Historische Vereine

[381] Historische Vereine sind Gesellschaften und Institute, deren Bestrebungen vornehmlich auf die historischen Wissenschaften gerichtet sind. In Deutschland datiert die Entstehung der meisten historischen Vereine aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nachdem die Befreiungskriege das Gefühl deutscher Zusammengehörigkeit und das Interesse für die Geschichte des Vaterlandes aufs neue erweckt hatten. Ein großes Verdienst an ihrer ersten Entwickelung gebührt dem Freiherrn vom Stein. Die Gründung der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde zu Frankfurt a. M. (1819), die jetzt durch die Kaiserliche Zentraldirektion der Monumenta Germaniae historica (s. d.) in Berlin vertreten wird, gab die erste Anregung zur Errichtung ähnlicher Institute, die durch Herausgabe eigner Fachzeitschriften und Unterstützung historischer Untersuchungen die Geschichtsforschung fördern halfen. Die historischen Vereine Deutschlands haben ihren Mittelpunkt in dem »Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine«, dessen Verwaltungsgeschäfte seit 1885 der Vorstand des Vereins für die Geschichte Berlins führt. Der Gesamtverein hält an wechselnden Orten jährliche Versammlungen und gibt seit 1852 als Zentralorgan das »Korrespondenzblatt« (jetzt redigiert von P. Bailleu in Berlin) heraus. Die Vereinigung der einzelnen Vereine zu einem Gesamtverein erfolgte 1852 auf der von dem Verein für rheinische Geschichte und Altertümer zusammenberufenen Generalversammlung deutscher Geschichtsforscher zu Mainz.

[Historische Vereine in Deutschland.] Die Zahl der dem Verbande angehörenden historischen Vereine Deutschlands betrug 1903: 167; außerhalb des Verbandes standen nur wenige größere, aber mehr als 100 kleine h. V. Aus der großen Reihe der deutschen Vereine seien hier die wichtigsten hervorgehoben; dazu gehören in Bauern: die Historischen Vereine für Oberbayern in München (gegründet 1837), für Niederbayern in Landshut (1845), für die Oberpfalz und Regensburg in Regensburg (1830), für Unterfranken und Aschaffenburg in Würzburg (1830),[381] für Mittelfranken in Ansbach (1830), für Oberfranken früher (seit 1820) in Bamberg, jetzt in Bayreuth, für Schwaben und Neuburg in Augsburg (1821), für die Pfalz in Speyer (1827). In Württemberg der Verein für Altertumskunde (1822) und der württembergische Altertumsverein (1843) in Stuttgart sowie der historische Verein für das württembergische Franken (1847) in Hall und andern Orten und der Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben (1841). In Hohenzollern der Verein für Geschichte und Altertumskunde in Sigmaringen (1867). In Baden der Altertumsverein in Baden-Baden (1844), die Gesellschaft zur Beförderung der Geschichts- und Altertumskunde (1826), der kirchlich-historische Verein der Erzdiözese Freiburg (1862) und der Breisgauer Verein Schauinsland (1873), alle in Freiburg, ferner der Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen (1842). Im Bodenseegebiet der Verein für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung (1868) in Lindau, Friedrichshafen und Konstanz. In Elsaß-Lothringen die Gesellschaft für Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler im Elsaß (Société pour la conservation des monuments historiques, 1855) in Straßburg und die Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumskunde in Metz, die 1888 an die Stelle der Société d'archéologie et d'histoire de la Moselle (1858) getreten ist. In den preußischen Rheinlanden der Verein der Altertumsfreunde im Rheinlande (1841) zu Bonn, die Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde (1872) und der Historische Verein für den Niederrhein (1854) in Köln, der Bergische Geschichtsverein (1863) in Elberfeld, der Historische Verein für Stadt und Stift Essen (1880) und die Geschichtsvereine in Aachen (1879) und Düsseldorf (1880), endlich der Historische Verein für Nahe und Hunsrücken in Kreuznach (1856) und der Historische Verein für die Saargegend in Saarbrücken (1839). In Hessen, Nassau etc.: der Historische Verein für das Großherzogtum Hessen in Darmstadt (1834), der Oberhessische Verein für Lokalgeschichte in Gießen (1878), der Verein zur Erforschung rheinischer Geschichte und Altertumskunde in Mainz (1844), der Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung in Wiesbaden (1821), die Gesellschaft für Frankfurts Geschichte und Kunst (1837), der Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel (1834) und der Historische Verein für die Fürstentümer Waldeck und Pyrmont in Korbach (1862). In Westfalen der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens in Münster und Paderborn (1824), der Historische Verein für das Herzogtum Westfalen in Arnsberg (1838), der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg in Bielefeld (1876), der Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark (1872) und der Verein für die Geschichte von Soest und der Börde (1881). In Niedersachsen etc. der Historische Verein für Niedersachsen in