Karl [1]

[627] Karl (althochd. Charal, Karl, »Mann«, latinisiert Carolus, franz. und engl. Charles, ital. Carlo, span. Carlos), männlicher Vorname, Name zahlreicher fürstlicher Personen. Übersicht nach den Ländern:

Tabelle

[Geschlecht der Karolinger.] 1) K. Martell, der »Hammer«, geb. um 688, gest. 22. Okt. 741 in Kiersy, Sohn des Majordomus Pippin und der schönen Chalpaida, nach dem Tode seines Vaters (714) von den austrasischen Franken zum Herzog gewählt, schlug die Neustrier unter ihrem König Chilperich II. und dem Majordomus Raganfrid 716 und 717 bei Amblève und Vincy, erhob nun Chlotar IV., nach dessen frühem Tode Theuderich IV. auf den Thron und wurde, als Chilperich von Neustrien 720 starb, allmächtiger Majordomus des ganzen Frankenreichs. Indem er Kirchengut seinen Anhängern verlieh, benutzte er die reichen Hilfsmittel der Kirche zur Erreichung seiner Zwecke, denn in Wahrheit. herrschte er, nicht der König, obwohl man dem Merowinger noch immer königliche Ehren erwies; als Theuderich 737 starb, setzte K. Martell keinen König wieder ein. Nachdem er die Friesen unterworfen (722) und die Sachsen bekriegt hatte (724), besiegte er auch die Bayern (728) und Alemannen (730). Indem er die Araber, die das Westgotenreich in Spanien und das Herzogtum Aquitanien vernichtet hatten, bei Tours 732 und bei Narbonne 737 besiegte, wurde er, ihrem Vordringen für immer Halt gebieten d, der Retter der christlich-germanischen Kultur. Bei seinem Tode teilte er die Herrschaft unter seine Söhne Karlmann und Pippin den Kleinen. Vgl. Breysig, Die Zeit K. Martells. Jahrbücher des fränkischen Reiches 714–741 (Leipz. 1869).

2) K. I., der Große, König der Franken und römischer Kaiser, geb. 2. April 742, gest. 28. Jan. 814, Enkel des vorigen, der älteste Sohn Pippins des Kleinen und der Berta, einer Tochter Chariberts, Grafen von Laon, wurde nach dem Tode seines Vaters (768) mit seinem Bruder Karlmann zum König gesalbt und erhielt Austrasien und einen Teil von Aquitanien, bemächtigte sich aber nach seines Bruders Tode 771 mit Zustimmung der Großen des ganzen Reiches, worauf Karlmanns Witwe samt ihren unmündigen Söhnen zu dem Langobardenkönig Desiderius floh. Letztern besiegte er nach einer zehnmonatigen Belagerung in Pavia, schickte ihn in ein Kloster und ließ sich als König der Langobarden huldigen (im Juni 774). Die Unterwerfung und Christianisierung der noch unabhängigen Sachsen hatte schon vorher begonnen; 772 drang K. in Engern ein, nahm die Eresburg (an der Stelle des heutigen Marsberg) ein und zerstörte die Irminsul (s. Irmin). Die Engern versprachen Unterwerfung und Annahme des Christentums, empörten sich aber 774 und wurden zugleich mit den Ostfalen und Westfalen 775 aufs neue unterworfen. Allein sie empörten sich immer wieder, so 776 und 778 und besonders 782. Widukind, ein westfälischer Fürst, kehrte damals aus Dänemark, wohin er geflohen war, zurück, reizte die Sachsen, die gerade die feindlichen Sorben mit bekriegen sollten, auf, und ein fränkisches Heer ward am Süntelgebirge vernichtet. K. ließ nun zum warnenden Beispiel 4500 Sachsen zu Verden an der Aller enthaupten. Erhoben sich die Sachsen auch zahlreicher als je, sie wurden doch 783 bei Detmold und entscheidender an der Hase geschlagen, und als sich 785 Widukind und Albion, ein andrer Häuptling, unterwarfen und zu Attigny taufen ließen, war der Stamm im wesentlichen unterworfen. Zwar folgten noch manche Aufstände, aber beim Herannahen Karls ergaben sich die Empörer gewöhnlich. Die Nordalbinger (Sachsen nördlich der Elbe) wurden erst 804 besiegt und damals 10,000 von ihnen als Geiseln für die Treue ihrer Landsleute ins innere Deutschland weggeführt. Massentaufen der Sachsen hatten wiederholt stattgefunden, und nach und nach wurden Bistümer in Halberstadt, Paderborn, Minden, Verden, Bremen, Münster und Osnabrück gegründet, Klöster in Korvei und Herford. Über die Grenzen Sachsens hinaus unterwarf K. 789 die Wilzen jenseit der Elbe, die Obotriten waren ihm verbündet, 806 wurden die Sorben und selbst die Böhmen teilweise abhängig. Gegen Dänemark behauptete K. seit 808 die auch von letzterm 811 anerkannte Eidergrenze. Als K. 788 den Herzog von Bayern, Thassilo, absetzte und ins Kloster Jumièges schickte, wurde er in einen Krieg mit dessen Verbündeten, den räuberischen Avaren, verwickelt, drang 791 bis zur [628] Raab vor, Markgraf Erich von Friaul erstürmte 795 den Hauptring der Avaren an der Theiß, und 796 zwang sie Karls Sohn Pippin zur Unterwerfung. Schon vorher hatte K., obwohl noch mit dem Sachsenkrieg beschäftigt, eine Eroberung im Süden begonnen. 777 war eine arabische Gesandtschaft des Statthalters von Saragossa, Hussein el Abdari, auf dem Reichstag zu Paderborn erschienen und hatte K. um Hilfe gegen Abd er Rahmân, den omaijadischen Kalifen von Cordoba, gebeten. K. zog 778 über die Pyrenäen, nahm Pamplona ein und eroberte Saragossa, wo er Hussein wieder einsetzte. Auf die Kunde von einem Sachsenaufstand trat er den Rückzug an, auf dem die Franken (wahrscheinlich im Tal von Roncesvalles) von den treulosen Basken überfallen und viele getötet wurden, darunter Hruodland, der Befehlshaber der britannischen Mark, das Urbild des Roland der Sage. K. verlor seine Eroberung und konnte erst nach einem glücklichen Feldzug seines Sohnes Ludwig in Spanien (799) und nach dem Fall Barcelonas 801 die spanische Mark errichten, die das Land von den Pyrenäen bis zum Ebro umfaßte. Zum Schutz seines Reiches richtete K. auch an den andern Grenzen Marken ein: gegen die südlichen Slawen die Marken von Friaul und Kärnten, gegen die Avaren die avarische Mark (das spätere Österreich), gegen die Böhmen die fränkische im Nordgau, gegen die Sorben die thüringische an der Saale, gegen die Dänen die Mark an der Eider. In den Marken siedelte er fränkische Vasallen an und verlieh den Markgrafen eine ausgedehntere Gewalt als den Grafen des Binnenlandes. Karls Reich erstreckte sich im N. bis zur Eider, im O. bis zur Elbe, Saale und Raab, im S. bis zum Volturno und Ebro, im übrigen bis zum Atlantischen und Mittelländischen Meer.

