Akademie

[217] Akademie (griech. 'Ακαδημία, lat. academĭa), Anstalt zur Beförderung wissenschaftlicher oder künstlerischer Studien. Ursprünglich führte den Namen A. die Schule Platons, die ihn von dem Garten des Akademos, einem mit Anlagen versehenen, an der nördlichen Seite der Stadt Athen gelegenen Platz, empfing, in dem jener seine Vorträge zu halten pflegte. Die erste Gestalt derselben (347–270 v. Chr.), die sich noch hauptsächlich an die Werke des Stifters hielt, wird als ältere (oder erste) A., die darauf folgende, deren Gründer Arkesilaos (316–241) sich dem Skeptizismus näherte, als mittlere (oder zweite) A., die von Karneades (214–129) begründete, die dem Probabilismus huldigte, als neuere (oder dritte) A. bezeichnet (s. Platon). Unter den spätern Platonikern, die wieder zum Dogmatismus zurückkehrten, unterscheidet man noch eine vierte A., deren Haupt Philon von Larissa (um 80 v. Chr.) war, und eine fünfte, begründet durch Antiochos aus Askalon (um 50), der die Platonische mit den peripatetischen und stoischen Lehren verschmolz und dem Eklektizismus und Neuplatonismus den Weg bahnte.

Im neuern, durch Cicero und die spätern Römer vorbereiteten, zur Renaissancezeit in Italien ausgebildeten Sinn ist A. entweder eine höhere Unterrichtsanstalt oder, und zwar noch häufiger, eine Gelehrtengesellschaft. In der ersten Bedeutung ist A. oft soviel wie Universität. Im Unterschied von der Universität versteht man unter A. auch eine Anstalt, die zum Vortrag nicht aller Wissenschaften, sondern nur einer einzelnen oder mehrerer bestimmt oder auch künstlerischen Studien gewidmet ist. Eine solche Lehranstalt war z. B. bis 1902 die A. zu Münster in Westfalen (bis dahin mit zwei Fakultäten), und noch jetzt gehören das Lyceum Hosianum in Braunsberg und die acht königlichen Lyzeen (Akademien für Theologie und Philosophie) in Bayern hierzu; ferner die Kriegsakademien zu Berlin, München, die Militärakademien in Wiener-Neustadt, Wien etc., die Marineakademie in Kiel, Fiume; die Bergakademien zu Freiberg, Klausthal, Leoben, Přibram, Schemnitz etc.; die Forstakademien zu Freiburg, Tharandt, Aschaffenburg, Hohenheim, Münden, Eberswalde etc.; die Akademien für Landwirtschaft zu Hohenheim, Poppelsdorf etc.; die Handelsakademien zu Wien, Graz, Triest etc. (vgl. die betreffenden Artikel: Kriegs-, Marine-, Bergakademie, Forstschulen, Landwirtschaftliche Lehranstalten, Handelsschulen etc.). Hierher gehören ferner die Akademien der bildenden Künste (s. Kunstakademien). Endlich ist noch der Musikakademien zu gedenken (s. Konservatorium), worunter man teils wirkliche höhere Lehranstalten für Musik, wie die Royal Academy ok music (hervorgegangen aus der 1710 gegründeten Academy of ancient music), teils Institute oder Gesellschaften zur Pflege der Tonkunst versteht. Zu letztern gehören unter andern die 1669 gegründete Académie royale de musique (jetzt Große Oper) in Paris, die A. für italienische Opernmusik (1720 gegründet, durch Händel berühmt), die Accademia filarmonica in Bologna u. in Verona, die Singakademie in Berlin, die Musikakademien in Brüssel, Stockholm etc. Ein Mittelding zwischen Schule (Gymnasium) u. Universität bildeten früher die sog. akademischen Gymnasien und die Ritterakademien (s. d.), die jetzt meist zu einfachen Gymnasien umgestaltet oder, wie auch das akademische Gymnasium in Hamburg (1883), ganz eingegangen sind.

