Wilhelm [1]

[632] Wilhelm (lat. Guillemus, franz. Guillaume, engl. William), männlicher Name, bedeutet: der willenskräftige Beschützer. Die hervorragendsten fürstlichen Träger desselben sind (Übersicht nach den Ländern):

Tabelle

[Deutsche Könige und Kaiser.] 1) W. von Holland, deutscher König, geb. 1227, gest. 1256, Sohn des Grafen Florens IV. von Holland, folgte 1235 dem Vater als Graf und wurde nach dem Tode des Gegenkönigs Heinrich Raspe, als kein andrer deutscher Fürst den Kampf gegen das staufische Haus aufnehmen wollte, 3. Okt. 1247 von der päpstlichen Partei zum König gewählt und 1. Nov. 1248 in Aachen, das er sich nach langer Belagerung erobert hatte, von dem Erzbischof von Köln gekrönt, mußte aber ohne tatsächliche Königsgewalt nach Holland zurückkehren. Erst nachdem Friedrich II. 1250 gestorben und sein Sohn Konrad nach Italien eilte, um dieses für sich zu retten, gewann W. durch Verschleuderung des Reichsguts in Deutschland einigen Anhang und nach Konrads IV. Tod (1254) allgemeinere Anerkennung. W. kämpfte gegen Margarete von Flandern glücklich und zog 1256 aus, um die rebellischen Friesen zu züchtigen, versank aber 28. Jan. auf diesem Feldzuge mit seinem Pferd in einem Sumpf; erst 1282 wurde sein Leichnam aufgefunden und nach Middelburg gebracht. Vermählt war er (seit 1252) mit Elisabeth von Braunschweig. Vgl. Ulrich, Geschichte des römischen Königs W. von Holland (Hannov. 1882); Hintze, Das Königtum Wilhelms von Holland (Leipz. 1885); Hasse, König W. von Holland (nur 1. Teil: 1247, Straßb. 1885).

2) W. I. Friedrich Ludwig, deutscher Kaiser und König von Preußen, der zweite Sohn König Friedrich Wilhelms III. (s. Friedrich 60) und der Königin Luise (s. Luise 3), geb. 22. März 1797 in Berlin, gest. daselbst 9. März 1888, wurde 1. Jan. 1807 Offizier und durch Delbrück und den Hauptmann v. Reiche vortrefflich erzogen. W. zeigte früh einen klaren, praktischen Verstand, große Ordnungsliebe und einen ernsten, zuverlässigen Charakter, während er an geistiger Regsamkeit seinem ältern Bruder, Fritz (Friedrich Wilhelm IV.), nachstand. 1814 Hauptmann geworden, begleitete der Prinz seinen Vater auf dem Feldzug nach Frankreich, erwarb sich bei Bar-sur-Au be 26. Febr. das Eiserne Kreuz, zog 31. März mit in Paris ein, folgte den Monarchen auch beim Besuch in England und führte, 8. Juni 1815 konfirmiert und zum Major befördert, ein Bataillon des 1. Garderegiments von neuem nach Frankreich, wo indes der Krieg schon zu Ende war. Seit 1. Jan. 1816 führte er das Stettiner Gardelandwehrbataillon, erhielt 1818 als Generalmajor eine Gardeinfanteriebrigade, 1. Mai. 1820 die 1. Gardedivision und 1825 als Generalleutnant das Gardekorps. Mit Treue die Pflichten seiner militärischen Stellung erfüllend, half er mit Erfolg in der langen Friedenszeit den militärischen Geist in den Truppen zu erhalten. Auch zu den Staatsangelegenheiten herangezogen und wiederholt an den Petersburger Hof gesandt, vermählte er sich, nachdem er 1826 auf die Heirat mit der Prinzessin Elise Radziwill (s. Radziwill, S. 564), die er innig liebte, verzichtet hatte, weil sie Streit über die Erbfolge in der [633] Dynastie hervorzurufen drohte, 11. Juni 1829 mit der Prinzessin Augusta (s. d.) von Sachsen-Weimar, deren Schwester Maria die Gemahl in seines jüngern Bruders Karl (s. Karl 48) war. Sie gebar ihm 18. Okt. 1831 den Prinzen Friedrich Wilhelm (s. Friedrich 5) und 3. Dez. 1838 die Prinzessin Luise (seit 1856 Großherzogin von Baden). Nach dem Tode seines Vaters 1840 erhielt W. als präsumtiver Nachfolger seines Bruders Friedrich Wilhelm IV. den Titel »Prinz von Preußen«, wurde bald darauf General der Infanterie und verfolgte nun mit lebhaftem Interesse die innere Politik, ohne jedoch auf seinen Bruder wesentlichen Einfluß zu gewinnen. Nur mit schwerer Besorgnis stimmte er 1847 der Berufung des Vereinigten Landtags zu. Im März 1848 war er entschieden für Bewilligung einer konstitutionellen Verfassung, aber ebenso für unbedingte Aufrechthaltung der königlichen Macht. Wegen seiner ausgesprochenen Vorliebe für das Militärwesen erschien er jedoch dem Volke als die Hauptstütze der absolutistischen Tendenzen, war persönlich gefährdet und ging deswegen 22. März nach London, wo er im Verkehr mit dem Prinzen Albert, R. Peel, J. Russell, Palmerston und andern Staatsmännern seine politischen Anschauungen klärte. Anfang Juni kehrte er nach Berlin zurück, wurde in die preußische Nationalversammlung gewählt, nahm aber, nachdem er seine konstitutionellen Grundsätze dargelegt hatte, keinen weitern Anteil an den Verhandlungen. Am 8. Juni 1849 mit dem Oberbefehl über die zur Bewältigung der süddeutschen Revolution bestimmten Truppen betraut, unterwarf er, nachdem er in Mainz einem Attentat glücklich entgangen, in wenigen Wochen die aufständische Pfalz und Baden. Im Oktober Militärgouverneur am Rhein und in Westfalen geworden, nahm er seinen Wohnsitz in Koblenz, ward 1854 Generaloberst der Infanterie mit dem Rang eines Feldmarschalls und zugleich Gouverneur der Festung Mainz. Mit der auswärtigen Politik Preußens seit 1850 war der Prinz nicht einverstanden, hielt sich aber auch von der politischen und kirchlichen Reaktion fern und förderte die Wehrmacht Preußens in der Erkenntnis, daß nur durch militärische Erfolge eine grundsätzliche politische Wandlung herbeigeführt werden könnte. So sehr er mit dieser Anschauung allein stand, so war er doch in der letzten Zeit wenig hervorgetreten, galt als guter preußischer und deutscher Patriot, als kirchlich unbefangen und konstitutionell gesinnt, und die früher ihm ungünstige öffentliche Meinung war so umgeschlagen, daß alle Hoffnungen sich ihm zuwandten, als er während der Krankheit des Königs 23. Okt. 1857 als dessen Stellvertreter und 7. Okt. 1858 als Regent an die Spitze der Regierung trat. Nachdem er 26. Okt. den Eid auf die Verfassung geleistet, berief er 5. Nov. das liberale Ministerium Hohenzollern (»neue Ära«) und legte 8. Nov. in einem Erlaß an dieses seine Regierungsgrundsätze dar: Von einem Bruch mit der Vergangenheit könne nicht die Rede sein, aber alle Scheinheiligkeit und Heuchelei sei zu meiden; in der auswärtigen Politik dürfe Preußen fremden Einflüssen nicht nachgeben, es müsse vielmehr durch eine weise Gesetzgebung, Hebung aller sittlichen Elemente und Ergreifung von Einigungsmomenten in Deutschland moralische Eroberungen zu machen suchen. Diese Äußerungen wurden im Volke mit Beifall aufgenommen, aber zu wenig Beachtung fanden seine Worte, in denen er von der notwendigen Heeresreform und den dazu erforderlichen Geldmitteln sprach, da Preußens Heer mächtig und angesehen sein müsse, wenn Preußen seine Aufgabe erfüllen solle. Die Ereignisse von 1859, als die Mobilmachung auf große Schwierigkeiten stieß und viele Mängel im Heerwesen aufdeckte, erwiesen die Berechtigung dieser Gedanken; aber das Abgeordnetenhaus konnte sich nicht entschließen, die Mehrkosten der durchgreifenden Heeresreorganisation, deren Plan 1860 vorgelegt wurde, zu bewilligen. Voll Ungeduld wollte man erst tatsächliche Beweise einer erfolgreichen deutschen Politik sehen. Am 14. Juli 1861 machte der Student Oskar Becker in Baden-Baden sogar ein Attentat auf W., der nach Friedrich Wilhelms Tode (2. Jan. 1861) wirklich König geworden war, verwundete ihn aber nur leicht. Die Krönung (18. Okt. 1861) zeigte der Öffentlichkeit die von dem Parlament unabhängige Macht des Königtums, verstärkte aber deswegen das Mißtrauen gegen die konstitutionellen Ansichten des Königs; die Neuwahlen Ende 1861 fielen fortschrittlich aus, und mit dem Rücktritte des Ministeriums der Neuen Ära (17. März 1862), das zurücktrat, weil es die gesetzliche Genehmigung der tatsächlich bereits durchgeführten Heeresreorganisation nicht erreichen konnte, begann der Verfassungskonflikt, in dem der König sein eigenstes Werk, die Heeresreform, mit Standhaftigkeit festhielt und für das Ministerium Bismarck (s. Bismarck 1) mit seiner ganzen königlichen Autorität eintrat.

