Bibliothek

[822] Bibliothek (griech.), zunächst der Ort, wo Bücher aufbewahrt werden, dann auch die Sammlung der Bücher selbst (Liberei, Bücherei). Wesentlich ist dabei der Zweck der Aufbewahrung und Benutzung, wodurch sich eine B. von bloßen Bücherlagern unterscheidet. Es gibt und gab Bibliotheken im Privatbesitz (Privatbibliotheken) und solche zum öffentlichen Gebrauch (öffentliche Bibliotheken).

Die Geschichte der Bibliotheken geht in das früheste Altertum zurück. Bereits die alten Ägypter besaßen große Büchersammlungen, aus denen die Papyrusrollen (s. d.) auf uns gekommen sind, die bis ins 19. Jahrh. v. Chr. hinausreichen. Auch die in den Ruinenstädten von Assyrien und Babylonien entdeckten Tafeln und Zylinder mit Schriftzeichen sind Überreste einer Art von Bibliotheken. Bei den Griechen finden sich zur Zeit der Freiheit nur wenige Spuren von Privatbibliotheken in den Nachrichten der klassischen Autoren, während über die erste öffentliche, von Peisistratos zu Athen angelegte Büchersammlung bedeutende Zweifel herrschen. Nach dem Untergang der Freiheit wurde die griechische Kultur in die Nachbarländer, nach Asien, Ägypten und Italien, verpflanzt, was die Gründung von Bibliotheken zur Folge hatte. Die bedeutendsten waren die beiden alexandrinischen Bibliotheken, von den Ptolemäern gestiftet, und die B. zu Pergamon, die den pergamenischen Königen Entstehung und Wachstum verdankte (vgl. Parthey, Das alexandrinische Museum, Berl. 1898; Ritschl, Die alexandrinischen Bibliotheken, Bresl. 1838; Conze, Über die pergamenische B., in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie, 1884). In Rom erwachte der Sinn für Büchersammlungen erst nach dem zweiten Punischen Kriege. Der erste Begründer einer öffentlichen B. war Asinius Pollio. Unter Augustus, der selbst die Oktaviana und dann die palatinische B. einrichtete, gehörte es zum guten Don, eine B. im eignen Hause zu haben. Die Einrichtung eines römischen Bibliothekzimmers lehren teils Vitruv und Plinius, teils die in Herkulaneum ausgegrabene B. kennen. Die Aussicht war nur Freigelassenen anvertraut. Im 4. Jahrh. soll es in Rom 29 öffentliche Bibliotheken gegeben haben, die von den vornehmen Römern fleißig besucht wurden. Vgl. Th. Birt, Das antike Buchwesen in seinem Verhältnis zur Literatur (Berl. 1832); Fil. Garbelli, Le biblioteche in Italia nell' epoca Romana (Mail. 1894); Dziatzko, Artikel »B.« in Pauly-Wissowas »Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft« (Stuttg. 1897). Die Stürme der Völkerwanderung brachten den alten Bibliotheken den Untergang. Im Mittelalter waren es die Miniche, welche die noch übrigen Denkmäler der heidnischen Literatur erhielten, soz. B. in den Klöstern des Athos (vgl. Boltz, Die Bibliotheken der Klöster des Athos, Bonn 1881). Namentlich zeichneten sich die Benediktiner dadurch aus, daß ihre Ordensregel den Konventualen das Studium der Klassiker und das Kopieren von Handschriften zur Pflicht machte, um dem Müßiggang vorzubeugen. Namhafte Klosterbibliotheken befanden sich zu Monte Cassino, Korvei (in Westfalen), Fulda, wo Hrabanus Maurus Mönche als Schreiber beschäftigte, vor allem aber zu St. Gallen, wo Abl Gosbert (816–836) den Grund zu der berühmten B. legte, die alle damaligen Sammlungen übertraf. Das Aufleben der antiken Studien in der Zeit des Humanismus begünstigte den Sammeleifer. Gelehrte, wie Poggio, Philelphus, singen an, Bücher zusammenzubringen, und ihrem Beispiel folgten Fürsten und reiche Patrizierfamilien. In Florenz sammelten die Mediceer, aus deren Tätigkeit die Mediceo-Laurentiana hervorging. Papst Nikolaus V., der gegen 3000 Handschriften aufkaufte, schuf damit die große vatikanische B. In Ungarn hielt König Matthias Corvinus in Italien gebildete Schönschreiber in seinem Sold, um seine B., die vielberufene Corvina, zu bereichern. Dieser kostbare Bücherschatz, weniger durch innern Wert als äußere Pracht ausgezeichnet, ward bei der Eroberung Ofens durch die Türken (1526) in alle Winde zerstreut. Vgl. Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter (3. Aufl., Leipz. 1896), und Gottlieb, Über mittelalterliche Bibliotheken (das. 1890).

