Chicago

[17] Chicago (spr. schìkoago, hierzu der Stadtplan), in der Grafschaft Cook des nordamerikanischen Staates Illinois, ist in sechs Jahrzehnten aus einem Dörfchen von zwölf Häusern zu der zweitgrößten Stadt der Union und der Neuen Welt emporgewachsen. Unter 41°53' nördl. Br. und 87°30' westl. L. an der Südwestecke des Michigansees gelegen, erhebt sich der über 495 qkm ausgedehnte, vollkommen ebene und wahrscheinlich im Sinken begriffene Baugrund der Stadt 179 m über den Meeres-, aber nur 1–6 m über den Michiganseespiegel, so daß er großenteils erst künstlich entsumpft werden mußte. Der innerhalb des Stadtgebietes aus einem Nord- und einem Südarm zusammenfließende Chicagofluß bildete aber einen ziemlich guten Naturhafen und ließ sich durch Regulierung und große Seedammbauten an seiner Mündung sowie durch (gegen 20) Dockanlagen inmitten der Stadt leicht zu einem ganz vorzüglichen ausgestalten. Zurzeit sucht man ihn allerwärts auf 6,3 m zu vertiefen, so daß Ozeandampfer in ihm löschen und laden können. Durch das Wachstum von C. in südlicher Richtung wurde auch der Calumet River mehr und mehr in sein Gebiet hineinbezogen, und an dessen Mündung sind ebenfalls stattliche Kunsthafenanlagen geschaffen oder im Werk. Als der südwestliche Endpunkt der großartigen Lorenzseenwasserstraße und als der natürliche Hauptausgangspunkt eines sehr reichen Hinterlandes wurde C. aber zugleich der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt des Kontinents, in dem die Schienenstraßen von 35 Systemen zusammenlaufen. Mit dem Mississippi wurde sein Hafen durch den Illinoiskanal in Schiffahrtsverbindung gesetzt. Das Klima ist im Sommer heiß (bis 42°), im Winter wechselvoll und kalt (bis -30°), und der Spottname »Windstadt« (»Windy City«) hat auch seine Begründung.

