Buchdruckerkunst

[528] Buchdruckerkunst, die mechanische Vervielfältigung von Schriftstücken durch bewegliche Buchstaben. Die Buchdruckerei liefert Werkdruck (Bücher und in Zwischenräumen erscheinende Zeitschriften), Zeitungsdruck und Akzidenzdruck (Drucksachen für Industrie, Handel und das gesellschaftliche Leben). Der Setzer stellt aus den Typen oder Lettern den Schriftsatz her, den der Drucker mit Farbe versieht und auf Papier abdruckt. Typographen, die beide Arbeiten verrichten (in kleinen Druckereien), heißen Schweizerdegen. Das Typenmaterial besteht aus den verschiedenen Schriftarten: Fraktur-, Antiqua- und Kursivschrift nebst Interpunktions- und sonstigen Zeichen (Sternchen, Paragraphen etc.). Man unterscheidet sie nach ihrer Gattung in Brot- (d. h. gewöhnliche, für Werk- und Zeitungssatz dienende) und Zierschriften, letztere nach ihrer Zeichnung in gotische, Kanzlei-, Grotesk- etc. Schriften (s. Schriftarten und Lettern). Zu den Schriften gehören auch die Ausschließungen, d. h. Metallstückchen ohne Schriftbild und niedriger als die eigentlichen Typen (Spat ien, Viertel-, Drittel-, Halbgevierte, Gevierte, Quadraten); sie dienen zur Trennung der Wörter, mm Ausfüllen leerer Zeilen etc. Ähnlichen Zwecken dient der Durchschuß, Metallplättchen von verschieden er Stärke, Breite und Höhe, oft von der ganzen Breite der Zeilen (Reglellen). Man durch schießt damit den Zeilensatz, d. h. man legt solche Plättchen zwischen die Zeilen, die alsdann auseinander gerückt, splendider erscheinen; doch wird der Durchschuß auch bei Herstellung von Akzidenzen, Tabellen etc. gebraucht.

Die für Werk- und Zeitungssatz bestimmten Typen liegen in hölzernen Setzkasten (Fig. 1) mit etwa 110 Fächern für deutschen und 160 für Antiquasatz, d. h. Lateinisch, Englisch, Französisch etc.; die größere Fächerzahl wird bedingt durch Akzentbuchstaben und Kapitälchen (s.d.). Die Größe der Fächer ist dem mehr oder minder häufigen Vorkommen der Buchstaben angepaßt, auch richtet sich hiernach deren Lage behufs höchstmöglicher Handlichkeit.

Frig. 1. Schriftkasten (Setzkasten).
Frig. 1. Schriftkasten (Setzkasten).

Der Setzkasten ruht etwa in Brusthöhe auf einem pultartigen Gestell (Regal), das mit Fächern zum Einschieben der Kasten versehen ist. Vor dem Regal steht der Schriftsetzer (Setzer), in der linken Hand den Winkelhaken (Fig. 2) aus Metall haltend, der ein nach zwei Seiten offenes, flaches Kästchen mit einer festen (f) und einer der Breite der zu setzenden Zeilen entsprechend verstellbaren Seitenwand g bildet, in das der Setzer mit der rechten Hand die Typen aus den Fächern des Kastens führt und zu Zeilen zusammenstellt. Zum Verstellen des Winkelstückes g dient der Hebel b, der auf eine in á liegende Schraube wirkt. Das Manuskript (so wird die Vorlage genannt, wäre sie auch schon gedruckt) ist meist auf einem Holz- oder Metallstab (Tenakel) vermittelst einer Art Gabel (Divisorium) festgehalten und in bequemer Sehweite auf dem Setzkasten aufgesteckt.

Fig. 2. Winkelhaken.
Fig. 2. Winkelhaken.

