Kehlkopf

[806] Kehlkopf (Larynx, hierzu Tafel »Kehlkopf«), bei den Wirbeltieren eine Verstärkung und Umbildung eines Teiles der Luftröhre. Er besteht bei den Amphibien aus zwei Knorpelstreifen, die durch Muskeln bis zum Verschluß der Luftröhre, an deren Anfang sie liegen, genähert werden können. Es kommt bereits, wie auch dann bei den Reptilien, zur Bildung eines ringförmigen Knorpels, der jene Streifen (die sogen. Stellknorpel) trägt. Bei den Vögeln und Säugetieren zerfällt er selbst wieder in zwei oder mehrere Knorpelstücke (Schild- und Ringknorpel, Fig. 3, 4 u. 8), zu deren Bewegung verschiedene Muskeln dienen. Der Eingang zum K. ist bei Reptilien und Vögeln unvollkommen, bei den Säugetieren vollkommen durch einen eignen Knorpel, den Kehldeckel, verschließbar (Fig. 5 u. 9). Im Innern des Kehlkopfes bilden sich aus Falten der Schleimhaut die Stimmbänder, die an den Stellknorpeln befestigt sind und durch diese bewegt werden, so daß die Spalte (Stimmritze, Fig. 1 u. 2) zwischen ihnen ihre Weite ändern kann. Sie finden sich bei vielen Fröschen und Eidechsen, den Krokodilen und den Säugetieren u. sind zur Hervorbringung der Stimme nötig. Diese spielt bei den Vögeln im Gegensatz zu dem Verhalten der Reptilien eine große Rolle und so kommt bei ihnen außer dem obern, an der gewöhnlichen Stelle befindlichen, noch ein sogen. unterer K. (Syrinx) zur Ausbildung.

Kehlkopf der Ente. L Luftröhre, Br Bronchien, T Trommel.
Kehlkopf der Ente. L Luftröhre, Br Bronchien, T Trommel.

Er pflegt am Übergang der Luftröhre in die Bronchien zu liegen und dient als hauptsächliches Stimmorgan; an seiner Bildung sind Luftröhre u. Bronchien gewöhnlich in der Weise beteiligt, daß die drei untersten Ringe der erstern sich sehr eng vereinigen und die drei obersten Bronchialringe sehr bedeutend verstärkt werden (Fig. 7). Das ganze Organ bleibt also in seinen untern Partien zweiteilig und dies gilt auch von den Stimmbändern, die sich in ihm entwickeln und zur Bildung einer doppelten Stimmritze führen. Ein oft recht komplizierter Muskelapparat, der für die Erweiterung und Verengerung des Syrinx und somit für die Modulation der Stimme sehr wichtig ist, erstreckt sich zwischen Luftröhre und Bronchien (Fig. 6). Eine eigentümliche Ausgestaltung des untern Kehlkopfes kommt besonders bei Wasservögeln, z. B. bei der männlichen Ente, indem das untere Ende der Luftröhre eine als Resonanzapparat fungierende umfangreiche Austreibung, die sogen. Trommel, erhält (s. Textfigur).