Dadurch verlor der König rasch seine frühere Popularität wieder, wie sich besonders bei den 50jährigen Erinnerungsfesten an die Befreiungskriege und an die Vereinigung der neuen Provinzen mit Preußen 1863–65 zeigte. Obwohl W. schwer unter dieser Entfremdung des Volkes litt, blieb er doch in der Verteidigung der Rechte der Krone standhaft, verfolgte aber Bismarcks kühnem und staatsklugem Plane gemäß eine entschiedene deutsche Politik. Da aber die damalige öffentliche Meinung diese Pläne nicht verstand, so hielt sie das Verhalten des Königs gegen den Fürstenkongreß 1863 und in der schleswigholsteinischen Sache 1864 für bloße Spiegelfechterei. Um den Konflikt zu beenden, ohne die mit Mühe durchgeführte Heeresreform preiszugeben, ging der König, wiewohl widerstrebend, auf Bismarcks geniale Politik ein, die 1866 zum Entscheidungskampf mit Österreich führte. Er übernahm selbst den Oberbefehl über das Heer und errang den glänzenden Sieg bei Königgrätz. Bei den Friedensverhandlungen verzichtete er nur ungern auf die Annexion Sachsens, um Bismarcks deutsche Einigungspläne nicht zu durchkreuzen, und bot dem Landtag durch das Indemnitätsgesetz die Hand zum Frieden, die nun nach dem Erfolg freudig ergriffen wurde. Durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes vom 1. Juli 1867 ward W. dessen Präsident. Im Innern lenkte er in die liberale Bahn, die verhaßtesten Minister der Konfliktsperiode wurden durch liberale Männer ersetzt. Der Krieg mit Frankreich 1870–71 bedeckte das Heer mit neuem Ruhm. W. übernahm wieder den Oberbefehl über die gesamte in Frankreich einrückende Armee, befehligte selbst bei Gravelotte und bei Sedan und leitete von Oktober 1870 bis März 1871 von Versailles aus die militärischen Operationen und die politischen Verhandlungen über die Errichtung des Deutschen Reiches. Durch die Kaiserproklamation, die am 18. Jan. 1871 im Versailler Schloß stattfand, nahm W. für sich und seine Nachfolger an der Krone Preußen den Titel »deutscher Kaiser« an. Am 16. Juni 1871 hielt er seinen glänzenden Einzug in Berlin. Rastlos mit der Vollendung der militärischen Organisation des Deutschen Reiches und der innern Reform[634] des preußischen Staatswesens beschäftigt, hielt W. auch im Kulturkampf gegenüber allen ultramontanen Schmeicheleien und Drohungen entschlossen zu seinen Ministern und wies die Anmaßung des Papstes in seinem berühmten Schreiben vom 3. Sept. 1873 zurück. Zur Sicherung des europäischen Friedens schloß er im September 1872 den Dreikaiserbund zwischen Deutschland, Rußland und Österreich, der die beiden letztern Mächte einander näherte. Demselben Zwecke dienten des Kaisers Besuche 1873 in St. Petersburg und Wien, 1875 in Mailand. Durch seine unermüdliche, aufopfernde Tätigkeit für das Gemeinwohl erlangte W. eine außerordentliche Beliebtheit, die sich bei seinem 70jährigen und 80jährigen Militärjubiläum, bei der Feier des 80. und 90. Geburtstags (1877 und 1887) sowie bei der Goldenen Hochzeit (1879) in großartigen Huldigungen des deutschen Volkes bewährte. Selten hat ein Fürst noch in so hohem Alter seinem Haus und Staate solche Ehren errungen wie er, der nicht bloß der älteste, sondern auch der angesehenste und mächtigste Monarch Europas war. Um so größeres Erstaunen erregten die auf sein Leben von Hödel (s. d.) 11. Mai 1878 und Nobiling (s. d.) 2. Juni 1878 unternommenen Attentate. Obwohl der Kaiser durch die bei letzterm erhaltenen Wunden an Kopf und Arm so krank wurde, daß er 4. Juni den Kronprinzen zum Stellvertreter ernennen mußte, so bewahrte er dennoch unerschütterliche Seelenruhe und übernahm nach längerm Aufenthalt in Baden und Wiesbaden 5. Dez. die Regierung wieder. Im Sommer 1878 ward im ganzen Reiche die Kaiser Wilhelms-Spende (s. d.) aus kleinen Gaben gesammelt. Am 17. Nov. 1881 und 14. April 1883 ergingen die Botschaften an den Reichstag, in denen die wichtigen Gesetze für das Wohl der Arbeiter angekündigt wurden. Auch knüpfte der Kaiser Verhandlungen mit dem neuen friedliebenden Papste Leo XIII. zur Beendigung des Kulturkampfes an. Ungeachtet seiner tief gewurzelten Sympathien für Rußland gab er 1879 seine Zustimmung zum Bündnis mit Österreich, aus dem durch den Zutritt Italiens der Dreibund (s. d.) wurde. Unermüdlich tätig, weilte W. meist in Berlin und ging nur im Sommer kurze Zeit nach Ems und Gastein. Schmerzlich getroffen durch die Krankheit seines Sohnes und den Tod seines Enkels (des Prinzen Ludwig von Baden), starb W. nach kurzer Krankheit 9. März 1888 in Berlin und ward 16. März im Mausoleum zu Charlottenburg beigesetzt. Zahlreiche, teilweise großartige Denkmäler wurden ihm von Provinzen und Städten u. errichtet: Ende 1902 wurden 322 an 318 Orten gezählt. Die bedeutsamsten darunter sind das auf Reichskosten errichtete Nationaldenkmal in Berlin (von R. Begas, mit Halle von Halmhuber, 22. März. 1897, enthüllt; s. Tafel »Berliner Denkmäler I«, Fig. 1), das vom deutschen Kriegerbund errichtete auf dem Kyffhäuser (von Schmitz, mit Reiterstandbild von Hundrieser), das der Rheinprovinz am deutschen Eck bei Koblenz (von denselben) und das der Provinz Westfalen auf dem Wittekindsberg bei Minden (von Schmitz, mit Standbild von Zumbusch). Außerdem sind zu erwähnen das Jung Wilhelm-Denkmal auf der Luiseninsel im Tiergarten zu Berlin in Marmor (von Adolf Brütt, 3. Mai 1904 enthüllt), das den Prinzen in der Uniform der Gardefüsiliere im Alter von 17 Jahren zeigt, die Reiterdenkmäler in Eberfeld und Mannheim (beide von Eberlein), Bremen (von Bärwald), Görlitz (von Pfuhl), Frankfurt a. M. (von Buscher), Düsseldorf (von K. Janssen), Köln (von R. Anders), Kiel (von Brütt), Stettin (von Hilgers), Metz (von Fr. v. Miller), Breslau (von Behrens) und Magdeburg (von Siemering) und die Marmorstandbilder in Ems (von P. Otto) und Wiesbaden (von Schilling). Vgl. Kuntzemüller, Die Denkmäler Kaiser Wilhelms des Großen (Brem. 1903). Das 2. westpreußische Grenadierregiment Nr. 7 wurde Grenadierregiment König W. I. benannt.

