Memoiren

[587] Memoiren (franz., spr. -mūāren, »Denkwürdigkeiten«), Darstellungen historischer Tatsachen, die der Verfasser selbst erlebt und schriftlich ausgezeichnet hat.[587] Sie unterscheiden sich von den gleichzeitigen Chroniken dadurch, daß der Erzählende sich in den Mittelpunkt des Erzählten stellt oder doch vorzugsweise das berichtet, woran er selbst, handelnd oder leidend, Anteil genommen hat. Die M. bieten dem Geschichtsforscher ergiebige Quellen dar, die jedoch mit Behutsamkeit und besonnener Kritik gebraucht werden müssen. Das klassische Altertum hat nur zwei Schriftsteller aufzuweisen, die in dieser Gattung Musterhaftes hinterlassen haben: Xenophon und Cäsar. Im Mittelalter gehören zu den M. die Aufzeichnungen des Marco Polo und, um auch aus Deutschland ein Beispiel anzuführen, die M. des Eberhard Windecke über König Siegmund. Unter den modernen Literaturen sind die englische und französische am reichsten an M., und insbes. ist Frankreich als das eigentliche Vaterland der Memoirenliteratur zu betrachten. Die ersten Produkte dieser Gattung finden sich im 13. Jahrh. Geoffroy de Villehardouins Geschichtswerk über das lateinische Kaisertum steht zwischen Chronik und M. noch in der Mitte; zu den eigentlichen historischen M. aber gehört Joinvilles »Histoire de saint Louis«, und auch Froissarts die Jahre von 1322–1400 behandeln des Geschichtswerk trägt zumeist einen memoirenhaften Charakter. Sehr bedeutend ist dann zur Zeit Ludwigs XI. und Karls VIII. Philippe de Comines, und von großer Wichtigkeit sind die M. aus den spätern Jahrzehnten des 16. Jahrh., die unmittelbar in die religiösen und politischen Konflikte dieser Zeit einführen. Vor allen sind hier zu nennen: die M. von Blaise de Monluc (1521–76), Gaspard de Saulx-Tavanes (1530–1573), Michel de Castelnau (1559–70) und Margarete von Valois (1559–82), Heinrichs IV. erster Gemahlin, sowie die »Memoriae nostrae libri VI« von Guillaume Paradin und das ebenfalls in lateinischer Sprache geschriebene Geschichtswerk von de Thou (Thuanus, 1543–1607). Von protestantischem Standpunkt aus schrieben: La Noue (1562–70), Mergey (1554–89) und Duplessis-Mornay (1572–1623). Außerdem verdienen noch Villeroi (1567–1604), der Herzog von Nevers (1574–1610), der Herzog von Bouillon (1560–86) und der Prinz Ludwig von Condé (1559–1610) Beachtung. Brantômes M. zeichnen sich durch eine ins Obszöse hinüberstreifende Frivolität aus, aber Sullys »Economies royales« geben ein schönes Bild von dem trefflichen Charakter ihres Verfassers. Für die Regierungszeit Ludwigs XIII. lieferten der Graf von Pontchartrain, der Herzog von Orléans, der Herzog von Rohan, Vauciennes, der Marquis von Beauveau, Estrées, Bassompierre, Montrésor, Aubery und Richelieu reiche und wichtige Beiträge, und für das Zeitalter Ludwigs XIV. sind vornehmlich die M. von Larochefoucauld, dem Kardinal Retz, dem Grafen Jacques Saulx-Tavanne, Puységur, Brienne, Motteville, Rabutin, Estrades, Grammont, Dangeau, Saint-Simon, de Lafare, Luxembourg, Catinat, Noailles u. a. zu nennen. Die Zeiten der Regentschaft und Ludwigs XV. behandeln die M. von Duclos, des Abbé Montyon, der Kardinäle Dubois und Bernis, des Herzogs von Choiseul u. a. Für die Periode der Revolution sind so zahlreiche M. vorhanden, daß die Angabe der bedeutendsten Namen, der von Necker, Besenval, Ferrière, Alexandre Lameth, Lafayette, Montlosier, der Madame de Staël, Campan, Barbaroux, Billaud-Varennes, Dumouriez, der Madame Roland, Mirabeau, Mounier, Barère und Camille Desmoulins, genügen muß. Selbst Henker, wie der bekannte Scharfrichter Samson von Paris, schrieben damals M. Nicht alle diese M. sind aber echt; manche tragen einen berühmten Namen an der Stirn, sind aber offenbar untergeschoben, wie denn überhaupt in neuerer Zeit die Memoirenfabrikation auf wahrhaft schwunghafte Weise betrieben