Das Vaterland der Akademien im Sinne von Gelehrtenvereinen ist der Sache nach das gräzisierte Ägypten mit Alexandria (wo das Museion tatsächlich eine A. von hoher Bedeutung war), dem Namen und der ganzen Einrichtung nach Italien. Am Hofe Cosimos de' Medici zu Florenz entstand um 1470 eine Platonische A. An der Spitze dieses nicht fest organisierten Vereins stand der berühmte Platoniker Marsilius Ficini, mit dessen Tode sich (1521) die A. auflöste. Vielleicht schon einige Jahre früher hatte sich an dem Hof Alfons' V. zu Neapel um Antonio Beccadelli Panormita ein Kreis von Gelehrten zu einer A. vereinigt, in der namentlich Laurentius Valla und Giov. Pontano (daher Accademia Pontaniana) hervorragten. Diese A. wählte schon auswärtige Mitglieder und Ehrenmitglieder. Der A. von Neapel folgte gegen 1498 die zu Rom als Accademia antiquaria. Ihr Gründer war Jul. Pomponius Lätus, der Humanist und Astrolog, ihr Hauptzweck Erforschung der italienischen Altertümer. Auch sie knüpfte auswärtige Verbindungen an, mußte sich aber, weil einzelne Mitglieder vom Papst Paul II. wegen angeblicher Ketzereien verfolgt wurden, in die Verborgenheit zurückziehen und dauerte als geheime Gesellschaft nur bis 1550. Erst unter Benedikt XIV. lebte sie 1742 wieder auf. Von größter Bedeutung für die Entwickelung der italienischen Sprache und Literatur ward die Accademia della Crusca (eigentlich »Kleien-A.«, weil sie die Sprache reinigen wollte wie das Mehl von der Kleie), die der Dichter Grazzini im Oktober 1582 zu Florenz gründete. Sie wurde Vorbild für die französischen Akademien u. für die deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrh. sowie für die zahlreichen Akademien oder Gesellschaften der Wissenschaften (Sozietäten). Über die italienischen Akademien der spätern Zeit s. unten (S. 219).

Das Institut de France zu Paris.

Unter den allgemeinen Akademien gebührt den unter den Namen Institut de France zusammengefaßten Akademien zu Paris die erste Stelle. Die Anfänge bestanden in einem Privatverein für die Pflege der französischen Sprache, der sich seit 1629 bei Valentin Conrart versammelte. Kardinal Richelieu erweiterte diesen Verein (2. Jan. 1635) zur Académie française, die am 10. Juli 1637 ihre Sitzungen begann und von Anfang an, wie heute noch, 40 Mitglieder zählte. Vier von ihnen erhielten von Colbert 1663 den besondern Auftrag, die Abfassung und Redaktion der Inschriften auf den öffentlichen Denkmälern zu leiten. Diese Kommission, La petite Académie genannt, erhielt 1701 den Namen Académie royale des inscriptions et médailles und ein Reglement, wonach die Zahl ihrer Mitglieder auf 40 festgesetzt und der Kreis ihrer Tätigkeit auf Geschichte, Archäologie und Philologie ausgedehnt wurde. Ein Dekret des Regenten vom 4. Jan. 1716 änderte den bisherigen Namen um in Académie royale des inscriptions et belles-lettres. Die Académie des sciences wurde 1666 durch Colbert den beiden bisherigen[217] Akademien hinzugefügt, 1699 neu gegliedert und 1785 erweitert. Eine königliche A. der Bildhauerei und Malerei (de sculpture et de peinture) war schon 1648 von Mazarin errichtet und 1655 von Ludwig XIV. bestätigt worden. Als königliche Einrichtungen wurden diese Akademien durch das Dekret des Konvents vom 8. Aug. 1793 aufgehoben, aber bereits 25. Okt. 1795 durch das Direktorium als Institut national wiederhergestellt, mit einer Gliederung in drei Klassen, die Napoleon I. 1803 zu vier Klassen erweiterte. Seit 1806 heißt der Gesamtname Institut de France, je nach der Regierungsform des Landes mit dem Zusatz royal, impérial oder national. Die alten Namen Académie française, Académie des inscriptions et belles-lettres, Académie des sciences wurden wieder eingeführt und als vierte Abteilung die Académie des beaux-arts hinzugefügt. Als fünfte A. trat 1832 auf Guizots Veranlassung die Académie des sciences morales et politiques hinzu. Untereinander sind diese Akademien durch eine Anzahl gemeinschaftlicher Einrichtungen verbunden. Jedes ordentliche Mitglied des Instituts bezieht einen Jahrgehalt von 1500, der Sekretär jeder Klasse von 6000 Frank. Jede Klasse versammelt sich getrennt von den übrigen; nur einmal im Jahre, jetzt 25. Okt., kommen in feierlicher Generalversammlung alle Glieder des Instituts zusammen. Die Sitzungen des Instituts finden im Palais de l'Institut statt. Vgl. Auroc, L'Institut de France. Lois, statuts et règlements (Par. 1889); Graf de Franqueville, Le premier siècle del'Institut de France (das. 1895–96, 2 Bde.).