Ist eine Zeile gefüllt, so muß sie ausgeschlossen werden, d. h. sie muß die genau dem jeweiligen Format entsprechende Breite erhalten und mäßig fest im Winkelhaken sitzen, was entweder durch Verengerung der Wortzwischenräume erreicht wird, oder mittels Verbreiterung der Zwischenräume durch Hinzufügen von Ausschließungen. Von der Regelmäßigkeit und Sorgfalt, mit der diese Arbeit ausgeführt wird. hängt das gute Aussehen des Satzes im Druck und dessen Sicherheit bei allen Manipulationen wesentlich ab. Ist die Zeile vollendet, so wird die dünne Platte aus glattem Metall, die Setzlinie, die ihr bisher als Unterlage diente, hervorgezogen und darübergelegt und mit dem Setzen so lange fortgefahren, bis der [528] Winkelhaken mit Zeilen gefüllt ist. Diese werden dann sämtlich auf einmal mit einem geschickten Handgriff auf ein mit einem Rande versehenes rechtwinkeliges Brettchen (Schiff) oder eine Zinkplatte (Fig. 3) gehoben, bis die zur Bildung einer Spalte oder Seite (Kolumne) oder auch eines Pakets nötige Zeilenzahl erreicht ist. Setzt der Setzer in Seiten, so hat er diese auch mit einem Kolumnentitel zu versehen, der nur aus der Seitenzahl besteht (toter), oder ein Stichwort oder eine kurze Angabe des Seiteninhalts enthält (lebender); auf ihren Fuß legt er zur Erzielung sicherern Haltes einen Unterschlag, bestehend aus Quadraten oder seitenbreiten Metallklötzchen, und umwindet das Ganze dann mit einem festen Bindfaden (Kolumnenschnur).

Fig. 3. Setzschiff.
Fig. 3. Setzschiff.

Die vollendeten Seiten werden bis zur Fertigstellung der für einen Druckbogen erforderlichen Anzahl auf Papierlagen aufbewahrt, oder gleich auf Bretter (Setzbretter) oder Schließplatten und Schließsteine in einer bestimmten, der Aufeinanderfolge der Seiten entsprechenden Reihenfolge gestellt (ausgeschossen), wo alsdann Holz- oder Metallstege von der Breite der auf dem Papier weiß bleibenden, für das Einbinden nötigen Räume (Bund-, Kreuz- und Mittelsteg) um die Seiten gelegt, die Kolumnenschnuren entfernt (die Seiten »aufgelöst«) und die Formen vermittelst eiserner Rahmen geschlossen werden. Das Seitenbilden (Umbrechen) und Schließen und die damit zusammenhängende Unterleitung der Herstellung eines Werkes besorgen meist geschickte Setzer, die Metteursen pages; diese Arbeitsweise, bei welcher der Setzer nur Stücke (Pakete, davon Paketsetzer) glatten Satzes unter Weglassung aller Überschriften aus andrer als für den Textsatz verwendeter Schrift zu liefern hat, wird Miseen pages genannt. Zur Bestimmung der Reihenfolge der fertigen Bogen setzt man eine Ziffer rechts an den Fuß der ersten und die gleiche Ziffer nebst Sternchen an den Fuß der dritten Seite (Signatur), die erste Seite erhält häufig auch noch links in kleiner Schrift eine Norm, die in wenig Worten Titel und Bandzahl eines Werkes anzugeben hat. Die Signaturangabe mit Buchstaben ist in Deutschland außer Brauch, ebenso ist der Kustos, d. h. das früher an den Schluß einer jeden Seite gestellte erste Wort der nächstfolgenden, in Wegfall gekommen.

Der erste Abdruck, der von den geschlossenen Formen oder auch von Seiten und Paketen in Schnuren mittels Presse oder Bürste genommen wird, ist der Korrekturabzug; in diesem zeichnet der Korrektor die vom Setzer veranlaßten Fehler, nach deren Berichtigung durch letztern (Auslassungen nennt man »Leichen«, doppelt Gesetztes »Hochzeiten«) weitere Korrekturabzüge (Revisions- und Superrevisionsbogen) für Verfasser und Verleger hergestellt werden. Ist dann vom Verfasser oder Redakteur die Genehmigung zum Druck erteilt, die richtige Ausführung der letzten Revision, die richtige Stellung der Seiten etc. geprüft, so kann der Druck erfolgen. Diejenige Form, welche die erste und letzte Seite enthält, heißt die äußere, Prima oder Schöndruckform, sie wird in der Regel zuerst ein gehoben und gedruckt; die andre wird als innere, Sekunda oder Widerdruckform bezeichnet. Bei Oktavformat ist dabei in den Formen folgende Stellung der Seiten innezuhalten:

Schöndruckform / Widerdruckform.
Schöndruckform / Widerdruckform.