K. betrachtete sich nicht nur als weltlichen Herrscher, sondern auch als Haupt der Kirche, der alle Reichsgen offen angehörten. Wie sein Vater Patricius von Rom, besaß er die Schlüssel zum Grabe des heil. Petrus und hatte das Gelöbnis der Treue vom Papst, dem er 774 das Patrimonium Petri verlieh, empfangen. Den universalen Charakter seiner Herrschaft brachte endlich die Tatsache zum Ausdruck, daß ihm am Weihnachtstage (25. Dez.) 800 Leo III. in der Peterskirche zu Rom die römische Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Ostrom erkannte ihn 812 als Kaiser an, auch die christlichen Angelsachsen und Schotten betrachteten ihn als Oberherrn, er selbst legte auf die neue Würde großes Gewicht und ließ sich 802 als christlichem Oberherrn der Kirche aufs neue huldigen. Im fränkischen Reich hatte der König immer die Bistümer besetzt und Pfründen verliehen. K. griff auch in die Lehre der Kirche ein. Kirchenversammlungen berief er nicht nur, sondern änderte auch gelegentlich ihre Beschlüsse und überwachte den Wandel der Geistlichen. Auch die weltlichen Gesetze beeinflußte er in christlichem Geiste, ließ aber den Geist der Volksrechte und die auf nationaler Grundlage erwachsene Organisation des fränkischen Reiches möglichst unangetastet, wenn er auch durch seine Erlasse (Kapitularien), die auf den jährlich im Mai und Herbste stattfindenden Reichsversammlungen verkündet wurden, eine größere Einheit in dem vielsprachigen Reich herzustellen suchte. Königliche Sendboten (missi) sandte K. in den Provinzen umher, um den Kultus, die Finanzen und das Gerichtswesen zu überwachen und die Grafen zu kontrollieren an Stelle der Herzoge, deren Ämter K. außer in Benevent beseitigte. In jedem Gau gebot als Richter, militärischer Vorsteher und Finanzbeamter ein Graf, der dreimal im Jahre die ordentliche Gerichtsversammlung abhielt und den Heerbann seines Gaues in den Krieg führte. Als Gehalt bezogen die Beamten die Nutzung von gewissem, ihnen überwiesenem Landbesitz und Teile der Gerichtsbüßen. Das Staatseinkommen bestand in den Erträgen der königlichen Domänen (fisci), deren Verwaltung K. mit Sorgfalt und großer Sachkenntnis leitete, Gerichts- und Heerbannbußen, freiwilligen Geschenken, die von jeher üblich waren, und gewaltsamen Einziehungen, die über treulose Große verhängt wurden; Steuern gab es nicht, aber wohl persönliche Dienste, da jeder zum Vorspann und zur Verpflegung des Königs und seines zahlreichen Gefolges auf seinen dauernden Fahrten durch das Reich verpflichtet war. K. verfügte über große Geldmittel und konnte gewaltige Unternehmungen, wie einen Donau-Mainkanal, den er wenigstens begann, und glänzende Bauten von Kirchen und Pfalzen ausführen, so in Nimwegen, Ingelheim und vor. allen in Aachen. K. fühlte sich als Deutscher; nur in Äußerlichkeiten gab er römischen oder byzantinischen Einflüssen Raum und führte z. B. in das höfische Zeremoniell Kniefall und Fußkuß ein. Sein Herz hing an der altfränkischen Heimat: hier versammelte er die Großen um sich, hier feierte er am liebsten das Weihnachtsfest (19 mal in Aachen, nur 6 mal in Gallien). Stets begleiteten ihn seine beiden ersten Räte, der Apokrisiarius, der den geistlichen, der Pfalzgraf, der den weltlichen Angelegenheiten vorstand. In den spätern Jahren hatte K. einen Kreis Vertrauter um sich, die gelehrtesten Männer ihrer Zeit. 781 schon zog er gelegentlich seines Zuges nach Italien den gelehrten Angelsachsen Alkuin an seinen Hof; 782 gewann er Paulus Diaconus, den Geschichtschreiber der Langobarden, und den Grammatiker Peter von Pisa. Sie wurden die vornehmsten Lehrer der Hochschule, die am königlichen Hof entstand. Hier empfing er selbst, seine Kinder und viele edle Jünglinge aus dem Reich Unterricht in der Dichtkunst, Rhetorik, Dialektik und Astronomie, ja auch im Griechischen und Lateinischen. In diesem Kreise von Gelehrten, die klassische und biblische Namen annahmen, störte kein Zeremoniell die Vertraulichkeit; für seine Gelehrten war K. nicht der Kaiser, sondern trug den Namen David. Die Handschriften der Bibel und der angesehensten römischen Autoren ließ er durch Mönche abschreiben, um die Benutzung dieser Werke zu erleichtern. Aus jener Schule gingen Männer hervor, wie Angilbert (s. d.), zugleich Dichter und Staatsmann, und Einhard (s. d.), des Kaisers Biograph. Geistliche und weltliche Würdenträger empfingen hier oder in den zu Tours und Pavia später begründeten Zweigschulen ihre Bildung. Auch der vaterländischen Literatur wendete er sein Interesse zu und ließ alle Lieder aus der germanischen Heldensage sammeln; diese Sammlung ist aber leider verloren gegangen.