Die breiten und geraden Straßen der Stadt verlaufen teils dem Michiganseeufer parallel von S. nach N., teils rechtwinkelig dazu von O. nach W., und nur einige gehen fächerförmig von der Mitte aus. Die beiden Arme des Chicagoflusses queren 65 Brücken und 3 Tunnel. Das Hauptgeschäftsviertel liegt zwischen dem See und dem Südchicagosluß, und die Hauptverkehrsadern sind neben State-Street (dem Broadway von C.) Wabash- und Michigan-Avenue, Washington-, Market- und South-Water-Street. Ebenda befinden sich auch die hervorragendsten Bauten, die z. T. über 20 Stockwerke hoch sind: das in französischem Renaissancestil ausgeführte Stadt- und Gerichtshaus, das Post- und Zollhaus, das Auditorium mit 82 m hohem Turm, großem Hotel und Theater, der Freimaurertempel, die Kunsthalle, die Musikhalle, die öffentliche Bibliothek, das Handelskammergebäude u. a. Um die eigentliche Stadt führen in einer Länge von 60,3 km die sogen. Boulevards, breite, baumbepflanzte Wohnstraßen, welche die hauptsächlichsten der 17 öffentlichen Parke miteinander verbinden: den 125 Hektar großen Lincoln-Park im NO., mit Standbildern Lincolns, Grants, Schillers und Lassalles und einem 25 m hohen elektrischen Springbrunnen, den 91 Hektar großen Humboldt-Park im NW., den Garfield- und Douglas-Park, 75 und 74 Hektar, im W., und den Washington- und Jackson-Park, 371 und 237 Hektar, im S. Im letztgenannten fand 1893 die Weltausstellung statt, deren großartige Bauten z. T. erhalten geblieben sind (s. Tafel »Ausstellungsbauten III«). Auch die 32 Kirchhöfe, darunter der Rosehill Cemetery im NW. und der Oakwood Cemetery im S., sind parkartig angelegt. Von den 700 Kirchen und Bethäusern sind 148 methodistisch, 116 katholisch, 75 kongregationalistisch, 61 baptistisch, 49 presbyterianisch, 42 episkopal, 31 deutsch- und 16 schwedisch-lutherisch, 20 israelitisch etc. Nur wenige, wie die katholische Kathedrale, die St. Jameskirche, die Peter Paul-Kirche, die Immanuelkirche, der Sinaitempel, sind aber architektonisch hervorragend. In der äußern Stadt sind leicht gebaute Holzhäuser noch immer vorherrschend. Ein großartiges Wasserwerk im Michigansee mit einem 40 m hohen Turm, 6,9 km vom Ufer, liefert täglich 6,750,000 hl Nutz- und Trinkwasser, daneben gibt es 40 artesische Brunnen und besondere Wasserleitungen für den Norden und Westen. Das System der Abzugskanäle hatte seine Öffnungen bislang im Chicagofluß und im See, die sanitären und sonstigen Mißstände daraus (Typhusepidemie 1891) haben aber zu der Herstellung des großen Chicago-Drainagekanals geführt, der 48 m breit, 6,6 m tief und 45 km lang ist, die Abwässer zum Desplaines- und Illinois River führt und den Lauf des Chicagoflusses in einem gewissen Umfange künstlich umgekehrt hat. Die Benutzung dieses Kanals zu Schiffahrtszwecken ist in Aussicht genommen. Acht große Bahnhöfe, in denen täglich gegen 200 Postzüge und 10,000 Güterwagen einlaufen, vermitteln den Verkehr nach außen, eine städtische Hochbahn sowie zahlreiche elektrische und Kabelbahnen und Omnibusse den im Innern. Die elektrische Kraft für den Bahnbetrieb sowie für die vorhandenen 4400 öffentlichen Bogenlampen liefern in der Hauptsache zwei große Gesellschaften.[17]

Die Bevölkerung betrug 1840: 4353,1850: 29,963,1870: 298,977,1890: 1,099,850 und 1900: 1,698,575 (darunter 587,192 im Ausland Geborne, insbes. sehr zahlreiche Deutsche, und 31,435 Farbige). Todesfälle gab es 1900: 27,533 oder 16,2 auf das Tausend (gegen 20,4 in New York).

Sehr gewaltig ist der Handel von C., und sein gesamter Warenumsatz wird für 1900 auf 2030 Mill. Doll. bewertet. Seinen Getreidehandel vermitteln 81 Elevatoren mit einem Aufspeicherungsraum für 57,245,000 Bushels, denen 1900: 48 Mill. B. Weizen, 134,7 Mill. B. Mais, 105,2 Mill. B. Hafer und 17,8 Mill. Bushel Gerste zuflossen. Daneben wurden 9,3 Mill. Faß Mehl zugeführt. Der Auftrieb zu seinen berühmten Viehhöfen (Union Stock Yards), die 75,000 Rinder, 300,000 Schweine, 50,000 Schafe und 5000 Pferde nebeneinander zu halten fähig sind, betrug 1900: 2,733,359 Rinder, 8,714,500 Schweine und 3,556,603 Schafe; die Kohlenzufuhr 8,4 Mill. Ton., die Salzzufuhr 2,9 Mill. T. und die Eisenerzzufuhr 2,5 Mill. T. Ebenso ist C. unbestritten der erste Holzmarkt der Union und der Welt (mit einem Eigenverbrauch von 600 Mill. QFuß Weißkiefernholz jährlich) sowie zugleich auch ihr erster Stahl- und Eisenmarkt, während sein Tabakhandel sich 1900 auf 25 Mill. Doll. belief. In seinen Hafen liefen 1900: 8714 Schiffe mit einem Gehalt von 7,044,995 T. ein und 8839 Schiffe mit 7,141,195 T. aus. Die Einnahme der Post in C. betrug 1901: 7,706,501 Mill. Doll., d. h. reichlich doppelt soviel wie in Philadelphia und nur 23 Proz. weniger als in New York. In manchen der großen Warenhäuser (Department Stores) zählt man 4000 Angestellte. Als Geldmarkt ist C. neuerdings ebenfalls sehr hervorragend. Der Gesamtumsatz seiner 61 Banken (darunter 21 Nationalbanken) bezifferte sich 1900 auf 6,811,052,828 Doll. Unter den 23 Konsulaten ist auch ein deutsches Berufskonsulat.

