Diphtherīe

[34] Diphtherīe (Diphtheritis, v. griech. diphthĕra oder diphthĕris, Haut, Fell), eine schwere Form der Schleimhautentzündung, bei der sich auf der kranken Schleimhaut weißliche oder gelbgraue, anfangs festhaftende, hautartige Ausschwitzungen bilden. Diese Haut oder Membran besteht aus Faserstoff, untermischt mit abgestoßenen Epithelzellen und mit Blutkörperchen und haftet der darunter liegenden geschwollenen und blutreichen Schleimhaut häufig so fest an, daß sie nicht ohne Verletzung derselben entfernt werden kann. Bei der Heilung wird die Membran abgestoßen; häufig wird auch ein Teil der entzündeten Schleimhaut brandig und mit dem Belag abgestoßen, wobei Geschwüre und dann Narben entstehen. Man bezeichnet in der Pathologie zahlreiche unter diesem Bilde verlaufende und von den verschiedensten Ursachen (chemische und bakterielle Giftwirkungen) hervorgerufene Schleimhautentzündungen, z. V. im Darme (Ruhr), im Rachen, den obern Luftwegen, auf der Bindehaut oder in der Harnblase als D.

Meistens aber versteht man unter D. eine bestimmte ansteckende, oft epidemisch auftretende Krankheit, bei[34] der sich im Rachen, im Kehlkopf und den obern Luftwegen (jedoch auch an andern Schleimhäuten) jener Entzündungs- und Ausschwitzungsprozeß abspielt infolge der Infektion mit den von Klebs und Löffler entdeckten stäbchenförmigen Diphtheriebazillen (s. Tafel »Bakterien«, Fig. 7). Diese Bazillen sind dauernd auf den Schleimhäuten der meisten Menschen zu finden. Unter Umständen, die zurzeit noch nicht hinreichend bekannt sind, erlangen sie eine für den Träger krankmachende Wirkung. Ohne in den Kreislauf des Kranken einzudringen, erregen sie auf der Schleimhautoberfläche, bez. in deren obersten Schichten durch die von ihnen erzeugten Gifte die geschilderte hautartige Ausschwitzung, eine stärkere Giftwirkung führt zu brandigem Zerfall und Abstoßung größerer Schleimhautpartien. Häufig tritt hierzu eine Mischinfektion mit andern Mikroben, namentlich mit Eiterkokken, die zu zahlreichen Komplikationen führen kann. Die Scharlachdiphtherie wird nicht von den Klebs-Löfflerschen Bazillen, sondern von Streptokokken erregt. Die Bazillen werden niemals in innern Organen gefunden, ihre Wirkung auf diese beruht vielmehr auf Giften, die am Orte der Erkrankung von den Bazillen gebildet und in den Kreislauf aufgenommen werden. Diese Gifte führen zu Veränderungen am Herzen, an den Nieren und am Nervensystem. Die Erkrankungen des letztern bedingen die nach der Heilung der D. auftretenden und oft noch wochen- und monatelang anhaltenden Lähmungen (s. unten). In manchen Fällen ist diese Giftwirkung eine sehr geringfügige, man kann dann von lokalisierter D. im Gegensatze zur diphtheritischen Allgemeininfektion reden, septische D. entsteht durch die schon erwähnte Mischinfektion.