K. war von breitem, kräftigem Körperbau, von stattlicher Größe (sie betrug sieben seiner Füße), hatte große, lebhafte Augen, eine bedeutende Nase; der Hals war dick und etwas zu kurz, sonst war der Körper ebenmäßig gebaut. Sein Aussehen war würdig u. achtunggebietend, der Gang fest, die Stimme heller, als man nach seiner Erscheinung erwarten sollte. Er erfreute sich dauernder Gesundheit, nur in seinen vier letzten Lebensjahren war er vom Fieber geplagt. Seine Kleidung war fränkisch; fremdländische verschmähte er, und nur bei Festlichkeiten erschien er in einem goldgewirkten Kleid, mit Schuhen, an denen Edelsteine funkelten, und einem Diadem aus Gold und Edelsteinen. [629] Einfach war seine Lebensweise: er war mäßig im Essen und Trinken, weniger jedoch in ersterm als in letzterm, weil das Fasten seinem Körper schade. Obwohl im Regiment durchaus selbständig, bestimmten ihn, den tiefe Frömmigkeit auszeichnete, doch bisweilen religiöse Beweggründe zu politischen Maßregeln; aber er war kein Diener der Geistlichkeit, am wenigsten des Papstes. Er verband durchdringende Verstandesschärfe mit unbeugsamer Willenskraft. Das Höchste galt ihm nicht für unerreichbar, aber auch das Kleinste nicht zu gering. Er war von leidenschaftlichem Temperament und für Frauenschönheit empfänglich, wie er denn neben seinen Gemahlinnen mehrere Beischläferinnen hatte; aber geschlechtliche Ausschweifungen, sogar mit einer Schwester, hat ihm nur die neidische Sage angedichtet. Viermal war er vermählt: erstens mit einer Tochter des langobardischen Königs Desiderius, die er 771 verstieß; zweitens mit Hildegard, einer vornehmen Schwäbin; drittens mit Fastrada, der Tochter des ostfränkischen Grafen Radolf; viertens mit der Alemannin Luitgard. Hildegard hatte ihm fünf Söhne und drei Töchter geboren. Von den Söhnen blieben drei am Leben, von denen der ältere, Karl, schon 781 zum Nachfolger im fränkischen Reich bestimmt wurde, während von den jüngern Pippin (zuerst Karlmann genannt) zum König von Italien, Ludwig (später »der Fromme«) zum König von Aquitanien gesalbt wurde. Nach der Annahme der Kaiserkrone schien ihm 806 eine neue Teilung notwendig, die trotz der dem ältesten Sohn vorbehaltenen Oberhoheit einer Zerstückelung des Reiches gleichgekommen wäre, aber durch den Tod der beiden ältern, Karls (811) und Pippins (810), vereitelt wurde. So blieb Ludwig der alleinige Erbe und setzte sich auf den Wunsch des Vaters 813 im Münster zu Aachen die Kaiserkrone mit eigner Hand aufs Haupt. K. wurde in dem von ihm erbauten Münster zu Aachen feierlich beigesetzt. Otto III. ließ im J. 1000 das Grab öffnen, man fand den Kaiser auf seinem marmornen Thron sitzend, im Kaisermantel und das Schwert an der Seite, auf seinen Knieen lag die Bibel. Friedrich I. erwirkte bei dem Gegenpapst Paschalis III. die Heiligsprechung Karls (28. Dez. 1164) und ließ, um die heiligen Gebeine zu bergen, 27. Juli 1165 noch einmal die Gruft öffnen und den Leichnam, mit Ausnahme des Kopfes und eines Schenkels, in einen silbernen Schrein legen, der seinen Platz auf dem Altar fand. Doch den kommenden Geschlechtern schwand die Kunde von diesem Vorgang, und erst 1843 entdeckte man, daß der Schrein, in dem man die Reliquien des heil. Leopardus vermutete, des großen Kaisers Gebeine enthalte. Der Kopf und ein Schenkel waren in der Sakristei aufbewahrt und dort Jahrhunderte hindurch den Fremden gezeigt worden. Vgl. Tafel »Goldschmiedekunst«, Fig. 1, mit Text.

Kein Sterblicher hat die Phantasie der Nachgebornen so beschäftigt wie K.: nicht allein jede der Nationen, über deren Vorfahren er einst geherrscht, Deutsche, Franzosen, Niederländer, Italiener, nahm ihn als den Ihrigen in Anspruch und umwob seine weltgebietende Gestalt mit dem verklärenden Schimmer der Sage, sondern auch bei Engländern, Skandinaviern und Spaniern, mit denen ja K. nur wenig in Berührung gekommen ist, knüpft sich nach Jahrhunderten eine umfangreiche Literatur an seine Person. Während die Kirche schon vor dem ersten Kreuzzug von einer Heerfahrt Karls nach dem Orient fabelte (zuerst bei Benedikt um 968) und bis in das spätere Mittelalter die verschiedensten staatlichen Einrichtungen als Werke Karls bezeichnet werden, behandelte die französische und die provenzalische Dichtkunst mit Vorliebe die Kämpfe Karls gegen die Araber in Spanien (wie denn auch das älteste erhaltene Gedicht die »Chanson de Roland« ist), weniger die Züge nach Italien und Sachsen und Karls Jugend. Auch im deutschen Volke lebten zahlreiche Sagen über den großer Kaiser: man erzählte sich, er weile im Untersberg (bei Salzburg) und werde einst erscheinen, um das Reich in neuer Macht und Herrlichkeit wieder herzustellen. Aber nur in der »Kaiserchronik« (von 1160) sind diese Sagen niedergeschrieben, die übrigen Gedichte des karolingischen Sagenkreises, wie das »Rolandslied« und »Wilhelm von Oranse«, beruhen auf französischen Vorbildern. Ähnlich ist es in Italien; hier enthält nur die Chronik von Novalese (aus dem 11. Jahrh.) einheimische Sagen über K. und zwar meist von feindseliger Tendenz; die französischen Dichtungen wurden schon im 12. Jahrh. bekannt und haben ein Heer von Nachahmungen hervorgerufen, deren bedeutendste Ariosts »Rasender Roland« ist. Auch bei den übrigen oben genannten Nationen sind die zahlreichen Dichtungen über K. auf französische Vorbilder zurückzuführen, selbst die »Karlamagnus-Saga«, die im 13. Jahrh. in Island entstand (Weiteres s. Karlssage). Den historischen K. haben neuere Dramatiker auf die Bühne zu bringen gesucht, wie die Tragödien von Märcker (»K. der Große«, 1861), Kösting (»Zwei Könige«, 1863) u. a. erweisen. Vgl. Einhard (s. d.), Vita Caroli Magni (deutsch von O. Abel, 3. Aufl., Leipz. 1893); S. Abel, Jahrbücher des fränkischen Reichs unter K. dem Großen (Bd. 1, Berl. 1866; 2. Aufl. 1888; Bd. 2 von Simson, Leipz. 1883); Vétault, Charlemagne (Tours 1876); Brosien, K. der Große (Leipz. u. Prag 1885); Mombert, History of Charles the Great (Lond. 1888); v. Döllinger, Das Kaisertum Karls des Großen und seiner Nachfolger (Münch. 1864); v. Wyß, K. der Große als Gesetzgeber (Zürich 1869); Paris, Histoire poétique de Charlemagne (Par. 1865); Clemen, Die Porträtdarstellungen Karls des Großen (Aach. 1890); Rauschen, Die Legende Karls des Großen im 11. und 12. Jahrhundert (Leipz. 1890); Davis, Charlemagne, hero of two nations (Lond. 1900); Lindner, Die Fabel von der Bestattung Karls des Großen (Aachen 1893 u. 1896); Ketterer, K. der Große und die Kirche (Münch. 1898); Ohr, Die Kaiserkrönung Karls des Großen (Tübing. 1904).