Der Druck erfolgt entweder in der Handpresse (s. Presse), in der Tretpresse, in der Akzidenzmaschine oder in der Schnellpresse (kurzweg Maschine genannt, ihr Leiter: Maschinenmeister); das Papier, mit Ausnahme von Schreibpapier, wird hierfür teils vorgängig gefeuchtet, d. h. in stärkern oder dünnern Lagen durch Wasser gezogen oder angespritzt, wodurch es geschmeidiger, zur Abnahme der Druckfarbe von der Schrift geeigneter wird, teils trocken gedruckt und, ist der Druck ein feinerer, auch satiniert (s. Satinieren), was ihm die durch das Feuchten verlorne Glätte wiedergibt. Vor dem Druck muß jede Form »zugerichtet« werden, d. h. es müssen alle Ungleichheiten, die infolge von Unebenheit des druckenden Teiles der Presse oder Maschine, resp. Ungleichheit des Druckes als auch durch leichte Unebenheiten in den die Form bildenden Typen, Klischees etc. entstehen können, durch Hinzufügung oder Hinwegnahme seiner Papiereinlagen ausgeglichen werden, eine Operation, die meist zeitraubend ist, bei seinem Illustrationsdruck auch hohe Anforderungen an die Kunstfertigkeit des Druckers oder Maschinenmeisters stellt und ein geschultes Auge verlangt. Um auf einfachere Weise stets vollwertige Bilder zu erhalten, wurden mit Hilfe der Photographie Zurichtschablonen hergestellt; auch benutzt man verschiedene Einstaubmethoden, bei denen mit stark klebender Farbe Abzüge der Illustrationen auf Papier gemacht werden, die man mit seinem Weizenmehl od. dgl. einstäubt und dann zur Fixierung desselben mit einer lackhaltigen Flüssigkeit überspritzt. Die von Albert in München erfundenen Reliefklischees (s.d.) bezwecken ebenfalls eine Vereinfachung des Zurichtverfahrens. Der Druck in der Handpresse erfolgt durch bogenweises Einlegen des Papiers, Zuklappen und Niederlegen von Rähmchen und Deckel, Einfahren des die Druckform tragenden Karrens vermittelst Drehung einer Kurbel, Herüberziehen des Bengels, Wiederausfahren und Auslegen des gedruckten Bogens, welche Operationen einer der beiden Drucker ausführt, während der andre die Farbe verreibt und die Form in der Zeit des Papier-Ein- und Auslegens einschwärzt (»aufträgt«). Die Schnellpresse besorgt alle diese Operationen, mit Ausnahme des Einlegens, selbsttätig, das Auslegen[529] geschieht meist durch einen mechanischen Auslegeapparat; auch sind zweckmäßige Einlegeapparate erfunden, welche die Bogen einzeln vom Papierhaufen abheben und dem Druckzylinder zuführen. Die Rotationsmaschine druckt das Papier von der Rolle, wie es die Papierfabrik liefert; beim Eintritt in die Maschine wird es entweder vor dem Druck in Bogen abgetrennt oder die Abtrennung erfolgt nach demselben; das Auslegen der Bogen geschieht offen oder gefalzt (bei Zeitungen). Der Maschinenmeister hat nach erfolgter Zurichtung nur den Gang der Maschine, die Gleichmäßigkeit der Färbung und die Güte des Druckes zu überwachen (vgl. Schnellpresse). Die gedruckten Bogen werden, wenn es nicht Zeitungen oder andre sofort abzuliefernde Arbeiten sind, zum Trocknen aufgehängt und sodann in Glättpressen geglättet. Die Satzformen wäscht man, wenn »ausgedruckt«, behufs Entfernung der Druckfarbe mit einer in scharfe Lauge getauchten Bürste, spült sie mit reinem Wasser ab und gibt sie dem Setzer zum Auseinandernehmen (Ablegen oder Aufräumen) zurück; beim Ablegen verteilt er die Lettern wieder in die ihnen entsprechenden Kastenfächer, beim Aufräumen werden nur Titel, Überschriften, kurze Zeilen etc. abgelegt, der kompresse Satz aber »aufgebunden«, d. h. in handlichen Stücken mit Kolumnenschnuren umwunden, wenn gut abgetrocknet, in Papier geschlagen und, deutlich etikettiert, für spätern Bedarf im Magazin aufbewahrt. Abgenutzte Typen werden als Zeug an die Schriftgießereien zum Umguß verkauft (vgl. Stereotypie). – Über die verschiedenen Arten des Druckes s. die betreffenden Artikel.

Geschichtliches.

(Hierzu das »Faksimile von Gutenbergs 42zeiliger lateinischer Bibel«.)

Die ältesten technischen Vorgänger der B. bilden die Siegelringe mit eingeschnittenem Bild oder Monogramm, die schon bei den Babyloniern in Gebrauch waren. Sie fanden ihre Verwendung in der Weise der heutigen Petschafte bei der Siegelung von Urkunden und Briefen, weiterhin zur Prägung von Münzen. Die Sitte, Ziegelsteine und Tongefäße vor dem Brande zu stempeln, finden wir in Ägypten, in Griechenland und Rom vielfach betätigt. Mit Farbe bestrichen, wurden die Stempel zur Kennzeichnung der Sklaven, des Viehes benutzt. Neben dem Stempeldruck kannte man schon im grauen Altertum den Zeugdruck, die Fertigkeit, mittels hölzerner Patronen farbige Muster auf Zeug zu drucken; sie soll von den Indern stammen, die in der Zeugindustrie Hervorragendes leisteten. Einen Schritt weiter gingen die Chinesen, die den Holztafeldruck bereits im 10. Jahrh. übten, mit dem sie auch Bücher herstellten. Das Schriftbild zweier nebeneinander stehender Seiten wurde in Spiegelschrift erhaben auf einer Holztafel ausgeschnitten und mit Farbe bestrichen; dann wurde Papier darübergelegt und dieses gegen die Schrift gepreßt, bis das Schriftbild sich abgedrückt hatte. Die Rückseite des Papiers blieb leer.

Dieses Verfahren finden wir später auch im Abendland. Aber die Erzählung, daß Marco Polo solche Holztafeln von China nach Italien gebracht, daß Pamfilo Castaldi sie gesehen und Nachahmungen zum Bücherdruck verwendet, ja daß dieser Mann die Typen einzeln in Holz geschnitten und 1426 die ersten Druckversuche dieser neuen Art gemacht habe, ist zu wenig beglaubigt. Ob freilich die Kenntnis orientalischer Holztafeldruckkunst auf anderm Wege nach dem Abendlande gekommen ist und hier die Entwickelung in irgend einer Weise beeinflußt hat, läßt sich nicht entscheiden.

In Deutschland war der Metallschnitt, ursprünglich zur Herstellung von Grabplatten, zum Schmucke von Prunkgeräten, schon früh in Gebrauch, anfänglich in der Weise, daß das Darzustellende, Bild und Inschrift, erhaben ausgeschnitten wurde, später in der leichtern Art, die Darstellung vertieft einzuschneiden. Für die letztere Form besaß man zur gleichmäßigern Herstellung der Inschriften vielleicht schon bald Stempel mit erhaben ausgeschnittenen Buchstaben, die in das Metall hineingetrieben wurden. Bei der Benutzung des Metallschnittes zum Abdruck ergab die erstere Methode ein schwarzes Bild auf weißem, die letztere ein weißes Bild auf schwarzem Grund. Auch wurden beide Arten der Technik vereint auf derselben Tafel zur Anwendung gebracht. In das Gebiet dieser letztern Arbeitsart gehören die Schrotblätter, bei deren Herstellung nach der Fixierung der Umrisse der Hintergrund mit meißelartigen Instrumenten (Punzen) bearbeitet und eine je nach Wunsch schwächere oder stärkere Schattierung hergestellt wurde. Im Gegensatze zu diesem Tiefdruckverfahren führte die Gewohnheit der Goldschmiede, von den bildlichen Darstellungen, die sie in Metall einschnitten, sich vor der Vollendung ein Abbild zu verschaffen, indem sie die Einschnitte mit Schwärze ausfüllten und diese durch starken Gegendruck auf Papier übertrugen, zur Kunst des Kupferstiches. Über das Ende des 14. Jahrh. hinauf führt aber keine Art des Metalldruckes.