Nach dem Erkrankungsort unterscheidet man die Rachendiphtherie als häufigste Form von der namentlich bei Kindern sehr gefährlichen D. des Kehlkopfes, der Luftröhre und der Bronchien, die früher irrtümlicherweise als Krupp (schottisch croup, krächzen) von der D. getrennt wurde. Selten ist D. der Augenbindehaut, häufiger Nasendiphtherie. Rachendiphtherie beginnt gewöhnlich mit unbedeutendem Frösteln, Mattigkeit, Mangel an Appetit, Schlingbeschwerden, selten mit Schüttelfrost. Die Schleimhaut des Rachens und des Gaumens erscheint stark gerötet und mit weißgrauen Flecken oder zusammenhängenden Membranen überzogen; auch entdeckt man am Hals einige geschwollene Lymphdrüsen. Schlingbeschwerden und Fieber erreichen in der Regel keinen besonders hohen Grad; aber die Kranken sehen blaß und eingefallen aus, sind hinfällig und teilnahmslos, ihre Augen sind matt, der Puls ist klein und sehr frequent. Die Bildung fauliger Geschwüre im Rachen ist mit einem sehr übeln Geruch aus dem Mund verbunden; aus dem Mund und nicht selten auch aus der Nase fließt eine mißfarbige, stinkende Flüssigkeit ab. Der Harn enthält häufig Eiweiß. Bei der Heilung stoßen die Schleimhäute nach 1–2 Wochen ihren Belag ab, ebenso die Schleimhautgeschwüre, die allmählich vernarben. In ungünstigen Fällen schreitet die Entzündung und Membranbildung fort, und die gebildeten Gifte führen zu tödlicher Lähmung des Herzens oder des Zentralnervensystems. Zu diesem Bild gesellt sich bei der Kehlkopf- und Luftröhrendiphtherie Atemnot, langgezogenes, pfeifendes oder sägendes Einatmungsgeräusch, Einziehungen der nachgiebigen Teile des Brustkorbes (Hals, Weichen, Magengrube), Blausucht, rauher bellender Husten als Folge der Verlegung der Luftwege durch Schwellungen und Membranbildung. Lose, bewegliche Membranen können wie Klappenventile wirken und plötzliche Erstickungsanfälle verursachen. Besonders gefährlich ist diese Form in dem engen Kehlkopf kleiner Kinder, und dann, wenn die Entzündung und Membranbildung in die seinen Luftröhrenverzweigungen fortschreitet. Nach dem Tode findet man am Orte der Erkrankung selbst die oft massenhaften Diphtheriebazillen, in den Nieren oder der stets geschwollenen Milz oft Streptokokken, und als Zeichen einer schweren Allgemeininfektion parenchymatöse und interstitielle Entzündungen und fettige Entartung des Herzens, der Nieren und Leber; auch Blutungen der Netzhaut und der Gehirnsubstanz werden hier und da beobachtet.

Als Nachkrankheiten stellen sich zuweilen Lähmungen ein, nachdem der Patient seit 2–4 Wochen vollkommen genesen zu sein schien. Am häufigsten werden der weiche Gaumen und die Rachenmuskeln gelähmt, so daß das Schlingen sehr erschwert und die Sprache eine näselnde wird. Hierzu gesellen sich oft Lähmungen der Augenmuskeln mit Verlust des Akkommodationsvermögens, so daß die Kranken anfangen zu schielen. Auch die Arme und namentlich die Füße werden oft von einer Lähmung betroffen. Diese Lähmungen gehen fast immer nach kürzerer oder längerer Dauer vollständig vorüber. In einzelnen Fällen tritt auch tödliche Herzlähmung als Spätsymptom ein, dem dann meistens eine latent und schleichend verlaufende Herzmuskelerkrankung zu Grunde liegt.

Die D. ist ansteckend, und zwar durch direkte Berührung und durch mittelbare Übertragung mittels infizierter Gegenstände, Nahrungsmittel etc. Eine Übertragung durch die Luft ist möglich, aber schwer zu beweisen. Nimmt man an, daß die fast immer vorhandenen Bazillen weniger gefährlich sind als die durch Wechselwirkung mit einem Organismus (d.h. eben durch Ausbruch einer D.) beeinflußten, so ist diese Ansteckungsfähigkeit auch mit der Anschauung, daß gesunde Menschen Diphtheriebazillen (die früher sogen. Pseudodiphtheriebazillen) beherbergen, in Einklang zu bringen. Zur Verhütung ist strenge Isolierung der Erkrankten auf die Dauer von 4 Wochen, namentlich Ausschließung vom Schulbesuch, und Desinfektion infizierter Gegenstände und Räume, ferner vorbeugende Behandlung gefährdeter Personen mit Serum erforderlich.

