Luzérn [1]

[888] Luzérn, ein Kanton der Zentralschweiz, grenzt im O. an die Kantone Aargau, Zug und Schwyz, im S. an Unterwalden, im W. an Bern und im N. an Aargau und hat einen Flächeninhalt von 1500,8 qkm (27,3 QM.). L. gehört zum größten Teil der Hochebene an, und zwar mit dem sogen. Gäu, zu dem die voralpine Talschaft des Entlebuch, die von-den Emmentaler Alpen (s. d.) eingerahmt wird, den Gegensatz bildet. Höchster Gipfel des Kantons ist das Brienzer Rothhorn (2351 m) an der Südgrenze, während vom Pilatus nur der Nordwestabhang, vom Rigi der Südwestabhang zu L. gehören. Die Hauptentwässerung erfolgt durch die Reuß (s. d.), die sofort nach ihrem Austritt aus dem Vierwaldstätter See die vom Entlebuch herabkommende Kleine Emme aufnimmt und nach kurzem Lauf auf aargauisches Gebiet übertritt, während Wigger, Suren, Wyna und (Hallwiler) Aa, die Suren unter Bildung des Sempacher, die Aa unter Bildung des Baldegger und Hallwiler Sees, auf längern Strecken den luzernischen Gäutälern angehören und, gleich der Reuß, direkt der Aare zugehen. Das Land ist also Aare-, d.h. Rheingebiet. Das Klima ist nach der Höhe verschieden, im S. rauh, auf der Hochebene milder, am gelindesten am Fuß des Rigi; die Stadt L. hat eine Jahrestemperatur von 8,5°, die Menge der Niederschläge beträgt dort 117 cm, steigt aber im gebirgigen Teil auf 138 cm. Der Kanton zählt (1900) 146,912 Einw. (98 auf 1 qkm), fast ausschließlich deutschen Stammes, da nur 2204 Italienisch, 747 Französisch und 64 romanische Sprachen sprechen, und meist katholischer Konfession (12,085 Protestanten, 315 Israeliten), aber nach Mundart, Temperament und Beruf wesentlich verschieden in dem Ackerbau treibenden Gäu und in dem Viehzucht und Alpenwirtschaft treibenden Hinterlande des Entlebuch. Der Kanton zerfällt in die fünf Bezirke Entlebuch und Sursee, wo sämtliche Einwohner zwischen 500 und 999 m Höhe leben, L., Hochdorf und Willisau, wo bez. 83,60 und 37 Proz. der Bevölkerung unter 500, die übrigen zwischen 555 und 999 m Höhe wohnen. L. besteht aus 107 Gemeinden, bildet 4 Nationalratswahlkreise mit 7 Mandaten und gehört in militärischer Hinsicht zum 4. Divisionskreis. Die produktive Bodenfläche beträgt 1373,6 qkm (91,5 Proz. des Areals), wovon 1064 qkm auf Wiesen, Acker- und Gartenland, 0,17 qkm auf Rebland und 309,3 qkm auf Waldungen entfallen. Der Ackerbau ist der wichtigste Erwerbszweig und wird intensiv und rationell betrieben. Es überwiegt die Hofansiedelung gegenüber der Ansiedelung in Dörfern. Hauptgetreide ist das Korn (Spelz), daneben werden Roggen und Hafer, weniger Weizen und Gerste gebaut. Ausgedehnt ist der Anbau von Klee und andern Futterkräutern sowie am Vierwaldstätter See (Meggen) der Obstbau. Der Weinbau (besonders in Hitzkirch) lieferte 1902: 1052 hl (zu zwei Drittel Weißwein). 1900 zählte man im Kanton 6882 Pferde, 106,603 Rinder (55 Proz. Braunvieh, 45 Proz. Fleckvieh), 56,784 Schweine, 5494 Schafe, 12,831 Ziegen und 22,498 Bienenstöcke. Neben der Milchwirtschaft und bedeutender Käsefabrikation (»Emmentaler«) wird auch Aufzucht von Rindern getrieben. 