Lipsĭus

[598] Lipsĭus, 1) Justus, eigentlich Joest Lips, Philolog, geb. 18. Okt. 1547 in Oberrysscha bei Brüssel, gest. 24. April 1606 in Löwen, bezog 1563 das Jesuitengymnasium in Köln, studierte seit 1565 in Löwen die Rechte, besonders aber Humaniora, folgte dem Kardinal Granvella 1567 als Sekretär nach Rom, kehrte 1569 nach Löwen zurück, ging aber bald darauf nach Wien, wur 521572 Professor der Geschichte in Jena, wo er sich zur lutherischen Kirche bekannte, wandte sich 1574 nach Köln, las seit 1576 in Löwen und wurde 1579 unter Übertritt zur reformierten Kirche Professor der Geschichte in Leiden. Durch die »Politicorum libri VI« (Leid. 1589) und »De una religione« (das. 1590) unhaltbar geworden, trat er 1590 in Mainz zum Katholizismus zurück, lebte dann in Spa und Lüttich und nahm 1592 eine Professur in Löwen an. L. hat sich zunächst um die Kritik und Erklärung lateinischer Schriftsteller, besonders aus der archaistischen und silbernen Periode, verdient gemacht. Wir heben hervor die epochemachende Ausgabe des Tacitus (Antwerpen 1574 u. ö.), die Ausgaben des Vellejus Paterculus (Leiden 1591), Valerius Maximus (1594), von Plinius' »Panegyricus« (1600) und des Philosophen Seneca (1605) sowie »Variarum lectionum libri III« (Antwerp. 1569), »Antiquarum lectionum libri V« (das. 1575) und »Epistolicarum quaestionum libri V« (das. 1577). Auf antiquarischem Gebiet wirkte er für die Kenntnis der römischen Altertümer, besonders der militärischen und szenischen, bahnbrechend. Wir nennen: »De militia romana libri V« (1595); »Poliorceticon libri IV« (1596); »Saturnalium sermonum libri II s. de gladiatoribus« (1582); »De amphitheatro« (1584); sonst »De cruce libri III« (1593); »De Vesta et Vestalibus syntagum« (1603). In der Philosophie war er Anhänger der Stoiker; hierher gehört: »De constantia libri II« (Antwerp. 1584; deutsch von Dillenius, Leipz. 1802). Seine zahlreichen Briefe sind gesammelt teils von ihm selbst in den »Epistolae selectae« (Leiden 1586–90, 2 Bde.), teils in »Epistolarum praetermissarum decades VI« (Anhang zu »Lipsii ad Suetonii III posteriores libros commentarii«, Offenb. 1610), »Epistolarum quae in centuriis non exstant, decades XVIII« (v. Pontanus, Harderwijk 1621) und P. Burmans »Sylloge epistolarum« (Bd. 1 u. 2, Leiden 1727). Seine »Opera omnia« erschienen Antwerpen 1637, 4 Bde., und Wesel 1675, 4 Bde. Sein Stil wurde durch die Verschmelzung der archaistischen mit der späten Latinität immer geschraubter; doch fand er viele Nachahmer (Lipsiani). Vgl. Galesloot, Particularités sur la vie de J. L. (Brügge 1877); Halm,. Über die Echtheit der dem Justus L. zugeschriebenen Reden (Münch. 1882); Amiel, Un publiciste du XVI. siècle, Juste L. (Par. 1884); van der Haeghen, Bibliographie Lipsienne (Gent 1886–1888, 3 Bde.).

2) Richard Adelbert, prot. Theolog, geb. 14. Febr. 1830 in Gera, gest. 19. Aug. 1892 in Jena,. Sohn von Karl Heinrich Adelbert L. (gest. 1861 als Rektor der Thomasschule in Leipzig), studierte bis 1848 in Leipzig Theologie, habilitierte sich dort 1855, wurde 1859 außerordentlicher Professor, 1861 ordentlicher [598] Professor in Wien, 1865 in Kiel, 1871 in Jena. An der österreichischen Generalsynode von 1864 beteiligte er sich als Abgeordneter der Fakultät; auf dem Protestantentag zu Osnabrück 1872 erstattete er Bericht über die Bekenntnisfrage; auf der ersten Landessynode des Großherzogtums Weimar 1874 war er Führer der liberalen Partei; 1875–92 redigierte er die »Jahrbücher für protestantische Theologie« und 1885–91 den »Theologischen Jahresbericht«. Sowohl auf dem Gebiete der exegetischen und historischen als auf dem der systematischen Theologie hat sich L. einen bleibenden Namen erworben. Unter seinen zahlreichen Schriften heben wir hervor: »Die Paulinische Rechtfertigungslehre« (Leipz. 1853); »De Clementis Romani epistola ad Corinthios priore« (das. 1855); »Der Gnostizismus« (das. 1860); »Zur Quellenkritik des Epiphanios« (Wien 1865); »Chronologie der römischen Bischöfe bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts« (Kiel 1869); »Glaube und Lehre. Theologische Streitschriften« (das. 1871); »Die Pilatus-Akten« (das. 1871, neue Ausg. 1886); »Die Quellen der römischen Petrussage« (das. 1872); »Über den Ursprung des Christennamens« (Jena 1873); »Die Quellen der ältesten Ketzergeschichte« (Leipz. 1875); »Lehrbuch der evangelisch-protestantischen Dogmatik« (Braunschw. 1876, 3. Aufl. 1893), dazu »Dogmatische Beiträge zur Verteidigung und Erläuterung meines Lehrbuchs« (Leipz. 1878); »Die edessenische Abgar-Sage« (Braunschw. 1880); »Die apokryphen Apostelgeschichten und Apostellegenden« (das. 1883–87, 2 Bde.; Ergänzungsheft 1890); »Philosophie und Religion« (das. 1885); »Die Hauptpunkte der christlichen Glaubenslehre, im Umrisse dargestellt« (das. 1889, 2. Aufl. 1891); »Unser gemeinsamer Glaubensgrund im Kampf gegen Rom« (Leipz. 1890); »Luthers Lehre von der Buße« (das. 1892). Außerdem gab er heraus »Acta apostolorum apocrypha« (2. Ausg. von Tischendorfs Werk, Bd. 1, Leipz. 1891) und die Erklärung der Briefe an die Galater, Römer und Philipper im »Handkommentar zum Neuen Testament« (Bd. 2, 2. Hälfte, Freiburg 1891; 2. Aufl. 1892). Eine Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen u. d. T.: »Glauben und Wissen« gab sein Sohn F. R. Lipsius (Berl. 1897) heraus. Vgl. A. Neumann, Grundlagen und Grundzüge der Weltanschauung von Richard Adelbert L. (Braunschw. 1896).