In der Behandlung der D. hat die Anwendung des von Behring entdeckten Diphtherieheilserums alle ältern Heilbestrebungen in den Hintergrund gedrängt. Dasselbe wird in folgender Weise gewonnen: Geeigneten Tieren (Pferden) werden geringe, nicht gefährliche Mengen des aus Diphtheriekulturen gewonnenen Diphtheriegiftes eingespritzt. Sie überstehen die Krankheit, indem sich in ihrem Körper ein eigentümliches Gegengift (ein Antitoxin) bildet. Durch allmählich gesteigerte Einspritzung von Diphtheriegift werden die Tiere nicht nur selbst völlig giftfest und für D. unempfänglich gemacht, sondern das ihnen entnommene Blut, bez. dessen Serum, erlangt die Fähigkeit, als Gegengift in den Körpern diphtheriekranker Tiere und Menschen zu wirken und die Krankheit zu heilen, wenn es unter die Haut eingespritzt wird. Je stärkere Giftmengen dem Tier, welches das Serum liefern soll, eingespritzt wurden, um so stärker ist das Serum; die Stärke des Serums wird bestimmt nach Immunisierungseinheiten (I.-E.), eine Immunisierungseinheit ist enthalten in 1 ccm Serum, von dem 0,1 ccm genügt, um die Wirkung einer zehnfachen auf ein Meerschweinchen bezogenen tödlichen[35] Menge eines Normaldiphtheriegifts aufzuheben. Da man 600–3000 und mehr Einheiten beim einzelnen Fall einspritzen muß, so sucht man sehr hochwertiges Serum zu erreichen, das etwa in 1 ccm 1000 Einheiten enthält (s. Serumtherapie). Das schwache gelbliche oder bräunliche Serum wird am Schenkel oder Bauch unter die Haut gespritzt und entfaltet alsbald eine giftfestigende Wirkung auf die noch nicht ergriffenen Zellgebiete des Organismus, so daß dem Fortschreiten der Entzündung Einhalt getan und die Ausstoßung der erkrankten Gebiete bewirkt wird. Diese Wirkung ist um so sicherer, je früher das Serum angewendet wird; so findet sich bei Kranken, die am ersten Krankheitstag mit Serum behandelt werden, eine Sterblichkeit von 0–2 Proz. gegenüber 8–10 und 17–20 Proz. bei den am zweiten, bez. am vierten Tag mit Serum behandelten Personen. Die Gesamtsterblichkeit an D. ist, nach Ausweis umfassender statistischer Erhebungen (z. B. einer vom kaiserlich deutschen Gesundheitsamt veranstalteten Sammelforschung) seit Einführung des Serums von 23–30 Proz. früherer Jahre auf ca. 15 Proz. herabgesunken. – Das klinische Bild der D. wird nach Seruminfektion meist rasch gebessert, die Beläge vergrößern sich nicht mehr, lockern sich und stoßen sich ab. Besonders bedeutungsvoll ist dieser Vorgang bei Fällen, wo D. der Luftwege zu deren Verengerung und zu Erstickungsgefahr geführt hat. Hier wird der ohne Serumanwendung unvermeidliche operative Eingriff (Luftröhrenschnitt oder Intubation) oft unnötig; wird er nötig, so ist doch gerade bei diesen Fällen die Sterblichkeit eine weit geringere als früher. Dem Heilserum kommt auch eine vorbeugende Wirkung zu. Es empfiehlt sich daher (besonders in Pensionaten, Schulen, Kasernen), die Umgebung an D. Erkrankter vorbeugend mit Serum zu behandeln; hierzu sind weit geringere Mengen erforderlich wie bei den schon Erkrankten. Der Schutz gegen D. erlischt nach etwa 3 Wochen.