1902/03 bestanden 10 Fischbrutanstalten; es wurden besonders Eier von Felchen, See- und Flußforellen (zusammen 3,9 Mill.) eingesetzt. Im Bezirk L. und im untern Wiggertal besteht auch eine bedeutende Industrie, die sich auf Baumwollspinnerei und -Weberei (Wiggertal), Seidenfabrikation (Kriens), Eisengießerei und Kettenschmiederei (Emmenweid), Maschinen- (Kriens), Papier- (Perlen), Glas-, Ziegel-, Möbelfabrikation, Bierbrauerei und Sägemüllerei erstreckt. Der Industrie dienen (1904) 322 Wasserkraftanlagen (inkl. Elektrizitätswerke) von zusammen[888] 4534 Pferdestärken; am bedeutendsten ist das Elektrizitätswerk Rathausen (974 Pferdestärken). Der Handel wird durch zahlreiche Eisenbahnen, für welche die Stadt L. einen wichtigen Knotenpunkt bildet, gute Straßen und den Dampferverkehr auf dem Vierwaldstätter See unterstützt; zur Ausfuhr kommen: Getreide, Käse, Vieh, Kirschwasser; die Einfuhr erstreckt sich auf Salz, Öl, Kolonialwaren, Metalle. Die Stadt L. ist Ausgangspunkt des Transitverkehrs nach Italien über die Gotthardroute. Dort wie in den Uferorten am Vierwaldstätter See bildet die Fremdenindustrie einen lohnenden Erwerbszweig. Die Kantonalbank in Luzern ist Staatsinstitut. Das Schulwesen ist gut entwickelt; an die Primärschule mit 6 Jahreskursen schließt sich die obligatorische zweijährige Wiederholungsschule an. Von höhern Schulen bestehen die Kantonschule in der Stadt L., die ein Gymnasium, eine Realschule, eine Handels-, eine Kunstgewerbeschule, ein Priesterseminar u.a. umfaßt, ferner ein Progymnasium in Beromünster, Mittelschulen in Sursee und Willisau und 8 Privatschulen. Ein staatliches Lehrerseminar befindet sich in Hitzkirch, eine Taubstummenanstalt in Hohenrain, auf dem Sonnenberg (bei Luzern) eine von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (1859) gegründete Rettungsanstalt »Katholisch-Bächtelen«, eine landwirtschaftliche Winterschule in Sursee. Der Kanton gehört nebst Solothurn und Zug zum Bistum Basel. Nach der Verfassung vom 28. Febr. 1875, die am 11. Okt. 1882 und 26. Nov. 1892 unwesentlich abgeändert wurde, bildet L. einen demokratischen Freistaat. Die Legislative ist der Große Rat (143 Mitglieder, je 1 auf 1000 Einw.) mit vierjähriger Wahlperiode. Er wählt den aus 7 Mitgliedern bestehenden Regierungsrat von vierjähriger Amtsdauer, darunter seinen Vorsitzenden, den Schultheiß. Das Erziehungswesen liegt in den Händen eines Erziehungsrates von 5 Mitgliedern, die Verwaltung der Bezirke steht je einem Statthalter zu, der vom Großen Rat auf vier Jahre ernannt wird. Die Gemeinden üben die Lokalverwaltung durch einen selbstgewählten Gemeinderat unter Vorsitz eines Ammanns aus. Die Rechtspflege wird von Friedensrichtern, Bezirksgerichten (mit 7–9 Mitgliedern), einem Kriminalgericht von 5 und einem Obergericht von 9 Mitgliedern ausgeübt; die beiden erstgenannten Behörden werden vom Volk, die letztern beiden vom Großen Rat gewählt. Nach der Staatsrechnung von 1904 betrugen die Einnahmen des Kantons 2,872,706 Frank, die Ausgaben 2,870,706 Fr., das reine Vermögen belief sich Ende 1904 auf 6,087,786 Fr. Das Kantonswappen ist ein von Blau und Silber gespaltener Schild. Die alten Fahnen von L. zeigen aber ein von Silber über Blau geteiltes Tuch. Landesfarben sind Weiß und Blau.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 888-889.
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