforstungen 72,53 qkm.
Der Bergbau ist nicht bedeutend. Große Steinbrüche sind im Betriebe bei Biasca und Gurtnellen (Gotthardbahn), bei St. Tripton (Waadt), Solothurn; Sandsteine finden sich bei Bern, Rorschach; Anthrazit (Wallis), Asphalt (Neuenburg), Bohnerz im Bern er Jura (Delémont, s. d.), kaum 7000 Ton. pro Jahr, Kochsalz in Bex, den Rheinsalinen Rheinfelden, Ryburg, Kaiseraugst, Schweizerhalle mit (1904) 544,724 metr. Ztr. (vgl. »Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz, geotechnische Serie seit 1899: I. Kohlen, II. Moore, III. Tonlager«). Es gibt mehr als 500 Heilquellen, darunter mehrere ersten Ranges, so: die Graubündner Säuerlinge von Tarasp-Schuls, St. Moriz, San Bernardino und Fideris, die Schwefelquellen von Alvaneu und Serneus, Gurnigel, Schinznach und Baden, ferner die Stahlwässer von Fettan und Stachelberg, die erdigen Quellen von Leuk und Weißenburg, das alkalische Wasser des Rosenlauibades, das Bitterwasser von Birmenstorf, die jod- und bromhaltigen Quellen von Wildegg und Saxon, die indifferente Therme von Pfäfers (mit Ragaz). Vgl. Meyer-Ahrens, Die Heilquellen und Kurorte der S. (2. Aufl., Zür. 1867); Lötscher, Schweizerischer Kuralmanach (14. Aufl., das. 1906).
[Industrie.] Entbehrt die S. zwar bedeutender Kohlenlager, so besitzt sie doch in ihren zahlreichen Wasserkräften die Hauptbedingung für ihre hochentwickelte Industrie. (Vgl. Wartmann, Atlas über die Entwickelung von Industrie und Handel der S. in dem Zeitraum von 17701870, Zür. 1873, und Industrie und Handel der S. im 19. Jahrhundert, Bern 1902.) Gegenwärtig ist die Schweizer Industrie hauptsächlich in Baumwolle, Seide, Uhren, Bijouteriewaren und Maschinen bedeutend. Die Baumwollindustrie hat ihren Hauptsitz in der Ostschweiz, vorzüglich in den Kantonen Zürich, Glarus, St. Gallen, Appenzell, Thurgau und Aargau; sie beschäftigte 1901 in ihren verschiedenen Zweigen (Stickerei, Weberei, Zwirnerei, Druckerei, Bleicherei, Appretur und Färberei) in 1099 [187] Fabriken 49,023 männliche und weibliche Arbeiter (1890: 54,158 in 1571 Fabriken). Die Maschinenstickerei, 1840 begründet, verbreitete sich rasch in den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Thurgau (s. St. Gallen). Glarus war der Hauptsitz der ehemals blühenden Färberei und Druckerei. Die Seidenindustrie hat ihre Zentren in Zürich (Stoffe) und Basel (Band); sie beschäftigt (1901) in Weberei, Zwirnerei, Druckerei, Bleicherei etc. in 235 Fabriken 33,506 Arbeiter. Seidenspinnerei und -Zwirnerei sind gegenüber der Weberei zurückgetreten. Die gewaltige Maschinen- und Werkzeugfabrikation unterhielt 1901 in 522 Etablissements mit 17,786 Pferdekräften 32,647 Arbeiter. Die Uhrenmacherei und Bijouterie beschäftigte im gleichen Jahr in 663 Etablissements 24,858 Personen, vornehmlich in den Kantonen Genf, Neuenburg, Waadt und Bern. Es kamen etwa 817 Mill. Stück Uhren, Bestandteile, Musikdosen etc. zur Ausfuhr im Werte von über 130 Mill. Frank. An Bedeutung folgen dann Käserei und Milchsiederei (s. oben), die Verarbeitung von Häuten und Leder mit (1901) 9273 Arbeitern, diejenige von Stroh, Roßhaar, Tabak; Papierfabrikation und graphische Gewerbe beschäftigen 13,781 Personen, die Holzindustrie 14,474, Lebens- und Genußmittel in 638 Etablissements 18,393 Arbeiter; die chemische und physikalische Industrie in 279 Etablissements 7016 Arbeiter. 192 Bierbrauereien erzeugten 1904: 2,114,543 hl Bier. Der Bund hat das Alkoholmonopol, aus dessen Reinertrag 1905 zur Bekämpfung der Wirkungen und Ursachen des Alkoholismus fast 659,403 Fr. verwendet wurden. 1904 bestanden in der S. 20 Zement-, Gips- und Kalkfabriken mit 267 Öfen und 3075 Arbeitern. Nach der Zählung vom 9. Aug. 1905 gab es insgesamt 564,022 Betriebe für Landwirtschaft, Gewerbe, Handel, wovon 26,469 mit Motoren und 515,859 Pferdekräften. Die Anzahl der Dampfkessel betrug 1904 (ohne Schiffe): 4693 und der Elektrizitätswerke 164. Dem schweizerischen Fabrikgesetz waren 1901 unterstellt: 6080 Etablissements mit 150,203 männlichen und 92,331 weiblichen Arbeitern (s. Fabrikgesetzgebung, S. 249).