3) K. II., der Kahle, geb. 13. Juni 823 in Frankfurt a. M., gest. 6. Okt. 877, einziger Sohn Ludwigs I., des Frommen, aus dessen zweiter Ehe mit Judith, der Tochter des bayrischen Grafen Welf, erhielt 829 Alemannien, was den Zwist Kaiser Ludwigs mit seinen Söhnen aus erster Ehe zur Folge hatte, dann 837 das mittlere Francien zwischen Weser und Loire, wurde 838 zum König gekrönt und wurde sogar 839 Herr von ganz Westfrancien mit Ausnahme von Südburgund. Als nach Ludwigs des Frommen Tode (840) dessen ältester Sohn, Kaiser Lothar, das ganze Reich beanspruchte, verband sich K. 841 mit dem andern Stiefbruder, Ludwig dem Deutschen, beide lieferten 25. Juni d. J. bei Fontenoy, unfern Auxerre, Lothar eine entscheidende Schlacht, worauf sie sich gegenseitig in Straßburg 14. Febr. 842 den Schwur gegenseitiger Treue in romanischer und deutscher Sprache erneuerten, und zwangen Lothar zum Teilungsvertrag von Verdun 10. Aug. 843. Dadurch erhielt K. Westfrancien, d. h. Aquitanien, Septimanien nebst der spanischen Mark, das westliche [630] Burgund, Neustrien, die Bretagne und Flandern. Damals begannen die Raubzüge der Normannen (aus Norwegen und Dänemark), die mit kleinen Schiffen die Mündungen der Seine, Loire und Rhone hinausfuhren und 845 sogar Paris plünderten, und K., dem Krieg abhold, erkaufte ihren Rückzug wiederholt durch schimpflichen Tribut. Mit Ludwig dem Deutschen jetzt verfeindet, fiel er erfolglos 861 in die Provence, das Land seines Neffen Karl, ein und duldete nach dessen Tode (863), daß Ludwig und Lothar II., mit dem er seit 860 in Zwist lebte, sich in dessen Land teilten. Kaum war Lothar II. aber ohne legitime Erben gestorben (869), ließ sich K. 9. Sept. 869 in Metz zum König von Lothringen krönen, räumte aber schon, als eine Gesandtschaft Ludwigs des Deutschen erschien, das Land. Darauf teilten die Brüder 8. Aug. 870 in Mersen das Reich aufs neue: K. erhielt außer Südfriesland das Land westlich von der Maas, Ourthe, Mosel und der Rhone. Der weltlichen Großen vermochte K. nicht Herr zu werden und stützte sich auf die Geistlichkeit, der er als Mann von gelehrter, selbst theologischer Bildung sehr nahe stand. Diese Politik brachte es mit sich, daß die Geistlichkeit durch ihren Reichtum und die persönliche Bedeutung ihrer meisten Vertreter (Hinkmar von Reims) großen Einfluß auf die Verwaltung des Landes gewann und auch in ihrem Kampfe gegen den Papst bei K. Unterstützung fand. Als Kaiser Ludwig II. 875 starb, krönte der Papst, gegen den energischen Ludwig den Deutschen mißtrauisch, K. 25. Dez. 875 in Rom zum Kaiser. Die lombardischen Großen erkannten ihn (im Februar 876) zu Pavia als König von Italien an, auch die westfränkische Geistlichkeit stimmte auf der Synode zu Ponthion (im Juni 876) zu. Als K. aber nach Ludwigs des Deutschen Tode in dessen Land einfiel, wurde er von dem jüngern Ludwig bei Andernach (8. Okt. 876) geschlagen. Karlmann, Ludwigs des Deutschen andrer Sohn, wollte ihn sogar aus Oberitalien vertreiben, wohin ihn der bedrängte Papst 877 gerufen hatte. Aber auf die Kunde von Karlmanns Herannahen zog er sich zurück, überschritt den Mont Cenis und erlag noch 877 in einem Weiler im Tal des Arc einem Fieber. K. war zweimal verheiratet: zuerst mit Irmintrud, der Nichte des Grafen Adalhard; nach deren Tode mit Richilda, der Witwe eines Grafen Buwin. In seiner ersten Ehe waren ihm acht Kinder geboren. Von seinen vier Söhnen hatte er Ludwig zum König von Neustrien, Karl zum König von Aquitanien krönen lassen; jedoch beide empörten sich gegen den Vater 862. Dieser unterwarf sie aber bald und ließ nur dem ältern sein Reich. Gegen seine Kinder war K. lieblos, ja grausam, am meisten gegen Karlmann, den er wider dessen Willen zum Geistlichen bestimmte und, als er sich empörte, blenden ließ. Da der jüngere Karl 866 starb, ging das Reich bei des Vaters Tode auf Ludwig über. Vgl. Voß, De Carolo Calvo (Halle 1844); Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reiches, Bd. 3 (2. Aufl., Leipz. 1888).