Kaum weniger bedeutend ist die Industrie, die 1900: 13,950 Fabrikanlagen mit 328,250 Arbeitern zählte. Obenan steht die Schlächterei und Fleischverpackung, die mit gegen 25,000 Mann (die Firma Armour u. Komp. allein mit 8000) im Jahre bis 8,016,675 Schweine (1899), 1,795,354 Rinder (1900) und 3,075,548 Schafe (1900) verarbeitete. Aber auch in der Eisen- und Stahlbereitung, Erntemaschinenfabrikation, Möbelindustrie, Handschuhfabrikation, im Orgel- und Pianofortebau (jährlich 30,000 Orgeln und 40,000 Pianos) etc. ist C. der erste Platz der Union, und in der Bekleidungs-, Teppich-, Fahrrad-, Bergbaumaschinen-, Eisenbahnwagenfabrikation etc. wetteifert es mit New York, Philadelphia etc. Das große Illinois-Stahlwerk zählt 12,000 Arbeiter, die Pulmanwagenfabrik 5000, zwei große Erntemaschinenfabriken lieferten 1900: 200,000 Mähmaschinen, eine Handschuhfabrik täglich 12,000 Paar Handschuhe, eine Schuhfabrik täglich 2000 Paar Schuhe, die Brauereien der Stadt 1900: 378,811,000 Lit. Bier und die Mühlenwerke 1,274,776 Fässer Mehl.

Auch im Bildungswesen beansprucht C. mehr und mehr einen hohen Rang. Die Zahl der freien öffentlichen Schulen betrug 1901: 382, außer den zahlreichen Kirchen- und Privatschulen. Die von verschiedenen Millionären mit 7,372,559 Doll. dotierte Universität von C. hatte 1900: 296 Lehrer, 3520 Studenten, eine Bibliothek von 300,000 Bänden und 36 Zweigveranstaltungen für öffentliche Vorträge (die sogen. University Extension), die Universität des Nordwestens im Vorort Evanston 244 Lehrer, 2629 Studenten und 45,764 Bibliothekbände, das Armour-Polytechnikum 38 Lehrer, 1000 Studenten und 15,000 Bände. Daneben sind namhaft das presbyterianische theologische Mc Cormick-Seminar, das deutsch-lutherische theologische Seminar, die theologischen Seminare der Episkopalen und Baptisten, das Ignatius College, das Procopius College, das Lewes Institute, das Lassalle Institute, 20 Medizin- und Dentistenschulen, die Gewerbschule (Manual Training School) etc. Für Taubstumme gibt es 11 Institute. Unter den 20 Bibliotheken sind die öffentliche Bibliothek (gegen 250,000 Bände, s. Tafel »Bibliothekgebäude I«, Fig. 3), die Newberry-Bibliothek (100,000 Bände) und die Bibliotheken der historischen und der juristischen Gesellschaft die bedeutendsten. Das Chicago Art Institute hat eine schöne Kunstsammlung. C. ist katholischer Erzbischofsitz und hat 22 Klöster. Von Wohltätigkeitsanstalten besitzt C. 41 Krankenhäuser, darunter ein deutsches, ebenso ein deutsches Waisenhaus, Halbwaisenhaus, Waisenhaus für Zeitungsjungen und Stiefelputzer, Findelhaus, Asyle für Unheilbare, gefallene Mädchen, zur Heilung von Trunkenbolden, St. Vincents Kinderasyl mit Hospital für Mütter, ein Armenhaus, ein Heim für alte Frauen, ein deutsches »Altenheim« für Deutsche, ein Irrenhaus, eine deutsche Gesellschaft, die sich der eingewanderten Deutschen annimmt, ein israelitischer Wohltätigkeitsverein u. a.

