Kreuz [1]

[645] Kreuz (lat. Crux), ein aus zwei sich schneidenden Balken gebildeter Körper und die dem entsprechende Figur; insbes. ein namentlich bei den Alten übliches Werkzeug von dieser Form zur Ausführung der Todesstrafe (s. Kreuzigung), das aber nicht fertig vorhanden war, sondern jedesmal für eine Hinrichtung zurecht gezimmert wurde. Man unterschied zwei Arten, die von Lipsius crux immissa und crux commissa genannten. Das erstere bestand aus einem Längs- und einem unter rechten Winkeln eingefügten Querbalken; über diesem wurde der sogen. titulus, eine weiße Tafel, auf der die Schuld des Verurteilten stand, angebracht, und ungefähr in der Mitte des Langholzes befand sich das Sitzholz (sedile). Ein Fußbrett läßt sich im antiken Strafverfahren nicht nachweisen, scheint aber auch vorhanden gewesen zu sein. Bei der crux commissa (auch Antonius- oder ägyptisches K. genannt) bildet der Querbalken den obern Abschluß des Längsbalkens (T). Nach den ältesten Schriftstellern soll letztere die Form des Kreuzes gewesen sein, an dem Christus gekreuzigt wurde, wogegen aber der Umstand spricht, das der titulus zu Häupten angebracht wurde. Der griechische Buchstabe Tgalt allerdings in der altchristlichen Kirche als heiliger Buchstabe, weil er der Gestalt des Kreuzes Christi am nächsten kam. Andre Kreuzesarten in Gestalt eines X (Andreaskreuz, crux decussata) oder Y (Schächer- oder Gabelkreuz) lassen sich nicht als gebrauchte Strafwerkzeuge nachweisen. Einige andre Kreuzesformen kommen in der Kunst- und Kulturgeschichte vor (s. die Abbildungen). Das sogen. lateinische K. entsteht, wenn der Querbalken oberhalb der Mitte des Längsstammes angebracht ist; diese Figur umgekehrt nennt man das Petruskreuz, weil dieser Apostel mit dem Kopfe zur Erde gekehrt gekreuzigt worden sein soll.

Latein. K. Griech. K. Swastika-K. Henkel-K. Lothring. K. Doppel-K. Päpstl. K. Verschiedene Kreuze.
Latein. K. Griech. K. Swastika-K. Henkel-K. Lothring. K. Doppel-K. Päpstl. K. Verschiedene Kreuze.

Sind die vier Arme gleich lang, so haben wir das griechische K. Das russische K., besonders auf Kirchen, hat zwei Querbalken, deren unterer auch schräg gestellt ist. Auf vorgeschichtlichen Gefäßen und Geräten kommt das Swastikakreuz vor, das auch bei den Buddhisten in Indien religiöses Symbol ist. Bei den Ägyptern findet man das Henkelkreuz, d. h. ein Antoniuskreuz, das oben mit einem Henkel oder Ohr versehen ist, als Sinnbild des künftigen Lebens.

Als Erinnerung an den Kreuzestod Christi wurde das K., anfangs in der Gestalt der crux immissa, von den Christen zu einem heiligen Zeichen, zum Symbol des Inbegriffs des Christentums, zum Sinnbilde des tiefsten Schmerzes und des höchsten Heils, zum Erkennungszeichen der Christen erhoben. Der Gebrauch, sich zu bekreuzen, d. h. mit den Fingern das Kreuzeszeichen vor sich hin in die Luft zu bilden, reicht bis ins 3. Jahrh. zurück und ging sehr bald auch in den öffentlichen Gottesdienst über. Die Abendländer machen es von der Linken zur Rechten, die Morgenländer von der Rechten zur Linken, die Monophysiten mit einem Finger, die übrigen Christen mit drei Fingern; gewöhnlich wurden dabei die Worte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« gesprochen. Seit Konstantin d. Gr. das K. mit dem Monogramm der griechischen Anfangsbuchstaben des Namens Christus (XP) in seine Kriegsfahne aufgenommen (s. Labarum), brachte man es auch an den Häusern, den Straßen, auf den Gräbern, anfangs nur auf denen der Märtyrer, und in den Kirchen, insbes. auf den Altären, an; auch erhielten die Kirchen meistens die Kreuzesform. Ferner ward es Sitte, bei Besitzergreifung neueroberter heidnischer Länder das K. aufzupflanzen. Der Ornat der Geistlichen wurde mit gestickten, gemalten, metallenen Kreuzen geschmückt. Bischöfe und andre höhere Geistliche trugen[645] kostbare Kreuze an Ketten um den Hals (s. Brustkreuz). Mehrere Mönchs- und Nonnenorden trugen das K. in verschiedener Weise auf ihrem Gewand, und bei Begräbnissen, Prozessionen u. dgl. eröffnete es den Zug (Vortrage- oder Prozessionskreuz; s. Tafel »Goldschmiedekunst«, Fig. 10, und die Abbildungen bei »Kruzifix«). Seit die Kaiserin Helena das angebliche K. Jesu in Jerusalem gefunden und einen Teil davon nach Konstantinopel gebracht hatte (s. Kreuzeserfindung), legte man dem K. auch Wunderkraft bei, wie sein Zeichen noch heutzutage vom Volke vielfach als Schutzmittel gegen böse Geister angewendet wird.

1. Lateinisches K.
1. Lateinisches K.
2. Griechisches K.
2. Griechisches K.
3. Andreaskreuz.
3. Andreaskreuz.
4. Schächerkreuz.
4. Schächerkreuz.
5. Antoniuskreuz.
5. Antoniuskreuz.
6. Tatzenkreuz.
6. Tatzenkreuz.
7. Schwedisches K.
7. Schwedisches K.
8. Breitrandiges K.
8. Breitrandiges K.
9. Nagelspitzkreuz.
9. Nagelspitzkreuz.
10. Kleeblattkreuz.
10. Kleeblattkreuz.
11. Ankerkreuz.
11. Ankerkreuz.
12. Krückenkreuz.
12. Krückenkreuz.
13. Wiederholtes K.
13. Wiederholtes K.
14. Hakenkreuz.
14. Hakenkreuz.
15. Halbkrückenkreuz.
15. Halbkrückenkreuz.
16. Patriarchkreuz. Formen des Kreuzes in der Heraldik.
16. Patriarchkreuz. Formen des Kreuzes in der Heraldik.

Die im 5. Jahrh. aufgekommene Sitte, unter dem K. ein Lamm darzustellen, aus dessen Brust Blut fließt, wurde auf dem sechsten Konzil in Konstantinopel 680 verboten und verordnet, anstatt des Lammes den Heiland in Gestalt eines am K. hängenden Menschen abzubilden. So entstand das Kruzifix (s. d.), d. h. ein K. mit dem Bilde des sterbenden Erlösers, das auch die evangelische Kirche als Erinnerungszeichen an den Tod Jesu beibehalten hat und deshalb auf dem Altar aufstellt (Altarkreuz). Vgl. Stockbauer, Kunstgeschichte des Kreuzes (Schaffh. 1870); Fulda, Das K. und die Kreuzigung (Bresl. 1878); E. v. Bunsen, Das Symbol des Kreuzes bei allen Nationen (Berl. 1876); Forrer u. Müller, K. und Kreuzigung Christi in ihrer Kunstentwickelung (Straßb. u. Bühl 1893); Büttgenbach, Die Geschichte des Kreuzes vor und nach Golgatha (Aachen 1897); Engels, Die Kreuzigung Christi in der bildenden Kunst (Luxemb. 1900); weitere Literatur in Kraus' »Realenzyklopädie der christlichen Altertümer«. Die Quellen sind gesammelt in Zöckler, Das K. Christi, kirchlich-archäologische Untersuchungen (Gütersloh 1875).

Die Sitte, daß des Schreibens Unkundige anstatt ihrer Namensunterschrift drei Kreuze zeichnen (s. Analphabeten, am Schluß), findet sich schon im 6. Jahrh. und mag sich so erklären, daß das Kreuzeszeichen die Unterzeichnenden an die Pflicht der Wahrhaftigkeit erinnern sollte. Überhaupt war es gewöhnlich, bei Unterschriften von Urkunden selbst außer dem Namen noch drei Kreuze zu zeichnen; auch findet man dieses Zeichen häufig im Eingang von Diplomen und andern Handschriften anstatt der Anrufung des Namens Gottes. Die griechischen Kaiser schrieben ihr Kreuzeszeichen mit roter, die byzantinischen Prinzen mit grüner Tinte, die englischen Könige vor der normannischen Eroberung in Gold.