4) K. III., seit dem 12. Jahrh. der Dicke genannt, geb. 839, gest. 13. Jan. 888, Ludwigs des Deutschen und der Welfin Hemma dritter Sohn, erhielt 876 bei per Teilung mit seinen Brüdern Karlmann und Ludwig Alemannien und das Elsaß, erbte aber nach dem Tode dieser beiden (880 und 882) auch deren Länder einschließlich Lothringens, das Ludwig der Jüngere gewonnen hatte. Vom Papst gegen die Sarazenen zu Hilfe gerufen, hatte er 879 das Königreich Italien erworben, ward im Februar 881 in Rom zum Kaiser gekrönt, 885 von den westfränkischen Großen ebenfalls zum König erwählt und vereinigte fast das gesamte Reich Karls d. Gr. unter seiner Herrschaft. Die Normannen, die damals den Niederrhein verwüsteten, umzingelte er 882 in ihrem Lager bei Elsloo an der Maas, schloß dann aber mit ihrem König Gottfried einen schimpflichen Vergleich und zahlte 2412 Pfd. Gold und Silber. Als die Normannen 886 Paris belagerten, erkaufte K. wiederum den Frieden für 700 Pfd. Silber. Wenig willensstark, war er von den Großen des Reichs abhängig, die ihn zur Entlassung seines vornehmsten Ratgebers, des Erzkanzlers Liutward von Vercelli, zwangen (887), und als die Verleumdung die Kaiserin Richarda sträflichen Umgangs mit diesem Günstling zieh, trennte sich die tief gekränkte Frau von dem indolenten Gemahl. Die Schwäche des Kaisers, die durch sein Siechtum (Epilepsie) noch vermehrt wurde, rief in allen Gauen Unzufriedenheit hervor, und als Herzog Arnulf von Kärnten, Karlmanns illegitimer Sohn, gegen den Oheim mit einem Heer heranzog, fielen die gerade in Tribur versammelten Großen von K. ab (im November 887) und huldigten Arnulf zu Frankfurt a. M. K. zog sich auf einige Güter in Schwaben zurück, die ihm der Neffe gelassen hatte, starb aber bald in Neidingen (bei Fürstenberg) an der Donau und wurde in der Klosterkirche auf dem Eiland Reichenau bestattet. Seine Ehe war kinderlos gewesen, er hinterließ bloß einen Bastard, Bernhard. Vgl. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs, Bd. 3 (2. Aufl., Leipz. 1888).

[Deutsche Kaiser und Könige.] 5) K. IV., geb. 14. Mai 1316 in Prag, gest. daselbst 29. Nov. 1378, Sohn des Königs Johann von Böhmen, hieß ursprünglich Wenzel und erhielt erst bei seiner Famung den Namen K. Mit trefflichen Anlagen ausgestattet, in seiner Jugend am französischen Hof erzogen, hatte er sich eine Fülle von Kenntnissen erworben: er sprach und schrieb fünf Sprachen. K. übernahm 1331 an seines Vaters Statt das diesem vom Kaiser Ludwig dem Bayer übertragene Reichsvikariat von Italien, sodann das Markgrafentum Mähren und die Verwaltung von Böhmen. 1346 zog er mit seinem Vater dem französischen König gegen die Engländer zu Hilfe und rettete sich in der Schlacht von Crecy, in der sein Vater fiel, nur durch schnelle Flucht. Nach seiner Wahl als Gegenkönig Ludwigs des Bayern (11. Juli 1346 in Rhense) gestand er dem Papst alles zu, was dieser von ihm verlangte, namentlich sich nie in die italienischen Angelegenheiten mischen zu wollen, wie er sich überhaupt bereitwillig der Kirche unterordnete, dafür aber frei über die deutschen Erzbistümer und Bistümer verfügte. Schon 26. Nov. 1346 in Bonn ge krönt, ließ er in Aachen die Krönung (25. Juli 1349) wiederholen, als er den nach Ludwigs Tode von der wittelsbachischen Partei aufgestellten Gegenkönig Günter von Schwarzburg zur Verzichtleistung vermocht hatte, und bewog durch die Unterstützung des falschen Waldemar, der ihm 1348 die Oberlausitz ab trat, die Wittelsbacher zur Nachgiebigkeit und Huldigung (1350). Hierauf unternahm er 1354 einen Zug nach Italien, ließ sich in Mailand zum König von Italien (6. Jan. 1355) und in Rom (5. April) zum Kaiser krönen, kehrte aber, seines Versprechens eingedenk, nach der Krönung unverzüglich nach Deutschland zurück. Hier schuf er 1356 durch die Goldene Bulle (s. d.) das erste Reichsgrundgesetz, das die tatsächlich bestehenden Verfassungsverhältnisse sanktionierte. Auf einer Zusammenkunft mit Urban V. in Avignon (1365) versprach K., den Papst nach Rom zurückzuführen, ließ sich aber 1367 sogleich zu einem[631] Frieden mit den dem Papst feindlichen Visconti herbei, und der Papst kehrte nach Avignon zurück. Die Goldene Bulle war den Städten nicht günstig; besonders verabscheute K. deren Bündnisse als dem Königtum gefährlich und suchte sie durch Landfriedensbündnisse zu ersetzen, die er wiederholt beschwören ließ. Er unterschätzte aber die Macht der Städte; er konnte 1376, als er die Partei der Ritter in Schwaben ergriff, den Widerstand des Schwäbischen Städtebundes nicht brechen, belagerte vergeblich Ulm und schloß für sich einen Waffenstillstand, indem er die Fortsetzung des Kampfes dem Adel überließ. Dagegen stellte er, der des Reiches Erzstiefvater genannt worden ist, in seinem Erblande, das ihm sein Vater in völliger Zerrüttung hinterlassen hatte, einen Zustand her, der allen deutschen Ländern jener Zeit als Muster gelten konnte; damit hat er außerordentlich viel zur kulturellen Hebung Ostdeutschlands beigetragen und den Grund für die Entwickelung gelegt, die dem Hause Habsburg, das schließlich die Luxemburger beerbte, zugute gekommen ist. Er sorgte dort für Sicherheit der Straßen und des Verkehrs, förderte den Handel und Gewerbfleiß, den Acker- und Bergbau, machte die Moldau schiffbar, baute die Moldaubrücke und andre prächtige Bauten in und bei Prag, brachte das Gerichtsverfahren in geordneten Gang, gründete in Prag ein Erzbistum und 1348 die erste deutsche Universität und zog eine Menge deutscher Künstler und Handwerker an seinen Hof. Auf Mehrung der Hausmacht bedacht, aber dem Krieg und Kampf abhold, erwarb er meist durch Geld neue Landesteile: 1353 die Oberpfalz, bald darauf Eger, 1364 die Niederlausitz und 1373 die Mark Brandenburg; 1355 vereinigte er Schlesien und die Oberlausitz untrennbar mit der böhmischen Krone. Auch mit dem Haus Habsburg schloß er eine Erbverbrüderung (1364 in Brünn), die sich damals sogar zugunsten der Luxemburger bald zu erfüllen schien. In allen Gegenden Deutschlands kaufte er sich an, und viele schwäbische, fränkische und bayrische Edelleute mußten in das Vasallenverhältnis zur Krone Böhmen treten. Die Wahl seines ältesten lebenden Sohnes, Wenzel, zum Nachfolger (1376) kostete ihm hohe Geldsummen; dieser erhielt Böhmen, Schlesien und den größten Teil der Lausitz, der zweite Sohn, Siegmund, die Mark Brandenburg, der dritte, Johann, das Herzogtum Görlitz und die Neumark als Erbe, während Mähren an Karls Neffen Jobst und Prokop fiel. In Prag wurde ihm 1848 ein Denkmal (von Hähnel) errichtet. Vgl. seine treffliche Selbstbiographie »Vita Caroli IV. ab ipso conscripta« (bis 1346) in Böhmers »Fontes rerum germanicarum«, Bd. 1 (deutsch von Ölsner, Leipz. 1885 u. 1899); Pelzel, Geschichte Kaiser Karls IV. (Prag 1780, 2 Bde.); Werunsky, Geschichte Kaiser Karls IV. und seiner Zeit (Innsbr. 1880–92, 3 Bde.); Böhmer, Die Regesten des Kaiserreichs unter Kaiser K. IV. (hrsg. von Huber, das. 1877; Nachtrag 1889); Friedjung, Kaiser K. IV. und sein Anteil am geistigen Leben seiner Zeit (Wien 1876); Gottlob, Karls IV. private und politische Beziehungen zu Frankreich (Innsbr. 1883); Ahrens, Die Wettiner unter Kaiser K. IV. (Leipz. 1895).

6) K. V., deutscher Kaiser und (als K. I.) König von Spanien, geb. 24. Febr. 1500 in Gent, gest. 21. Sept. 1558, ältester Sohn Philipps, des Erzherzogs von Österreich, und Johannas, der Erbtochter des Königs Ferdinand von Aragonien und seiner Gemahlin Isabella von Kastilien, wurde unter der Aussicht seiner Tante, der Erzherzogin Margarete, von Wilhelm von Croy und dem Utrechter Priester Hadrian Floriszoon (dem nachmaligen Papst Hadrian VI.) in den Niederlanden erzogen. Nach dem Tode seines Vaters (1506) Herr der Niederlande geworden und 1515 für großjährig erklärt, erbte K. 1516 nach Ferdinands Tode Spanien, da seine Mutter Johanna geisteskrank war. 1517 ging er mit niederländischem Gefolge nach Spanien, kam bald mit den Cortes in Konflikt, kehrte aber trotzdem 1520 nach den Niederlanden zurück, worauf 1521 der sogen. Aufstand der Communeros ausbrach, der erst 1522 unterdrückt wurde. K. war 28. Juni 1519 in Frankfurt a. M. zum König erwählt, 22. Okt. 1520 in Aachen gekrönt worden und hatte in der Wahlkapitulation vom 3. Juli 1519 unter anderm auch die Errichtung eines Reichsregiments während seiner voraussichtlich öftern Abwesenheit von Deutschland versprochen und berief 1521 seinen ersten Reichstag nach Worms, wo er, den deutschen Verhältnissen innerlich fremd, gegen Luther Partei ergriff. K. war strenger Katholik, der zwar in der Kirche manches für der Besserung bedürftig hielt, aber für die innere Überzeugung Luthers nicht das geringste Verständnis besaß. Noch 1521 brach der Krieg mit Franz I. von Frankreich, der durch Karls Übermacht ernstlich bedroht war, über die Herrschaft in Italien aus. Papst Leo X., durch Luthers Verurteilung gewonnen, und fast alle Staaten Italiens, selbst Heinrich VIII. von England, traten auf Karls Seite. Mailand ward 1521 den Franzosen entrissen, die 1522 nach der Niederlage ihres Feldherrn Lautrec bei Bicocca Italien ganz räumen mußten. K. wollte nun ganz Frankreich erobern, sein Heer fiel in Frankreich ein, und der Connetable Karl von Bourbon trat auf seine Seite. Schon belagerte das kaiserliche Heer Marseille, als es zum Rückzug nach Italien gezwungen wurde; hier erlitten aber die französischen Waffen eine neue Niederlage bei Pavia (24. Febr. 1525), Franz selbst fiel in Gefangenschaft, wurde nach Spanien gebracht und mußte in dem Frieden zu Madrid (14. Jan. 1526) auf Italien verzichten und Burgund zurückgeben. Freigelassen, erhob er aufs neue die Waffen und fand 1526 in Papst Clemens VII. und den ihm verbündeten Hauptstaaten Italiens Bundesgenossen gegen K. Die kaiserlichen Truppen drangen in Italien ein und erstürmten und plünderten Rom 6. Mai 1527; der Papst hielt sich in der Engelsburg eingeschlossen und entkam erst 1528. Nun erklärten Frankreich und England dem Kaiser den Krieg; eine französische Armee unter Lautrec eilte dem Papst zu Hilfe, drang bis an die neapolitanische Grenze vor und belagerte Gaëta, mußte aber, als Andrea Doria, der Admiral von Genua, zum Kaiser überging, unverrichteter Sache abziehen. Ein zweites französisches Heer, das im Sommer 1528 in Italien erschien, ward ebenfalls zurückgeworfen, und der darauf folgende Friede von Cambrai (1529) sicherte K. die Herrschaft über Italien, die auch der Papst anerkannte. 1529 reiste K., seit 29. Juni in Barcelona mit dem Papst versöhnt, aus Spanien durch Italien nach Deutschland und ließ sich unterwegs von Clemens VII. 24. Febr. 1530 in Bologna zum Kaiser krönen.