Unter den zahlreichen Klubs mit hervorragenden eignen Gebäuden befindet sich auch ein deutscher, der »Germania-Männerchor«. Auch die Freimaurerlogen, darunter sechs deutsche, haben eigne, z. T. stattliche Gebäude (s. Tafel »Hohe Häuser«). Die 25 Theater sind meist von untergeordnetem Rang, Musik und Gesang (meist unter deutscher Leitung) werden dagegen in hervorragender Weise gepflegt. Es erscheinen 24 tägliche Zeitungen, darunter die deutschen »Illinois-Staats-Zeitung«, »Freie Presse«, beide mit besonderm Sonntagsblatt, »National-Zeitung«, »Abendpost« und die sozialistische »Arbeiter-Zeitung«, ferner 36 halbwöchentliche, 260 wöchentliche und 162 monatliche Zeitschriften. Ferner gibt es 4 schwedische, 2 dänische und eine polnische Zeitung. Die Verwaltung der Stadt besorgen ein Bürgermeister (Mayor) mit einem Registrator, Schatzmeister, Rechtsanwalt und 68 Stadträten, die sämtlich von den Bürgern auf zwei Jahre gewählt werden, während die übrigen Beamten ihre Ernennung vom Bürgermeister erhalten. Die Polizei zählte 1890: 1625 Mann und kostete 979,894 Doll. jährlich, die Feuerwehr, 916 Mann mit 63 Spritzen, kostete 700,437 Doll. Die städtischen Finanzen befinden sich in sehr gutem Zustand; obwohl von 1880–1900 der steuerpflichtige Besitz von 117,970,035 auf 363,116,845 sich erhöhte, wuchs doch die Gemeindeschuld von 12,794,271 nur auf 25,576,468 Doll.

C. nimmt die Stelle des 1804 zum Schutz gegen die Poltawatomie-Indianer gegründeten Fort Dearborn ein. Doch standen 1830 hier erst 13 kleine Häuser, und 1837 hatte die Stadt erst 4179 Einw. Ihr Wachstum, besonders gefördert durch die Ausführung des Illinois- und Michigankanals, hat seitdem mit dem des »Westens« Schritt gehalten. Auch die großen Feuersbrünste 1871 und 1874 (Schaden von 194 Mill. Doll.) konnten das Wachstum der Stadt nicht aufhalten; verjüngt nahm sie seitdem einen selbst in Amerika unerhörten Aufschwung. Vgl. Sheahan, C., seine Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft (deutsch u. engl., Chicago 1872); Andreas, History of C. (das. 1885, 3 Bde.); Schick, C. and its environs[18] (das. 1891); Seeger, C., die Geschichte einer Wunderstadt (das. 1892); v. Hesse-Wartegg, C., eine Weltstadt im amerikanischen Westen (Stuttg. 1893); Kirkland, The story of C. (Chicago 1895, 2 Bde.). – Über die 1893 in C. abgehaltene Weltausstellung (Worlds Columbian Exhibition) s. Ausstellungen und Ausstellungsbauten.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 17-19.
Lizenz:
Faksimiles:
17 | 18 | 19
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gustav Adolfs Page

Gustav Adolfs Page

Im Dreißigjährigen Krieg bejubeln die deutschen Protestanten den Schwedenkönig Gustav Adolf. Leubelfing schwärmt geradezu für ihn und schafft es endlich, als Page in seine persönlichen Dienste zu treten. Was niemand ahnt: sie ist ein Mädchen.

42 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon