Gesang

[672] Gesang ist Steigerung des musikalischen Elements (der Vokalisation, des Tonfalles) der Rede. Dasselbe [672] Organ, das der Rede dient, dient auch dem G., nämlich der Kehlkopf mit den Stimmbändern in Verbindung mit den Respirationsorganen und dem Resonanzapparat (vgl. den Artikel »Stimme«). Je geringer der Affekt ist, den der G. zum Ausdruck bringt, desto mehr wird er der wirklichen Rede noch nahestehen, so im Parlando, im Rezitativ, überhaupt in einer schlichten erzählenden oder beschreibenden Vortragsweise. Dagegen wird der gesteigerte Affekt die Melodie immer mehr vom Wort und seinem Rhythmus emanzipieren und charakteristische, rein musikalische Ausdrucksformen annehmen, so im wortlosen Jodler des Naturgesanges, so im kolorierten G. der Kunstmusik. Darum ist es ein Fehlschluß, im strengsten Anschluß an die Wortbetonung das höchste Ideal des Gesanges zu sehen, so berechtigt die ästhetische Forderung ist, daß in der Verbindung von Poesie und Musik die letztere die erstere nicht in Schatten stellen dürfe. Vielmehr ist das Rezitativ nicht die höchste, sondern die niedrigste Stufe wirklichen Gesanges. Die Melodie, die erst zu den höhern Stufen des Gesanges überführt, ist selbständiger musikalischer Ausdruck des im Text poetisch ausgedrückten Inhalts; dieselbe darf zwar nicht den Anforderungen der korrekten Deklamation widersprechen, ist aber aus dieser heraus nicht zu entwickeln. Die Bedeutsamkeit des melodischen Ausdrucks ist eine viel allgemeinere und ursprünglichere als die der konventionellen Symbole der Worte, die ja in den verschiedenen Sprachen verschieden sind. Deshalb ist wirklicher G., melodischer Liedgesang, sogar wahrscheinlich die älteste Gattung aller Musik und erst in Nachahmung desselben entwickelt sich Instrumentalmusik (vgl. Musik, Geschichte). Wenn auch schon das Altertum Gesangsvirtuosen kannte, dann die Kirche im Mittelalter zur Ausführung der reich mit Verzierungen ausgeschmückten liturgischen Gesänge in besondern Gesangsschulen geeignete Kräfte ausbildete, und auch die Gesänge der Troubadoure und Minnesinger mit ihren Melismen auf eine kunstvolle Gesangsübung hinweisen, so ist doch die Gesangskunst besonders seit dem Ende des 16. Jahrh. zum Gegenstand einer weitschichtigen Lehre geworden. Den Anfang machen ausführliche Anweisungen zur Ausschmückung der Melodien mit allerlei Passagen, Trillern etc. von G. B. Bovicelli, Regole, passagi di musica (Vened. 1594); Lud. Zacconi, Pratica di musica (das. 1596) u. a. Vgl. H. Goldschmidt, Die italienische Gesangsmethode des 17. Jahrhunderts (Bresl. 1891); Chrysander, Ludovico Zacconi als Lehrer des Kunstgesanges (»Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft«, Leipz. 1891). Auch die Vorreden von Caccinis »Nuove musiche« (Flor. 160 1) und Durantes »Arie divote« (Rom 1608) stehen in der Hauptsache noch auf diesem Standpunkte.

Die menschliche Stimme ist das allein von der Natur direkt gegebene, aber zugleich das vollendetste und höchststehende Musikinstrument; aber nur wenige Stimmbegabte haben von der Natur gleich die rechte Art des Singens mit erhalten, und auch die beste Stimme ist nichts wert, wenn sie schlecht behandelt wird. Das Singen ist eine Kunst, die außer natürlicher Begabung auch Schule voraussetzt. Die verschiedenen, bei der Ausbildung der Stimme für kunstmäßigen G. in Betracht zu ziehenden Momente sind: 1) Bildung des richtigen Ansatzes (s.d.), der für den G. geeigneten Resonanz der Vokale; 2) Schulung des Atemholens und Atemausgebens (mittels der messa di voce), also Kräftigung der Respirationsorgane, welche die erste Vorbedingung einer Kräftigung der Stimme ist; 3) Übung im Festhalten der Tonhöhe (zugleich eine Übung der beteiligten Muskeln und Bänder und des Gehörs, ebenfalls mittels der messa di voce); 4) Ausgleichung der Klangfarbe der Töne (wobei zu beachten ist, daß manchmal ein einzelner Ton schlecht anspricht); 5) Erweiterung des Stimmumfanges (durch Übung der Töne, die dem Sänger bequem zu Gebote stehen); 6) Übung der Biegsamkeit der Stimme (zunächst langsame Tonverbindung in engen und weiten Intervallen, später Läuferübungen, Triller, Mordente etc.); 7) Ausbildung des Gehörs (systematische Treffübungen, Musikdiktat); 8) Übungen in der richtigen Aussprache (am besten durch Liederstudium); 9) Übungen im Vortrag (durch geschickte Auswahl von Werken verschiedenartigen Charakters für das Studium). Die ersten wirklichen Gesangsschulen sind die von J. A. Herbst, »Musica practica..., d. h. eine kurze Anleitung zum Singen« (Nürnb. 