W. war von großer, imposanter Gestalt und regelmäßigen, angenehmen und freundlichen Gesichtszügen. Geregelte Tätigkeit und einfache Lebensweise bewahrten ihm bis in sein hohes Alter eine seltene körperliche Rüstigkeit und geistige Frische. Allgemein bewundert wurden seine Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehr und seine unermüdliche Ausdauer in der Erfüllung seiner Pflichten als Monarch. »Einfach, bieder und verständig«, so hatte seine Mutter ihn 1810 bezeichnet, und so entwickelte er sich harmonisch. Er war ein gläubiger Christ, aber ohne Unduldsamkeit. Hervorragende Geistesgaben zeichneten ihn nicht aus; er zeigte hauptsächlich für militärische und politische Dinge Verständnis, weniger für Künste und Wissenschaften. Doch suchte er sich als Herrscher über alle wichtigen Dinge genau zu unterrichten und sich ein selbständiges Urteil zu bilden. Seine Menschenkenntnis gestattete ihm, fast immer die richtigen Männer für die zu lösenden Aufgaben zu finden. Bedeutend waren seine Charaktereigenschaften: seine Wahrheitsliebe, Treue, Dankbarkeit, sein sittlicher Mut, sein Pflichtgefühl als Herrscher, seine Standhaftigkeit in gefährlichen, seine Mäßigung in glücklichen Lagen. Mit Bescheidenheit pflegte er das Verdienst der von ihm selbst ausgewählten Gehilfen, besonders Bismarcks, Moltkes und Roons, nicht nur selbst anzuerkennen, sondern ertrug auch die ihn selbst in Schatten stellende Verherrlichung derselben ohne Eifersucht. Kaiser W. war ein glänzendes Beispiel dafür, daß im Staatsleben ein Charakter weit mehr wert ist als ein Talent. Den Beinamen »der Große«, den ihm sein Enkel beigelegt und auf vielen Denkmälern verewigt hat, versagt ihm die Geschichte, aber als »W. der Siegreiche« und populär als »der alte W.« lebt er im Andenken des Volkes. Gesammelt erschienen: »Militärische Schriften weiland Kaiser Wilhelms des Großen« (Berl. 1897, 2 Bde.); »Politische Korrespondenz Kaiser Wilhelms I.« (das. 1890) und »Kaiser Wilhelms des Großen Briefe, Reden und Schriften« (hrsg. von E. Berner, das. 1905, 2 Bde.). Den Briefwechsel zwischen Kaiser W. und Fürst Bismarck gab Penzler heraus (Leipz. 1900). Vgl. E. Marcks, Kaiser W. I. (Leipz. 1897, 5. Aufl. 1905); Pfister, Kaiser W. I. und seine Zeit (Bielef. 1906); W. Müller, Kaiser W. (das. 1888); (L. Hahn) Gedenkbuch Kaiser Wilhelms I., 1797–1873 (das. 1874) und W., der erste Kaiser etc. (das. 1888); Kugler, Kaiser W. und seine Zeit (Münch. 1888; Volksausg., Leipz. 1896); Adami, Das Buch vom Kaiser W. (Bielef. 1887–90, 2 Bde.); Scheibert, Kaiser W. und seine Zeit (Berl. 1898); L. Schneider, Aus dem Leben Kaiser Wilhelms (das. 1888, 3 Bde.); v. Bernhardi, Die ersten Regierungsjahre König Wilhelms I., Tagebuchblätter (Leipz. 1895); Berner, Der Regierungsanfang des Prinzregenten von Preußen (Berl. 1901); Oncken, Das Zeitalter des Kaisers W. (das. 1890--02, 2 Bde.) und Unser Heldenkaiser (das. 1897); Sybel, Die Begründung des Deutschen Reichs durch W. I. (Münch. 1889–94, 7 Bde.); O. Lorenz, Kaiser W. und die Begründung des Deutschen Reichs 1866–1871 (Jena 1902); F. Delbrück, Die Jugend des Königs Friedrich [635] Wilhelm IV. von Preußen und des Kaisers und Königs W. I., Tagebuchblätter (Berl. 1907); Freiherr v. Egloffstein, Kaiser W. I. und Leopold v. Orlich (das. 1904); Dehn, W. I. als Erzieher, in 711 Aussprüchen aus seinen Kundgebungen und Briefen (Halle 1906); Blume, Kaiser W. und sein Kriegsminister Roon als Bildner des preußisch-deutschen Heeres (Berl. 1906); Lavisse, Trois empereurs d'Allemagne (Par. 1888); Forbes, Kaiser W. (a. d. Engl., Gotha 1888).