Die Anwendung des Holzschnittes zu Druckzwecken begann ebenfalls frühestens im 14. Jahrh. Die ersten Ergebnisse dieser Tätigkeit waren Spielkarten und Heiligenbilder. Die ältesten Holzschnitte mit Schriftzügen und einer Jahreszahl sind die Darstellungen einer Jungfrau Maria mit der Jahreszahl 1418 und eines heiligen Christophorus mit der Zahl 1423. Aber im erstern Fall ist die Zahl überhaupt, im letztern wenigstens als Druckjahr verdächtig. Zur Herstellung der Abdrücke dieser Holzschnitte wurde der Holzschnitt eingefärbt, dann ein Blatt Papier darübergelegt und auf diesem mit einem Reiber, einem straff gestopften Lederballen, so lange hin und her gerieben, bis das Bild völlig abgedruckt war. Dieselbe Herstellungsweise fand bei den Blockbüchern statt, die hiervon ihren Namen tragen. Sie wurden infolgedessen immer nur auf einer Seite der Bogen bedruckt (s. Anopisthographische Drucke), bis sie später mit der Druckerpresse auch zweiseitig hergestellt wurden. Die Blockbücher, deren älteste und bekannteste Repräsentanten die »Armenbibel«, die »Ars moriendi«, die »Ars memorandi«, der »Heilsspiegel« u. a. sind, werden als die eigentlichen und letzten Vorgänger der B. im heutigen Sinne betrachtet. Indessen gesteht ihnen die neueste Forschung kaum ein über die ältesten Anfänge Gutenbergischer Kunst hinausgehendes Alter zu. Ein besonderes Verfahren zur Anfertigung von Inschriften auf den Buchdeckeln übten die Buchbinder. Sie besaßen Stempel mit linksseitig hineingeschnittenen Buchstaben, die sie auf den Ledereinband preßten. Sie erhielten dadurch ein rechtsseitiges Buchstabenbild in Hochrelief. Der älteste datierte Einband dieser Art stammt aus dem Jahre 1436.

Gutenbergs (s.d.) Ausgangspunkt ist der Stempel, der das Buchstabenbild linksseitig und in erhöhter Form trägt und, eingefärbt, direkt zum Abdruck benutzt werden kann. In dieser Richtung hat sich möglicherweise die ars artificialiter scribendi des Prokop Waldvogel in Avignon bewegt, der dort 1444 bis 1416 eine Art Drucktätigkeit ausübte. Der große Gedanke Gutenbergs, der deshalb mit Recht als Erfinder[530] der B. gefeiert wird, ist die mechanische Vervielfältigung der Buchstaben, die Erfindung des Gießinstruments zur Erzielung einer bis auf das kleinste Maß gemeinsamen völlig gleichen Kegelhöhe und die Erfindung der Druckerpresse. Zwar war Gutenberg mit den Arbeiten der Buchbinder und der Goldschmiede vertraut und daher zu einer solchen Erfindung gut gerüstet, aber er hatte doch unzählige Hemmungen zur endgültigen Ausgestaltung derselben zu überwinden. Auch war er ein Mann von hohem Kunst- und Formensinn, und daher bemüht, seine Erfindung auch vom künstlerischen Standpunkt auf die denkbar höchste Stufe zu bringen. Das beweist überzeugend sein größtes und eigentliches Lebenswerk, die sogen. 42zeilige Bibel (s. Tafel), zu deren Herstellung er sich 1450 mit Johann Fust verband. Sie läßt die Sorgfalt, die er der Form der Buchstaben, im einzelnen sowohl als in der Zusammenstellung mit andern, der Regelmäßigkeit der Abstände, überhaupt der völligen Harmonie des ganzen Textbildes widmete, klar erkennen. Der Druck gab natürlich nur den schwarzen Text, die Initiale und alle übrigen farbigen Zusätze rühren vom Illuminator her.

Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die dem Gutenberg die große Erfindung streitig machten. Die Ansprüche Pamfilo Castaldis sind schon oben beleuchtet. Nicht viel bedeutender sind die Verdienste Prokop Waldvogels, deren ebenfalls schon gedacht wurde; ja er hat selbst nur diese seine Kenntnisse vielleicht erst durch Gutenberg in Straßburg erhalten. Am hartnäckigsten wurde von seinen Landsleuten der Holländer Lorenz Coster (s.d.) als eigentlicher Erfinder der B. verteidigt, aber die für ihn ins Feld geführten Argumente entbehren der notwendigen Beweiskraft. Die Gründe, mit denen man Johann Brito aus Brügge als den Erfinder der neuen Kunst hinstellen wollte, kommen vom wissenschaftlichen Standpunkt aus überhaupt nicht in Betracht.

Eine Besserung in der Herstellung der Typen wird dem Peter Schöffer zugeschrieben, der als Kalligraph in Paris tätig gewesen und von Gutenberg als Gehilfe seiner Kunst nach Mainz berufen war. Er soll zuerst den Gedanken gehabt und ausgeführt haben, die aus Stahl geschnittenen Patrizen in Messing oder Kupfer zu treiben und auf diese Weise eine schärfere und dauerhaftere Matrize für den Guß herzustellen. Man schreibt ihm auch die schöne Texttype und die prächtigen Initiale des von ihm und Fust gedruckten berühmten »Psalteriums« von 1457 zu; indessen ist es nicht unmöglich, daß auch Gutenberg hieran noch ideell beteiligt war.

Eine Kunst, die nicht von einem Mann allein ausgeübt werden konnte, sondern zu der Mitarbeiter notwendig waren, konnte auf die Dauer kein Geheimnis bleiben. Vielleicht ist sie schon in Straßburg, wo Gutenberg seine frühesten Versuche anstellte, auch andern als den uns überlieferten Genossen Gutenbergs bekannt geworden. Johann Mentelins Druckerei in dieser Stadt bestand schon am Ende der 1450er Jahre. In Mainz hatte sich Gutenberg schon 1450, um seine Pläne verwirklichen zu können, mit Johann Fust zur Beschaffung der nötigen Geldmittel verbunden und auch Peter Schöffer hinzugezogen. Nach der Trennung Gutenbergs von seinen Gesellschaftern betrieben beide Parteien selbständig die Druckkunst. Sicher ist auch, daß in Mainz noch vor der Zerstörung dieser Stadt 1462 außer Gutenbergs und der Fustschen Offizin eine dritte, früher oder später wahrscheinlich dem Albrecht Pfister gehörig, bestand, in deren Besitz die Type der 36zeiligen Bibel war. Sicher ist auch, daß Pfister schon am Ende der 1450 er Jahre nach Bamberg übersiedelte, wo er nachweisbar schon 1461 selbständig druckte. Freilich tat die Zerstörung von Mainz ein übriges, und mit einer ganz überraschenden Schnelligkeit verbreitete sich die B. nicht nur in Deutschland, sondern über alle Staaten des gebildeten Europa. Und überall, mit einziger Ausnahme Englands, waren Deutsche die Träger dieses neuen Kulturfaktors. Nach Italien kam die Kunst durch Sweynheym und Pannartz, die 1464 im Kloster Subiaco bei Rom eine Druckerei eröffneten und zwei Jahre später nach Rom übersiedelten, wo inzwischen Ulrich Hahn bereits druckte. Hatte man in Deutschland zuerst, den handschriftlichen Vorlagen entsprechend, nur in gotischer Schrift gedruckt, so wendeten sich die Drucker in Italien bald der dort herrschenden Antiqua zu, die durch Nikolaus Jenson (s.d.) in Venedig zur schönsten Blüte gebracht, und die dann bald auch in Deutschland eingeführt wurde, ohne natürlich die gotische Schrift weder hier noch dort völlig zu verdrängen. In Frankreich errichteten Ulrich Gering, Martin Crantz und Michael Friburger die erste Druckerei auf Wunsch zweier Gelehrten der Pariser Universität, Fichet und Heynlin, 1470 in der Sorbonne. In der ersten Hälfte der 1470er Jahre wurde die Druckkunst in den Niederlanden und in Spanien, vorübergehend auch in Ungarn eingeführt. Nach England brachte sie 1476 William Caxton, der, ursprünglich Kaufmann, in Köln das Drucken erlernt hatte. Nach Dänemark kam sie 1482, nach Schweden 1483.