Der K. des Menschen (s. beifolgende Tafel, Fig. 1, 2, 5, 8 u. 9) liegt am Zungenbein durch Bänder befestigt, vorn in der Mitte des Halses. Von seinen Knorpeln ist der Schildknorpel (cartilago thyreoidea) der größte; er bildet die vordere und seitliche Wand des Kehlkopfes. Sein am meisten hervorragender Teil heißt Adamsapfel. Der Ringknorpel (cartilago cricoidea) bildet einen Ring, der vorn viel niedriger als hinten ist; unten hängt er mit den Knorpelringen der Luftröhre durch Fasergewebe zusammen (Fig. 8). Die Stellknorpel, ihrer Form wegen Gießbeckenknorpel (cartilagines arytaenoideae) genannt, sind oben am Ringknorpel beweglich eingelenkt und bilden den obern Teil der hintern Wand des Kehlkopfes (Fig. 5). Der Kehldeckel (epiglottis) endlich, eine dünne, herzförmige Knorpelplatte, dicht unter der Zungenwurzel hinter dem Schildknorpel und Zungenbein, steht gewöhnlich aufrecht und etwas schräg nach hinten (Fig. 9) und ist der innern Fläche des Schildknorpels (der Stelle des Adamsapfels entsprechend) angeheftet. Die Stimmbänder (ligamenta glottidis oder vocalia) sind zu zwei Paaren zwischen der hintern Fläche des Schildknorpels und der vordern Ecke der Gießbeckenknorpel, also von vorn nach hinten mitten durch die Höhle des Kehlkopfes ausgespannt (Fig. 1 u. 2). Die Spalte zwischen ihnen, die Stimmritze (glottis), ist bei Männern 19–25, bei Weibern 14–17 mm lang, vorn eng, hinten weiter, kann aber auch durch die Bewegungen der Gießbeckenknorpel noch erweitert oder verengert werden. Die beiden obern Stimmbänder, falsche Stimm- oder Taschenbänder, haben mit der Bildung der Stimme nichts zu tun; sie sind dünn und schlaff und begrenzen die sogen. Morgagnische Tasche (die Ausweitung der Kehlkopfhöhle zwischen dem obern und untern Stimmband) nach oben. Die Morgagnischen Taschen zeigen beim Menschen individuelle Schwankungen und dadurch Anklänge an die Verhältnisse der Affen, bei denen sie oft stark ausgedehnt, beim Schimpansen sogar als drei recht umfangreichen Säcke entwickelt sind (Fig. 4). Der K. mancher Affen, vor allem der Brüllaffen (Fig. 3) erlangt überhaupt eine für die mächtige Stimme besonders geeignete Ausbildung. Die untern oder echten Stimmbänder sind stärker gespannt, dichter und faseriger als jene. – Außer den die Lage des Kehlkopfes verändernden Muskeln, die von ihm nach unten zum Brust-, nach oben zum Zungenbein verlaufen, sind an ihm selbst kleinere, zur Bewegung der einzelnen Knorpel dienende Muskeln vorhanden. Ein solcher Muskel zieht den Kehldeckel herab und verschließt beim Schlucken den Eingang zum K. Die Höhle des Kehlkopfes ist mit einer Schleimhaut ausgekleidet, die an ihrer freien Fläche (mit Ausnahme der Stellen am Kehldeckel und an den echten Stimmbändern) mit Flimmerzellen besetzt und außerdem reich an Schleimdrüsen ist. Die Nerven des Kehlkopfes stammen vom Vagus (s. d.). Über die physiologische Bedeutung des Kehlkopfes s. Stimme. – Der K. des Mannes ist bedeutend größer und umfangreicher als der des Weibes. Beim Kind ist er noch klein, nimmt aber zur Zeit der Pubertät ziemlich schnell seinen vollen Umfang an; beim Jüngling erfolgt zugleich der Stimmwechsel. Die Knorpel des Kehlkopfes (mit Ausnahme des Kehldeckels) verknöchern gern, oft schon im Mannesalter, fast immer (zumal beim männlichen Geschlecht) beim Greise.

Kehlkopfkrankheiten.