3) W. II. Friedrich Viktor Albert, deutscher Kaiser und König von Preuf; en, geb. 27. Jan. 1859 in Berlin, ältester Sohn des damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm (s. Friedrich 5) und der Prinzessin Viktoria (s. Viktoria 2) von Großbritannien, wurde nach sorgfältiger Erziehung im elterlichen Hause seit 1866 durch Hinzpeter (s. d.) 27. Jan. 1869 Leutnant im 1. Garderegiment, besuchte nach seiner Konfirmation (1. Sept. 1874) das Gymnasium in Kassel, wo er 20. Jan. 1877 das Abiturientenexamen ablegte. Hierauf stand W. im praktischen Militärdienst beim 1. Garderegiment in Potsdam, studierte 1877–79 in Bonn Staats- und Rechtswissenschaften und führte dann als Hauptmann eine Kompanie des 1. Garderegiments. Am 27. Febr. 1881 vermählte er sich mit Prinzessin Auguste Viktoria (s. d.) von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. 1882 als Major zum 1. Gardehusarenregiment versetzt, ward er bald Oberst und Kommandeur desselben, lernte gleichzeitig unter der Leitung des Oberpräsidenten Achenbach den Verwaltungsdienst bei der Potsdamer Regierung kennen. Der Prinz zeigte großen Eifer, nahm an allen Vorgängen des Lebens lebhaften Anteil und war trotz einer Schwäche im linken Arm, die durch eine Verletzung des Nervs bei seiner Geburt verursacht wurde, ein trefflicher Reiter und Jäger. Seit Anfang 1888 Generalmajor und Kommandeur der 1. Gardeinfanteriebrigade, ward er durch den Tod seines Großvaters Wilhelm I., den er als sein Vorbild verehrte, 9. März 1888 Kronprinz und nach dem frühen Hinscheiden seines Vaters 15. Juni d. J. deutscher Kaiser und König von Preußen. Er ergriff das Zepter mit kräftiger Hand, eröffnete den deutschen Reichstag 25. Juni inmitten aller deutschen Fürsten mit einer schwungvollen Ansprache, versprach bei der Eidesleistung im preußischen Landtag 27. Juni, gleich Friedrich II. der erste Diener des Staates zu sein, und trat überhaupt häufiger als seine Vorgänger mit Reden vor die Öffentlichkeit; dies erschwerte einerseits den verantwortlichen Leitern der Regierung ihre Aufgabe, erregte aber anderseits das Interesse des Volkes für die Person des Monarchen, der nunmehr im Gegensatz zu früher persönlich als Träger der innern und äußern Politik erschien und als solcher vom Volke für alles Geschehen als verantwortlich betrachtet wurde. Indem er die Politik Bismarcks anfangs zu der seinigen machte, sicherte er durch Pflege des Bündnisses mit Österreich und Ital sen den Frieden und knüpfte durch Besuche bei den bedeutendsten Höfen Europas mit den fremden Herrschern persönliche Beziehungen an. Zuerst besuchte er 1888 mit einer Kriegsflotte die Höfe St. Petersburg, Stockholm und Kopenhagen, dann die süddeutschen Höfe, den Kaiser Franz Joseph und den König von Italien, wo er in Rom und Neapel begeistert aufgenommen wurde, 1889 nach einer Nordlandsreise England, Griechenland, dessen Kronprinz (s. Konstantin 12) sich im Oktober d. J. mit seiner Schwester vermählte, und Konstantinopel. Seinen festen Entschluß, die Weltstellung des Deutschen Reiches zu behaupten, sprach er wiederholt mit Nachdruck aus und war eifrig bestrebt, Heer und Flotte in bestem Stande zu erhalten, besonders aber die letztere den neuen Anforderungen entsprechend zu verstärken; seit 1897 wurden diese Pläne unter immer wachsendem Interesse des Volkes für die Marine allmählich verwirklicht (s. Deutschland, S. 832). Aber auch den andern Zweigen der Staatsverwaltung und des sozialen Lebens widmete W. eine lebhafte Aufmerksamkeit und griff selbst tätig ein in der Hoffnung, bestehende Schwierigkeiten durch die Macht der Persönlichkeit zu überwinden, so durch Berufung der internationalen Arbeiterschutzkonferenz in Berlin im März 1890 und der Schulkonferenz im Dezember d. J. Indes die erwarteten Erfolge blieben aus, und W. sah allmählich ein, daß auch seine Bemühungen, als sozialer Kaiser das Vertrauen der sozialdemokratischen Handarbeiter zu gewinnen, vergeblich waren. Aber gerade die sozialpolitischen Ideen des Kaisers veranlaßten einen großen Umschwung, insofern die Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und Bismarck über das Sozialistengesetz den Rücktritt des Kanzlers (20. März 1890) und dadurch eine Entfremdung zwischen den nationalen Kreisen des Volkes und dem Kaiser herbeiführten. Eine Annährung der Regierung an die linksliberale Politik war unter Caprivis (s. d., 1890–1894) Leitung die Folge, und erst ganz allmählich machte sich eine Änderung sowohl im Kurs der Regierung als auch in der öffentlichen Meinung geltend, nachdem im Januar 1894 eine formelle Aussöhnung zwischen Bismarck und dem Kaiser stattgehabt hatte. Unter der Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe (s. Hohenlohe 6) war Kaiser W. der tatsächliche Leiter der Politik, in der viele ernste Beobachter die Einheitlichkeit vermißten, und übte auch während der des Grafen und Fürsten Bülow (s. Bülow 12) bei wichtigen Anlässen entscheidenden Einfluß, wenn auch unmittelbare Eingriffe etwas seltener wurden. Die mannigfachen Reden des Kaisers haben viel dazu beigetragen, das Verständnis für die Notwendigkeit einer deutschen Weltpolitik im Volke zu wecken, wie die von ihm persönlich entworfenen vergleichenden Flottentabellen der Notwendigkeit einer deutschen Flottenvermehrung zur allgemeinen Anerkennung verhalfen. Außer den alljährlichen Nordlandsfahrten, zu denen Personen aller Kreise als Gäste hinzugezogen zu werden pflegen, hat W. auch viele Auslandsreisen unternommen, unter denen die nach Konstantinopel und Palästina im Herbst 1898 und die nach Marokko im März 1905 auch politische Bedeutung hatten. Zwei Attentate auf W., 16. Nov. 1900 in Breslau und 6. März 1901 in Bremen, deren letzteres eine Verwundung des Kaisers am rechten Auge zur Folge hatte, entbehrten politischer Beweggründe. Seit Januar 1901 ist W. englischer Feldmarschall. Standbilder von ihm finden sich in der Ruhmeshalle in Barmen (Marmor) und an der Eisenbahnbrücke in Mainz (Erz).