[Handel und Verkehr.] Die Haupthandelsplätze sind Basel, Genf, Zürich, St. Gallen. Es betrug der Warenverkehr mit dem Ausland im Spezialhandel und ausschließlich gemünzter Edelmetalle 1904: 2,131,550,442 Fr. (Einfuhr: 1,240,071,144 Fr., Ausfuhr: 891,479,298 Fr.), 1905: 2,349,171,728 Fr. (Einfuhr: 1,379,850,723 Fr., Ausfuhr: 969,321,005 Fr.). Der Verkehr in gemünztem Edelmetall (meist mit Frankreich) belief sich 1904 in der Einfuhr auf 83,239,280 Fr. (1905: 78,470,977 Fr.), in der Ausfuhr auf 43,086,349 Fr. (1905: 38,501,751 Fr.). Näheres für 1904 in der nebenstehenden Tabelle.
Im Besitz eines grosten Transits zwischen Nord- und Südeuropa, bildeten die Alpenstraßen (s. d.), zuerst der von Napoleon I. chaussierte Simplon, seit den 1820er Jahren Splügen, Bernhardin und St. Gotthard und die neuern Bergstraßen in Graubünden, lebhafte Verkehrsadern, und in den flachern Landschaften verzweigte sich ein musterhaftes Straßennetz mehr und mehr bis in die abgelegensten Täler (vgl. Bavier, Die Straßen der S., Zür. 1878; R. Reinhard, Pässe und Straßen in den Schweizer Alpen, Luzern 1903). Die Schweizer Flüsse sind zu Wasserstraßen wenig geeignet; doch fahren Lastkähne in neuerer Zeit von Duisburg nach Basel, und man sucht insbes. die Rheinschiffahrt zu heben.
Im J. 1904 verkehrten auf 14 Seen 111 Dampfer für Personentransport und 3 Trajektschiffe (570 Ton. Tragkraft) sowie 59 andre Lastschiffe. Eine Haupterwerbsquelle der Schweizer Bevölkerung bildet der Fremdenverkehr dessen Umfang bedeutender ist als in irgend einem andern Lande der Erde. Nach einer 1905 angestellten Erhebung bestanden in der S. 1924 speziell hierfür eingerichtete Gasthöfe mit 124,068 Fremdenbetten, von denen durchschnittlich 29 Proz. täglich besetzt waren; Kapitalwert 777,5 Mill. Fr., Einnahmen 188,7 Mill., Ausgaben 131,4 Mill. Fr., mithin Bruttoüberschuß 7,87 Proz. des Kapitalwerkes. Der Eisenbahnbau begann 1847 durch Private und Kantone. Von außerordentlicher Bedeutung wurde die weltberühmte Gotthardbahn (s. Sankt Gotthard), und technisch interessant sind die vielen Bergbahnen (s. d.). Seit 1901 sind die meisten Bahnlinien verstaatlicht, d. h. von der Eidgenossenschaft betriebene Bundesbahnen,[188] Es betrug 1903 die bauliche Länge aller Haupt- und Nebenbahnen der S. 4002,9 km, die Betriebslänge 4081, wovon bez. 783 und 513,7 km zweigleisig. Sie beförderten 1903: 1,363,309,208 Personen und 860,820,670 Ton. Güter. Dazu kamen 29 Drahtseilbahnen und 31 Straßenbahnen (für Pferde, Lokomotiven, Elektromotoren), beide zusammen mit 368,04 km. Das Telegraphenwesen wurde durch das Bundesgesetz vom 23. Dez. 1851 als Staatsregal begründet. Durch Beschluß der Telegraphenunion von 1868 wurde 1869 das Internationale Telegraphenbureau in Bern eröffnet. 1904 hatten die Staatstelegraphen der S. 6169,8 km (einfache) Linienlänge und 22,570,7 km Drähte. Die Zahl der Bureaus betrug 2106, die der beförderten Depeschen 4,417,741, worunter 1,737,270 internationale und 760,509 Transittelegramme. Das Fernsprechwesen zeigte Ende 1904: 15,791,5 km Linienlänge und 264,697,2 km Länge der Drähte. Das vortreffliche Postwesen wurde 1848 durch die Bundesverfassung zur Bundessache erklärt. 1905 umfaßte der Postverkehr (abgesehen von 16,8 Mill. portofreien Sendungen): 213 Mill. Briefe und Postkarten, 59,5 Mill. Drucksachen und Warenproben, 145,9 Mill. Zeitungen, ferner Geldanweisungen im Betrag von 876,9 Mill. Fr., Nachnahmesendungen im Werte von 82 Mill. Fr., 28 Mill. Fahrpoststücke und 1,62 Mill. Postreisende.