Hannover (1835), der Hansische Geschichtsverein in Lübeck (1870), die Abteilung des Künstlervereins für Bremische Geschichte und Altertumskunde (1862), der Verein für Hamburgische Geschichte (1846), der Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde (1841), die Gesellschaft für Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte in Kiel (1833), der Verein für die Geschichte des Herzogtums Lauenburg in Mölln (1883), der Landesverein für Altertumskunde in Oldenburg (1875), der Osnabrückische Verein für Geschichte und Landeskunde (1847), die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer in Emden (1820), der Verein für die Geschichte der Herzogtümer Bremen und Verden in Stade (1857), der Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde in Schwerin (1835). In Obersachsen und Thüringen der Königlich Sächsische Altertumsverein zu Dresden (1824), die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg (1838), der Vogtländische Altertumsforschende Verein zu Hohenleuben (1825), der Hennebergische Altertumsverein zu Meiningen (1832), der Verein für Hennebergische Geschichte und Landeskunde in Schmalkalden (1873), der Verein für Geschichte und Altertümer der Grafschaft Mansfeld in Eisleben (1864), der Harzverein für Geschichte und Altertumskunde in Wernigerode (1868), der Verein für Geschichte und Altertumskunde des Herzogtums Magdeburg (1865), der Thüringisch-Sächsische Verein für Erforschung der vaterländischen Altertümer in Halle (1819), der Verein für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde in Dessau (1875), der Verein für Geschichte, Altertümer und Landeskunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe in Bückeburg. In Brandenburg und Pommern: die Vereine für die Geschichte der Mark Brandenburg (1836), für die Geschichte der Stadt Berlin (1865), die Historische Gesellschaft (1872) und der Verein Herold (1869) in Berlin, der Historische Verein zu Brandenburg (1868), der Altmärkische Verein für vaterländische Geschichte und Industrie (1836) in Salzwedel, die Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde in Stettin und Greifswald (1824), die Gesellschaft Pommerania in Ducherow (1864). In Schlesien und Posen: die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur (1803) und der Verein für Geschichte und Altertum Schlesiens (1846) in Breslau, die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz (1779), die Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. Endlich in Preußen: der Verein für die Geschichte von Ost- und Westpreußen (1872) und die Altertumsgesellschaft Prussia (1844) in Königsberg, der Westpreußische Geschichtsverein zu Danzig (1879), der Historische Verein für Ermeland in Braunsberg (1856) und der Historische Verein für den Regierungsbezirk Marienwerder (1875). Vgl. Walther, Systematisches Repertorium über die Schriften sämtlicher historischen Vereine Deutschlands (Darmst. 1845); Stöhr, Deutsches Vereinshandbuch (Frankf. a. M. 1873); Bossert, Die historischen Vereine vor dem Tribunal der Wissenschaft (Heilbr. 1883); Müller, Die wissenschaftlichen Vereine und Gesellschaften Deutschlands. Bibliographie ihrer Veröffentlichungen (Berl. 1885 ff.); »Deutsche Geschichtsblätter« (hrsg. von Tille, Gotha 1900 ff.).

In Österreich traten die historischen Vereine in den Provinzen z. T. als Museumsvereine ins Leben; die Provinzialvereine für Steiermark, Kärnten und Krain waren bis 1849 unter der gemeinschaftlichen Benennung von »Innerösterreich« vereinigt und standen bis dahin unter Leitung eines Zentralausschusses, dem der Erzherzog Johann präsidierte. Jetzt sind die wichtigsten der Altertumsvereine der Verein für Landeskunde von Niederösterreich und der heraldische Verein Adler in Wien; die Gesellschaft für Salzburger Landeskunde in Salzburg; das Ferdinandeum für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck; der Historische Verein für Steiermark in Graz; der Geschichtsverein für Kärnten in Klagenfurt; der Musealverein für Krain in Laibach; der Verein für Geschichte der Deutschen[382] in Böhmen zu Prag; der Verein für die Geschichte Mährens und Schlesiens in Brünn; die Società del gabinetto di Minerva in Triest und die Società istriana di archeologia e storia patria in Parenzo. Aus Ungarn seien die Ungarische Historische Gesellschaft und die Ungarische Genealogisch-Heraldische Gesellschaft in Budapest, aus Siebenbürgen der Verein für Siebenbürgische Landeskunde in Hermannstadt genannt. Die Schweiz besitzt, wie Deutschland, einen Vereinigungspunkt aller Historiker in der im Herbst jeden Jahres an wechselnden Orten sich versammelnden Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz, mit dem Vorort Zürich. Daneben bestehen fast in allen Kantonen noch besondere h. V. Einen über die Kantonsgrenzen hinausgehenden Bezirk vertreten der Historische Verein der fünf Orte (Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug) und die Société d'histoire de la Suisse Romande in Lausanne, die ihre Arbeiten nicht auf das Waadtland beschränkt.