Die Persönlichkeit des Kaisers W. charakterisiert ein gewisser romantischer Zug, der namentlich in einer bewundernden Verehrung für seine hohenzollerischen Ahnen (besonders in der von ihm geschaffenen Siegesallee, s. Berlin, S. 693) zum Ausdruck gelangt, sowie das Bestreben, als universeller Geist an allen Betätigungen menschlichen Geistes selbst teilzunehmen und das Schaffen des deutschen Volkes und der fremden Nationen, auch das technische, künstlerische und wissenschaftliche, nicht nur zu verfolgen und kennen zu lernen, sondern auch zu beeinflussen. W. hat sich selbst als Dichter und KomponistSang an Ägir«)[636] versucht und namentlich der bildenden Kunst durch seine bestimmten Aufträge bei Errichtung von Denkmälern und Bauten selbst Anregung gegeben, wenn auch die Künstlerwelt darin vielfach eine Einschränkung der Individualitäten erblickt und objektiv eine vielleicht nicht gewollte Bevorzugung älterer Kunstrichtungen zum Nachteil der modernen darin zu beobachten ist. – Aus der Ehe des Kaisers sind sechs Söhne und eine Tochter entsprossen: Kronprinz Wilhelm (s. Wilhelm 36); Prinz Eitel-Friedrich, geb. 7. Juli 1883, seit 27. Febr. 1906 vermählt mit Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg (geb. 18. Febr. 1878), seit 1907 Herrenmeister des Johanniterordens; Prinz Adalbert, geb. 14. Juli 1884; Prinz August Wilhelm, geb. 29. Jan. 1887, 1908 verlobt mit Prinzessin Alexandra Viktoria zu Schleswig-Holstein; Prinz Oskar, geb. 27. Juli 1888; Prinz Joachim, geb. 17. Dez. 1890; Prinzessin Viktoria Luise, geb. 13. Sept. 1892. Vgl. »Kaiserreden. Reden und Erlasse, Briefe und Telegramme Kaiser Wilhelms II.« (Leipz. 1902); Liman, Der Kaiser (4. Aufl., Berl. 1906); (v. Redern) Kaiser W. II. und seine Leute (3. Aufl., das. 1891); Jahnke, Kaiser W. II. (3. Aufl., das. 1903); Obst, Kaiser W. II. und Kaiserin Auguste Viktoria (Bresl. 1904).

[Baden.] 4) W. Ludwig August, Markgraf von Baden, zweiter Sohn des Großherzogs Karl Friedrich von Baden aus dessen zweiter Ehe mit der Gräfin von Hochberg, geb. 8. April 1792 in Karlsruhe, gest. 11. Okt. 1859, führte bis 1817 den Namen Graf von Hochberg, trat 1805 in das Heer, machte als Oberst im Hauptquartier Massénas den Krieg von 1809 mit und führte 1812 in Rußland die badische Brigade. Im Januar 1813 Generalleutnant geworden, erhielt er im August das Kommando des neuerrichteten badischen Korps. Während der Schlachttage von Leipzig hatte er die Stadt selbst besetzt, kapitulierte mit den Verbündeten 19. Okt., lehnte jedoch deren Antrag, sich mit ihnen zu vereinigen, ab. 1814 leitete er mit 10,000 Mann, die das 8. deutsche (badische) Bundeskorps bildeten, die Blockaden von Straßburg, Landau, Pfalzburg, Lichtenberg, Lützelstein und Bitsch, vertrat beim Wiener Kongreß die Angelegenheiten der großherzoglich badischen Familie und befehligte beim Wiederbeginn des Krieges gegen Frankreich an der Spitze einer aus württembergischen. hessischen und badischen Truppen bestehenden Division die Blockaden von Schlettstadt und Neubreisach sowie die Belagerung von Hüningen. Am 4. Okt. 1817 mit dem Titel eines großherzoglichen Prinzen und Markgrafen von Baden ausgestattet, ward W. 1819 Präsident der Ersten Kammer und 1825 Kommandeur des badischen Armeekorps. Während der Stürme von 1848 legte er die Führung der Truppen nieder und gab später auch seine Stellung als Präsident der Ersten Kammer auf. Er war seit 1830 vermählt mit Elisabeth, der Tochter des Herzogs Ludwig von Württemberg, die ihm vier Töchter gebar und 5. Dez. 1864 starb. Seine »Denkwürdigkeiten« gab Obser (Heidelb. 1906, Bd. 1; bis 1818) heraus.