Die erste Klasse, die Académie française, mit ihren ziemlich treu bewahrten ursprünglichen Statuten und 40 Mitgliedern (les quarante immortels), bebaut als ihr ausschließliches Feld französische Sprache und Literatur; ihr Hauptwerk ist das große »Dictionnaire de l'Académie« (zuerst 1694, 7. Aufl. 1878). Durch die zahlreichen jährlich verteilten Preise für verdienstvolle Werke übt die A. auf die Literatur einen bedeutenden Einfluß aus. Überdies steht ihr eine Anzahl von Preisen für edle Taten zur Verfügung. Vgl. Mesnard, Histoire de l'Académie française (Par. 1859); Rouxel, Chroniques des élections à l'Academie française (2. Aufl., das. 1888); »Les Registres de l'Académie de France, 1672–1793« (das. 1896, 3 Bde.). – Die zweite Klasse, die Académie des inscriptions et bell es-lettres, beschäftigt sich mit der Geschichte, Archäologie und klassischen Literatur. Sie hat 40 ordentliche, 10 freie, 8 auswärtige, 50 korrespondierende Mitglieder und verfügt über eine Anzahl z. T. beträchtlicher Preise. Unter ihren Arbeiten stehen die von den Benediktinern überkommene »Histoire littéraire de la France«, der »Recueil des historiens de France« und das »Corpus inscriptionum semiticarum« obenan. Vgl. Desjardins, Comptes rendus des séances, etc. (Par. 1858). – Der dritten Klasse, der Académie des sciences, sind Naturgeschichte, Physik, Chemie und Mathematik zugewiesen. Sie besteht aus 68 ordentlichen, 10 freien, 8 auswärtigen und 100 korrespondierenden Mitgliedern und zerfällt in elf Sektionen von je sechs Mitgliedern (zwei beständige Sekretäre stehen außerhalb der Sektionen). Die A. veröffentlicht: »Comptes rendus hebdomadaires des séances« und »Mémoires«. Vgl. Maindron, L'Académie des sciences (Par. 1887). – Die vierte Klasse ist die Académie des beaux-arts. Sie besteht aus 41 ordentlichen, 10 freien, 10 fremden und 40 korrespondierenden Mitgliedern, die sich in fünf Sektionen gliedern. Sie beschäftigt sich besonders mit einem »Dictionnaire de l'Académie des beaux-arts«, wo von 5 Bände erschienen sind, mit Gutachten und zahlreichen Preisverteilungen. – Die fünfte Klasse, die Académie des sciences morales et politiques, zählt 40 ordentliche, 6 freie, 6 fremde und 48 korrespondierende Mitglieder. Sie hat auch verschiedene Preise zu verteilen.

Die Akademien Deutschlands und Österreichs.