Maß und Münze. Seit 1852 sind in der S. das metrische Maß- und Gewichtssystem und der französische Münzfuß mit dem Franken = 100 Rappen eingeführt. Seit 1865 gilt der Lateinische Münzvertrag (s. d.), und nachdem bis Ende 1902 die S. in Gold 87, Silberkurant 105/8, Silberscheidemünzen 28 Mill. Frank. geprägt hatte, nutzt sie das am 15. Nov. 1902 bewilligte Recht auf weitere 12 Mill. Scheidemünze aus. Die Noten der Zettelbanken brauchen nur letztere in Zahlung zu nehmen. Vgl. Jenner, Die Münzen der S. (2. Ausg., Bern 1902).
Bankinstitute und Sparkassen. Im J. 1903 bestanden 36 schweizerische Emissionsbanken (meist kantonale) mit einem gewinnberechtigten Kapital von 197,575 Mill. Fr. und einer Jahresausgabe von 221,811 Noten; 1906 wurde die langersehnte Nationalbank (Bundesbank) geschaffen, mit dem Sitz in Bern und Zürich und Filialen. Es bestehen (1897) 564 Sparkassen (373 im engern Sinne, 34 Fabrik- und 157 Schulsparkassen) mit 1,311,946 Ein lagen und einem Gesamtguthaben von über 984,8 Mill. Fr. 1903 bestanden in der S. 33 konzessionierte Lebensversicherungsgesellschaften, darunter 6 schweizerische, 8 deutsche, 11 französische, 5 englische und 3 amerikanische; gegen Unfall 6 schweizerische, 6 deutsche, 3 französische und eine italienische Gesellschaft; Transportversicherungsgesellschaften 15, wovon 6 schweizerische, 8 deutsche und eine englische, gegen Feuer 4 schweizerische und 14 ausländische Gesellschaften; überdies bestehen 17 kantonale Brandversicherungsanstalten für Immobilien und 2 (Waadt und Glarus) für Mobilien. Man zählt ferner eine schweizerische und 6 deutsche Gesellschaften für Glasversicherung, 3 schweizerische und eine deutsche Gesellschaft für Rückversicherung, eine schweizerische, 3 deutsche und eine französische für Viehversicherung und die 1880 gegründete, durch Bundesbeiträge unterstützte Hagelversicherungsgesellschaft in Zürich. Die Vorlage einer schweizerischen Kranken- und Unfallversicherung (sozialer Versicherung) unterlag 1900 in der Volksabstimmung, wird aber neuerdings in Angriff genommen.
Das Armenwesen ist in den meisten Kantonen Sache der Bürgergemeinden. Die Art und Zahl der Wohltätigkeitsanstalten ist überaus groß. Die freiwillige Armenpflege geht von einer Menge verschiedener Vereine aus; es gibt allgemeine Armenvereine, Vereine für Krankenunterstützung, für Kleinkinderschulen, für Arbeitsschulen, für Armenerziehung, für Berufserlernung, für Blinde, Taubstumme, Schwachsinnige, genesende Gemütskranke, Frauenarbeitsvereine, Almosen- und Antibettelvereine, Taufpaten-, Wöchnerinnen- und Schutzaufsichtsvereine. Ende 1904 beherbergten 36 Erziehungs- oder Rettungsanstalten 1455 Zöglinge, 7 Blindenanstalten deren 117,15 Taubstummenanstalten 698, und in 22 Anstalten wurden 941 Schwachsinnige gepflegt. Der hochentwickelte Wohltätigkeitssinn schuf ferner Spitäler für Augenkranke und Kinderasyle, in neuester Zeit Ferienkolonien, Sanatorien für Lungenleidende, Hilfsgesellschaften für Milch-, Suppen-, Brot-, Kleidern. a. Spenden.