wurde. Einer der bedeutendsten Autoren dieser Art war Soulavie, dessen Sammlungen neuerlich durch kritischere Sammelwerke mit Recht verdrängt worden sind. Noch reichhaltiger ist die Memoirenliteratur der Napoleonischen Zeit; zu den bedeutendsten gehören die von Bignon, Las Cases, O'Meara, Constant, Lavalette, Savary, von der Herzogin von Abrantes, Marmier, Eugen Beauharnais und Frau v. Rémusat. Unter den neuesten M. sind besonders gehaltreich die von Chateaubriand, Carnot, George Sand und Broglie. Die zahlreichen Kriegstagebücher der letzten Jahre haben meist keine höhere literarische Bedeutung. Sammlungen französischer M. haben Guizot (bis zum 13. Jahrh., Par. 1823–35, 31 Bde.), Petitot (bis 1769, das. 1819–29, 52 Bde.), Buchon (bis zum Ende des 18. Jahrh., das. 1836–38, 17 Bde.), Michaud und Poujoulat (ebensoweit, das. 1836–39, 32 Bde.) u. a. veranstaltet. In England beginnt die Memoirenliteratur seit der Regierung der Königin Elisabeth wichtiger zu werden. Erhebliche Quellen für diese Zeit sind die M. von James Melville, die bis auf Jakobs I. Zeit herabreichen, und von Th. Birch sowie für die schottischen Verhältnisse die von Dav. Crawford of Drumsey. Für die religiös-politischen Bewegungen und Konflikte des 17. Jahrh. sind erwähnenswert: Rufhwort, Ludlow, Clarendon, Whitelock und Will. Temple. Die wichtigsten hierher gehörigen M. sind zusammengestellt in Guizots »Collection des mémoires relatifs à la révolution d'Angleterre« (Par. 1823, 33 Bde.). Eine lebendige Charakteristik des Protektors Cromwell gibt Peck, und den Fall der Stuarts behandeln John Dalrymple und Pepys, an die sich Burnet und Marlborough anschließen. Die Denkwürdigkeiten Bolingbrokes, Walpoles, John Kers of Kersland u. a. beziehen sich auf Georgs I. Zeit. Wie in Frankreich, so schwillt auch in England in der neuern Zeit die Memoirenliteratur zu nicht zu bewältigenden Massen an. In Deutschland machte man im Zeitalter der Reformation einen vielversprechenden Anfang in der Gattung der politischen M. Karl V. schrieb M. seines Lebens, die aber nur in einer französischen Bearbeitung einer portugiesischen Übersetzung des verlornen spanischen Originals erhalten sind. Dem Zeitalter der Reformation gehören an die Denkwürdigkeiten des Götz von Berlichingen, das Tagebuch des Schmalkaldischen Krieges von Viglius van Zwiechem, die M. des Sebastian Schärtlin von Burtenbach, des Grafen Wolrad von Waldeck, des Stralsunders Barth. Sastrow, der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. die M. des L. Geizlkofer und des Ritters H. v. Schweinichen, dem Dreißigjährigen Krieg unter andern die Tagebücher des Grafen Christian von Anhalt. Aus der preußischen Geschichte sind zu nennen: die französisch geschriebenen, mit großer Vorsicht zu benutzenden M. der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth und des Barons Pöllnitz sowie die M. Friedrichs d. Gr. über seine Kriege und die des Prinzen Karl von Hessen. Besondere Erwähnung verdienen noch die gehaltvollen »Denkwürdigkeiten« v. Dohms, das Fragment von M. des Grafen von Haugwitz und in neuerer Zeit die M. von Gentz, dem Herzog Eugen von Württemberg, Müffling, der Gräfin von Voß, Varnhagen von Ense, von Gagern, [588] Arndt, dem Ritter von Lang, Hormayr, Metternich, Beust, Herzog Ernst von Koburg-Gotha, König Karl von Rumänien, Bernhardi, Unruh, Stosch, vor allen aber die »Gedanken und Erinnerungen« des Fürsten Bismarck. Für das literarische Leben des 18. und 19. Jahrh. sind von höchster Bedeutung die M. von Chr. Wolff, J. J. Moser, K. und Fr. v. Raumer und vor allen Goethes unübertreffliches Werk »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit«. Vgl. Glagau, Die moderne Selbstbiographie als historische Quelle (Marb. 1902).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 587-589.
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