Unter den deutschen Akademien ist zuerst zu nennen die A. der Wissenschaften zu Berlin. Sie wurde unter dem Namen »Sozietät der Wissenschaften« 1700 von Friedrich I. nach Leibniz' großartigem Plane gestiftet, aber erst 1711 eröffnet. Leibniz war ihr erster Präsident. Unter Friedrich Wilhelm I. zurückgedrängt und verkümmert, wurde sie durch Maupertuis unter Friedrich II. ganz nach französischem Muster reorganisiert und erhielt, mehrmals verändert, 24. Jan. 1812 ihre jetzige Verfassung. Nach derselben zerfällt sie in vier Sektionen, die physikalische, mathematische, philosophische und historische, die sich zu zwei Klassen, zu einer mathematisch-physikalischen und einer philosophisch-historischen, zusammenordnen. Jede dieser Klassen hat zwei auf Lebenszeit gewählte Sekretäre, die in den Sitzungen abwechselnd je ein Vierteljahr lang den Vorsitz führen; ihre Besoldung beträgt 1200 Mk. Die Mitglieder sind teils ordentliche (ca. 50, mit je 600 Mk. besoldet), teils auswärtige, Ehrenmitglieder und Korrespondenten. Die A. veröffentlicht (seit 1811 in ununterbrochener Reihe) eine Auswahl ihrer Abhandlungen, anfangs unter dem Titel: »Miscellanea Berolinensia«, später, von 1770 an, als »Mémoires de l'Académie royale des sciences et belles-lettres à Berlin«, dann als »Abhandlungen«, während die »Monatsberichte« kürzere Nachrichten von den Sitzungen geben. Die Verteilung der Jahrespreise geschieht am Geburtstag ihres Gründers Leibniz. Sowohl durch den Ruhm ihrer Mitglieder (Schleiermacher, die Brüder v. Humboldt, die Brüder Grimm, v. Savigny, Böckh, Nitter, Lachmann etc., um der Lebenden nicht zu gedenken) als durch Zahl und Bedeutung der von ihr veranlaßten und geförderten Werke (»Corpus inscriptionum graecarum«, »Corpus inscr. latinarum«. »Monumenta Germaniae historica«, die Werke des Aristoteles, Friedrichs d. Gr., »Commentaria in Aristotelem graeca«, »Kants gesammelte Schriften« etc.) ist die Berliner A. dem Pariser Institut in jeder Weise ebenbürtig. Vgl. Harnack, Geschichte der königlich preußischen A. der Wissenschaften zu Berlin, im Auftrag der A. bearbeitet (Berl. 1900, 3 Bde.; Ausgabe in 1 Bd. 1901). – Sodann verdient unter den deutschen die 1759 gestiftete A. der Wissenschaften zu München eine ehrende Erwähnung. Sie erhielt, nachdem sie anfangs meist auf vaterländische Geschichte beschränkt gewesen, aus welcher Epoche die wertvollen »Monumenta Boica« stammen, 1809 einen allgemeinern wissenschaftlichen Wirkungskreis und wurde 1829 in drei Klassen gegliedert: eine philosophisch-philologische, historische und mathematisch-physikalische. Seit Gründung (1858) einer mit ihr verbundenen »Historischen Kommission« (s. d.) durch Maximilian II. ist die ursprüngliche Richtung auf Geschichte wieder besonders belebt worden. Ihre Abhandlungen erscheinen unter dem Titel: »Abhandlungen der Bayrischen A.«, denen früher sich sehr glücklich »Gelehrte Anzeigen« zur Seite stellten; seit deren Eingehen bringen »Sitzungsberichte« Notizen und auch Abhandlungen. – Die »Königliche Sozietät«, nachher »Gesellschaft der Wissenschaften«, in Göttingen wurde 1742 auf Albrecht[218] v. Hallers Betrieb gegründet und 1770 zweckmäßiger konstituiert. Sie besteht aus drei Klassen, einer mathematischen, physikalischen und historischen. Seit 1752 gab sie heraus: »Commentarii Societatis«, seit 1772 »Novi Commentarii Societatis«, sodann »Abhandlungen«. Außerdem hat sie sich verdient gemacht durch Gründung und Erhaltung der ältesten unter den noch bestehenden literarisch-kritischen Zeitschriften in Deutschland, der »Göttingischen gelehrten Anzeigen«, seit 1741. Andre deutsche Akademien sind: die »Königliche A. gemeinnütziger Wissenschaften« zu Erfurt (1758 gegründet), die »Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften« zu Görlitz (seit 1779) und als die jüngste die »Königlich sächsische Gesellschaft der Wissenschaften« zu Leipzig, 1. Juli 1846 eröffnet, die sich vornehmlich philologische, historische, mathematische und naturwissenschaftliche Untersuchungen zur Aufgabe gestellt hat, auch größere wissenschaftliche Arbeiten aus diesen Gebieten unterstützt. Die Mitglieder (aus dem Königreich Sachsen und den sächsisch-thüringischen Staaten gewählt) sind teils ordentliche, teils außerordentliche und zerfallen in zwei Klassen, eine philologisch-historische und eine mathematisch-physikalische. Ihre »Abhandlungen« sowie »Berichte« über die Sitzungen erscheinen im Druck, und zwar seit 1849 die beider Klassen gesondert. Schon 1768 war in Leipzig von dem Fürsten Joseph Alex. Jablonowski die »Fürstlich Jablonowskische Gesellschaft der Wissenschaften« gestiftet, deren neun Mitglieder jetzt zugleich Mitglieder der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften sind (s. Jablonowski 2).

Unter den Akademien Österreichs ist die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« in Prag, die als Privatgesellschaft 1769 gegründet und 1785 als staatliche Korporation anerkannt wurde, die älteste (ihre Geschichte schrieb Kalousek, Prag 1885). In einem Gegensatze zu dieser jetzt tschechisch nationalen Akademie wurde 1891 in Prag von Privatleuten die »Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur« gegründet, die nicht regelmäßig wissenschaftliche Mitteilungen veröffentlicht, sondern nur wissenschaftliche Unternehmungen und künstlerische Interessen unterstützt. Die »Kaiserliche A. der Wissenschaften« zu Wien, schon von Leibniz in Anregung gebracht, wurde durch Patent vom 30. Mai 1847 gestiftet. Sie zerfällt in zwei Klassen, eine philosophisch-philologische und historische und eine mathematisch-naturwissenschaftliche (ihre Geschichte schrieb Als. Huber, Wien 1897). Außerdem sind zu nennen: die 1825 gegründete ungarische A. zu Budapest, die »Südslawische A. der Wissenschaften« in Agram (1861) und die A. der Wissenschaften zu Krakau (1872).

Akademien des Auslandes.

Das Vaterland der neuern Akademien, Italien, erhielt bald nach der Entstehung der oben erwähnten eine große Anzahl von Akademien. Sie legten sich einen meist Eifer und Begeisterung bezeichnenden Namen bei, z. B. Accesi, Silenti, Ardenti, Infiammati, Gelati etc., beschäftigten sich aber der Mehrzahl nach nur mit der Bearbeitung der Muttersprache und mit poetischen Übungen, oft recht dilettantenhafter Art, und gehören unter die Rubrik der besondern Akademien. Eine allgemeinere Richtung hatte die noch jetzt in Ansehen stehende A. zu Florenz; ebenso die A. zu Mailand, jetzt königliches Institut (Istituto Lombardo di scienze), das (seit 1820) »Memorie« erscheinen läßt, und die »Accademia delle scienze« zu Genua. Außerdem sind noch zu nennen die A. der Wissenschaften zu Turin, 1757 als Privatverein gegründet, 1783 zur »Königlichen A.« erhoben, die Accademia dei Lincei in Rom, begründet 1603, von Bedeutung seit 1609, später mehrmals erloschen und wieder ins Leben gerufen, erst 1870 seit der Vereinigung Roms mit Italien neu belebt. Sie erhielt 1883 von der italienischen Regierung die offizielle Anerkennung als »A. der Wissenschaften« und siedelte in den Palazzo Corsini über, dessen bisheriger Besitzer ihr bedeutende Sammlungen zuwandte. Ferner die »Königliche A. der Wissenschaften« in Neapel, gegründet 1780; die »Königliche A. der Wissenschaften« in Lucca (seit 1585) und Palermo (seit 1750); das königliche »Istituto Veneto di scienze« in Venedig (seit 1806); die Akademien zu Catania, Messina, Rovigo, Pistoja, Siena u.a.

In Frankreich besteht außer den Akademien des Instituts (s. oben) noch eine Anzahl von Akademien in den Hauptstädten der alten Departements, welche die Einrichtung gelehrter Gesellschaften haben und »Mémoires« veröffentlichen, über die in der »Revue des sociétés savantes« und, seitdem diese eingegangen ist (1882), in den »Bulletins du Comité des travaux historiques et scientifiques« berichtet wird. Hervorzuheben sind die zu Lyon (seit 1700), Caen (1705), Marseille (1726), Montauban (1744), Toulouse (1782), Bordeaux (1783) etc., im ganzen gegen 30. Daneben führen jedoch auch die jetzigen (16) Provinzialbehörden für das öffentliche Schulwesen Frankreichs (in Aix, Besançon, Bordeaux, Caen, Chambéry, Clermont, Dijon, Grenoble, Lille, Lyon, Montpellier, Nancy, Paris, Poitiers, Rennes, Toulouse) den Titel »A.« In Spanien ist die von Philipp V. 1713 gegründete »Real Academia española« zu Madrid, in Portugal die 1779 vom Herzog von Lafões gegründete, 1834 und 1840 reformierte und 1851 neugegliederte »Academia Real das Sciencias« zu erwähnen. In den Niederlanden wurde »Het Koninklijk Nederlandsch Instituut« im August 1808 als staatliche Korporation gegründet von König Ludwig Bonaparte, 6. April 1816 erneuert von König Wilhelm I. von Oranien, 26. Okt. 1851 durch die naturphilosophische Abteilung einer »Koninklijke A. van Wetenschappen« ersetzt, womit 23. Febr. 1856 noch eine literarische Abteilung verbunden wurde. Außerdem gibt es in den Niederlanden noch eine größere Anzahl von Privatgesellschaften. Belgien besitzt eine »Académie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts« in Brüssel, hervorgegangen aus einem daselbst 1769 von dem Grafen Cobenzl, bevollmächtigtem Minister der Kaiserin Maria Theresia in den Niederlanden, gestifteten literarischen Verein. Dieser Verein konstituierte sich 1773 als ständige Gesellschaft mit dem Titel »Académie impériale et royale des sciences et des belles-lettres«. 1794 durch die Revolution aufgelöst, ward sie 1816 vom König Wilhelm I. der Niederlande als »Académie royale etc.« wiederhergestellt; 1832 wurde die Klasse der schönen Künste hinzugefügt. Vgl. »Centième anniversaire de fondation, 1772–1872« (Brüss., 2 Bde.); Mailly, Histoire de l'Académie des sciences, etc., de Bruxelles (das. 1883, 2 Bde.); »Académie royale. Notices biographiques et bibliographiques« (188)).