Die Kreuze der altnordischen Runensteine haben ihren Ursprung von dem in Kreuzesform gestalteten Hammer des Thor. Auf Münzen und Siegeln bedeutet ein K. die Stelle, wo man die Umschrift zu lesen anfangen soll. Mehrere Münzen haben von dem Gepräge des Kreuzes ihren Namen, z. B. der Kreuzer (s. d.), der Kreuzpfennig der Stadt Bremen, der Kreuzgroschen, der Kreuzdukaten der Könige von Frankreich seit Franz I., die portugiesische Crusade etc.

Im Kartenspiel ist K. die deutsche Benennung für das französische Trèfle; in der Mathematik als stehendes K. (+, plus) Additionszeichen, als liegendes K. (×) Multiplikationszeichen; bei Thermometerangaben bezeichnet+die Grade über 0.

In der Heraldik kann das K. wohl als das älteste Wappenzeichen bezeichnet werden, denn die Heere, die nach dem Morgenlande zogen, um das Heilige Grab zu befreien, führten ein K. auf Fahne, Schild und Gewand. Des heiligen Reiches Fahne trug schon vor 1200 ein K.; es ist das St. Georgenbanner, das dem heil. Georg nach der Sage ein Engel vom Himmel brachte. Kaiser Friedrich III. nahm das K. in aller Form in das kaiserliche Wappen auf, doch machten seine Nachfolger davon keinen Gebrauch. In der Heraldik kommen die verschiedensten Kreuzformen vor. Die wichtigsten sind: das lateinische oder Passions- oder Hochkreuz, bei dem der Querbalken kürzer ist als der Längsbalken (Fig. 1), das griechische K. (Fig. 2), das Andreas- oder Schrägkreuz (auch burgundisches K. genannt, Fig. 3), das Gabel- oder Schächerkreuz (Fig. 4), das Antoniuskreuz (auch ägyptisches K. genannt, Fig. 5) und das Tatzenkreuz (auch mantuanisches K. genannt, Fig. 6), das breitendig ausgeschweift ist. Berührt das K. den Schildesrand nicht, so nennt man es abgeledigt oder schwebend (Fig. 7 u. 8). Ist der untere Arm des letzten Kreuzes zugespitzt, so entsteht das Nagelspitzkreuz oder Steckkreuz (Fig. 9). Die Enden der vier Arme des Kreuzes werden in der mannigfaltigsten Weise gemustert. So entsteht das Kleeblatt- oder Brabanter K. (Fig. 10), das Ankerkreuz (Fig. 11), das Krückenkreuz (Fig. 12), das wiederholte K. oder Wiederkreuz (franz. croix croisée, Fig. 13), das Hakenkreuz (Fig. 14), das Halbkrücken- oder Pfötchenkreuz (Fig. 15). Hochkreuze mit zwei oder mehr Armen heißen Patriarchenkreuze (Fig. 16). Vgl. v. Biedermann, Die Kreuze in der Heraldik (Dresd. 1875). Über die Kreuze einiger Ritterorden s. die betreffenden Artikel.

In der Musik sind das K. (♯) und Doppelkreuz (×) Erhöhungszeichen (s. Erhöhung). Ein im Generalbaß ohne Ziffer überschriebenes K. bezieht sich auf die Terz. Das aufrechte Kreuz (+) fordert in ältern [646] Drucken den Triller (s. d.), in englischen Musikalien ist es Zeichen für den Daumen (s. Fingersatz). In der neuern Harmonielehre (v. Öttingen, Riemann) bedeutet das+den Dur-Akkord. – Im Maschinenwesen ist K. ein Konstruktionsteil zur Überführung einer hin und her gehenden Bewegung (bei Gestängen) in eine zu dieser senkrecht gerichtete ebensolche Bewegung. Das ganze K. hat vier in Kreuzform, das halbe K. drei in ⊥-Form um eine in Lagern ruhende Welle angeordnete Arme. Das Viertelkreuz ist ein rechtwinkliges Knie (Winkelhebel, Kunstwinkel, Kunstkreuz). – Beim Pferd heißt K. der obere Teil des Hinterkörpers, der von dem Kreuzbein und den Darmbeinen gebildet und als ein Teil der Kruppe (s. d.) betrachtet wird; beim Menschen die Gegend um, das Kreuzbein (s. d.). – Im Seewesen benutzt man K. als Vorsilbe für alle Takelungsteile des Kreuzmastes, z. B. Kreuzbramstänge, Kreuzmars, Kreuzwanten etc.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 645-647.
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