[Literatur.] Bachmann, Neues Handbuch der B. (Weim. 1875); Waldow, Die B. (Leipz. 1874–76, 2 Bde.); Marahrens, Vollständiges, theoretischpraktisches Handbuch der Typographie (2. Aufl., Kiel 1891); H. Fischer, Anleitung zum Akzidenzsatz (2. Aufl., Leipz. 1893); Waldow, Die Lehre vom Akzidenzsatz (3. Aufl., das. 1899); Goebel, Die graphischen Künste der Gegenwart (Stuttg. 1895–1902, 2 Bde.); I. Müller und Dethleffs, Praktischer Leitfaden für Buntbuchdruck; Jos. Pennell, Die moderne Illustration (Leipz. 1901); Grautoff, Die Entwickelung der modernen Buchkunst in Deutschland (das. 1901); J. I. Weber, Katechismus der B. (das. 1901); Krüger, Die Technik der bunten Akzidenz (Berl. 1900); H. Hoffmann, Systematische Farbenlehre (für Buchdruckereien, Zwickau 1892, 2 Tle.); Th. Lefevre, Guide pratique du compositeur (2. Aufl., Par. 1883, 2 Bde.); Fournier, Traité de la typographie (3. Aufl., Tours 1870); Southward, Practical printing (5. Aufl., Lond. 1899); Mac Kellar, The American printer (8. Aufl., Philad. 1878).

Zeitschriften: »Journal für B.« (Berl., seit 1834); »Archiv für B.« (Leipz., seit 1864); »Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker« (das.); »Deutscher Buch- u. Steindrucker« (Berl.); »Correspondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer« (Leipz.); »Das Buchgewerbe« (das.); »Die Graphische Welt« (Berl.); »Österreichisch-ungarische Buchdruckerzeitung« (Wien); »Schweizer graphische Mitteilungen« (St. Gallen); »Imprimerie« (Par.); »Printers' Register«, »Printing World« (Lond.); »British Printer« (Leicester u. Lond.); »American Printer« (New York); »Inland Printer« (Chicago).

Zur Geschichte: Wetter, Kritische Geschichte der Erfindung der B. (Mainz 1836); Falkenstein, Geschichte der B. (Leipz. 1840); Sotheby, Typography in the 15. century (Lond. 1845); Ottley, Inquiry [531] concerning the invention of printing (das. 1863); de Vinne, Invention of printing (das. 1877); Lorck, Handbuch der Geschichte der B. (Leipz. 1882–83, 2 Bde.); v. d. Linde, Geschichte der Erfindung der B. (Berl. 1886, 3 Bde.); Meisner und Luther, Erfindung der B. (Bielef. 1900); Weigel und Zestermann, Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift (Leipz. 1866, 2 Bde.); Pilinski, Monuments de la xylographie (Faksimiledrucke, Par. 1882ff.); Hochegger, Über die Entstehung und Bedeutung der Blockbücher (Leipz. 1891); Schreiber, Manuel de l'amateur de la gravure sur bois et sur métal an XV. siécle (Berl. 1891ff.); Weiteres s. Gutenberg. Vgl. ferner Bigmore und Wyman, Bibliography of printing (Lond. 1880–84, 2 Bde.); H. Klenz, Die deutsche Druckersprache (Straßb. 1900). – Über das Wappen der Buchdrucker s. Buchdruckerwappen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 528-532.
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