5) W. Ludwig August, Prinz von Baden, dritter Sohn des Großherzogs Leopold, geb. 18. Dez. 1829, gest. 27. April 1897, trat 1849 als Premierleutnant in das preußische Heer und war Generalmajor und Kommandeur der Gardeartilleriebrigade, als er 1863 den Abschied nahm und sich mit der Prinzessin Maria von Leuchtenberg vermählte. 1866 mit dem Oberbefehl über die badische Division im 8. Bundeskorps betraut, zog er sich durch sein vorsichtiges Verhallen heftige Angriffe zu, da man ihm die Schuld an dem Mißgeschick des Feldzugs zuschob (vgl. »Zur Beurteilung des Verhaltens der badischen Felddivision im Feldzug 1866«, Darmst. 1866; dagegen: [Schneider] »Der Anteil der badischen Felddivision an dem Krieg 1866 in Deutschland«, 3. Aufl., Lahr 1867). 1870 führte W. im französischen Kriege die badische 1. Brigade im Werderschen Korps, ward bei Nuits schwer verwundet, gehörte 1871–73 dem Reichstag (Reichspartei) an und ward General der Infanterie. Auch war er Präsident der badischen Ersten Kammer. Seine Tochter, Prinzessin Maria, ist mit dem Herzog Friedrich II. (s. Friedrich 7) von Anhalt vermählt, sein Sohn, Prinz Maximilian, geb. 10. Juli 1867, ist Kommandeur des 1. badischen Leibdragonerregiments Nr. 20.

[Bayern.] 6) W. IV., Herzog von Bayern, Sohn Albrechts IV. (gest. 1508), geb. 13. Nov. 1493, gest. 6. März 1550, regierte erst unter Vormundschaft, seit 1511 selbständig, jedoch eine Zeitlang gemeinschaftlich mit seinem Bruder Ludwig, vereinigte die bayrischen Landesteile wieder, ließ sich 1524 vom Papste durch die Abtretung der Hoheitsrechte über die bayrischen Bischöfe und der Einkünfte der kirchlichen Institute für die Sache der alten Kirche gewinnen und wurde einer der eifrigsten Gegner der Reformation. Er nahm auf seiten Karls V. am Schmalkaldischen Kriege teil, suchte aber vergeblich die pfälzische Kurwürde an sich zu bringen. Durch die Berufung der Jesuiten nach Ingolstadt machte er diese Universität zum Hort der katholischen Reaktion.

[Braunschweig.] 7) W. August Ludwig Maximilian Friedrich, Herzog von Braunschweig, geb. 25. April 1806, gest. 18. Okt. 1884, zweiter Sohn des 1815 bei Quatrebras gefallenen Herzogs Friedrich Wilhelm und der Prinzessin Maria Elisabeth Wilhelmine von Baden, die sich nach der Schlacht bei Auerstedt 1806 mit W. und seinem ältern Bruder, Karl, nach Schweden und dann nach Bruchsal begab, wo sie 20. April 1808 starb. Die Prinzen wurden seit 1809 unter der Aussicht ihrer Großmutter, der verwitweten Herzogin Auguste, einer Schwester des Königs Georg 111., in England, seit 1814 nach der Rückkehr nach Braunschweig unter der Vormundschaft des Königs Georg IV. von Großbritannien vom Hofrat Eigner erzogen. W. studierte 1822 in Göttingen und trat 1823 als Major in preußischen Dienst. Sein Bruder, der Herzog Karl von Braunschweig, trat ihm 1826 das Fürstentum Öls in Schlesien ab. Als Herzog Karl durch den Aufstand 7. Sept. 1830 vertrieben worden war, übernahm W. 28. Sept. vorläufig die Regierung und, nachdem Karl im Februar 1831 für absolut regierungsunfähig erklärt worden war, 20. April 1831 endgültig. Er überließ die Staatsgeschäfte seinen Ministern, während er viel außer Landes, namentlich in Öls, lebte. 1866 hielt W. zu Preußen, schloß sich dem Norddeutschen Bund an, weigerte sich aber, mit Preußen eine Militärkonvention zu schließen, und blieb dem preußischen Hofe fern, da dieser seinen Wunsch, den Herzog von Cumberland als seinen Erben anzuerkennen, nicht erfüllte. W. starb als letztes Glied der ältern welfischen Linie in Sibyllen ort und ward im Dome zu Braunschweig beigesetzt; ein Landesdenkmal für ihn von Manzel wurde 1904 in Braunschweig enthüllt. Sein Privatvermögen vermachte er dem Herzog von Cumberland, seine Allodialgüter in Schlesien dem König von Sachsen, während Öls an Preußen zurückfiel. Vgl. Braunschweig, S. 358.