[Staatliche Verhältnisse.] Die Republik S. ist ein demokratischer Bundesstaat, der in der neuen Verfassung (1874) die Souveränität der 22 Einzelstaaten in maßvoller Weise beschränkt durch Monopolisierung von Zoll-, Post-, Maß- und Münzwesen, Zentralisation des Militärwesens und Vereinheitlichung des Rechtes (Obligationenrecht in Kraft, die Redaktion des Strafrechts bald vollendet, die des Zivilgesetzes für 1912 in Aussicht genommen). Für die Einrichtung der Bundesglieder sei auf die einzelnen Kantonsartikel verwiesen. Die neue Bundesakte gewährt freie Niederlassung, Glaubens- und Kultfreiheit, Zivilehe, Preßfreiheit, das Vereins- und Petitionsrecht. Die geistliche Gerichtsbarkeit ist aufgehoben, und niemand darf seinem zuständigen Richter entzogen werden. Der Primärunterricht ist obligatorisch, konfessionslos und unentgeltlich. Die Verfassung versagt dem Jesuitenorden den Aufenthalt und verbietet die Errichtung neuer, die Wiederherstellung aufgehobener religiöser Orden etc. Eine Annäherung zur reinen Demokratie bringen zwei Institutionen: das fakultative Referendum, wonach 30,000 Bürger oder 8 Kantone eine Volksabstimmung über neue Gesetze verlangen können, und das Recht der Initiative, durch das 50,000 Schweizerbürger mit ihrer Namensunterschrift einen von ihnen ausgearbeiteten Gesetzesvorschlag den Räten zur Behandlung und dann dem Volksentscheid unterbreiten können.
Die eidgenössische Legislative besteht aus der zweikammerigen Bundesversammlung: der Nationalrat ist der Vertreter der Nation (je ein Mitglied auf 20,000 Einw.), der Ständerat der Vertreter der eidgenössischen Stände, d. h. der Kantone (je zwei Mitglieder für den ganzen Kanton, ein Mitglied für den Halbkanton, also 44). Beide Kammern beraten in getrennten Versammlungen und entscheiden ohne Instruktion; ein Gesetz wird gültig, wenn es in jeder der beiden Kammern die Mehrheit hat. Die Wahlen der Bundesräte oder der Exekutive etc. nimmt die Bundesversammlung in gemeinsamer Sitzung vor. Der Bundesrat besteht aus sieben Mitgliedern, eins derselben ist Bundespräsident, der alljährlich wechselt. Ebenso wählt die Bundesversammlung das schweizerische Bundesgericht (11 Mitglieder und Ersatzmänner). Sitz desselben ist Lausanne, Bundesstadt Bern.
Finanzen. Die eidgenössische Staatsrechnung für 1905 zeigt an Einnahmen 129,303,264 Fr., an Ausgaben 116,716,180 Fr., mithin einen Einnahmenüberschuß von 12,587,084 Fr. Unter den Einnahmen[189] figurieren als stärkste Posten, abgesehen von 3,935,177 Fr. als Ertrag der Liegenschaften und Kapitalien, das Finanz- und Zolldepartement mit 63,786,020 Fr., Post und Eisenbahnen mit 55,974,077 Fr., Militärwesen mit 4,154,097 Fr. Die größten Ansätze in den Ausgaben fallen auf Post und Eisenbahn mit 51,860,929 Fr., Militär 30,511,498 Fr., Departement des Innern (zahlreiche Subventionen für öffentliche Bauten, dann Primärschulen, Polytechnikum, Statistisches Bureau u. a.) 13,149,171 Fr., Handel, Industrie und Landwirtschaft 5,844,708 Fr. Ende 1905 betrugen die Aktiven 212,876,644 Fr., die Passiven 102,526,673 Fr., mithin das reine Vermögen 110,349,971 Fr. Dazu kommen 32 Spezialfonds im Gesamtbetrag von 68,220,762 Fr. Es gibt nur eine direkte eidgenossische Steuer, die Militärpflichtersatzsteuer; die Hälfte ihres Ertrages (1904 betrug diese Hälfte 2,067,966 Fr.) fällt den Kantonen zu. An Monopolen besitzt die S. zwei, das Pulverregal und das Alkoholmonopol mit besonderer Verwaltung; seine Einnahmen fallen insgesamt den Kantonen zu. Das Wappen der Eidgenossenschaft (s. Tafel »Wappen II«) zeigt ein schwebendes, silbernes, gleicharmiges Kreuz (die Arme um ein Sechstel länger als breit) im roten Feld. Über die Wappen der einzelnen Kantone s. die betreffenden Artikel, mit Abbildungen. Die Flagge s. Tafel »Flaggen I«. Die Bundesfarben sind Weiß und Rot. Das Verleihen und Tragen von Orden (auch ausländischer) ist verfassungsgemäß verboten.