3) Konstantin, Architekt, Bruder des vorigen, geb. 20. Okt. 1832 in Leipzig, gest. 11. April 1894 in Dresden, bildete sich auf der Baugewerksschule und der Kunstakademie in Leipzig und von 1851–54 auf der Kunstakademie in Dresden bei Nicolai. Nach. einer Studienreise nach Venedig und Paris ließ er sich in Leipzig nieder, wo er unter anderm das neue Johannishospital (1872) erbaute und 1876 Direktor der Bauschule wurde. 1881 erhielt er einen Ruf als Nachfolger Nicolais an die Dresdener Kunstakademie. Er hat ferner die Johanniskirche in Gera, die neue Peterskirche in Leipzig (mit Hartel, s. Tafel »Leipziger Bauten II«, Fig. 1) und das neue Kunstausstellungs- und Kunstakademiegebäude im Renaissancestil in Dresden erbaut (s. Tafel »Dresdener Bauten II«, Fig. 4). Er schrieb: »Gottfried Semper in seiner Bedeutung als Architekt« (Berl. 1880).

4) Justus Hermann, Philolog, Bruder des vorigen, geb. 9. Mai 1834 in Leipzig, studierte daselbst 1850–55 und wurde 1857 Oberlehrer in Meißen, 1860 in Grimma, 1863 Konrektor und 1866 Rektor an der Nicolaischule in Leipzig, daneben 1869 außerordentlicher Professor der klassischen Philologie an der Universität, Ostern 1877 ordentlicher Professor, worauf er Michaelis 1877 sein Rektorat niederlegte. Wir verdanken ihm besonders Ausgaben von Demosthenes' »De corona« (Leipz. 1876, 2. Aufl. 1887) und des Andokides (das. 1888), eine neue Bearbeitung von Meiers und Schömanns »Der attische Prozeß« (Berl. 1883–87, 2 Bde.), »Von der Bedeutung des griechischen Rechts« (das. 1893), eine neue Bearbeitung von Schömanns »Griechischen Altertümern« (4. Aufl., das. 1897–1902, 2 Bde.) und als sein neuestes Werk: »Das attische Recht und Rechtsverfahren« (Bd. 1, Leipz. 1905). Mit Curtius, Lange und Ribbeck begründete er 1878 die »Leipziger Studien zur klassischen Philologie«, deren Mitherausgeber er noch ist.

5) Marie, unter dem Pseudonym La Mara bekannte Musikschriftstellerin, Schwester des vorigen, geb. 30. Dez. 1837 in Leipzig, hat sich besonders durch ihr anziehendes und vielverbreitetes Werk »Musikalische Studienköpfe« (Leipz. 1868–82, 5 Bde. in wiederholten Auflagen; Bd. 1 in 7. Aufl. 1894) einen Namen gemacht. Außerdem veröffentlichte sie: »Musikalische Gedanken-Polyphonie. Aussprüche berühmter Tonsetzer über ihre Kunst« (Bresl. 1873); »L. van Beethoven« (2. Aufl., Leipz. 1873); »Im Hochgebirge, Skizzen aus Oberbayern etc.« (das. 1876); »Das Bühnenfestspiel in Bayreuth« (das. 1877); »Sommerglück«, Skizzen (Karlsr. 1881); »Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten« (Leipz. 1886, 2 Bde.); »Klassisches und Romantisches aus der Tonwelt« (das. 1892); »Im Lande der Sehnsucht. Cicerone durch italienische Kunst und Natur in Versen« (das. 1901) sowie eine deutsche Bearbeitung von Liszts Werk »Friedrich Chopin« (das. 1880) und mehrere Sammlungen von Briefen Franz Liszts (Weiteres s. Liszt 1) und »Berlioz' Briefe an die Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein« (das. 1903).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 598-599.
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