[637] [England.] 8) W. I, der Eroberer, König von England, Stifter der englisch-normannischen Dynastie, geb. 1027 oder 1028 in Falaise als der natürliche Sohn Roberts II., des Teufels, Herzogs von der Normandie, gest. 9. Sept. 1087, wurde 1033, als sein Vater eine Pilgerfahrt nach dem Gelobten Land antrat, als Nachfolger anerkannt und 1035 nach dessen Tode Herzog. 1046 trat er persönlich die Herrschaft an und vermählte sich 1053 mit Mathilde, Tochter Balduins V. von Flandern. In zahlreichen Fehden mit benachbarten Herren gewann er Kriegserfahrung und Ruhm. 1051 stattete er seinem Verwandten Eduard dem Bekenner, König von England, einen Besuch in London ab, bei welcher Gelegenheit ihm dieser Zusicherungen in bezug auf die Erbfolge in England gemacht haben soll. Als nun nach dem am 5. Jan. 1066 erfolgten Ableben Eduards Graf Harald von Wessex von den englischen Großen auf den Thron erhoben wurde, landete W. im September 1066 bei Hastings und siegte unweit davon bei Senlac 14. Okt. in einer blutigen Schlacht, in der Harald mit dem Kern des angelsächsischen Adels blieb. Nachdem W. darauf London eingenommen hatte, ließ er sich 25. Dez. 1066 in Westminster krönen. Mit den Ländereien der Krone und der im Kampfe gefallenen Angelsachsen stattete er seine normannischen Barone aus, führte eine scharfe Polizei ein, erbaute in London und den Provinzen Burgen, schritt aber zunächst noch nicht zu einer allgemeinen Umgestaltung der Besitzverhältnisse, wie denn überhaupt durch den Sieg bei Sen lac noch keineswegs das ganze Reich unterworfen war. Vielmehr kam es in den nächsten Jahren zu wiederholten Erhebungen der Angelsachsen in den Landschaften des Westens und Nordens, bei denen sie von den Königen von Schottland und von Dänemark unterstützt wurden. Erst 1070 waren die Kämpfe, während deren die nördlichen Landschaften von den Normannen entsetzlich verheert wurden, beendet und W. war Herr des ganzen Reiches. Hierauf erst schritt er zur systematischen Schwächung der angelsächsischen Adelsfamilien und zur vollen Durchführung der normannischen Feudalverfassung; die normannisch französische Sprache war die herrschende im amtlichen Verkehr. Alle spätern Empörungsversuche der Angelsachsen, mit denen sich auch einzelne mißvergnügte normannische Barone verbanden, und denen einmal sogar eine Erhebung Roberts, des ältesten Sohnes von W., zustatten kam, blieben erfolglos und wurden von dem König mit blutiger Strenge unterdrückt. Mit dem Scheitern eines vom König Knut dem Heiligen von Dänemark geplanten Einfalles 1084 durfte W. seine Herrschaft als gesichert ansehen. 1086 vollendete er sein berühmtes »Domesday Book« (s. d.), ein Grund- und Steuerkatasterbuch für das ganze Land. Äußerst streng waren Wilhelms Jagdgesetze; um seiner Jagdlust zu frönen, ließ W. in der Gegend von Winchester einen ausgedehnten Landstrich in Wald verwandeln und schuf daraus den sogen. New Forest. Die Begünstigung der Aufstände seines Sohnes Robert durch Philipp I. von Frankreich verwickelte W. in Krieg mit diesem; im August 1087 fiel er in das französische Gebiet ein, zog sich aber in Mantes-sur-Seine durch einen Sturz vom Pferde eine Verletzung zu und starb an deren Folgen in Rouen. Zu Caen ward er bestattet, in Falaise ward 1851 seine Statue aufgestellt. Seiner Anordnung gemäß folgte ihm in der Normandie der älteste Sohn Robert, in England der zweite, Wilhelm II.; der dritte, Heinrich, erhielt die Hinterlassenschaft seiner vier Jahre vorher verstorbenen Mutter. Vgl. Freeman, William the Conqueror (Lond. 1888); Cobbe, History of the Norman kings of England (das. 1869); Planché, The Conqueror and his companions (das. 1874, 2 Bde.); Pauli in den »Bildern aus Alt-England« (2. Aufl., Gotha 1876); Dillon, King William I. the Conqueror (Lond. 1905).

9) W. 11., Rufus (der Rote), König von England, zweiter Sohn des vorigen und der Prinzessin Mathilde von Flandern, geb. zwischen 1056 und 1060, gest. 2. Aug. 1100, folgte seinem Vater 1087 als König von England und ward 26. Sept. d. J. gekrönt. Von der seinem Bruder Robert zugefallenen Normandie erwarb er durch den Frieden von 1091 die Grafschaft Eu, Fécamp, Cherbourg u. a. 1093 fiel König Malcolm von Schottland abermals in England ein, geriet aber in einen Hinterhalt und fiel nebst seinem Sohne Eduard. um die Kosten eines Kreuzzugs zu bestreiten, verpfändete Robert von der Normandie 1096 W. sein Herzogtum. Als dieser aber auch das französische Vexin als zur Normandie gehörig beanspruchte, kam es 1097 zu einem Kriege mit Frankreich, der 1098 durch einen Waffenstillstand beendet wurde. W. wurde auf der Jagd im New Forest durch einen Pfeil erschossen; wer der Täter war, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. In England hat Wilhelms harte und grausame Herrschaft ein schlechtes Andenken hinterlassen. Er war nicht vermählt, sein Bruder Heinrich I. folgte ihm in der Regierung. Vgl. Freeman, The reign of William Rufus and the accession of Henry I. (Oxf. 1882, 2 Bde.).

10) W. III., König von England, Sohn Wilhelms II. von Oranien und der Maria Stuart, Tochter Karls I. von England, geb. 14. Nov. 1650, acht Tage nach dem Tode seines Vaters, im Haag, gest. 19. März 1702 in London, ward nach dem 1661 erfolgten Tode seiner Mutter von der Großmutter Amalia von Solms unter Aussicht der Generalstaaten erzogen. In seiner Jugend durch die Handelsaristokratie der Niederlande, an deren Spitze die Brüder de Witt (s. d.) standen, von den seiner Familie früher zugehörigen wichtigsten Ämtern und Würden ausgeschlossen, ward er im Frühjahr 1672 durch eine beim Beginn des Krieges mit Ludwig XIV. ausgebrochene Volksbewegung als Erbstatthalter an die Spitze des Staates gestellt und von den Generalstaaten zum Generalkapitän und Großadmiral der Vereinigten Provinzen ernannt. Seine Energie und Tatkraft sowie die Unterstützung der fremden Mächte, die er erwirkte, retteten die Niederlande vor dem Verderben. Militärisch freilich errang W. keine großen Erfolge. In der Schlacht bei Seneffe gegen Condé 11. Ang. 1674 erlitt er zwar keine eigentliche Niederlage, aber in dem blutigen Kampfe vom 11. April 1677 wurde er bei Mont Cassel vom Marschall von Luxemburg geschlagen. Nichtsdestoweniger widersetzte er sich hartnäckig den Bemühungen der ständischen Partei in Holland auf dem Kongreß zu Nimwegen, mit Frankreich Frieden zu schließen, griff, um diesen zu verhindern, die Franzosen 14. Aug. 1678 nochmals bei Mons an, mußte aber tags danach auf die Nachricht von dem inzwischen erfolgten Friedensschluß die errungenen Vorteile aufgeben. Unerschüttert setzte er dennoch den Widerstand gegen Ludwigs XIV. Eroberungspolitik fort, auf dem seine welthistorische Bedeutung beruht. 1677 hatte er sich mit Maria, Tochter des Königs Jakob II. von England, vermählt. Gegen dessen Versuche, England zu katholisieren und die Rechte des Parlaments zu vernichten,[638] riefen mehrere einflußreiche Herren, teils Whigs, teils Tories, Wilhelms bewaffnete Einmischung an. Dieser landete 15. Nov. 1688 zu Torbay; fast die ganze Nation schloß sich ihm an, Jakob floh nach Frankreich, und W. zog 28. Dez. 1688 in London ein. Nachdem er den Vorschlag, seine Gemahlin als Königin auszurufen, mit der Drohung seiner Rückkehr nach Holland beantwortet hatte, ward 23. Febr. 1689 ihm und seiner Gemahl in zusammen die britische Krone übertragen mit der Bestimmung, daß er allein die Regierung führen und nach beider kinderlosem Tode Marias Schwester, die Prinzessin Anna, den Thron erben sollte. Noch vor der Thronbesteigung aber mußte er die Declaration of rights, in der die Rechte der Nation und des Parlaments zusammengefaßt waren, unterzeichnen. Auch die schottische Nationalkonvention sprach ihm im Mai 1689 die Krone zu. Leicht erlangte W. die Zustimmung des Parlaments zur Teilnahme am Kriege gegen Frankreich und zu einem engen Bündnis mit den Generalstaaten. Noch ehe er jedoch den Krieg erklärte, landete Jakob II. mit französischer Hilfe auf Irland, und die ganze Insel fiel ihm zu. W. selbst zog gegen ihn; 11. Juli 1690 erfocht er den glänzenden Sieg am Boynefluß, und 1691 war die Unterwerfung der Insel vollendet. Im Februar 1691 ging W. mit 45,000 Mann nach den Niederlanden, focht aber weder in diesem noch in den folgenden Feldzügen glücklich. Während die britische Flotte bei La Hogue im Mai 1692 einen glänzenden Sieg gewann, behielten die Franzosen zu Lande die Oberhand. Die erneuten Versuche Jakobs II., in England festen Fuß zu fassen, mißlangen indes ebenso wie ein von den Jakobiten 1696 gegen das Leben des Königs geplantes Attentat; trotzdem machten die mißliche Finanzlage und heftige Parteikämpfe in England auch für W. den Frieden wünschenswert, der im September 1697 zu Ryswyk abgeschlossen wurde und W. die Anerkennung seiner Königswürde durch Ludwig XIV. verschaffte. Im Innern hatte W., der seit dem Tode seiner Gemahlin (7. Jan. 1695) allein herrschte, mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Mehrzahl seiner Untertanen blieb er immer ein Fremdling. Sein verschlossenes Wesen, seine Gleichgültigkeit gegen die Hochkirche und die Interessen der Geistlichkeit, seine Vorliebe für seine niederländischen Günstlinge riefen vielfach Verstimmung gegen ihn hervor, während ihn die Zänkereien der Parteien im Parlament und die Angriffe, die dabei auf seine Person fielen, mit solchem Widerwillen erfüllten, daß er mehr als einmal die Niederlegung der Krone ins Auge faßte. Nur mit Widerstreben und nach einjährigem Zögern bestätigte er 1694 das Gesetz, durch das die Dauer der Parlamente von sieben auf drei Fahre herabgesetzt wurde. Seine letzten Jahre waren wieder hauptsächlich von Fragen der auswärtigen Politik erfüllt; abermals bekämpfte er in der Frage der spanischen Erbfolge im Interesse des europäischen Gleichgewichts die Übermacht Ludwigs XIV. Als dieser das Testament Karls II. von Spanien, durch das Philipp von Bourbon zum alleinigen Erben der spanischen Monarchie bestimmt war, angenommen hatte, bewog W. 1701 das Parlament zur Absendung eines Korps von 10,000 Mann in die Niederlande, und nachdem er im Juni 1701, infolge des Ablebens des einzigen Sohnes der Prinzessin Anna, die protestantische Erbfolge in England gesichert hatte, schloß er 7. Sept. d. J. im Haag die Allianz mit dem Kaiser und den Niederlanden. Mit Rüstungen zum Kriege gegen Frankreich beschäftigt, starb er im nächsten Frühjahr an den Folgen eines Sturzes mit dem Pferde. Mit ihm erlosch die ältere Linie des Hauses Oranien. In England folgte ihm seine Schwägerin Anna. Die Begründung des modernen parlamentarischen Regierungssystems in England und die Beseitigung des französischen Übergewichts in Europa sind zum großen Teile das Ergebnis der Regierung und das persönliche Verdienst Wilhelms III. Vgl. Trevor (Lord Dungannon), Life and times of William III. (Lond. 1835–36, 2 Bde.); Traill, William the third (das. 1888); Nippold, W. III. (Berl. 1900); Koch, Die Friedensbestrebungen Wilhelms III. von England in den Jahren 1694–1697 (Tübing. 1903); Preuß, W. III. von England und das Haus Wittelsbach im Zeitalter der spanischen Erbfolgefrage (Bresl. 1904, Bd. 1).

11) W. IV. Heinrich, König von England, dritter Sohn Georgs III., geb. 21. Aug. 1765 in London, gest. in Windsor 20. Juni 1837, trat 1779 als Kadett in die Marine, nahm 1780 und 1781 an verschiedenen Seegefechten gegen spanische und französische Schiffe teil, ward 1785 zum Leutnant und 1786 zum Kommandeur der Fregatte Pegasus befördert. Nach der Rückkehr nach England wurde er 1789 zum Herzog von Clarence und St. Andrews sowie zum Grafen von Munster ernannt. Wiewohl er in der Marine von Stufe zu Stufe stieg, durfte er sich doch seitdem nicht mehr an kriegerischen Unternehmungen beteiligen. Um 1790 trat er in ein Verhältnis zu der irischen Schauspielerin Dora Jordans, die ihm zehn Kinder gebar, 1811 aber von ihm verlassen wurde. Der Herzog verheiratete sich hierauf 18. Juli 1818 mit Adelheid, Prinzessin von Sachsen-Meiningen, und lebte meist zurückgezogen auf seinem Landsitz Bushy Park bei London. 1827 wurde er zum Marineminister mit dem Titel eines Großadmirals des Reiches im Ministerium Wellington ernannt, nahm aber, da das Ministerium seine Eigenwilligkeit nicht billigte, im August 1828 seine Entlassung. 1829 erklärte er sich im Oberhaus für die Katholikenemanzipation. Durch den Tod seines Bruders