Die Reformation hatte inzwischen große Fortschritte in Deutschland gemacht, und die Fürsten dachten, als K. das Reichsregiment auflöste, sogar an seine Absetzung; nur der Sieg von Pavia hatte dies verhindert. Wiederholt hatte K. Vollstreckung des Wormser Edikts erfolglos verlangt, auch die Beschlüsse des zweiten Speyerer Reichstags (1529) gegen die Reformation blieben fruchtlos. Von den ungarischen Angelegenheiten[632] und einem Einfall der Türken beunruhigt, besonders aber um dem Protestantismus entgegenzuwirken, schrieb K. auf 1530 einen Reichstag nach Augsburg aus; hier überreichten ihm die Protestanten ihr Glaubensbekenntnis (s. Augsburgische Konfession), erreichten aber nichts; der Reichsabschied befahl den Protestanten unter scharfen Drohungen die Rückkehr zur katholischen Kirche. K. befürwortete beim Papst Einberufung eines allgemeinen Konzils, um den Protestantismus zu unterdrücken, wie um eine Kirchenverbesserung nach seinem Sinn einzuführen, wollte aber gleichzeitig die Widerstrebenden mit Gewalt zum Gehorsam bringen, fand nur 1530 und 1531 die Gelegenheit dazu nicht, und mußte sogar 1532 den Protestanten im Nürnberger Religionsfrieden Zugeständnisse machen. Mit 80,000 Mann zog der Kaiser hierauf 1532 gegen die Türken und zwang sie zum Rückzug und kehrte durch Italien nach Spanien zurück. Unausgesetzt drohte ihm ein neuer französischer Krieg; unwiderstehlich verbreitete sich in Deutschland der Protestantismus, und der Papst war in keiner Weise zur Berufung des Konzils zu bewegen. 1535 unternahm K. einen Zug wider die unter dem Schutz der Pforte an der afrikanischen Küste sich bildenden Raubstaaten, erstürmte den Hafen von Tunis, Goletta, schlug Chaireddin Barbarossa in einer großen Feldschlacht, setzte den verjagten Dei Mulei Hassan in Tunis wieder ein und befreite 20,000 Christensklaven aus den Händen der Barbaresken. Während dieser glücklichen Kämpfe war aber König Franz von Frankreich wieder in Savoyen und Oberitalien eingebrochen, wurde zwar aus dem größten Teil der savoyischen Länder wieder vertrieben; aber auch das kaiserliche Heer, das in die Provence einfiel und sogar 1536 Marseille belagerte, mußte sich zurückziehen. Durch die Bemühungen des neuen Papstes Paul 111., der K. auch die Berufung eines Konzils versprach, kam 1538 in Nizza ein zehnjähriger Waffenstillstand zustande, und 14.–16. Juli d. J. fand zwischen beiden Monarchen eine vertrauliche Besprechung in Aigues-Mortes statt, wo beide die Verlängerung des Waffenstillstandes beschlossen.

Als in den Niederlanden wegen einer geforderten Kriegssteuer eine Empörung ausbrach, reiste K. durch Frankreich dorthin, erschien 1540 vor dem aufständischen Gent, unterwarf es und strafte die Rebellen. Von den Niederlanden ging K. 1541 durch Deutschland, von da nach Italien. Dann unternahm er einen Zug gegen Algier, begleitet von der Blüte des spanischen und italienischen Adels und den Malteserrittern. Am 20. Okt. erreichte die Flotte die Höhe von Algier, aber der Sturm zerstreute seine Schiffe und die gelandeten Truppen waren dem Feinde preisgegeben; nur wenige kehrten zurück. Diese Bedrängnis Karls benutzte Franz von Frankreich zur Niederwerfung seines Feindes, und der an zwei französischen Gesandten bei ihrer Durchreise durch das mailändische Gebiet verübte Mord, wofür der Kaiser keine Genugtuung gewährte, bot den Vorwand. Franz griff K. 1542 in Spanien, Luxemburg, Brabant, Flandern und Mailand an, aber zur See blieb Andrea Doria Herr. K. brachte 1543 schnell den Herzog von Kleve zur Unterwerfung, der sich Franz anschließen wollte, und 1544 drang K. siegreich bis in die Nähe von Paris, schloß dann aber plötzlich mit Franz den Frieden von Crépy 18. Sept. 1544, in dem Franz ohne weitere Verluste davonkam. Endlich hatte auch der Papst das seit langem geforderte Konzil nach Trient berufen, und er war nun entschlossen, den allgemeinen Frieden in derKirche herzustellen. Im Juli 1546 auf dem Regensburger Reichstag erklärte K., durch seine Erfolge ermutigt, die Führer der Protestanten als Rebellen in die Acht, aber die schmalkaldischen Bundesgenossen kamen ihm in der Kriegsrüstung zuvor, und mit Not hielt sich K. gegen die überlegene protestantische Heeresmacht. Erst als Herzog Moritz von Sachsen in das Land seines Verwandten, des Kurfürsten Johann Friedrich, einfiel, erhielt K. das Übergewicht. Da die schmalkaldischen Verbündeten eilig nach Sachsen abzogen, so konnte K. ihre süddeutschen Genossen einen nach dem andern unterwerfen; endlich gab die Schlacht bei Mühlberg an der Elbe 24. April 1547 auch den Kurfürsten von Sachsen und freiwillige Unterwerfung den Landgrafen von Hessen in seine Hand.