1642), Joh. Crüger, »Musica practica..., der rechte Weg zur Singkunst« (Berl. 1660), und P. Fr. Tosi, »Opinioni de' cantori antichi e moderni« (1723; Neudruck, Neapel 1904; deutsch von Agricola, 1757) sowie J. A. Hillers »Anweisung zum musikalisch richtigen G.« (Leipz. 1774) und »Anweisung zum musikalisch zierlichen G.« (das. 1780), die zuerst auf die Methode der Stimmbildung selbst eingehen. Berühmte Gesangsschulen waren die des Pistocchi zu Bologna (fortgesetzt durch seinen Schüler Bernacchi, die berühmteste von allen), die des Porpora (der zu Venedig, Wien, Dresden, London und zuletzt in Neapel lebte und lehrte), die von Leo, Feo (Neapel), Peli (Mailand), Tosi (London), Mancini (Wien) etc. Besonders hervorragende Sänger des 18. Jahrh. waren die Kastraten: Ferri, Pasi, Senesino, Cusanino, Nicolini, Farinelli, Gizziello, Caffarelli, Salimbeni, Momoletto; die Tenoristen Raaff, Paita, Rauzzini; unter den Sängerinnen ragen hervor: Faustina Hasse, die Cuzzoni, Strada, Agujari, Todi, Mara, Corona Schröter, M. Pirker, Mingotti. Auch das 19. Jahrh. hat eine Reihe ausgezeichneter Lehrmeister zu verzeichnen, welche die Traditionen der alten italienischen Schule weiter vererbten oder noch vererben, wie: Aprile, Minoja, Vaccaj, Bordogni, Ronconi, Concone, Pastou, Panseron, Duprez, Frau Marchesi, Lamperti, Panofka, M. Garcia. Von deutschen Gesanglehrern der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart sind hervorzuheben: Hauser, Engel, Götze, Schimon, Stockhausen, Sieber, Hey etc. Aus der großen Reihe berühmter Sänger und Sängerinnen des 19. Jahrhunderts seien nur noch genannt die Sängerinnen: Catalani, Schröder-Devrient, Sontag, Milder-Hauptmann, Lind, Ungher-Sabatier, Pisaroni, Alboni, Zerr, Viardot-Garcia, Malibran, Pasta, Nan, Nissen-Salomon, Tietjens, Persiani, Artôt, Patti (Adelina und Carlotta), Trebelli, Cruvelli, Nielsson, Mombelli, Alboni, Lucca, Mallinger, Orgeni, Peschka-Leutner, Wilt, Materna, Saurel, Gerster, Thursby, Albani, Vogl, Prevosti, Malten, Sucher, Am. Joachim, Sachse-Hofmeister, Herm. Spies, M. Sembrich, Arnoldson, Beeth, Bellincioni, Lilli Lehmann, Destinn, Herzog, Greeff-Andrießen, Hauck, Gulbranson, Götze, Huhn, Niclaß-Kemptner, Nordica, Renard, Sanderson, Schumann-Heink, Ternina etc.; der Sopranist Velluti (der letzte Kastrat, noch 1825–26 in London); die Tenoristen: Tacchinardi, Crivelli, Ponchard, Braham, Franz Wild, Audran, Reeves, Rubini, Duprez, Nourrit, Tamberlick, Schnorr v. Carolsfeld, Tichatschek, Roger, Martini, Mario, Capoul, Achard, [673] Vogl, Niemann, Sontheim, Wachtel, Götze, Gudehus, van Dyck, Kraus, Winkelmann, I. de Reßke, Wüllner; die Baritonisten: Pischek, Marchesi, Kindermann, J. H. Beck, Betz, Mitterwurzer, Stägemann, Stockhausen, Faure, Gura, Scheidemantel, Andrade, Bulß, Messchaert, Reichmann, van Rooy, und die Bassisten: Agnesi, Battaille, L. Fischer, Lablache, Tamburini, Staudigl, Levasseur, Bletzacher, Scaria, Krolop, E. de Reßke, Sistermans, Planck. Von Schulwerken für das Studium des Gesanges sind besonders die von Panofka, Panseron, Marchesi, Sieber, Hauser, Hey, Stockhausen, H. Goldschmidt, Iffert zu empfehlen unter Zuhilfenahme der Solfeggien und Vokalisen von Vaccaj, Concone, Bordogni etc. – Über den G. der Vögel s. Stimme und Vögel.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig 1907, S. 672-674.
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