In Rußland ist die »Kaiserliche A. der Wissenschaften« zu St. Petersburg zu nennen, zu der unter Wolfs und Leibniz' Beirat schon Peter d. Gr. den Plan entworfen hatte, über deren Gründung er jedoch starb, so daß die Eröffnung derselben (1725) erst unter Katharina I. stattfand. Unter Peter II. geriet die A. in Verfall, hob sich unter der Kaiserin [219] Anna, sank dann wieder, bis sie durch Elisabeth von neuem gehoben wurde. Erforschung der asiatischen Sprachen und gründliche Kenntnis des Ostens ist das Hauptverdienst der Petersburger A. Sie besitzt eine bedeutende Sammlung von Manuskripten, eine große Bibliothek, verschiedene Museen (zoologisches, zootomisches, botanisches, mineralogisches und asiatisches) und ein Münzkabinett. Seit 1841 ist die 1783 gegründete »A. für russische Sprache« mit der Kaiserlichen A. der Wissenschaften verbunden. Vgl. Pekarskij, Geschichte der kaiserlichen A. der Wissenschaften in St. Petersburg (russ., Petersb. 1871–1873, 2 Bde.). Auch in Warschau besteht eine Gesellschaft der Wissenschaften und Künste (gegründet 1824). Besondere Verdienste um Sprachwissenschaft erwirbt sich in dem finnischen Helsingfors die »Societas scientiarum Fennica«.

In Schweden gibt es mehrere Akademien, von denen das von Benzelius 1710 in Upsala gestiftete »Collegium Curiosorum« als die älteste angesehen werden kann. Aus dieser bald aufhörenden Gesellschaft entwickelte sich die Upsalenser Gesellschaft der WissenschaftenUpsala Vetenskapssocietet«), deren erste Sitzung 1719 stattfand. Sie besteht noch heute; Schwedens vorzüglichstes naturwissenschaftliches Institut, die A. der WissenschaftenVetenskapsakademien«), wurde 1739 gestiftet, und eine andre bedeutende A., »Vitterhetsakademien«, wurde 1753 für die humanistischen Wissenschaften eingerichtet, deren Namen man 1786 in »Vitterhets-, Historieoch Antiquitetsakademien«, d.h. eine A. für die historischen Wissenschaften, änderte. Schwedens bedeutendste Gesellschaft ist »Svenska Akademien«, gestiftet 1786 von Gustav III., mit gleichen Aufgaben wie die französische A.; die Anzahl der Mitglieder ist nur 18. (Vgl. Ljunggren, Svenska Akademiens historia 1786–1886, Stockh. 1886.) Zu erwähnen ist noch »Vetenskaps-och Vitterhetssamhället« (Gesellschaft der Künste und Wissenschaften) in Gotenburg (königl. Dekret 1778). Norwegen besitzt die »Videnskabs-Selskabet« zu Christiania (1857 gegründet) und die »Kongelige Norske Videnskabers Selskab« zu Drontheim (gestiftet 1760 vom Bischof Gunnerus); Dänemark endlich eine A. der Wissenschaften (Kongelige Danske Videnskabernes Selskab) in Kopenhagen, die 1743 vom König Christian VI. zum königlichen Institut erhoben wurde.

Großbritannien und Irland haben weniger akademisch konstituierte Gesellschaften für die Beförderung allgemeiner Wissenschaft, desto mehr Vereine (societies), die besondere Zweige des menschlichen Wissens pflegen. Die Royal Society in London (begründet 1662), die Royal Society in Edinburg (seit 1783) und die 1782 begründete Royal Academy of science zu Dublin pflegen fast ausschließlich die mathematischen und Naturwissenschaften. Auch in Bukarest besteht seit 1866 eine A. der Wissenschaften.