[Heerwesen.] Das Bundesgesetz über die Militärorganisation vom 13. Nov. 1874 und mehrere Nachtragsgesetze (hier berücksichtigt: Entwurf einer neuen Organisation vom 10. März 1906) bestimmen, daß jeder Schweizer wehrpflichtig ist. Der Wehrmann erhält seine erste Ausrüstung, Bekleidung und Bewaffnung unentgeltlich. Die Gestellungspflicht beginnt mit dem Kalenderjahr, in dem das 20. Lebensjahr zurückgelegt wird. Die Wehrpflicht endet mit dem vollendeten 44. (Offiziere 48.) Jahr, die Landsturmpflicht liegt zwischen dem 17. und 48. (Offiziere 52.) Jahr. Jeder nicht persönlich Militärdienst leistende Schweizerbürger hat eine Personaltaxe zu entrichten, die je nach Einkommen und Vermögen 3,753000 Fr. beträgt. Zur Rekrutierung ist die Eidgenossenschaft in acht Divisionskreise eingeteilt. Infanterie, Dragoner, ein Teil der Feld- und Gebirgsartillerie und Positionskompanien werden kantonal, alle übrigen Truppeneinheiten ohne Rücksicht auf Kantonsgrenzen vom Bund assentiert. Laut Bundesverfassung vom 29. Mai 1874 besteht das Bundesheer a) aus den Truppenkörpern der Kantone, b) allen Schweizern, die zwar nicht zu vorgenannten Truppenkörpern gehören, aber wehrpflichtig sind. Die Verfügung über das Bundesheer steht der Eidgenossenschaft zu. In Zeiten der Gefahr hat der Bund das ausschließliche und unmittelbare Verfügungsrecht auch über die nicht in das Bundesheer eingestellte Mannschaft und alle übrigen Streitmittel der Kantone. Die Kantone verfügen über die Wehrkraft ihres Gebietes, soweit sie nicht durch verfassungsmäßige oder gesetzliche Anordnungen des Bundes beschränkt sind. In Fällen von Dringlichkeit ist der Bundesrat befugt, sofern die Räte nicht versammelt sind, die erforderliche Truppenzahl aufzubieten und über solche zu verfügen, unter Vorbehalt unverzüglicher Einberufung der Bundesversammlung, sofern die aufgebotenen Truppen 2000 Mann übersteigen oder das Aufgebot länger als drei Wochen dauert. Zur Kriegszeit ist ein General Armeekommandant, im Frieden untersteht das Bundesheer dem Militärdepartement. Durch Verordnung vom 30. Okt. 1891 ist unter Vorsitz des Militärdepartementchefs eine Landesverteidigungskommission aufgestellt, bestehend in 4 Armeekorpskommandanten, Waffenchef der Infanterie, Chef des Generalstabsbureaus, Kommandant der Gotthardbefestigung. Von den Dienstpflichtigen bilden Rekrutenjahrgang und folgende 12 Jahrgänge (20. bis 32. Altersjahr) den Auszug, die nächsten 7 die Landwehr. Die Ausgehobenen machen eine einmalige Rekrutenausbildung durch, die je nach Waffe 6090 Tage währt, sodann bis zum Übertritt in die Landwehr Wiederholungskurse. Truppenverbände: Das Armeekorps hat 2 Divisionen Auszug (à 2 Brigaden zu 2 Regimentern mit je 3 Bataillonen), 1 Landwehrinfanteriebrigade, 1 Kavalleriebrigade nebst Maximgewehrkompanie, 3 Feldartillerieregimentern zu je 2 Abteilungen zu 3 Batterien, je 1 Geniehalbbataillon, Kriegsbrückenabteilung, Telegraphenkompanie, 3 Lazarette, 1 Verpflegungsanstalt. Die Dienstsprache des II. und III. Armeekorps ist