Nach Vernichtung des Schmalkaldischen Bundes dachte K. an eine Wiedervereinigung der Religionsparteien und erließ zu dem Ende auf dem Augsburger Reichstag 1548 das sogen. Interim (s. d.), das jedoch den gewünschten Erfolg nicht hatte. Des Kaisers Ansinnen an die Kurfürsten, seinen Sohn Philipp zum dereinstigen Kaiser zu bestimmen, veranlaßte eine neue Koalition der protestantischen Fürsten gegen ihn und bewog namentlich den Kurfürsten Moritz von Sachsen zum Abfall. Letzterer benutzte die ihm von K. 1550 übertragene Achtsvollstreckung gegen Magdeburg zur Zusammenbringung eines Heeres, ging insgeheim eine Verbindung mit Heinrich II. von Frankreich und mit mehreren deutschen Fürsten ein, erhob sich im Frühjahr 1552 gegen den Kaiser, drang im Mai in Tirol ein und verfolgte K. persönlich, so daß dieser von Innsbruck nur mit genauer Not nach Villach entkam. Karls Macht war dadurch gebrochen, widerwillig willigte er in den von seinem Bruder Ferdinand vermittelten Passauer Vertrag vom 2. Aug. 1552 und in den Augsburger Religionsfrieden vom 26. Sept. 1555. Gleichzeitig aber hatte Heinrich II. von Frankreich die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun in Besitz genommen, und K. versuchte vergeblich, Metz zurückzuerobern; im Februar 1556 schloß er mit Frankreich zu Vaucelles einen Waffenstillstand auf fünf Jahre. Im Oktober 1555 trat K. seinem einzigen Sohn, Philipp, die Niederlande ab, 15. Jan. 1556 auch Spanien und Neapel. Den deutschen Kurfürsten ließ er im September d. J. seine förmliche Abdankungsurkunde zugehen. Er selbst zog sich in das Kloster San Yuste bei Plasencia in Estremadura zurück, wo er den Rest seines Lebens in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Teilnahme an den Weltereignissen und den Staatsgeschäften zubrachte und 1558 starb; er wurde 1574 im Escorial beigesetzt. Seine Gemahlin Isabella von Portugal hatte ihm Philipp II., seinen Nachfolger in Spanien, Maria, die Gemahlin Maximilians II., und Johanna, die Gemahlin des Thronfolgers Johann von Portugal, geboren. Johann von Österreich (s. Juan d'Austria) und Margarete, die Gemahlin des Herzogs von Parma, später Statthalterin der Niederlande, waren natürliche Kinder Karls. Sein Reich hatte Spanien mit den amerikanischen Kolonien, Neapel, die Niederlande und Österreich umfaßt; er hatte 1536 das Herzogtum Mailand noch hinzugefügt, 1521 aber schon Österreich seinem 1531 zum römischen König gekrönten Bruder Ferdinand abgetreten, der nach Karls Abdankung die österreichische oder deutsche Linie der Habsburger begründete.

K. war von schmächtiger Gestalt, spät entwickelt und kränklich; schweres Gichtleiden ließ ihn früh altern.[633] Auch geistig reiste er langsam, zeigte aber eine große Zähigkeit und Ausdauer in der Verfolgung seiner Weltherrschaftspläne, die er nach großen Erfolgen schließlich doch scheitern sah. Für Deutschland war es verhängnisvoll, daß er für die deutschen Interessen und Wünsche keinen Sinn und für die deutschen religiösen und kirchlichen Ideen kein Verständnis hatte. K. hat sein Leben 1550 selbst beschrieben. Erst neuerdings ist eine portugiesische Übersetzung seiner Memoiren aufgefunden und von Kervyn de Lettenhove u. d. T.: »Commentaires de Charles-Quint« (Brüss. 1862; deutsch von Warnkönig, Leipz. 1862) veröffentlicht worden. Seine Korrespondenz gaben Lanz (Leipz. 1844–46, 3 Bde.) und GachardCorrespondance de Charles-Quint et d'Adrien VI«, Brüss. 1859) heraus. Die gleichzeitigen Historiker Jovius, Sleidanus, Sepulveda, Adriani u. a. haben seine Geschichte behandelt, Sandoval hat aus spanischen Relationen »Vida y hechos del emperador Carlos V.« (1604) zusammengestellt. Später ist seine Geschichte oft behandelt, z. B. von Robertson (Lond. 1769; neue Ausg. 1886; deutsch, 3. Aufl., Braunschw. 1795, 3 Bde.); von neuern Werken vgl. Baumgarten, Geschichte Karls V. (Stuttg. 1885–92, 3 Bde.); E. Armstrong, The emperor Charles V. (Lond. 1902, 2 Bde.); Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation (6. Aufl., Leipz. 1881, 6 Bde.); Henne, »Histoire du règne de Charles-Quinten Belgique« (2. Aufl., Brüss. 1865, 4 Bde.); G. de Leva, »Storia documentata di Carlo V. in correlazione all' Italia« (Vened. 1875–94, 5 Bde.); Mignet, Rivalité de Charles-Quint et François I (Par. 1875, 2 Bde.); Maurenbrecher, K. V. und die deutschen Protestanten (Düsseld. 1865); Höfler, Karls I. (V.) Wahl zum römischen König (Wien 1874); Rösler, Die Kaiserwahl Karls V. (das. 1868); v. Druffel, Kaiser K. V. und die römische Kurie 1544–1546 (Münch. 1877–90, 4 Tle.); Waltz, Die Denkwürdigkeiten Kaiser Karls V. (Bonn 1901); Hasenclever, Die Politik Kaiser Karls V. und Landgraf Philipps von Hessen 1546 (Marb. 1903); Gachard, Retraite et mort de Charles-Quint an monastère de Yuste (Brüss. 1855, 2 Bde.); Stirling, Das Klosterleben Karls V. (a. d. Engl., Leipz. 1852); Mignet, Charles-Quint, son abdication, son séjour et sa mort, etc. (10. Aufl., Par. 1882).

7) K. VI. Joseph Franz, geb. 1. Okt. 1685, gest. 20. Okt. 1740, Sohn Leopolds I. aus dessen dritter Ehe mit Eleonore von der Pfalz, bewarb sich 1700 bei dem Tode Karls II., des letzten spanischen Habsburgers, um die spanische Krone und wurde hierbei von den das Übergewicht der Bourbonen in Europa bekämpfenden Seemächten unterstützt (s. Spanischer Erbfolgekrieg). Als König K. III. von Spanien reiste K. 1703 zunächst nach England, schiffte sich dort im Januar 1704 mit 12,000 Mann englisch-holländischer Truppen ein und landete zuerst in Lissabon, in der Residenz des ihm befreundeten portugiesischen Hofes, dann in Katalonien. Nur hier fand K. ernstliche Anhänger und Freunde, die ihm auch später nach Österreich folgten. Die Mehrzahl der Spanier, namentlich die Länder der Krone Kastilien, hingen dem Bourbonen Philipp V. an. In Madrid, wo er zweimal seinen Einzug hielt, behauptete er sich nur kurze Zeit und mußte b