Nachkrankheiten der D., wie Lähmungen, und Komplikationen, wie Nierenentzündung, scheint das Serum nicht zu beeinflussen; harmlose Nebenwirkungen, wie fleckenartige oder nesselsuchtartige Ausschläge, sind durch Anwendung konzentrierter Präparate seltener geworden. Die früher übliche energische Lokalbehandlung (Pinselungen, Ätzungen) ist heute ziemlich verlassen, jedoch ist sorgfältige Reinigung des befallenen Gebietes durch schwach desinfizierende Lösungen (Gurgeln mit Lösungen von chlorsaurem oder übermangansaurem Kali) nicht zu unterlassen. Gegen die Erstickungsgefahr bei Verengerung der Luftwege wird der Luftröhrenschnitt oder die Intubation angewendet. – Die D. war schon im Altertum bekannt. Große Epidemien von sehr bösartig auftretender D. herrschten in Europa im 16. Jahrh. Stärkere Epidemien erschienen dann erst wieder in der Mitte des 19. Jahrh. 1883 entdeckte Klebs den Diphtheriebazillus, den 1884 Löffler züchten konnte. Diesen Entdeckungen schloß sich Anfang der 90er Jahre die Erfindung und Erprobung des Diphtherieheilserums durch Behring an. Vgl. Artikel »Krankheit« mit Karte »Verbreitung einiger Krankheiten in Deutschland«; Baginsky, D. und diphtheritischer Croup (Wien 1898); Ganghofner, Die Serumbehandlung der D. (Jena 1897); v. Behring, Die Geschichte der D. (Leipz. 1893); Derselbe, Diphtherie (Berl. 1901).

Diphtherie bei Haustieren.

Erkrankungen, bei denen diphtheritische Veränderungen speziell an den Kopfschleimhäuten eine wesentliche Erscheinung bilden, kommen auch bei Haustieren vor, ohne aber nachweislich mit der eigentlichen D. des Menschen verwandt zu sein. Hierher gehört das bösartige Katarrhalfieber (s. d.) der Rinder. Davon ist verschieden: die Kälberdiphtherie, die als verwandt mit der D. des Menschen betrachtet worden ist. Neben Fieber, Speicheln, eiterigem Nasenausfluß, Husten und schließlichen Atembeschwerden zeigen sich kruppöse Auflagerungen auf der Maul- und Rachenschleimhaut. Meist sterben die Kälber nach einigen Tagen. Bei Lämmern tritt eine Rachenentzündung unter diphtheritischen Zerstörungen und Anzeichen allgemeiner Infektion mit tödlichem Ausgang auf. Vgl. Bräune (der Haustiere).

Die D. des Geflügels umfaßt zwei ätiologisch verschiedene, jedoch in den wesentlichen Erscheinungen übereinstimmende Prozesse. Beide Formen verlaufen als kruppös-diphtheritische Entzündung der Kopfschleimhäute; die eine wird wahrscheinlich durch Bakterien, die andre nachweislich durch tierische Parasiten verursacht. Die bakterielle D. befällt meist Hühner und Tauben edler Rassen, kann von den Kopfschleimhäuten auf die Lungen oder auf den Darm, auf Augenlider und Haut übergreifen, verläuft chronisch (wochen- und monatelang) und endet in 50–75 Proz. der Fälle tödlich. Zeitige und fleißige örtliche Behandlung der erkrankten, von außen zugänglichen Kopfschleimhäute mit Desinfizierung, etwa mit 2 Proz. Kreolinlösung (tägliches Aufpinseln) ist anzuwenden. Ablösung der Auflagerungen von der Schleimhaut ist nur empfehlenswert, wenn dies leicht und ohne Blutung möglich ist. Eine Quarantäne frisch importierter Tiere ist zum Schutz gegen die D. ebenso wie gegen Geflügelcholera (s. d.) wichtig. Die zweite Form wird verursacht durch Gregarinen. Sie greift seltener auf innere Organe, leicht jedoch auf die Haut, namentlich des Kopfes, mit Knötchenbildung über. Die Behandlung der Kopfschleimhäute und Hautknötchen ist bei fleißiger Ausführung leicht (tägliche Bepinselung mit 1–2 Proz. Kreolinlösung etc.) und dann der Verlauf meist gutartig. Man hat noch eine dritte, durch Flagellaten verursachte Form angenommen, wahrscheinlich mit Unrecht, da Fagellaten sich auf ganz gesunden Schleimhäuten finden.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 34-36.
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