Zur ältesten A. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gab B. Franklin 1743 durch die Schrift »A proposal for promoting useful knowledge among the British plantations in America« den Anstoß und gründete 1744 die »American philosophical Society«. Nach einiger Zeit ging sie ein, lebte jedoch 1769 unter dem alten Namen in Philadelphia wieder auf und besteht noch heute. Ihr folgten 1780 die »American Academy of arts and sciences« zu Boston, 1818 das »Lyceum of national history«, das seit 1876 »Neu York Academy of sciences« heißt, und ähnliche Anstalten anderwärts. »The National Academy of sciences« zu Washington, 1863 durch den Kongreß inkorporiert, untersucht und erörtert wissenschaftliche Fragen, die ihr von den verschiedenen Regierungsdepartements vorgelegt werden; zu erwähnen ist noch die »Smithsonian Institution«, gegründet 1846 in der Bundeshauptstadt. Unter ihrer Obhut steht seit 1858 das Nationalmuseum in Washington. Sie unterstützt wissenschaftliche Untersuchungen mit Geld und veröffentlicht »Annual Reports« seit 1846 u.a.

In Asien bestehen akademisch konstituierte Gesellschaften für allgemeine Wissenschaften, z. B. in Kalkutta die Royal Asiatic Society (gestiftet 1784); in Batavia die Gesellschaft der Wissenschaften und Künste (errichtet 1778); in Bombay, Kolombo und Schanghai Zweiggesellschaften der Royal Asiatic Society etc. Als eigentliche Akademien können im Orient jedoch nur die innerhalb des türkischen Reiches bestehenden beiden Institute, die kaiserl. »Endschümeni dänisch« in Konstantinopel (seit 1851) und das »Institut Égyptien« Said Paschas in Alexandria (seit 1859), gelten. – In Australien haben sich auch Gesellschaften gebildet, die Royal Societies in Sydney, Melbourne, Hobart u.a.

Ein auf einer Versammlung in Leipzig 1893 begründetes Kartell der Akademien von Wien und München und der Gelehrten Gesellschaften von Göttingen und Leipzig bezweckt ebensowohl, gemeinsam wissenschaftliche Arbeiten auszuführen, wie wissenschaftliche Unternehmungen ins Leben zu rufen. Die kartellierten Körperschaften machen sich regelmäßig Mitteilung über ihre Unternehmungen und senden Delegierte zu Versammlungen, in denen gemeinsame Angelegenheiten beraten werden. Solche Versammlungen sind seit 1893 regelmäßig in einer der betreffenden Städte abgehalten worden. Befaßt hat sich das Kartell bisher unter anderm mit der Herstellung des Thesaurus linguae latinae, der zu erscheinen angefangen hat, und der Ausgabe einer mathematischen Enzyklopädie, mit der Anordnung von Schweremessungen in Ostafrika, wie mit dem internationalen Katalog der Naturwissenschaften. Es hat bisher größere Bedeutung für die mathematisch-physische Klasse als für die philosophisch-historische gehabt. Von diesem Kartell und einigen einzelnen hervorragenden wissenschaftlichen Persönlichkeiten ist auch der Anstoß zur Gründung der Internationalen Vereinigung der Akademien gegeben worden. Auf Einladung der Berliner A. und der Londoner Royal Society fand eine Konferenz von Vertretern der bedeutendsten Akademien der Welt im Oktober 1899 zu Wiesbaden statt. Vertreten waren Berlin, Göttingen, Leipzig, London, München, Paris (A. des sciences), Petersburg, Washington und Wien. Das Ergebnis der Beratungen war der Beschluß, eine internationale Vereinigung der hauptsächlichsten Akademien der Welt zu gründen zu dem Zweck, wissenschaftliche Unternehmungen von allgemeinem Interesse, die von einer oder mehreren der verbundenen Körperschaften empfohlen werden, in Angriff zu nehmen und zu fördern und um den wissenschaftlichen Verkehr der verschiedenen Länder zu erleichtern. Konstituiert wurde formell diese Vereinigung (Association internationale des Académies), die 17 Akademien und gelehrte Gesellschaften umfaßt (außer den oben erwähnten noch die Accademia dei Lincei zu Rom, die zu Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Budapest, Stockholm, die Académie des inscriptions et belles-lettres und die A. des sciences morales et politiques zu Paris), im [220] Juli und August 1900 zu Paris, wo auch im April 1901 ihre erste Generalversammlung stattfand. Von den Beschlüssen, die hier gefaßt wurden, seien nur erwähnt die betreffs der gegenseitigen Verleihung von Handschriften und Archivalien, einer vollständigen Ausgabe der Schriften Leibniz', eines vollständigen Verzeichnisses aller erscheinenden naturwissenschaftlichen Publikationen und einer Realenzyklopädie des Islam.