[Ausland.] In Frankreich begann sich eine größere Verbreitung historischer Vereine ebenfalls erst mit Beginn der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu entwickeln. Von allgemeiner Bedeutung sind die Société de l'histoire de France, die Société nationale des antiquaires de France, die Société de l'histoire du protestantisme français, die Société française d'archéologie, die von Paris aus geleitet werden; eine Verbindung zwischen den historischen Vereinen vermittelt das Comité des travaux historiques et des sociétés savantes. Die Zahl der provinzialen Vereine, die zum Teil (namentlich die ältern) als Akademien bezeichnet werden und vielfach nicht bloß historische Studien betreiben, sondern auch der Statistik, Nationalökonomie, Rechtswissenschaft, Literaturgeschichte, Philosophie und Philologie sich zuwenden, ist sehr groß. Ihr Wirkungskreis beschränkt sich zuweilen auf ein Departement, zahlreich sind aber auch die historischen Vereine, die sich mit der Geschichte einer oder mehrerer der alten 1789 beseitigten Provinzen Frankreichs befassen. So gibt es z. B. Gesellschaften für Südfrankreich in Toulouse, für Savoyen in Chambery, für die Dauphiné in Grenoble, für Lyonnais in Lyon, für Forez in Montbrison, für Périgord in Périgueux, für Gascogne in Auch, für Poitou in Poitiers, für Saintonge und Aunis in Saintes, für Vendée in Fontenay-le-Comte, für Touraine, Orléanais, Limousin in Tours, Orléans, Limoges, für Auvergne in Clermont-Ferrand, für Bourgogne in Dijon, für Lothringen in Nancy, für Bretagne in Nantes, für Normandie in Rouen, für Picardie in Amiens, für das wallonische Flandern in Douai. Dazu kommen zahlreiche Departementalvereine. Ähnlich bestehen in Belgien und den Niederlanden zahlreiche Provinzialvereine zu Antwerpen, Arlon, Brügge, Brüssel, Dendermonde, Gent, Lüttich, Mons, Namur, Tournai, Ypern u. a., sowie in Amsterdam, Arnhem, Leeuwarden, Maastricht, Overyssel und Utrecht u. a.; auch in Luxemburg gibt es eine historische Sektion des Institut grandducal du Luxembourg, eine Société pour la recherche et la conservation des monuments historiques und ein Verein für Luxemburger Geschichte, Literatur und Kunst. Nächst Frankreich zeichnet sich Großbritannien durch die eifrige Privatpflege historischer Bestrebungen aus. In London sind als h. V. besonders hervorzuheben: Society of antiquaries, Royal Historical Society, Archaeological Institute of Great Britain and Ireland, British Archaeological Association, Ethnological Society, Numismatic Society, Arundel Society und Camden Society; in Edinburg die Scotland Society of Antiquaries; in Cambridge die Cambridge Antiquarian Society und die Cambrian Archaeological Association; in Dublin die Irish Archaeological Society; in Oxford die Ashmolean Society; in Shrewsbury die Shropshire and Northwales Antiquarian Society und die Archaeological Society of Sussex u. a. Dänemark ist durch die Société royale des antiquaires du Nord, die Kongelige Danske Selskab for Fädrelandets Historie og Sprog, die Selskab for Danmarks kirke historie zu Kopenhagen und die Jydske historisktopografiske Selskab zu Aalborg; Schweden durch die Svenska Historiska Förening und die Svenska Fornminnes-Förening zu Stockholm; Norwegen durch die Norske Historiske Förening und die Forening til Norske Fortidsmindesmerkers Bevaring zu Christiania vertreten. Rußlands h. V. sind meistens Staatsanstalten und ressortieren als solche vom kaiserlichen Ministerium für Volksaufklärung. Es bestehen in Petersburg die Société impériale archéologique et numismatique; in Moskau die Société impériale moscovite pour l'histoire et les antiquités; in Odessa die Société impériale d'histoire et d'antiquités; in Kiew die Commission archéologique; in Wilna die Société archéologique; in Riga die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen; in Dorpat die Gelehrte Esthnische Gesellschaft. Die Pflege der Geschichtsforschung in Italien liegt großenteils in den Händen der zahlreichen wissenschaftlichen Akademien oder vom Staat ernannten historischen Deputationen, die es in allen Provinzen gibt, und für die durch das Istituto storico Italiano in Rom neuerdings ein Mittelpunkt geschaffen ist. Auch die Società storica Lombarda in Mailand und die Società Ligure, Napoletana, Siciliana di storia patria in Genua, Neapel, Palermo, die bedeutendsten der nicht rein staatlich organisierten Gesellschaften, stehen mit diesem Istituto in Verbindung. Spanien und Portugal finden wir durch die Real Académia de la historia zu Madrid und die Académie d'histoire, d'archéologie et de langue zu Santarem vertreten.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika bestehen gleichfalls fast in jedem Staat Gesellschaften, die ihre Tätigkeit historischen Forschungen widmen. Ihre Bildung fällt vorzugsweise in die Jahre 1820–50. Sie führen fast übereinstimmend die Bezeichnung Historical Society unter Beifügung ihres geographischen Wirkungskreises. Auch in Kanada, in verschiedenen Staaten Südamerikas sowie in Ägypten, Indien, Japan gibt es historische Vereinigungen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 381-383.
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