Der K., und zumal seine Schleimhaut, ist mannigfachen Erkrankungen unterworfen. Am häufigsten kommen leichtere Schleimhautentzündungen vor (Kehlkopfkatarrhe), die bald akut, bald chronisch verlaufen und meist durch Einatmung rauher und kalter oder staubiger, überhaupt verunreinigter Luft, nicht selten auch durch übermäßig angestrengtes Sprechen und Singen entstehen. Die chronischen Formen sind durch häufige Einwirkung dieser Schädlichkeiten, ferner bei herzkranken Personen sowie bei ältern Leuten, die an Lungenemphysem leiden, durch die dauernde Überfüllung der Schleimhaut mit venösem Blut (Cyanose) bedingt. Beim Kehlkopfkatarrh sondert die gerötete und mehr oder minder geschwollene Schleimhaut reichlich zähen, oft eiterähnlichen Schleim ab. Der [806] Kranke empfindet fortwährendes Kitzeln, einen Reiz im K., der ihn zu öfterm Husten nötigt. Je stärker die Schleimhautschwellung, um so mehr ist auch die Stimme verändert. Gewöhnlich ist Heiserkeit, manchmal vorübergehende Stimmlosigkeit vorhanden; nicht selten springt die Stimme aus dem ihr hierbei eigentümlichen rauhen und tiefen Ton unwillkürlich in eine sehr hohe Tonlage über. Eine schwere Entzündung der Kehlkopfschleimhaut ist der Krupp oder die häutige Bräune. Eine seltene, aber gefährliche Entzündung im Bereich des Kehlkopfes ist die Knorpelhautentzündung (Perichondritis laryngea), bestehend in einer Eiterung um die Kehlkopfknorpel, die sogar die Abstoßung und Aushustung von Knorpelstücken herbeiführen kann. Die Schleimhaut des Kehlkopfes ist häufig der Sitz von Geschwüren, besonders syphilitischen und tuberkulösen. Syphilis kann furchtbare Zerstörungen anrichten, teils durch die von der Schleimhaut ausgehende Verschwärung, teils durch die der Heilung folgende Narbenbildung. Dabei kann dauernde Stimmstörung und auch allmählich eintretende Narbenschrumpfung, Stimmritzenverengerung mit Erstickungsgefahr die Folge sein. Über Kehlkopfödem s. Glottisödem. Kehlkopfschwindsucht besteht in dem Auftreten einzelner oder zahlreicher, oft sehr ausgedehnter tuberkulöser Geschwüre der Kehlkopfschleimhaut, durch welche die Stimmbänder zerstört, einzelne Knorpel des Kehlkopfes ausgelöst und ausgestoßen, der Kehldeckel manchmal ganz vernichtet wird. Diese Verschwärung führt zu Heiserkeit oder Stimmlosigkeit, zuweilen auch durch die begleitende Anschwellung der Schleimhaut zu lebensgefährlicher Verengerung der Stimmritze. Kehlkopfschwindsucht kommt nur selten primär vor, in der Regel entsteht sie bei an Lungenschwindsucht Leidenden (in ca. 30 Proz. der Fälle). Doch ist nicht jede Störung im K. bei schwindsüchtigen Personen Zeichen von Kehlkopfschwindsucht, sondern auch oft von harmlosern katarrhalischen Entzündungen abhängig. Kehlkopfpolypen sind kleine, bald schmal gestielte, bald breit aufsitzende Geschwülste von verschiedenem Gefüge, die im allgemeinen dadurch störend wirken, daß sie die freie Schwingung der Stimmbänder hindern, daher Heiserkeit oder vollständige Stimmlosigkeit erzeugen. Größere Polypen können durch Verengerung der Stimmritze Atemnot, selbst Erstickungsgefahr hervorrufen. Die meisten Kehlkopfpolypen sind warzenförmige Geschwülste von an sich gutartigem Charakter, die jedoch durch Umfang und Anzahl höchst unbequem werden können. Auch bösartige Geschwülste, Krebse u. dgl., kommen nicht selten im K. vor. Umschriebene oder mehr ausgebreitete Verdickungen der Schleimhaut, Pachydermien, kommen selbständig u. als Folge andrer Erkrankungen vor. Über Stimmritzenkrampf s. d. Stimmbandlähmung wird erfolgreich durch den galvanischen Strom behandelt. Die Behandlung der Kehlkopfkrankheiten muß je nach der Krankheit und dem Kranken eingerichtet und vom Arzt geleitet werden. Ihre Erkennung erfordert fast stets Besichtung des Kehlkopfes mit dem Kehlkopfspiegel oder durch direkte Laryngoskopie (s. Beleuchtungsapparate, medizinische). Wenn Kehlkopfleiden operative Behandlung erfordern, so erfolgt diese gewöhnlich vom Mund aus (endolaryngeale Operationen), seltner durch Eröffnung des Kehlkopfes von außen. Die Entfernung des halben oder ganzen Kehlkopfes bei bösartigen Erkrankungen ist oftmals ausgeführt worden. Die Lehre von den Kehlkopfkrankheiten heißt Laryngologie.

Vgl. Merkel, Der K. (Leipz. 1873); Gegenbaur, Die Epiglottis (das. 1892); Bruns, Die Laryngoskopie und die laryngoskopische Chirurgie (2. Ausg., Tübing. 1873); Tobold, Laryngoskopie und Kehlkopfkrankheiten (3. Aufl., Berl. 1874); Krieg, Atlas der Kehlkopfkrankheiten (Stuttg. 1892); Stoerk, Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes etc. (das. 1876–80, 2 Bde.) und Die Erkrankungen der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes (Wien 1895); Schrötter, Vorlesungen über die Krankheiten des Kehlkopfes, der Luftröhre etc. (2. Aufl., das. 1893); Gottstein, Die Krankheiten des Kehlkopfes (-t. Aufl., das. 1893); M. Schmidt, Die Krankheiten der oberen Luftwege (2. Aufl., Berl. 1897); »Handbuch der Laryngologie und Rhinologie« (hrsg. von Heymann, Wien 1896–1900, 3 Bde.); Schech, Die Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre (2. Aufl., das. 1903); Bukofzer, Die Krankheiten des Kehlkopfes (Berl. 1903); Heryng, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der Kehlkopfkrankheiten (das. 1905); »Archiv für Laryngologie und Rhinologie« (das., seit 1893); auch die Literatur bei Artikel »Stimme«.

Bei Haustieren kommt selbständiger, akuter und chronischer Kehlkopfkatarrh vor, namentlich bei Pferden. Auch ein seuchenartiges Auftreten akuten Katarrhs ist bei Pferden und Rindern beobachtet worden. Kruppöse Entzündung (s. Bräune und Diphtherie) ist am häufigsten beim Rind, bei den andern Tieren seltener. Sekundär wird der K. bei vielen Infektionskrankheiten in Mitleidenschaft gezogen. (Vgl. namentlich Druse, Katarrhalfieber, Geflügeldiphtherie bei Diphtherie, S. 36.) Kehlkopfpfeifen s. d.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 806-807.
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