Akademien für besondere Wissenschaften.

Unter den Akademien für besondere Wissenschaften stehen die für Sprachforschung voran. Die älteste der Sprachkritik gewidmete A. ist die von Aldus Pius Manutius zu Venedig 1495 eröffnete, die über abzudruckende Klassiker und Verbesserung des Textes ihrer Werke beratschlagte. Die wichtigste für italienische Sprache und Sprachforschung ist die bereits (S. 217) erwähnte Accademia della Crusca oder Academia furfuratorum in Florenz. In Madrid stiftete der Herzog von Escalona 1714 eine A. für spanische Sprache, die 1713 mit mehreren Privilegien zu einer königlichen Anstalt erhoben wurde (s. oben). Petersburg erhielt 1783 ebenfalls eine A. für russische und asiatische Sprachen, die jetzt mit der A. der Wissenschaften verbunden ist. Ein ähnliches Institut besteht in Pest seit 1830 für die ungarische Sprache.

Für Altertumskunde sind mehrere Akademien tätig. Für die Erforschung der etrurischen Altertümer wurde zu Cortona in Italien die Accademia etrusca 1727 errichtet, die sehr schätzbare Arbeiten geliefert hat. Reichliches antiquarisches Material stand den italienischen gelehrten Vereinen zur Verfügung. So stiftete für die in Herculaneum und Pompeji aufgefundenen Denkmäler in Neapel der Minister Tanacci 1755 die herculanische A. Gegenwärtig besitzen die meisten bedeutendern Städte Englands und Frankreichs Vereine für Altertumskunde. Über die Akademien und Gesellschaften, die ihre Tätigkeit speziell der Geschichte und der Geographie widmen, s. Historische Vereine und Geographische Gesellschaften.

Auch das Gebiet der Naturwissenschaften bearbeiten mit Erfolg zahlreiche Akademien. Die Royal Society in London, anfänglich ein Privatverein weniger Naturforscher, wurde von Karl II. 1663 als »Königliche privilegierte Gesellschaft« inkorporiert. Weltberühmtheit erlangte sie zuerst unter dem Vorsitz Newtons (1703). Sie gibt die ebenso bekannten wie wichtigen »Philosophical Transactions« heraus. Auch die schon erwähnten Royal Societies in Edinburg und Dublin widmen sich hauptsächlich der Pflege der Naturwissenschaften. Außerdem sind hier aus dem Ausland zu nennen: die »Société de physique et d'histoire naturelle« in Genf; die »Academia operosorum« in Laibach (gegründet 1693, restauriert 1781); die »Accademia delle scienze« in Padua (gestiftet 1520, erneuert 1770); die »Kaiserliche Gesellschaft für Mineralogie« in Petersburg; die »Akademische Gesellschaft naturhistorischer Freunde« in Moskau; die 1603 begründete »Accademia dei Lincei« in Rom (s. oben, S. 219). Weiteres s. Naturwissenschaftliche Vereine. – Für Medizin war die Leopoldinische A. der Naturforscher 1652 von J. L. Bauschius in Wien unter dem Namen »Academia naturae curiosorum« gestiftet, die später zu Ehren der Kaiser Leopold I. und Karl VII. den Namen »Academia Caesarea Leopoldino-Carolina Germanica naturae curiosorum« annahm und seit 1808 ihren Mittelpunkt in Bonn, dann in Jena und Dresden, seit 1878 in Halle hatte. Andre medizinische Akademien befinden sich in Palermo (1645), Genf (1715), Madrid, Lissabon (1780), Petersburg (1799), Paris (1820).

Vgl. Achmet d'Héricourt, Annuaire des sociétés savantes (Par. 1865–66, 2 Bde.); Stöhr, Akademisches Jahrbuch (Leipz. 1876 u. 1877); Müller, Die wissenschaftlichen Vereine u. Gesellschaften Deutschlands im 19. Jahrhundert. Bibliographie ihrer Veröffentlichungen seit ihrer Begründung (Berl. 1884).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 217-221.
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