Eine neue Epoche in der Geschichte der Bibliotheken begann mit der Erfindung der Buchdruckerkunst. Nach Aufhebung der Klöster infolge der Reformation fielen deren Bibliotheken entweder den Stadten und Kirchen oder den Landesherren und gelehrten Bildungsanstalten zu, wodurch eine allgemeinere Benutzbarkeit der Bücherschatze herbeigeführt wurde. Der Dreißigjährige Krieg vernichtete manche frisch aufblühende Sammlung, z. B. die Heidelberger, deren vorzüglichste Manuskripte 1622, nach der Einnahme der Stadt durch Tilly, nach Rom in den Vatikan gebracht wurden. Mit dem Ausbruch der französischen Revolution ging ein großer Teil der mit Mühe und Kosten hergestellten Bibliotheken zu Grunde. 1797 entführten die siegreichen Franzosen mehrere tausend Manuskripte aus dem Vatikan nach Paris, und ähnlichen Plünderungen[822] waren 1809 auch nicht wenige deutsche Bibliotheken, zumal die Wiener, ausgesetzt. Napoleons I. Fall bewirkte, daß die früher geraubten Schätze zurückgegeben wurden; so erhielt Heidelberg nicht nur die im letzten Kriege nach Frankreich gebrachten, sondern auch einen Teil der im Dreißigjährigen Kriege in den Vatikan gekommenen Manuskripte zurück. Ein Beispiel aus neuester Zeit ist der Untergang der Straßburger B., die während des deutsch-französischen Krieges in der Nacht des 24. Aug. 1870 verbrannte.

Unter den Bibliotheken der Gegenwart gebührt neben den großen Zentralbibliotheken den deutschen Universitätsbibliotheken ein hervorragender Platz. Ihre Entstehung schließt sich überall an die Stiftung der Universitäten als solcher an und reicht daher teilweise bis ins 14. Jahrh. zurück. Neuern Datums sind die Universitätsbibliotheken zu Berlin (1810), Bonn (1818), Erlangen (1743) und die durch Gehalt und Zahl wie durch die Art ihrer Einrichtung gleich ausgezeichnete zu Göttingen (1737). Die jüngste ist die neue Universitäts- und Landesbibliothek zu Straßburg, die mit der Wiederherstellung der Universität (1872) ins Leben trat und durch freiwillige Gaben sowie durch reiche eigne Mittel bald einen ungeahnten Aufschwung nahm. Unter den großen Zentralbibliotheken stehen nach den neuern Schätzungen die Pariser Nationalbibliothek (s. Bibliothèque Nationale) mit über 21/2 Mill. Druckbänden und über 100,000 Handschriften und das Britische Museum (s. d.) zu London obenan. Die Zahl der Buchbinderbände der königlichen Bibliothek zu Berlin ist gegenwärtig auf gegen 1 Million zu schätzen; die Zahl der Handschriften auf gegen 30,000. Einer besondern Erwähnung bedürfen noch die Volks- und Gemeindebibliotheken, die teils durch Privat-, teils durch Gemeindemittel, teils auf dem Wege der Vereinstätigkeit seitens der Volksbildungsvereine geschaffen wurden, um die Massen aufzuklären und dem Volk eine gesunde Lektüre darzubieten (s. Volksschriften). Derselben Richtung dienen die öffentlichen Lesezimmer (s. Lesehallen). Für weitere Schichten des Volks berechnet ist auch die zur Zeit noch in der Bildung begriffene »Kaiser Wilhelm-B.« in Posen, die der Stärkung des Deutschtums in der Ostmark zu dienen bestimmt ist und 14. Nov. 1902 eröffnet wurde.

Nachweise über die Bibliotheken aller Zeiten und Länder bringt Edw. Edwards in seinen »Memoirs of libraries« (Lond. 1859, 2 Bde.), zu denen als Ergänzungswerke von demselben Verfasser hinzutreten: »Libraries and founders of libraries« (das. 1865), »Freetown libraries« (das. 1869) und »Lives of the founders of the British Museum, 1570–1870« (das. 1870, 2 Bde.). Ein Verzeichnis der Bibliotheken in Europa vom Mittelalter bis auf die Neuzeit mit Literaturangaben lieferte Vogel (»Literatur europäischer öffentlicher und Korporationsbibliotheken«, Leipz. 1840), die neueste Zusammenstellung der Bibliotheken in den Hauptländern gab P. E. Richter (Leipz. 1890–92) heraus. Für die deutschen Bibliotheken der Gegenwart besitzen wir Petzholdts »Handbuch deutscher Bibliotheken« (Halle 1853), dessen »Adreßbuch der Bibliotheken Deutschlands mit Einschluß von Österreich-Ungarn und der Schweiz« (Dresd. 1874–75), Schwenkes »Adreßbuch der deutschen Bibliotheken« (Leipz. 1893) und seit 1902 das vom Verein Deutscher Bibliothekare herausgegebene »Jahrbuch der deutschen Bibliotheken« (das.). Vgl. Dziatzko, Entwickelung und gegenwärtiger Stand der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands (das. 1893); speziell für die österreichischen: Bohatta und Holzmann, Adreßbuch der Bibliotheken der österreichisch-ungarischen Monarchie (Wien 1900); für die nordamerikanischen außer Rhees' »Manual of public libraries« (Philad. 1859) das amtliche Quellenwerk »Public libraries in the United States of America« (Washingt. 1876, 2 Tle.) und die »Library list« (New York 1887). Material zur Geschichte und Beschreibung älterer und neuerer Bibliotheken enthalten die unter »Bibliothekwissenschaft« (S. 826) angeführten Zeitschriften.

Zu wünschen bleibt eine einheitliche und durchgreifende Ausbildung der Bibliothekstatistik, die über die ersten Anfänge nicht hinausgediehen ist.

B. ist auch Titel für Sammelwerke oder für solche Schriften, die Nachrichten über Schriftsteller einer gewissen Gattung oder über deren Werke, oft mit Auszügen belegt, enthalten.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 822-823.
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